Zur Philosophie des Films – Ein Diskurs

Im Besonderen zum Verhältnis des Films und des Zuschauers


Hausarbeit (Hauptseminar), 2009

26 Seiten, Note: 2,7


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Filmphilosophie oder Philosophie des Films …
2.1. Die Philosophie und der Film
2.2. Was ist Filmphilosophie?
2.3. Ausgewählte Filmphilosophien
2.3.1. Rudolf Harms
2.3.2. Gilbert Cohen-Séat
2.3.3. Stanley Cavell
2.3.4. Gilles Deleuze
2.4. Jacques Rancière
2.4.1. Der Philosoph
2.4.2. Seine Filmphilosophie

3. Die Ästhetik im Film
3.1. Was ist die allgemeine Ästhetik?
3.2. Eine filmische Ästhetik
3.3. Der Film als Abbild der Welt
3.4. Mittendrin oder nur dabei?

4. Fazit

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Cinéma: Hundert Jahre Film – und erst heute nimmt sich ein Philosoph vor, eigene Begriffe für den Film zu formulieren. Was soll man von diesem blinden Fleck der philosophischen Reflexion halten?

Gilles Deleuze: Es stimmt, die Philosophen haben sich wenig um den Film gekümmert, selbst wenn sie ins Kino gingen. […] Immerhin finden sich die Filmkritiker, zumindest die größten, als Philosophen wieder, sobald sie an einer Ästhetik des Films arbeiten.“[1]

Gilles Deleuze, französischer Philosoph des 20. Jahrhunderts (1925-1995), ist einer der Erfinder einer philosophischen Begrifflichkeit des Films, die sich nicht aus dem Film heraus generiert oder von außen an den Film herantritt, sondern die einem bestimmten oder dem allgemeinen Film gerecht wird. Für Deleuze sind den Film betreffend zwei Bereiche entscheidend: die Bewegung und die Zeit. Diese Vorstellung entwickelt sich aus dem Verhältnis der Bilder im Film, für Deleuze übernehmen die Bilder innerhalb des Films die Funktion der reinen Begriffe, zur Bewegung. Den eigentlichen Bildern ist die Bewegung fremd, da die einzelnen Bilder voneinander getrennt sind, ebenso die Zeit, da sie keine reale Abbildung der Wirklichkeit sind. Dem gegenüber stehen die Möglichkeiten des bewegten Bildes. Erst durch die Bewegung der Bilder entsteht eine Wirkung im Raum und in der Zeit und folglich eine scheinbare Realität.[2]

Die Filmphilosophie oder Philosophie des Films[3] ist eine noch junge Teildisziplin der Philosophie.[4] In ihr wird häufig der Versuch unternommen, einzelne Filme ästhetisch auszuwerten und ihnen ästhetische Werte zu geben. Die Ästhetik des Films stellt einen weiteren Bereich der Ästhetik dar und es gilt in diesem Bereich spezifische Begrifflichkeiten und Eigenheiten des Films zu entwickeln und zu entdecken. Der Film hebt sich von den anderen Kunstwerken, die Gegenstand der philosophischen Ästhetik sind, ab, da in ihm die verschiedensten Wahrnehmungen und Wahrnehmungsmöglichkeiten kombiniert werden oder kombiniert werden können. Dies macht eine Ästhetik des Films unweigerlich komplizierter oder auch kontrastreicher als andere Künste oder Wahrnehmungen.

In der folgenden Arbeit soll versucht werden, sich mit der spezifischen Ästhetik des Films, im Besonderen mit seiner Abbildung der Welt und die Rolle des Zuschauers, auseinandersetzen. Hierbei soll zunächst verdeutlicht werden, was überhaupt eine Philosophie des Films ist. Deshalb wird auch die Entwicklung der Filmphilosophie betrachtet, um eine Einordnung der historischen philosophischen Auseinandersetzung mit dem Medium Film zu ermöglichen. Des Weiteren soll im Rahmen der Darstellungen einiger philosophischer Filmtheorien ein genauerer Blick auf den französischen Philosophen Jacques Rancière geworfen werden, der sich neben der politischen Philosophie mit der Ästhetik beschäftigt und hierbei sein Augenmerk auch auf die Ästhetik des Films legt. Es wird der Versuch unternommen, die Filmästhetik Rancières darzustellen. Anschließend soll kurz in die philosophische Ästhetik eingeführt und die spezifische Ästhetik des Films betrachtet werden. Welche Besonderheiten machen die Ästhetik des Films aus und inwiefern gerade ist die Darstellung des Films und die Stellung des Zuschauers zum Film ein deutliches Abgrenzungskriterium zu anderen Künsten.

