9 Songs - Zwischen Kunst und Pornografie


Hausarbeit, 2010

16 Seiten, Note: 2,3


Leseprobe

Inhaltverzeichnis

1. Einleitung

2. Der Pornofilm

3. Der Liebesfilm

4. 9 Songs
4.1 Matt & Alaska
4.2 Sex- und Liebesszenen in 9 Songs
4.3 Musik- und Konzertszenen in 9 Songs

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Books and films and in life and in heaven sounds of slaughter as your body turns. But it’s too late, but it’s too late. One more day like today and I’ll kill you. A desire for flesh and real blood.[1]

So paraphrasiert Robert James Smith, der Gründer, Sänger und Gitarrist der Band ‚The Cure‘, metaphorisch im ebenso betitelten Song ‚Pornography‘ ebendiese: die Pornographie.[2] Ob Pornographie aber wirklich nur die fleischliche Lust bedeutet, ist dennoch fraglich.

Pornographie kann auch den Anspruch auf einen Gegenstand der Kunst erheben. Dies muss nicht immer gleich die Ambition eines Kunstfilms der Avantgarde bedeuten, sondern kann auch durch den Ehrgeiz der Pornofilmindustrie der 70er Jahre auf einen wirklichen Spielfilm, ein Feature bedeuten, der eine Handlung beinhaltet und nicht bloß verschiedene aneinandergereihte Nummern.[3]

Michael Winterbottom versucht mit seinem Film 9 Songs ein anderes Ziel zu erreichen. 9 Songs stellt eine Liebesgeschichte dar – aber ohne die Liebesgeschichte. Der sonst vorhandene Fokus wird vollkommen außer Acht gelassen, um die Liebe von einer anderen Seite zu betrachten – aus der sexuellen Sichtweise. Ob dies wirklich noch einen Spielfilm darstellt ist gleichwohl fraglich.[4] Um aber der Handlung noch etwas Fülle zu geben, wird die jeweilige Gefühlslage der Charaktere durch bestimmte Songs gestärkt, welche das Paar auf Konzerten hört. 9 Songs variiert somit drei Genres, die eigentlich kaum als Genres zu begreifen sind: Pornofilm, Liebesfilm und Musikfilm.[5]

Durch die Verwendung expliziter pornografischer Elemente reicht 9 Songs natürlich schnell an die Grenzen der Zensur. Trotz einer Darstellung bis zur Ejakulation wurde er dennoch in den Kinos gespielt – zugänglich für Rezipienten ab sechszehn Jahren, was einen deutlichen Unterschied zum eigentlichen Pornofilm bedeutet.[6] Es stellt sich also die Frage, wo sich 9 Songs auf dem schmalen Grad zwischen Pornografie und Kunst befindet.

2. Der Pornofilm

Der Pornofilm kann als Teil der weitgreifenden Pornographie betrachtet werden. Ursprünglich behandelte diese Erzählungen und Begebenheiten aus dem Berufsleben einer Prostituierten – die Darstellung sexueller Inhalte diente dem Zweck sexueller Stimulierung. Der Duden selbst beschreibt mit dem Begriff der Pornographie aber viel mehr Aspekte des heutigen Pornofilms: „Darstellung geschlechtlicher Vorgänge unter einseitiger Betonung des genitalen Bereichs und unter Ausklammerung der psychischen und partnerschaftlichen Gesichtspunkte.“[7] Dies lässt gleichzeitig also daraufhin deuten, dass heutzutage die meist verbreitete Form der Pornographie zugleich der Pornofilm ist.

Zum leichteren Verständnis dieses schwer zufassenden Genres folgt nun ein kleiner geschichtlicher Abriss, beginnend in der Antike, denn so wie die Prostitution als ältestes Gewerbe der Welt gilt, so kann die Pornographie als erste Kunstform betrachtet werden.[8] „Fünf Minuten, nachdem 1827 die Photographie und 1894 der Film erfunden wurden, stand eine nackte Frau vor der Kamera.“[9] Mit dem Aufkommen eines jeden neuen Mediums wurde mit ihm zu allererst Pornographie ausgeübt – was wohl zudem dazu führte, dass jedes neue Medium zugleich in Verruf geriet. Zwischen 1920 und den späten 60er-Jahren entstanden dann zirka 2.000 sogenannte Stagfilme. Hierbei handelte es sich um kurze Stummfilme, welche primitiv gedreht wurden und neben einer kaum vorhandenen Rahmenhandlung sexueller Akte darstellten, dessen Höhepunkt mit dem Meatshot die Penetration zeigte, wobei die Darsteller meist maskiert waren. Die Aufführung erfolgte in den Nickelodeons auf Rummelplätzen und im Rotlichtbezirk, so war die Pornographie erstmals nicht mehr nur ein Privileg der oberen Schichten.[10]

Die Liberalisierung der Sexualmoral während der 60er ermöglichte, dass der Pornofilm Teil der Popkultur wurde. 1970 wurde so der erste mittlerweile Abend füllende Pornofilm gedreht, welcher dementsprechend auch eine Rahmenhandlung besaß. Im Zuge dieser Entwicklung verlagerte sich auch der Fokus des Meatshot auf den Comeshot, der ermöglichte den Höhepunkt der Lust wahrhaft zu sehen. Mit Deep Throat wurde der Pornofilm 1972 zum Massenmedium, er war der erste landesweit gezeigte Film dieses Genres. Doch das Golden Age of Porn wurde durch das Aufkommen eines neuen Mediums relativ schnell beendet.[11] Das Video erbrachte viele neue Möglichkeiten: der Konsum von Pornovideos zu Hause, die Produktion von Pornos zu Hause, privater Vertrieb von privaten Pornos, günstigere gewerbliche Produktion, massenhafte Produktion, keine FSK-Regeln für den Videomarkt. Die Konsequenzen dieser neuen Freiheiten war ein Verlust an Qualität. Denn der Absatzmarkt war nun höher, da viele Hemmnisse zum Pornokonsum beseitigt wurden. Gleichzeitig wurde die massenhafte Produktion deutlich erleichtert und so kam es abermals zu einer Verlagerung der Prioritäten der Pornofilmindustrie: weg vom Feature hin zur Nummernnarrativik: Video killed the Porn Star.[12]

