Der vorliegende Artikel untersucht "Das Haus des Asterion" von Jorge Luis Borges aus der Perspektive der Architektur der Ruptur, eines von der Autorin im unveröffentlichten Manuskript Architekturen der Ruptur entwickelten theoretischen Rahmens. Die Studie analysiert, wie sich der alterierte Raum, die autonome Logik und das fluide Identitätsregime zu einem Derealisierungsmechanismus verbinden und die Erzählung zu einer Demonstration der ontologischen Instabilität des Realen machen. Das Labyrinth des Asterion wird als eine autosuffiziente Instanz interpretiert, die Wahrnehmung neu organisiert und eine Identität hervorbringt, die sich nicht stabilisieren lässt. Die Analyse zeigt, wie der Mythos des Minotaurus als latenter Druck zurückkehrt und im Tod des Asterion als ontologische Transgression kulminiert. Der Text bietet eine phänomenologische Lesart der Erzählung und integriert sie in das System der Derealisierungsinstanzen, das von der Autorin entwickelt wurde.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1. Der alterierte Raum
2. Die fluide Identität
3. Die unmögliche Erfahrung
4. Die ontologische Unentschiedenheit
5. Schlussfolgerung
Zielsetzung und Themenschwerpunkte
Das primäre Ziel dieser wissenschaftlichen Untersuchung besteht darin, Jorge Luis Borges’ Erzählung Das Haus des Asterion durch das von der Autorin entwickelte theoretische Modell der „Architektur der Ruptur“ phänomenologisch zu analysieren. Dabei wird der Frage nachgegangen, wie der labyrinthartige, autonome Raum traditionelle Wahrnehmungsmuster und stabile Identitätskonzepte auflöst, um eine fundamentale ontologische Instabilität des Realen sowie Mechanismen der Derealisierung freizulegen.
- Phänomenologische Raumanalyse des Labyrinths als autosuffiziente, proliferative Struktur
- Konstruktion und Zerfall einer fluiden Identität des Protagonisten Asterion im regellosen Raum
- Grenzen menschlicher Wahrnehmung und die Konstitution einer „unmöglichen Erfahrung“
- Wiederkehr und Transgression des Minotaurus-Mythos im Kontext der ontologischen Unentschiedenheit
- Befreiung des Subjekts durch den Tod als ontologischer Übergang und Schließung der Ruptur
Auszug aus dem Buch
1. Der alterierte Raum
Das Haus des Asterion konfiguriert einen Raum, der sein eigenes ontologisches Regime über Wahrnehmung und Identität legt. Borges konstruiert eine Welt, in der die Architektur nicht der Erzählung dient, sondern sie hervorbringt, und in der sich das Subjekt innerhalb einer Logik formt, die ausschließlich dem Ort selbst gehört. Das Fantastische manifestiert sich als Effekt dieser Autonomie des Raumes, als eine Form des Drucks, die die Weise des Erscheinens des Realen neu ausrichtet.
Das Labyrinth des Asterion entfaltet sich als eine autosuffiziente Welt, in der jedes architektonische Element an einer internen Logik teilzunehmen scheint, die nicht auf die üblichen Kriterien menschlicher Wahrnehmung reduzierbar ist. Wenn Asterion sagt: „Mein Haus hat viele Höfe, viele Korridore und viele Türen“, liefert er keine deskriptive Aufzählung, sondern verweist auf die Weise, in der sich der Raum selbst manifestiert. Die Korridore verlängern sich in Variationen desselben Regimes, die Höfe wiederholen sich mit einer Regelmäßigkeit, die keine Orientierung erzeugt, und die Türen öffnen sich zu weiteren Türen in einer Sequenz, die keine Stabilisierung der Richtung zulässt. Der Raum verhält sich wie eine elastische Materie, wie eine sich ständig proliferierende Geometrie, in der sich Orientierung nicht konstituieren kann und die Wahrnehmung gezwungen ist, sich innerhalb einer Logik zu bewegen, die keine festen Bezugspunkte bietet.
Kapitelübersichten
Einleitung: Führt in das Phänomen des Fantastischen als ontologischen Druck ein und verortet Borges’ Erzählung im theoretischen Rahmen der „Architekturen der Ruptur“.
1. Der alterierte Raum: Analysiert das Labyrinth als autonome, autosuffiziente Geometrie, die Orientierung verunmöglicht und als eigentlicher Schöpfer der Erzählung fungiert.
2. Die fluide Identität: Zeigt auf, wie das Fehlen einer äußeren Abgrenzung die Identität Asterions zersplittert und das Subjekt zu einer bloßen Funktion des architektonischen Regimes macht.
