Reisen – die Versetzung des Körpers aus dem heimlichen Raum des Ich in
den unheimlichen Raum des Anderen – wird buchstäblich bildend, wenn die
Reise auf eigenem Territorium stattfindet, wenn das fremde Land im eigenen
Ich liegt. 1
Anhand seiner Erzählung Voyage autour de ma chambre, die der Gattung der
Reiseliteratur angehört, stellt Xavier de Maistre ein Gegenmodell zum traditionellen
«récit de voyage» auf: Während eines 42-tägigen Arrests in seinem Zimmer in
Turin, zu dem er wegen Teilnehme an einem Duell verurteilt wurde, bereist der
Erzähler dieses und lässt währenddessen seiner Phantasie freien Lauf. Mit dieser Reise in sein Inneres, die aus psychologischer Sicht einer Introspektion2 entspricht,
verfolgt er das Ziel sein eigenes Ich besser kennenzulernen.
Im Folgenden möchte ich – nach einer kurzen Biographie des Autors – im zweiten
Punkt zunächst auf die Tradition des exzentrischen Schreibens3 eingehen, in die sich
de Maistre eingliedert, um danach anhand einiger Elemente zu belegen, dass es sich
bei dem vorliegenden Werk tatsächlich um eine Parodie4 der Gattung der
Reiseliteratur handelt. Im Anschluss daran, werde ich de Maistres Gegenmodell, das
er mithilfe dieser subversieven Gattungsmerkmale konstruiert, unter inhaltlichen und
formalen Aspekten beleuchten und es den Charakteristika traditioneller Reiseliteratur
gegenüberstellen. Abschließend möchte ich die Frage diskutieren, inwieweit der
vorliegende parodierte «récit de voyage» Parallelen zum Romantypus des
Bildungsromans aufweist. [...]
1 Leahy 1995: 100
2 Definition Introspektion: die bewusst auf seelische Vorgänge und Zustände gerichtete
Aufmerksamkeit, um die verschiedenen Phasen des Ablaufs persönlicher Vorgänge und die
Mannigfaltigkeit der Inhalte festzustellen und zu beschreiben. (Dorsch 1998: Selbstbeobachtung)
3 Definition exzentrisches Schreiben: bestimmte Form des Schreibens; ständig Autoreflexion des
Schreibens, der exzentrische Autor untergräbt den Erwartungshorizont des Lesers und schreibt über
Themen, die „außerhalb des Mittelpunkts liegen“ (Klappenbach/ Steinitz 1967: exzentrisch)
4 Definition Parodie: verspottende, verzerrende oder übertreibende Nachahmung eines schon
vorhandenen ernstgemeinten Werkes oder einzelner Teile daraus unter Beibehaltung der äußeren
Form, doch mit anderem, nicht dazu passenden Inhalt (Wilpert 1969: Parodie)
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. de Maistre innerhalb der Tradition des exzentrischen Schreibens
3. Exzentrische Elemente
4. Das Gegenmodell de Maistres zur traditionellen Reiseliteratur
5. Schlussbemerkung
6. Bibliographie
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die Arbeit untersucht Xavier de Maistres Erzählung "Voyage autour de ma chambre" als ein parodistisches Gegenmodell zur traditionellen französischen Reiseliteratur des 18. Jahrhunderts, indem sie die psychologische Interiorisierung und subversive Erzählstrukturen des Werks analysiert.
- Analyse der Tradition des exzentrischen Schreibens in Anlehnung an Laurence Sterne.
- Untersuchung narrativer Strukturen als Mittel zur Subversion des Reisegenres.
- Deutung der "Reise" als metaphysischer Prozess und psychologische Introspektion.
- Gegenüberstellung von Raum, Zeit und subjektiver Wahrnehmung im Vergleich zu klassischen Reiseberichten.
- Diskussion von Parallelen zwischen der parodierten Reiseerzählung und dem Gattungstypus des Bildungsromans.
Auszug aus dem Buch
Exzentrische Elemente
Um den Leser zu verwirren und das Genre der Reiseliteratur zu subversieren, parodiert de Maistre grundlegende narrative Strukturen, die eigentlich die Funktion haben, den Roman abzusichern. Aufgrund der kulturellen Prägung des Lesers hat dieser bestimmte Erwartungen an einen Roman, die der exzentrische Autor systematisch untergräbt und seine Umkehrung als selbstverständlich erachtet.
Besonders „trügerisch“ ist die Anzahl der Kapitel, die der der Tage, die der Erzähler in Gefangenschaft verbringt, entspricht. Betrachtet man nämlich die Merkmale der traditionellen Reiseliteratur, erscheint dies nicht verwunderlich, da es für einen «récit de voyage» charakteristisch ist, dass er in Form eines Tage- oder Logbuches geschrieben ist und somit über in der Regel jeden Tag der Reise Notizen enthält. Typisch ist auch der Bericht in Briefform, der an den Leser adressiert ist. Nach formaler Untersuchung des Textes lässt sich also feststellen, dass – abgesehen von der Anzahl der Kapitel – auch die häufige direkte Ansprache des Lesers, die eigentlich von der Aufklärung verdrängt wurde, und die Tatsache, dass der Bericht in der ersten Person geschrieben ist, den Merkmalen der traditionellen Reiseliteratur entspricht.
