Theorien Sozialer Konstruktion von Techniken - Überblick und Beurteilung


Essay, 2009
6 Seiten

Leseprobe

Im vorliegenden Essay werden unterschiedliche Analysekonzepte und Theorien zur Entwicklung und sozialen Konstruktion von Techniken dargestellt und einer Beurteilung unterzogen.

Zunächst soll auf das Analysemodell von Delphine Gardey dargestellt werden. Gardey untersuchte dazu die soziale Konstruktion von „stereotypen“ Frauenberufen in der Zeit der 1920er Jahre in vergleichender Perspektive zwischen Frankreich und den USA. Tayloristisches Arbeitsprinzip und „social construction“ von neuen Berufen werden dabei als Erklärungsmuster verwendet.

Gardey skizziert dazu die Herausbildung und Festigung von Bildern bestimmter Arbeitssituationen der Frauen ab 1900 in den USA und Frankreich. Neu strukturierte Produktionsprozesse und eine neue Managementkultur veränderten die sozialen Beziehungsmuster. Als Beispiel wird unter anderem die Schreibmaschine genommen. In diesem Falle wurden der Frau die nötigen Eigenschaften zu deren Bedienung zugeschrieben, woraus sich das allgemeingültige Bild ergab, dass nur Frauen für den Stenographistenberuf geeignet waren. Die Autorin will den deterministischen Erklärungsansatz nicht generell in Frage stellen, führt aber andere Aspekte an, die dieses Bild letztendlich suggerierten. Demnach war es der technische Artefakt (die Schreibmaschine), der eine neue soziale Konfiguration zwischen Mann und Frau am Arbeitsplatz entstehen ließ, jedoch maßgeblich bedingt durch die Zuweisung von Eigenschaften durch Werbung und die kulturelle Entwicklung der männlichen Angestellten. Die Werbung personifizierte bestimmte neue Technologien und die Männer erachteten es als unangemessen an der Schreibmaschine zu arbeiten. Die Begabungen und Befähigungen der Frauen wurden durch diese Situation überdeckt. Die Männer blieben, wie im 19. Jahrhundert, Industriearbeiter, oder machten in einer übergeordneten Position als Vorgesetzter von einzelnen Gruppen oder einem Unternehmen Gebraucht von den Technologien, die ihre Macht und Kontrolleinfluss verstärkten. Die Frauen wurden durch diese Arbeitssituation, geprägt durch die Rahmenbedingung des tayloristischen Produktionsprinzips, in eine dominierte und Technik- bedienende Rolle gedrängt worden.

Der Aufsatz Gardey’s soll nun kritisch beleuchtet werden. Die Autorin hat den Text klar mit Überschriften strukturiert. Nach der Erläuterung der Fragestellung und den Annahmen die es zu überprüfen gilt, geht sie systematisch an die Thematik heran. Zunächst wird die Rolle von Artefakten bei der Entstehung von sozialen Rollen dargestellt. Daraufhin wird der Verlauf bei der Zuweisung von Eigenschaften von Objekten zu Menschen herausgearbeitet und am Beispiel der Schreibmaschine festgemacht. Auf dieser Grundlage baut Gardey die zentrale These auf, dass soziale Beziehungen und Wahrnehmungsmuster entscheidend sind bei der Konfiguration von sozialen Rollen. Dazu untersucht sie die wirtschaftliche Organisation der 20er Jahre, die durch das tayloristische Arbeitsprinzip eben diese Konfiguration der Mann- frau Rolle in der Arbeitswelt verursachte. Hinzu kommt das kulturelle Merkmal, unabhängig von organisatorischen Strukturen.1 Interessant ist hierbei die Feststellung, dass die Männer eher die Techniken instrumentalisierten oder eben als Industriearbeiter des 19. Jahrhunderts weiterhin beschäftigt waren und Frauen 70% (1920) der Büroangestellten ausmachten. Sie bedienten die Techniken. Diese Situation macht die Logik deutlich, dass die weiblichen Erwerbtätigen in die Rolle der Telefonistin oder Sekretärin gedrängt wurden das Bild suggeriert wurde, dass Frauen aufgrund ihrer natürlichen Eigenschaften für diese Aufgaben bestimmt waren. Vielmehr waren es demnach die äußeren Umstände, Taylorismus und männliche Dominanz, sowie Wahrnehmungsmuster, die diese soziale Konfiguration zuließen. Allerdings birgt diese logisch erscheinende Erklärung dieser Phänomene auch Schwächen. Es ist zwar richtig, dass Männer die Techniken benutzen „…or rather are served by them - standing up, mobile, in communication with the outside world, with the possibility of going out there as well“2, jedoch ist zu fragen ob dies nicht einer einseitig psychologischen Perspektive zu sehr entgegen kommt. Es ist fraglich ob man in der Lage ist, dies aus der Rückschau zu beurteilen, oder ob nicht die soziale Herkunft über die Arbeitssituation darüber entschied. Zudem wird damit wiederum ein Stereotyp entworfen, wenn Gardey der Frau besondere Fähigkeiten zuschreibt, die durch eine männerdominierte Umwelt überdeckt seien. Empirisch lässt sich dies wohl nicht halten. Die Frauen waren Ende des 19. und auch Anfang des 20. Jh. gesellschaftlich unterprivilegiert. Hinzu kommt die zeitliche Ansiedlung der Argumentation. In den 1920er Jahre, kurz nach dem Krieg, ist es nicht verwunderlich, dass Frauen auf den Arbeitsmarkt drängten, da die Männer nicht mehr alle freien Stellen füllen konnten. Ihre schlechteren Bildungschancen lassen es als logisch erscheinen, dass sie nicht zahlenmäßig gleichgestellt mit den Männern Unternehmen gründeten oder administrative Führungspositionen einnahmen, sondern derartige, einfache Aufgaben übernahmen und ihnen dadurch eine Möglichkeiten gegeben wurde sich selbst zu versorgen. Gardeys These der sozialen Konfiguration durch Wahrnehmungsmuster und Rollenverteilung ist somit, aufgrund der gesellschaftlichen Bedingungen, anzweifelbar.

