Die vorliegende Arbeit untersucht die Funktion von Transiträumen in Ronya Othmanns Debütroman "Die Sommer" (2020) und fragt danach, wie diese Räume die Erzählweise und den spezifischen „Sound“ des Romans prägen. Im Zentrum steht die Protagonistin Leyla, deren Lebenswelt durch wiederkehrende Bewegungen zwischen Deutschland und dem kurdischen Dorf ihres Vaters sowie durch wechselnde Wohn- und Aufenthaltsorte bestimmt ist. Ausgangspunkt der Untersuchung sind die raumtheoretischen Konzepte der „Nicht-Orte“ nach Marc Augé und der „Transiträume“ nach Lars Wilhelmer. Anhand des Flughafens, des kurdischen Dorfes, der Stadt Leipzig und Leylas Wohngemeinschaften wird gezeigt, dass diese Räume für Leyla kaum Orte des Ankommens und der dauerhaften Verankerung darstellen, sondern vielmehr Zwischenzustände und Erfahrungen des Dazwischen markieren.
Die Analyse zeigt, dass die Transitorik nicht auf der Ebene der erzählten Räume verbleibt, sondern auf die Struktur der Narration übergreift. Ortswechsel, Erinnerungen und Unterbrechungen führen zu einer episodischen und nicht-linearen Erzählweise, in der Gegenwart und Vergangenheit, Leipzig und das kurdische Dorf sowie Nähe und Distanz fortwährend ineinandergreifen. Das wiederkehrende Muster aus Hinflug, Aufenthalt im Dorf, Rückflug und Leben in Deutschland erzeugt dabei eine zyklische Struktur, die den Eindruck von Bewegung und gleichzeitiger Stagnation vermittelt. Die daraus entstehende Brüchigkeit, Episodenhaftigkeit und formale Offenheit prägt den spezifischen Sound des Debütromans. Die Arbeit kommt somit zu dem Ergebnis, dass Transiträume in Die Sommer nicht lediglich als thematische Schauplätze fungieren, sondern als strukturierende Matrix der Erzählung: Das Nicht-Ankommen der Protagonistin wird durch die Form des Romans selbst erfahrbar und macht die transitorische Erfahrung zu einem zentralen ästhetischen Prinzip des Debüts.
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- Jakob Ulmer (Autor), 2025, Narrative Dynamiken des Transits, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1759264