Was nun aber wirklich ein Pornofilm ist, bleibt weiterhin eine nur schwer zu beantwortende Frage. Der Richter Potter Stewart äußerte: „Ich weiß nicht, was es ist, aber ich erkenne es, wenn ich es sehe.“[13] Linda Williams erweitert diese Aussage, indem sie anfügt, dass es ihn im Grunde bewegt – egal ob es ihn nun ärgert oder erregt.[14]

Wie auch in anderen Filmgenres ist auch beim Pornofilm eine bestimmte Narrativik auszumachen. Diese setzt sich meist aus sieben grundlegenden Elementen zusammen. Beginnend mit Titel und Vorspann nehmen diese mit der Etablierung narrativer Voraussetzungen bereits jeglichen assoziativen Reiz vorweg. Die Exposition begründet anschließend die sexuelle Handlung. Die Aktanz der Charaktere erfolgt meist nicht über deren Persönlichkeit selbst, sondern vielmehr über andere oberflächliche Charakteristika.[15]

Des Weiteren ist meist kaum ein narrativer Konflikt zu finden, eher wird das Problem der Unbefriedigtheit gelöst. Dieses Problem wird in verschiedenen sexuellen Nummern immer wieder gelöst. Man kann so von einer gewissen Nummerndramaturgie sprechen. Diese verschiedenen Nummern werden im heutigen zeitgenössischen Pornofilm stets mit dem Comeshot - der externen Ejakulation – geschlossen. Zuletzt sei dem entsprechend das Muster des Seriellen und Episodischen zu erwähnen.[16] „Die gleichrangig organisierte, potenziell endlose Abfolge der Nummern bilde […] eine narrative Funktion […].“[17]

[...]


[1] syrex33: The Cure – Pornography. In Youtube, 07.11.2006. URL: http://www.youtube.com/watch?v=f89SDvR5NUE (07.09.2010).

[2] Vgl. ‚Pornography‘ ist zugleich auch der Titel des den Song enthaltenden Albums. Geffen Records/Interscope Records: The Cure. Discography. URL: http://www.thecure.com/discography/ (07.09.2010).

[3] Vgl. Compart, Martin: Die Geschichte des Pornofilms/Teil 2: Vom Meat- zum Moneyshot. URL: http://evolver.at/stories/Die_Geschichte_des_Pornofilms_Teil1/ (06.10.2010).

[4] Vgl. Kohler, Michael: 9 Songs. In film-dienst 02/2005 (2005), S. 33.

[5] Vgl. 9 Songs, UK 2004, R: Michael Winterbottom.

[6] Vgl. Kohler, Michael: 9 Songs. In film-dienst 02/2005 (2005), S. 33.

[7] Vgl. Janetzko, Christoph: Geschichte der Pornographie. URL: http://www.phil-fak.uni-duesseldorf.de/germ5/seminare/2002ss/postmoderne/ (06.10.2010).

[8] Vgl. ebd.

[9] Compart, Martin: Die Geschichte des Pornofilms/Teil 1: Video killed the Intercourse-Star. URL: http://evolver.at/stories/Die_Geschichte_des_Pornosfilms_Teil_2/ (06.10.2010).

[10] Vgl. ebd.

[11] Vgl. Compart, Martin: Die Geschichte des Pornofilms/Teil 2: Vom Meat- zum Moneyshot. URL: http://evolver.at/stories/Die_Geschichte_des_Pornofilms_Teil1/ (06.10.2010).

[12] Vgl. Klitzke, Dietrich: Video-Pornographie. In: Siegfried Zielinski (Hrsg.): Tele-Visionen. Medienzeiten. Beiträge zur Diskussion um die Zukunft der Kommunikation. Berlin 1983, S. 35-40.

[13] Williams, Linda: Hard Core. Macht, Lust und die Traditionen des pornographischen Films [Hard Core: Power, Pleasure and the „Frenzy of the Visible” 1989]. Frankfurt/M. 1995, S. 28.

[14] Vgl. ebd.

[15] Vgl. Braidt, Andrea B.: Erregung erzählen. Narratologische Anmerkungen zum Porno. In: montage AV 18/2 (2009), S. 31-53.

[16] Vgl. ebd.

[17] Ebd.

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
9 Songs - Zwischen Kunst und Pornografie
Hochschule
Universität zu Köln  (Institut für Theater-, Film- und Fernsehwissenschaft)
Veranstaltung
Video & Videothek
Note
2,3
Autor
Jahr
2010
Seiten
16
Katalognummer
V175561
ISBN (eBook)
9783640965991
ISBN (Buch)
9783640966394
Dateigröße
475 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
9 Songs, Winterbottom, Kunst, Pornografie, Musikfilm, Sex
Arbeit zitieren
Student Carolin Blefgen (Autor), 2010, 9 Songs - Zwischen Kunst und Pornografie, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/175561

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: 9 Songs - Zwischen Kunst und Pornografie



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden