Lexikalisch-semantischer Transfer und Interferenzen in mündlichen Texten russischsprachiger Deutschlerner


Hausarbeit (Hauptseminar), 2011
9 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Gliederung

1 Einführung in den Analyseschwerpunkt

2 Theoretische Grundlagen und Definitionen

3 Analysematerial
3.1 Grundlage der Datenerhebung
3.2 Sprecherhintergrund der Probanden

4 Vorgehensweise und Analyseergebnisse

5 Zusammenfassung

Literatur

1 Einführung in den Analyseschwerpunkt

In der vorliegenden Arbeit wird auf das Problem des lexikalisch-semantischen Transfers eingegangen, der auf der Grundlage mündlicher Texte zweier russischsprachiger Deutschlerner in einer Arbeitsgruppe im Seminar untersucht worden ist. Das Korpus der Arbeit erlaubt jedoch keine Durchführung einer umfangreicheren Analyse. Für eine vertiefte Auseinandersetzung mit der Thematik steht eine Übersicht über Forschungsliteratur zur Verfügung, die wertvolle Anreize zur Weiterarbeit bieten kann.

Im Folgenden werden die Definitionen zu Transfer und muttersprachlicher Interferenz sowie die Vorgehensweise und die Ergebnisse unserer empirischen Untersuchung zusammenfassend dargestellt.

2 Theoretische Grundlagen und Definitionen

Die Bezugnahme auf die Muttersprache der Schüler, die Berücksichtigung der im Verlauf des Fremdsprachenunterrichts bestehenden Wechselwirkung zwischen Fremd- und Muttersprache gehören zu den wichtigsten Momenten, von denen die inhaltliche und methodische Gestaltung des Unterrichtsprozesses bedingt und bestimmt wird (Bernstein 1979, S. 142).

Mit dieser Ausführung von Wolf Bernstein aus seinem Artikel „Wie kommt die muttersprachliche Interferenz beim Erlernen des fremdsprachlichen Wortschatzes zum Ausdruck?“ möchte ich meine Arbeit beginnen. Der Autor definiert den Begriff der muttersprachlichen Interferenz als eine negative, hemmende Einwirkung der muttersprachlichen Kenntnisse und Fertigkeiten auf die Aneignung einer Fremdsprache […] Vorbeugung und Bekämpfung [der muttersprachlichen Interferenz] kann jedoch nur dann erfolgreich und wirksam [im Fremdsprachenunterricht] sein, wenn der Lehrer eine genaue Vorstellung vom Verlauf und von den spezifischen Eigenschaften des Interferenzmechanismus seitens einer bestimmten Muttersprache beim Erlernen einer bestimmten Fremdsprache besitzt (ebd., S. 142).

Nach Bernstein lässt sich die muttersprachliche Interferenz auf zwei Wegen erforschen:

1) durch Vergleich der Fremdsprache mit der Muttersprache und Festlegung derjenigen muttersprachlichen Erscheinungen, die einen interferierenden Einfluss auf das Aneignen der Fremdsprache ausüben können (meistens sind es in beiden Sprachen ähnliche Erscheinungen; unterschiedliche Erscheinungen wirken selten interferierend, gleiche fast nie);

2) durch eingehende Analyse der von den Schülern gemachten Fehler (ebd., S. 142).

Bernsteins mehr als 30-jährige Erfahrung als Deutschlehrer von Schülern, die Sprecher 16 verschiedener Muttersprachen waren, erlaubt ihm folgende quantitative Ergebnisse zu liefern: Erstens sind etwa 85% aller in der mündlichen Sprachausübung vorkommenden Fehler auf muttersprachliche Interferenz zurückzuführen, zweitens gehören etwa 58% aller durch Interferenz verursachten Fehler zu den Aussprachefehlern, drittens sind etwa 26% aller durch Interferenz verursachten Fehler grammatischer Art und schließlich beträgt die Zahl der lexikalischen Fehler lediglich 16% aller durch Interferenz hervorgerufener Sprachfehler (ebd., S. 142). Anhand dieser Zahlen wird es deutlich, dass infolge der muttersprachlichen Interferenz Fehler im Wortgebrauch deutlich seltener vorkommen, als Fehler im Gebrauch grammatischer Kategorien oder die Aussprachefehler. Demzufolge betont der Autor durch dieses quantitative Verhältnis, dass in der sprachmethodischen Fachliteratur dem störenden Eindringen der Muttersprache in den Bereich des Wortschatzes zu wenig Aufmerksamkeit gewidmet wird.

