Commedia dell`Arte und ihre Beziehung zur frühen Oper


Seminararbeit, 2011

14 Seiten, Note: Sehr Gut


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Der Weg der Stehgreifkomödie an den Hof
2.1 Comici an den Höfen
2.2 Imitation der Commedia dell`Arte
2.3 Commedia dell`Arte und Commedia erudita in Zusammenarbeit
2.4 Die komische Oper

3. Zusammenfassung

4. Bibliographie

1. Einleitung

Im Laufe dieser Arbeit soll die Frage geklärt werden, in wieweit das Stegreiftheater der Commedia dell`Arte und das literarische Hoftheater – insbesondere die frühe Oper – in Beziehung standen. Zwei Aspekte werden hierzu im Vordergrund stehen: ich möchte einerseits mit Hilfe exemplarischer Aufführungen den Weg der Commedia dell`Arte in die höfische Kultur skizzieren. Andererseits soll die Gattungsgeschichte thematisiert werden: während sich anfänglich Elemente der Commedia dell`Arte vor allem in den Zwischenspielen (Intermezzi) wiederfinden, vollzieht sich allmählich eine Genremischung: die Commedia dell`Arte löst sich in der komischen Oper[1] auf.

An dieser Stelle gilt zu betonen, dass komische Elemente sowohl im Volkstheater, als auch im höfischen und religiösen Theater seit jeher auftreten und Teil der menschlichen Lachkultur sind, die in dieser Arbeit jedoch nicht thematisiert wird. Vielmehr soll dargestellt werden, welche konstanten Berührungspunkte zwischen den Theaterformen bestanden haben und wie die Wirkung der Commedia dell`Arte auf das Publikum, den Geschmack und somit die Dramenproduktion (auch von Musikdramen) europaweit prägte.

In der Commedia dell`Arte manifestierte sich eine mit dem sehr starken Klassizismus im Streit liegende Tendenz des italienischen Theaters zu freieren Gattungsauffassung und Dramenformen, in denen etwa die Auflösung des einheitlichen Stils und der geschlossenen Stimmung bemerkbar ist. Die Commedia dell`Arte hat dazu beigetragen, dass diese Tendenzen in Italien und Frankreich, Ländern mit einem starken Klassizismus in Literatur und Kunst, zum Tragen kam. So mag man es mit dem durch die Commedia dell`Arte ausgedrückten und zum Teil geschaffenen Geschmack verbinden, dass in der neapolitanischen Version von Claudio Monteverdis L`Incoronazione di Poppea gegenüber der venezianischen Fassung das komische Element zugenommen hat und dem echt tragischen Seneca ein insolenter Page in den Szenen bei der Kaiserin Ottavia entgegensteht.[2]

Dieses etwas längere Zitat führt in meine Problemstellung ein: selbst klassizistische Werke aus einer sehr frühen Phase der Oper konnten sich der Commedia dell`Arte nicht entziehen. Wie kam es dazu?

2. Der Weg der Stehgreifkomödie an den Hof

2.1 Comici an den Höfen

Einleitend gilt festzuhalten, dass es in der Frühen Neuzeit drei große Blöcke der Theaterkultur[3] gegeben hat:

a) das Volkstheater (Akrobaten, Possen, Jahrmärkte, usw.),
b) das religiöse Theater und
c) das Hoftheater bzw. die höfische Oper.

