Diese Arbeit behandelt die Wortbildung mit fremden Suffixen im Gegenwartsdeutschen. In der Forschungsliteratur wird die Bildung neuer Wörter mittels Suffixen unter die Oberbegriffe Ableitung, Derivation oder Suffigierung gefasst. Andere Wortbildungsarten wie Komposition, Präfigierung oder Konversion gehören nicht zum Gegenstand dieses Beitrages. Die fremden Suffixe werden synchronisch auf ihre Form und Funktion im System des heutigen Deutsch hin vornehmlich unter analytischer, nicht synthetischer Betrachtung untersucht. Im Vordergrund stehen somit die Wortgebildetheit bereits existierender Wörter und die Analyse ihrer Struktur, nicht allein die produktiven Modelle und Regeln für potentielle Wortbildungen.
Nach Klärung der Fragen: Was bedeutet der Ausdruck ‚fremd‘ in der Wortbildung des Deutschen? und Was ist das Schwierige an der Wortbildung mit fremden Suffixen? bertrachte ich aus verschiedenen Blickwinkeln die jüngere Fremdwortbildungsforschung. Am Beispiel der Untersuchungen zum Suffix -(at)ion weise ich dann empirisch auf der Basis einer eigens erstellten Wörterliste nach, dass die bisherigen Forschungsergebnisse unzureichend und intransparent sind. In diesem Hauptteil entwickle ich eine eigene Konzeption zur Analyse und Segmentierung fremdsprachlicher Ableitungen. Die methodischen Grundlagen fußen vor allem auf die Arbeiten von Fuhrhop (1998) und Plank (1981). Dann üperprüfe ich auf der Basis der Wörterliste, ob das alternative Konzept tatsächlich die Fremdwortsuffigierung plausibler beschreiben kann.
Das Ziel der Arbeit ist es, die ausdrucksseitig sehr komplexen fremdsprachlichen Suffigierungen durch die Bildung von Stammparadigmen transparenter darzustellen und die Anzahl der Suffixvarianten zu vermindern. Die formal-morphologische Untersuchung fremdsprachlicher Wörter und Suffixee nimmt dabei einen größeren Raum ein als die funktional-semantische Klassifizierung. Denn gerade hinsichtlich des morphologischen Status von fremden Elementen und der formalen Ableitungsbeziehungen divergieren die Auffassungen in der Forschung. Die Arbeit folgt aber nicht einer bestimmten Grammatik- oder Wortbildungstheorie.
Inhaltsverzeichnis
A Einführung
A.1 Was bedeutet ‚fremd‘ in der Wortbildung des Deutschen?
A.2 Schwierigkeiten bei der Wortbildung mit fremden Suffixen
A.3 Vorgehensweise der Arbeit
B Forschungsüberblick: Deutsche Fremdwortbildung
B.1 Kategorisierung fremdsprachlicher Elemente
B.1.1 Konfixe
B.1.2 Fremde Suffixe
B.2 Analyse von Fremdwortbildungen
B.2.1 Stammorientierte versus wortorientierte Analyse
B.2.2 Lexembasierte versus zeichenbasierte Analyse
B.3 Bildung von Stammparadigmen
C Entwicklung einer eigenen Methode
C.1 Die Formvarianz des Suffixes –(at)ion
C.1.1 Die Analysen von Wellmann und Dittmer
C.1.2 Überprüfung der Ergebnisse von Wellmann und Dittmer
C.2 Methodische Grundlagen für eine alternative Analyse
C.3 Stammparadigmen-Diskussion
C.3.1 Widersprüche in Fuhrhops Konzeption
C.3.2 Modifiziertes Stammparadiga
D Ergebnisse der Untersuchung
D.1 Funktion des modifizierten Stammparadigmas
D.2 Nominale und verbale Derivationsstammformenbildung
D.3 Form und Funktion fremder Suffixe
E Zusammenfassung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Wortbildung mit fremden Suffixen im Gegenwartsdeutschen unter synchronen Aspekten. Ziel ist es, durch eine formal-morphologische Analyse und die Anwendung von Stammparadigmen, die bisher unzureichende und intransparente Beschreibung der Suffixvarianten zu verbessern und den Wortbildungsprozess methodisch transparenter darzustellen.