An diese Darstellung sozialer Konstruktionen von Techniken lässt sich eine feministische Theorie dieses Forschungsbereich anschließen. Judy Wajcman’s Ansatz schließt indirekt an diese Form der Analyse von Kausalitätsbeziehungen an und erhebt die Geschlechterbeziehungen zum Erklärungsmerkmal bestimmter Berufe und Techniken. Die Autorin stellt eine generelle Theorie über die Geschlechterbeziehung in der Arbeitswelt auf und verwendet mehrere Forschungsstränge feministischer Untersuchungen. Zunächst ist bedeutsam, dass Frauen in der Zeit der Industrialisierung von Jobs verdrängt wurden, die von Männern beansprucht wurden. Diese ließen Stereotypen entstehen, dass Männer für technische Berufe die besseren Fähigkeiten besäßen. Technische Entwicklung in Bereichen der Frauenarbeit wurden viel langsamer technisiert, weil die Frauenarbeit billig war und Frauen in großer Zahl verfügbar. Formen und Ausprägung bestimmter Technologien prägen die Zugehörigkeit eines Geschlechts, wie z.B. beim Keybord. Die Autorin lehnt es ab, Frauen bestimmte angeborene Fähigkeiten zuzuschreiben und damit ein homogenes Lager aufzubauen. Dafür nimmt sie das Beispiel der künstlichen Befruchtung. Radikale Feministinnen sehen darin die Kontrolle und Instrumentalisierung der Frau. Jedoch gibt es auch Frauen die dies explizit befürworten.3 Nicht geschlechtsspezifische Ursachen liegen dort in der Sache, sondern handfeste wirtschaftliche und wissenschaftliche Interessen. Zudem sei es wichtig, die Entwicklung von Technologien zu untersuchen. Dies würde zeigen, dass Wissenschaftler andere Möglichkeiten berücksichtigten, die sich aber dann nicht durchsetzten und den endgültigen Nutzen und die Ausformung der Technik nicht beeinflussen könnten. Institutionelle Strukturen entscheiden ebenfalls über die Bildung einer eigenen Identität.4 Demnach lässt sich Wajcman’s Ansatz eine größere Erklärungskraft zuschreiben, weil so in der Analyse mehrere Faktoren einbezogen werden, die sich gegenseitig bedingen und „soziale Konstruktion“ in ihrer Vielfältigkeit zugänglicher gemacht werden können. Allerdings ist zu beachten, dass die Analysekriterien klar eingehalten werden müssten und stringent Berücksichtigung erfahren müssen. Demnach sollte bei der Zuschreibung von Interessen gewisser Akteursgruppen eine gewisse Vorsicht geboten sein, weil diese sich auch nicht unwiderlegbar feststellen lassen.

[...]


1 Gardey, Delphine: Culture of Gender and Culture of Technology. The Gendering of Things in France’s Office Spaces between 1890 and 1930, in: Helga Nowotny (Hrsg.): Cultures of Technology and the quest for innovation, New York 2006, S. 73-94. Gardey beschreibt damit unter anderem die Wahrnehmung von Aufgaben der Frauen, die auf andere Techniken übertragen werden, wie z.B. im Falle des Comptometers, vgl. Gardey: Culture of Gender, S. 84.

2 Ebenda, S. 88.

3 Wajcman, Judy: Feminists Theories of Technology, in: Sheila Jasanoff (Hrsg.): Handbook of Science and technology studies, Thousand Oaks, 2001, S. 189-195.

4 Ebenda, S. 196-202.

Ende der Leseprobe aus 6 Seiten

Details

Titel
Theorien Sozialer Konstruktion von Techniken - Überblick und Beurteilung
Hochschule
Technische Universität Darmstadt
Autor
Jahr
2009
Seiten
6
Katalognummer
V175491
ISBN (eBook)
9783640964659
Dateigröße
391 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
theorien, sozialer, konstruktion, techniken, beurteilung
Arbeit zitieren
Julian Ostendorf (Autor), 2009, Theorien Sozialer Konstruktion von Techniken - Überblick und Beurteilung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/175491

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