Weiter erwähnt Bernstein die kommunikative Funktion der Sprache und den Einfluss der muttersprachlichen Interferenz auf die Sinneserhaltung der Aussagen der Kommunikanten, die grundlegend für den ungehinderten Ablauf des kommunikativen Prozesses ist (vgl. ebd., S. 142f). In diesem Zusammenhang kommen bei lexikalischen Fehlern am häufigsten „Sinnverstümmelungen“ vor, und da sie hauptsächlich durch muttersprachliche Interferenz hervorgerufen werden, behandelt der Verfasser sie ausführlicher:

Unter einem lexikalischen Fehler verstehen wir das unangebrachte Ersetzen eines Wortes durch ein anderes, indem der falsche Gebrauch eines Wortes den Sinn der Aussage entweder verändert, oder ihn ad absurdum verstümmelt. […] Durch den Umstand, daß die Wortbedeutung die „inhaltliche Widerspiegelung eines Gegenstandes, einer Erscheinung oder einer Beziehung der objektiven Realität im Bewußtsein der Angehörigen einer Sprachgemeinschaft“ darstellt, entsteht die sogenannte „sprachtypische Begriffsinkongruenz“, die wir als Hauptquelle der muttersprachlichen Interferenz beim Erlernen des fremdsprachlichen Wortschatzes ansehen. Die dieser Quelle entspringende Interferenz wird auch dadurch bekräftigt, daß die Wortbedeutung neben ihrem begrifflichen Inhalt noch einen einer bestimmten Sprachgemeinschaft eigenen „Nebensinn“ […] und einen „Gefühlswert“ oder „Stimmungsgehalt“ […] haben kann. Somit stimmen der einem Worte eigene Bedeutungsumfang, sein Anwendungsbereich und seine Fügungspotenz in verschiedenen Sprachen selten überein (ebd., S. 143f).

Die meisten Interferenzen im Gebrauch fremdsprachlicher Wörter treten auf, wenn der Bedeutungsumfang des muttersprachlichen Wortes größer als der des fremdsprachlichen Wortes ist. Das fremdsprachliche Wort kann dabei entweder einer der Bedeutungen eines mehrdeutigen muttersprachlichen Wortes entsprechen oder einer ideographischsynonymischen Reihe angehören, deren Bedeutungen und Schattierungen in einem muttersprachlichen Wort vereint sind (ebd., S. 144).

Eine weitere Intereferenzquelle, die nach Bernstein lexikalische Fehler zur Folge hat, ist graphisch-visueller Art und tritt wesentlich seltener auf: „ein fremdsprachliches Wort wird durch ein anderes ersetzt, das in der Muttersprache auf gleiche oder ähnliche Weise geschrieben wird“ (ebd., S. 146). Solche Fehler treten beispielsweise bei Deutsch lernenden Englischsprechern sowie bei Englisch lernenden Deutschsprechern häufig auf. Des Weiteren liegt der Ursprung lexikalischer Fehler „im wörtlichen Übersetzen von Fügungen, Redewendungen und Zusammensetzungen aus der Muttersprache, d. h. im sogenannten Abklatschen“ (ebd., S. 146).

Im Folgenden möchte ich eine Definition anführen, die in unserer Arbeitsgruppe während der Vorbereitung auf den gemeinsamen Vortrag im Seminar entstanden ist. Als Anregung dazu diente der Artikel von Heike Wiese (1994). Lernersprachlicher lexikalisch-semantischer Transfer liege dann vor, wenn bei der zielsprachlichen Produktion eine Übertragung der konzeptuellen Bedeutung(en) von Wörtern (lexikalischen Morphemen) von der L1 auf die Zielsprache stattfindet. Führt diese Übertragung zu einem normabweichenden Output, so heiße dieses Produkt lexikalisch-semantische Interferenz. Wichtig beim Erkennen der lexikalisch-semantischen Interferenz in Lernertexten ist die Beschränkung auf die Ebene der Performanz und die Ausklammerung von intralingualem Transfer.