Nach einer Analyse des Inhalts stellt man allerdings eindeutig fest, dass es sich hierbei um eine Parodie handeln muss: abgesehen davon, dass das letzte Kapitel auch dem Tag der Befreiung entspricht, ist deren Anordnung willkürlich. Die ersten drei stellen sogar eine Einleitung oder ein Vorwort dar und enthalten noch gar keine Handlung, die Erzählung wird durch Digressionen unterbrochen und der Erzähler stellt es dem Leser sogar frei, Kapitel, die ihm nicht gefallen, herauszureißen: «[...] j’espère que le lecteur sensible me pardonnera de lui avoir demandé quelques larmes ; et si quelqu’un trouve qu’à la vérité j’aurais pu retrancher ce triste chapitre, il peut le déchirer dans son exemplaire, ou même jeter le livre au feu.»
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in die Thematik der Reiseliteratur ein und stellt de Maistres Werk als Gegenmodell zum klassischen "récit de voyage" vor.
2. de Maistre innerhalb der Tradition des exzentrischen Schreibens: Dieses Kapitel verortet de Maistre in der literarischen Nachfolge von Laurence Sterne und analysiert die Bedeutung der "sentimentalen" Erzählweise.
3. Exzentrische Elemente: Hier wird untersucht, wie de Maistre durch die Parodie formaler Strukturen, wie der Kapitelanordnung und der direkten Leseransprache, die Erwartungshaltung des Lesers untergräbt.
4. Das Gegenmodell de Maistres zur traditionellen Reiseliteratur: Das Kapitel erläutert den Dualismus von "âme" und "bête" sowie die räumliche Beschränkung auf das eigene Zimmer als bewusste Antithese zur klassischen Reise.
5. Schlussbemerkung: Die Schlussbetrachtung setzt das Werk in Bezug zum Bildungsroman und reflektiert über das Scheitern der Entwicklung des Erzählers.
6. Bibliographie: Das Verzeichnis listet die verwendeten Primärquellen und die literaturwissenschaftliche Sekundärliteratur auf.
Schlüsselwörter
Xavier de Maistre, Voyage autour de ma chambre, Reiseliteratur, Parodie, exzentrisches Schreiben, Interiorisierung, Subversion, Aufklärung, Bildungsroman, Introspektion, Laurence Sterne, erzählte Zeit, Erzählzeit, Metaphysik, Ich-Dualismus.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit?
Die Arbeit analysiert die Erzählung "Voyage autour de ma chambre" von Xavier de Maistre als eine parodistische Auseinandersetzung mit den Konventionen der klassischen Reiseliteratur des 18. Jahrhunderts.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die Schwerpunkte liegen auf der Tradition des exzentrischen Schreibens, der narrativen Subversion, der psychologischen Selbsterforschung (Introspektion) und der architektonischen Darstellung des Zimmers als Reiseziel.
Welches primäre Ziel verfolgt die Autorin?
Das Ziel ist aufzuzeigen, wie de Maistre durch die bewusste Umkehrung literarischer Merkmale eine neue Form der Reisebeschreibung schafft, die den Fokus vom äußeren Raum auf das innere Ich verschiebt.
Welche wissenschaftliche Methode wird angewendet?
Die Analyse folgt einer textimmanenten Untersuchung, die formale und inhaltliche Aspekte der Erzählung mit zeitgenössischen Definitionen (wie Parodie oder Bildungsroman) abgleicht und in den historischen Kontext einordnet.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil werden die stilistischen Mittel der Parodie, die philosophische Unterscheidung zwischen "âme" und "bête" sowie das Verhältnis von erzählter Zeit zu Erzählzeit detailliert analysiert.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wesentliche Begriffe sind Parodie, exzentrisches Schreiben, Interiorisierung, Aufklärung und das für de Maistre typische "Gedankenspaziergang"-Motiv.
Inwiefern spielt der Spiegel eine Rolle im Werk von de Maistre?
Der Spiegel fungiert als zentrales Symbol, das einerseits die Bedeutung des Ichs hervorhebt und andererseits die Verlogenheit der Gesellschaft widerspiegelt, wobei er die für die Aufklärung typische Funktion eines "Spiegels für das Eigene" einnimmt.
Kann die Erzählung als ein Bildungsroman verstanden werden?
Die Autorin diskutiert dies kritisch: Obwohl die Erzählung autobiographische Züge und eine moralische Entwicklungstendenz aufweist, verhindert die kurze Zeitspanne von 42 Tagen die Vollendung der "Wanderjahre", womit eine klassische Definition als Bildungsroman in Frage gestellt wird.
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- Christina Stojek (Author), 2001, Xavier de Maistre - Voyage autour de ma chambre, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/17558