- Synchron-strukturelle Betrachtung der Fremdwortbildung
- Kritische Analyse bisheriger Forschungsansätze (insb. Wellmann und Dittmer)
- Entwicklung eines modifizierten Stammparadigmenmodells als Analyseinstrument
- Empirische Überprüfung anhand einer eigenen, auf Korpusdaten basierenden Wörterliste
- Differenzierung in nominale und verbale Derivationsstammformen zur Reduktion von Suffixvarianten
Auszug aus dem Buch
C.1.1 Die Analysen von Wellmann und Dittmer
Wellmann formuliert im DW-Band zur Substantivableitung das Ableitungsmuster folgendermaßen: „Aus Nomina werden Substantive durch -ion (devot > Devotion), aus Verben meistens durch -ation abgeleitet; die Verbalendung -ier-(en) wird wie bei der Derivation mit –(at)eur und –(at)or regelmäßig getilgt.“ Trotz dieser generellen Regel führt Wellmann drei deverbale Suffixvarianten: –ion, –ition und –tion auf. Die Allomorphe gelten als morphologische Abwandlungen des Suffixes –ation und sind von der jeweiligen Verbbasis aus bestimmbar. Zusätzlich führt er zu jeder Suffixvariante bis zu neun morphologische oder besser formuliert morphophonologische Zusatzregeln für Konsonantenalternationen in der Basis auf: beispielsweise unter –tion die Zusatzregel [h] > [k] für Bildungen wie subtrahieren > Subtraktion. Insgesamt ergeben sich also fünf syntaktisch und morphologisch unterscheidbare Formen.
Die Ableitungsrichtung ist in 97 Prozent der Fälle Verb > Substantiv, wobei nach Wellmann das verbale Suffix getilgt wird. An anderer Stelle zum gleichen Ableitungsmuster spricht er von Suffixtausch oder Suffixwechsel zwischen Verb und Substantiv. Anscheinend gebraucht er hier die Begriffe Tilgung, Tausch bzw. Wechsel synonym, obwohl er ansonsten zwischen subtraktiven (reduktiven) und substitutiven Wortbildungsprozessen unterscheidet.
Dittmer kritisiert an Wellmanns Analyse, dass vom Verb aus nicht die richtige Suffixvariante voraussagbar ist: „Warum führt invest- zu Investition, demonstr- dagegen zu Demonstration?“ Anstatt wie Wellmann einseitig nach Vorbild semantisch ähnlicher, einheimischer deverbaler Ableitungen vorzugehen (umgeben > Umgebung), schlägt er vor, das Substantiv als Basis zu nehmen.
Zusammenfassung der Kapitel
A Einführung: Die Einleitung definiert den Untersuchungsgegenstand und klärt das Verständnis von „fremd“ in der Wortbildung, bevor sie die methodische Herangehensweise erläutert.
B Forschungsüberblick: Deutsche Fremdwortbildung: Dieses Kapitel gibt einen Überblick über den Stand der Forschung, kategorisiert fremdsprachliche Elemente und diskutiert verschiedene Analyseansätze.
C Entwicklung einer eigenen Methode: Hier werden die methodischen Grundlagen für einen alternativen Analyseansatz erarbeitet und die Stammparadigmenbildung kritisch diskutiert.
D Ergebnisse der Untersuchung: Dieses Kapitel präsentiert die empirischen Ergebnisse und validiert den modifizierten Ansatz der Derivationsstammformenbildung.
E Zusammenfassung: Die Arbeit schließt mit einer Bilanz der Ergebnisse und einem Ausblick auf weiterführende Forschungsmöglichkeiten ab.
Schlüsselwörter
Fremdwortbildung, Fremdsuffixe, Stammparadigmen, Derivation, Stammform, Morphologie, Wortbildung, Suffixvarianten, Modifiziertes Stammparadigma, Sprachstruktur, Synchronie, Derivationsstammform, Wellmann, Dittmer, Fuhrhop.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die Wortbildung mit fremden Suffixen im heutigen Deutsch unter formal-morphologischen Gesichtspunkten, um die Struktur dieser Bildungen transparenter darzustellen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Themen umfassen die Kategorisierung von Fremdwortelementen, die Analyse der Suffixvarianten (insb. am Beispiel von -(at)ion) sowie die methodische Diskussion von Stammmodellen.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Hauptziel ist es, einen eigenen Analyseansatz zu entwickeln, der Suffixvarianten durch die Bildung von Stammparadigmen reduziert und eine transparentere Segmentierung ermöglicht.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin kombiniert syntagmatisch-wortinterne und paradigmatisch-wortexterne morphologische Ansätze, basierend auf einer kritischen Weiterentwicklung der Stammparadigmen von Fuhrhop und Eisenberg.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil erörtert die methodischen Grundlagen, diskutiert die konkurrierenden Ansätze von Wellmann und Dittmer und stellt ein modifiziertes Modell der Stammparadigmen vor.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit fokussiert auf Begriffe wie Fremdwortbildung, Stammparadigmen, Suffixvarianten, Derivation und morphologische Transparenz.
Wie geht die Arbeit mit den Widersprüchen bei Fuhrhop um?
Die Autorin diskutiert die Inkonsistenzen in Fuhrhops Konzeption, insbesondere hinsichtlich der Abgrenzung von Suffixerweiterungen und Interfixen, und korrigiert diese durch eine modifizierte Definition.
Was ist der Vorteil des modifizierten Stammparadigmas?
Es ermöglicht die Trennung von verbalen und nominalen Derivationsstammformen, wodurch Suffixvarianten besser aufgelöst und die morphologische Struktur transparenter abgebildet werden kann.
- Arbeit zitieren
- Wolfram Baier (Autor:in), 2002, Form und Funktion fremder Suffixe im Gegenwartsdeutschen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/17615