Die oben angeführten Überlegungen sowie die letzte Definition bieten eine gute theoretische Grundlage für die Analyse von Lernertexten in Bezug auf den lexikalisch-semantischen Transfer in der vorliegenden Arbeit.

3 Analysematerial

3.1 Grundlage der Datenerhebung

Um die Generalisierbarkeit der empirischen Datenanalyse zu gewährleisten, wurden transkribierte mündliche Texte zweier russischsprachiger Deutschlerner verwendet. Als Ausgangsmaterial der Texte diente die Bildergeschichte „Frog, where are you?“ von Mercer Meyer. Als Vergleichsmaterial dienten drei Transkripte deutscher Muttersprachler aus dem online abrufbaren CHILDES-Korpus.

3.2 Sprecherhintergrund der Probanden

Der 29-jährige Proband ALB ist männlichen Geschlechts. Geboren wurde er in Ajagus, einer Stadt in Kasachstan, einer ehemaligen Sowjetrepublik. Nach Deutschland ist er mit 16 Jahren im Rahmen der so genannten Einbürgerung der Russlanddeutschen übergesiedelt. Die Deutschkenntnisse des Probanden vor der Ausreise nach Deutschland kennzeichnen sich durch geringen rezeptiven Input des russlanddeutschen Dialektes. Auch die Schulkenntnisse der deutschen Sprache können als unzureichend eingestuft werden. Dementsprechend musste der Proband die Sprache in Deutschland neu lernen, wobei der L2-Erwerb überwiegend ungesteuert erfolgte, das heißt eher in mündlicher Form, weshalb sie eine höhere Anzahl umgangssprachlicher Elemente aufweist. Zum gesteuerten Deutscherwerb gehört der Schulunterricht, wobei der Proband ein Jahr Förderunterricht in der 10. Klasse bekam. Weiter zu erwähnen sind in diesem Zusammenhang das absolvierte Fachabitur und der deutsche Hochschulabschluss. Zurzeit befindet sich der Proband ALB im Berufsleben und verwendet im Berufsalltag die deutsche Sprache, wobei es sich um einen technischen Arbeitsbereich handelt, in dem die schriftliche Sprache nur selten gebraucht wird. Im engen Familien- und Freundeskreis wird überwiegend Russisch gesprochen, dabei findet häufig Code-Switching statt. Die Mediennutzung erfolgt entsprechend den Bedürfnissen von ALB: Informationen aus dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion werden eher einer russischsprachigen Nachrichtenquelle entnommen. Ansonsten überwiegt die Verwendung des Deutschen bei der Mediennutzung unterschiedlicher Art. Auch die Schriftsprachfertigkeit wird hauptsächlich auf Deutsch ausgeübt.

[...]

Ende der Leseprobe aus 9 Seiten

Details

Titel
Lexikalisch-semantischer Transfer und Interferenzen in mündlichen Texten russischsprachiger Deutschlerner
Hochschule
Universität Potsdam  (Institut für Germanistik)
Veranstaltung
Transfer im Zweitspracherwerb und in der Zweisprachigkeit
Note
1,0
Autor
Jahr
2011
Seiten
9
Katalognummer
V175705
ISBN (eBook)
9783640967605
ISBN (Buch)
9783656366843
Dateigröße
396 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
In der vorliegenden Arbeit wird auf das Problem des lexikalisch-semantischen Transfers eingegangen, der auf der Grundlage mündlicher Texte zweier russischsprachiger Deutschlerner in einer Arbeitsgruppe im Seminar untersucht worden ist. Das Korpus der Arbeit erlaubt jedoch keine Durchführung einer umfangreicheren Analyse. Für eine vertiefte Auseinandersetzung mit der Thematik steht eine Übersicht über Forschungsliteratur zur Verfügung, die wertvolle Anreize zur Weiterarbeit bieten kann.
Schlagworte
Transfer im Zweitspracherwerb, Tansfer im DaF/DaZ-Unterricht, Transfer und gesteuerter Deutscherwerb, Gesteuerter vs. ungesteuerter Fremdsprachenerwerb, Lexikalisch-semantische Fehler im DaF-Unterricht
Arbeit zitieren
Ekaterina Avalon (Autor), 2011, Lexikalisch-semantischer Transfer und Interferenzen in mündlichen Texten russischsprachiger Deutschlerner, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/175705

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