2. Filmphilosophie oder Philosophie des Films …

2.1. Die Philosophie und der Film

Die Ursprünge einer Philosophie des Films liegen weit vor der eigentlichen Erfindung und Entwicklung des Films im ausgehenden 19. Jahrhundert. Gerade im Bezug auf die Ästhetik lassen sich bereits in der Frühzeit der Philosophie Theorien, Vorstellungen und Thesen finden, die sich auf den Film anwenden lassen und auf den Film reagieren, bzw. diesen erfassen können, obwohl diese nie für den Film bestimmt waren.[5] Die eigentliche Filmphilosophie entwickelte sich natürlich erst nach 1895, nachdem die Lumiere-Brüder den Kinematographen entwickelten und diesen der Öffentlichkeit präsentiert hatten. Etwa 20 Jahre später können die in den USA veröffentlichten Schriften des Psychologen und Philosophen Hugo Münsterberg als erste Arbeiten zu einer Philosophie des Films gesehen werden.[6]

Dennoch gibt es eine bemerkenswerte Auffälligkeit. Dies wird auch deutlich im zuvor zitierten Aufsatz von Dimitri Liebsch. Obwohl er versucht, einen Überblick über die Filmphilosophie zu geben, was ebenfalls Ziel des Gesamtbandes ist, lautet der Titel seines Aufsatzes „Philosophie und Film“ und nicht wie zu erwarten wäre „Philosophie des Films“.[7] Hierbei wird bereits die Schwierigkeit der Verortung der Filmphilosophie deutlich. Da es keine eigenständige Disziplin der Filmphilosophie innerhalb der Philosophie gibt und die meisten Arbeiten zur Filmphilosophie aus anderen Bereichen, so z.B. der Medien- und Filmwissenschaft, kommen, bleibt Liebsch nur die treffende Bezeichnung „Film und Philosophie“. Beispielhaft dazu ist auch der Schwerpunkt in Heft 3 / 1995 der Deutschen Zeitschrift für Philosophie: „Philosophie und Film – Ein hundertjähriges Verhältnis“. Die Bezeichnung „Ein hundertjähriges Verhältnis[8] ist selbstbeschreibend für den Zustand der Filmphilosophie im Gegenstandsbereich der Philosophie. Die Philosophie hatte sich zwar mit der Fotographie und auch der Kunst beschäftigt, dennoch war die Möglichkeit des bewegten Bildes zuvor weder aufgearbeitet noch thematisiert worden.

Noch in den ersten Jahren des Films wurde dieser abgetan als bloße Schaulust, welchem es an Bedeutung, Einfluss und Tiefe fehle, um überhaupt Gegenstand der Denker, beziehungsweise der Philosophen zu sein und zu werden. Den Kern der anfänglichen Skepsis bildete ein Dilemma: Ist es einerseits dem Film möglich, Realitäten abzubilden und einen Zugang zu diesen mittels photographischen Medien zu schaffen oder ist es andererseits nur eine Ansammlung von Praktiken, die zwar in ihren Einzelteilen einen ästhetischen, sozialen, rhetorischen, phänomenologischen oder ontologischen Wert und Gegenstand besitzen, darüber hinaus aber keine substantiellen Eigenschaften haben?[9] Berühmte philosophische Beispiele der Ablehnung des Mediums Film sind unter anderem Heidegger oder auch Adorno.[10]