3. Die unmögliche Erfahrung: Untersucht das Phänomen von Ereignissen und Begegnungen innerhalb des Hauses, die sich jeglicher narrativen Kausalität entziehen und eine Erfahrung konstituieren, die sich nicht stabilisieren lässt.
4. Die ontologische Unentschiedenheit: Beleuchtet den latenten Druck des Minotaurus-Mythos auf den Leser und interpretiert den Tod Asterions als ontologische Transgression und Befreiung aus der Unmöglichkeit des Selbst.
5. Schlussfolgerung: Führt die Teilaspekte zu einer Gesamtbetrachtung des Labyrinths als totale Instanz der Derealisierung zusammen, an der die ontologische Fragilität des Realen sichtbar wird.
Schlüsselwörter
moderner Fantastik, alterierter Raum, fluide Identität, Derealisierung, Jorge Luis Borges, literarische Phänomenologie, Labyrinth, Mythos, ontologische Instanzen, Das Haus des Asterion, ontologische Ruptur, Minotaurus, Transgression
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Publikation untersucht Jorge Luis Borges’ Erzählung Das Haus des Asterion aus einer raumtheoretischen und phänomenologischen Perspektive. Im Mittelpunkt steht die Analyse, wie die Architektur des Labyrinths Wahrnehmung und Identität transformiert und das Fantastische als Bruch in der ontologischen Struktur der Realität erfahrbar macht.
Was sind die zentralen Themenfelder dieser Studie?
Zu den thematischen Schwerpunkten gehören die Autonomie des Raumes, die Destabilisierung subjektiver Identität, Mechanismen der literarischen Derealisierung, phänomenologische Erfahrungstheorien sowie die Reinterpretation antiker Mythen in der modernen fantastischen Literatur.
Welches primäre Ziel und welche Forschungsfrage verfolgt die Analyse?
Das primäre Ziel ist es nachzuweisen, wie das Labyrinth als eigenständige ontologische Instanz wirkt. Die zentrale Forschungsfrage lautet, inwiefern Raum, Identitätsverlust und mythischer Druck ineinandergreifen, um die Fragilität und Unzulänglichkeit des Realen aufzuzeigen.
Welche wissenschaftliche Methode wird in dem Text angewendet?
Die Studie nutzt einen literatur-phänomenologischen Ansatz auf der Grundlage des theoretischen Modells der „Architektur der Ruptur“. Zudem werden intertextuelle Bezüge zu raumphilosophischen und fantastiktheoretischen Konzepten (u. a. Merleau-Ponty, Bachelard, Todorov) herangezogen.
Was wird im Hauptteil der Publikation behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in vier Kernbereiche: die geometrische Autonomie und Endlosigkeit des Raumes, die Entstehung einer zentrenlosen, fluiden Identität des Protagonisten, die Struktur einer unkategoriellen Erfahrungswelt sowie die ontologische Unentschiedenheit, die im Tod als mythischer Transgression mündet.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren das Werk?
Prägend für die Arbeit sind Begriffe wie alterierter Raum, fluide Identität, Derealisierung, ontologische Ruptur, Labyrinth, Minotaurus und Phänomenologie.
Was zeichnet das Konzept des „alterierten Raumes“ in Borges’ Erzählung aus?
Der Raum ist kein passiver Hintergrund der Handlung, sondern agiert als aktive, autosuffiziente Macht. Seine repetitiven Höfe und endlosen Türen besitzen eine proliferative Eigendynamik, die jegliche Orientierung auflöst und menschliche Wahrnehmungsmuster unterwandert.
Wie wird der Mythos des Minotaurus im Text umgedeutet?
Der Mythos fungiert als latente Belastung und suspendierte Möglichkeit, die erst ganz am Schluss explizit wird. Asterion erscheint nicht als monströser Angreifer, sondern als Gefangener einer unmöglichen Identität, dessen Tod durch Theseus eine befreiende Überwindung des Labyrinthregimes darstellt.
Inwiefern führt das Labyrinth zu einer „fluiden Identität“?
Da es im Haus des Asterion kein „Außen“ gibt, an dem sich ein stabiles Ich spiegeln oder abgrenzen könnte, kann das Subjekt kein kohärentes inneres Zentrum ausbilden. Asterions Handlungen und Gedanken bleiben fragmentiert und sind der Logik des Ortes vollständig unterworfen.
- Arbeit zitieren
- Teofana Eremencu (Autor:in), 2026, Architekturen der Ruptur. "Das Haus des Asterion" als ontologische Instanz, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1756737