Ebenso auffällig bleibt die Tatsache, dass die Filmphilosophie, wie bereits oftmals erwähnt, keine eigenständige Disziplin bildet, sondern ihre Ursprünge und Beschäftigungen oftmals aus Nachbardisziplinen stammen und deren Abhandlungen und Texte einen philosophischen Wert haben und als philosophische Texte zum Film betrachtet werden können. So finden sich Teile der Philosophie des Films unter anderem in der Germanistik, im Besonderen in der Film- und Theaterwissenschaft aber auch in den Naturwissenschaften wieder. Diese Liste ist auf fast alle Geisteswissenschaften und ebenso auf Veröffentlichungen von Filmschaffenden zu erweitern und macht deutlich, dass eine Beschäftigung mit den philosophischen Aspekten des Films durchaus stattfindet, jedoch nur in den seltensten Fällen in der Philosophie selbst zu finden ist. Selbst der zuvor zitierte Schwerpunkt aus der Deutschen Zeitschrift für Philosophie entstammt einer Tagung der Kulturwissenschaft zum Thema „Philosophie und Film“[11]. So ist eine genaue Zuordnung einer Filmphilosophie zur Philosophie nur erschwert möglich und nur unter Einschließen der Arbeiten anderer Disziplinen.[12]

Während im anglo-amerikanischen sowie ebenso im französisch-sprachigen Raum eine Filmphilosophie betrieben und vorangetrieben wird und durchaus in der Forschungsdiskussion ihren Platz findet, bleibt dem Film die Aufnahme in die deutschsprachige Philosophie weitestgehend verwehrt oder findet nur in Randbereichen der Ästhetik, anderen Bereichen der Philosophie oder anderen Disziplinen statt. Erst seit den 1970er Jahren gibt es eine verstärkte philosophische Beschäftigung mit dem Film, allerdings zumeist unter Ausblendung der zuvor gestellten Theorien und Texte zur Filmphilosophie. Gerade französische und amerikanische Autoren reduzieren die Auseinandersetzung mit dem Film gerne auf die Traditionen ihres eigenen Landes und verwehren Traditionen anderer Denker und Strömungen die Aufnahme.[13] Als prominentes Beispiel sei hier nur Gilles Deleuze zu erwähnen, der in seinen beiden Bänden zum Kino die angelsächsische philosophische Diskussion zum Film vollständig ausblendet.[14] Als Ausnahme dieser Ausschluss-Tendenz ist der amerikanische Philosoph Stanley Cavell zu nennen, der durchaus kontinental-europäische Philosophien, welche unter anderem zum Film tendieren, aufnimmt. Darüber hinaus gilt Cavell als der Filmphilosoph.[15]

„Of all the major philosophers in the world today, Cavell ist the only one who has made the study of film a central part of his philosophical work.“[16]

2.2. Was ist Filmphilosophie?

Nachdem nun die geschichtliche Besonderheit der Filmphilosophie dargelegt worden ist, gilt es nun zu klären, was genau eine Filmphilosophie ausmacht, und inwiefern Film philosophie Filmphilosophie und Film theorie Filmtheorie sind.

Jedoch ist genau diese Abgrenzung der beiden Auseinandersetzungen mit dem Film problematisch, da es kaum methodische Unterschiede in der Betrachtung und Bearbeitung des Films zwischen Philosophen und Filmtheoretikern gibt. Die Themen Filmkunst, Realismus im Film oder auch Bild und Sprache sind zugleich Gegenstände der Philosophie und der Filmtheorie. Eben aus diesem Grund ist es sehr schwer, genau festzulegen, was genau in der Filmphilosophie behandelt wird.

Betrachtet man die Filmphilosophie allein und versucht dieser eine Definition ihres Aufgabengebietes zu geben, ist es möglich, den Begriff der Filmphilosophie in zwei differente Richtungen zu entwickeln: zum Einen in eine Philosophie des Films als genetivus subiectivus, zum Anderen in eine Philosophie des Films als genetivus obiectivus. Beim Film als genetivus subiectivus wird dem Film eine eigene Philosophie zugeschrieben, das heißt dem Film selbst liegt eine Philosophie zu Grunde, welche dieser auszudrücken versucht und vermag. Im Gegensatz dazu steht der Film als genetivus obiectivus. Bei dieser Betrachtungsweise liegt die Philosophie dem Film nicht zu Grunde, sondern wird als Methode angewendet, den Film zu lesen und zu interpretieren. Obwohl diese Definitionen ein Gegensatzpaar bilden, treten sie bei der Betrachtung und philosophischen Interpretation des Films als Partner auf, die sich ergänzen oder aber sich zumindest nicht getrennt von einander behandeln lassen.

[...]


[1] Deleuze, Gilles: Le philosophe et le cinema. In: Cinema. Nr 334 (Dezember 1985). S. 2-3. Zitiert nach: Liebsch, Dimitri (Hg.): Philosophie des Films. Grundlagentexte. Paderborn 2005. S. 150.

[2] Siehe dazu: Deleuze, Gilles: Kino 1. Das Bewegungs-Bild. Frankfurt am Main 1997. Sowie Deleuze, Gilles: Kino 2. Das Zeit-Bild. Frankfurt am Main 1997.

[3] Im Folgenden werden die Begriffe Filmphilosophie oder Philosophie des Films äquivalent gebraucht.

[4] Siehe hierzu Kapitel 2. Arbeit.

[5] Ein Beispiel ist hierfür u. a. die Poetik des Aristoteles zum Aufbau des Dramas u. ä. (siehe: Aristoteles: Poetik. Stuttgart 1982.). Ebenso lassen sich zahlreiche andere philosophische Schriften zum Dramenaufbau, zum Theater, etc. auf den Film übertragen.

[6] Vgl. Liebsch, Dimitri: Philosophie und Film. In: Liebsch, Dimitri (Hg.): Philosophie des Films. Grundlagentexte. Paderborn 2005. S. 7.

[7] Hervorhebungen des Verfassers.

[8] Hervorhebung des Verfassers.

[9] Vgl. Koch, Gertrud: Schwerpunkt Philosophie und Film – Ein Hundertjähriges Verhältnis. In: Deutsche Zeitschrift für Philosophie. Heft 3. Berlin 1995. S. 453-454.

[10] Vgl. Recki, Birgit: Am Anfang ist das Licht. Elemente einer Ästhetik des Films. In: Nagl, Ludwig (Hg.): Filmästhetik. Berlin 1999. S. 38.

[11] Ebenso fand auch das Hauptseminar „Film und Philosophie. Philosophische Theorien, filmisches Philosophieren und reine Spekulation“ im Rahmen einer Zusammenarbeit mit dem filmwissenschaftlichen Institut statt.

[12] Vgl. Recki 1999. S. 40.

[13] Vgl. Liebsch 2005. S. 8f.

[14] Vgl. hierzu Deleuze Kino 1. 1997. Sowie Ders.: Kino 2. 1997.

[15] Siehe zu Cavell auch Kapitel 3.3 Arbeit.

[16] Putnam, Hilary (Logiker und Wissenschaftstheoretiker) zitiert nach Nagl, Ludwig: Einleitung: Denken und Kino. Das neue philosophische Interesse am Film. In: Nagl, Ludwig (Hg.): Filmästhetik. Berlin 1999. S. 15.

Ende der Leseprobe aus 26 Seiten

Details

Titel
Zur Philosophie des Films – Ein Diskurs
Untertitel
Im Besonderen zum Verhältnis des Films und des Zuschauers
Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz  (Philosophische Fakultät)
Veranstaltung
Film und Philosophie: Philosophische Theorien, filmisches Philosophieren und reine Spekulation.
Note
2,7
Autor
Jahr
2009
Seiten
26
Katalognummer
V176029
ISBN (eBook)
9783640971770
ISBN (Buch)
9783640972807
Dateigröße
557 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
philosophie, films, diskurs, besonderen, verhältnis, films, zuschauers
Arbeit zitieren
Maik Ruhnau (Autor:in), 2009, Zur Philosophie des Films – Ein Diskurs , München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/176029

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