Das religiöse Theater ist für mein Thema in zweierlei Punkten wichtig: Erstens hinsichtlich des Theaterjahres, da sich früher der Theaterkalender nach dem Glaubensjahr gerichtet hat. So wurde ein Theaterjahr mit der Fastnacht beendet (der letzte Tag des Faschings) und das neue Theaterjahr begann erst nach der Fastenzeit. In dieser Fastenzeit (auch Quaresima genannt) wurden vor allem religiöse Stücke wie Oratorien, Mysterienspiele, usw. gespielt – man kann von einer Dramatisierung des Gottesdienstes sprechen. Als Abschluss eines Theaterjahres war die Fastnachtsunterhaltung von großer Bedeutung und wurde äußert aufwendig zelebriert und inszeniert. Zweitens ist das religiöse Theater bezüglich der Entstehung von organisiertem Theaterwesen in Adelskreisen von großem Wert. Zwar hatte es im Volkstheater bereits ein organisiertes Theaterwesen gegeben (Stichwort: Berufsschauspieler, Wandertruppen, usw.). Im dritten Block, dem höfischen Theater, waren Adelige als bloße Laienschauspieler tätig. Zur Begleitung der Gottesdienste wurden vom Hof und von der Kirche so genannte Hofmusikkapellen geschaffen. Diese sind zwar dem religiösen Theater zuzuordnen; aber, und das ist entscheidend, die Kapellmeister und andere Künstler waren somit Berufskünstler. Diese schufen nicht nur sakrale Musik, sondern auch weltliche. Bedenkt man nun, dass einer der Väter der Oper – Claudio Monteverdi – Kapellmeister des Markusdoms in Venedig war, so sieht man eindeutig, dass die Verbindung von religiösem Theater und Berufskünstler wegbereitend war. Man darf nicht vergessen, dass diese Kapellen ebenso als Ausbildungsstätten für angehende Musiker und Sänger dienten, die keineswegs Wünsche nach einer kirchlichen Laufbahn hegten. Auf Grund des Theaterjahres war es für die Künstler dennoch unumgänglich, ebenso während der Quaresima entsprechende Leistungen zu erbringen. So war es für Komponisten nötig, sowohl weltliche als auch religiöse Musikgattungen zu beherrschen. Es erscheint nur logisch, dass die Madrigal, ein Vorläufer der Oper, größtenteils in diesen Kapellen entstand. Unter einer Madrigal versteht man die wichtigste Form weltlichen Gesangs im 16. und 17. Jahrhundert. Es handelt sich dabei um mehrstimmige Chorstücke, die im Rahmen der Kammermusik zu finden sind. Für viele Kapellmeister dieser Zeit war die Madrigal eine Möglichkeit, der sakralen Musik zu entkommen. Die Musik dabei begleitet nicht nur, sondern spiegelt den Inhalt wieder und war daher sehr komplex durchkomponiert. Madrigal ist der Stil, während man von einer Madrigalkomödie spricht, wenn es eine Erzählung in diesem Stil ist.[4] Ein Textausschnitt von Orlando di Lassos Fastnachtspiel Das große Nasenlied soll als kurzes Beispiel für eine Madrigaldichtung dienen:[5]

Das große Nasenlied – Das Fasnachtsspiel von den Nasen

Hört zu ein neus Gedicht von Nasen zugericht / der sein sehr viel und gnueg / einer jeder will mit fueg / damit sein in dem Gsellenspiel / ein schöne Nasen haben will; dem soll man sie lassen zu ruh / es seind noch ander Nasen gnueg.

Krade, krumpe, puckelte, einbogne, murrete, dicke breite, spitzet, maset, schrammet, gflickte, dreiecket und knollet, vierecket und drollet, gschneitzte, rotzig, butzig, gstumpfet, kumpfet, ruesig, driefend, blietzend, schnoflent, schnaufend, schnarchend, schnopffent, frostblaue, brennrote, zucket, frade, zschlagne, zkratzte, zbißne, zschnidne, zhackte, zrißne, blocket, hacket, zincket, muncket, pflunschet, stincket, gleisset, […] lange, kurtze, große, weite, hohe, nidere Nasen, Fleischnasen, Fischnasen, altfränkische Nasen, gantz Nasen, schön Nasen, sauber Nasen […] .

Natürlich hatte es seit jeher im Theater auch Musik gegeben und so muss zwischen Musiktheater und der Oper unterschieden werden. Die Oper konnte sich zuerst nur an den Höfen entwickeln (ab ca. 1600 in Norditalien), da sowohl entsprechendes Künstlerwissen, als auch ein sehr hoher finanzieller Aufwand damit verbunden waren. Man denke hierbei an Bühnenbild, Maschinenkonstruktionen, Kostüme, wie ebenso die Finanzierung einer ganzen Kapelle. Sie diente in weiterer Folge der Repräsentation und führte dazu, dass auch an den Höfen immer mehr Berufsschauspieler tätig wurden; schließlich wollte jeder Hof über die besten Sänger, Musiker, usw. verfügen, um ausreichend Reputation zu erhalten. Im 17. Jahrhundert war es zwar bedeutender Teil der Erziehung von Adeligen, Tanz (z. B. Ludwig XIV.), Komposition (z. B. Leopold I.) und anderes zu erlernen. Trotzdem wurden die Laienschauspieler aus den eigenen Reihen weiter verdrängt und durch im besten Falle international anerkannte Künstler ersetzt. Diese Berufsschauspieler entstammten zum Teil aus den Reihen der Comici-Truppen.

Folgend ein Zitat aus dem Jahre 1625:

... Um 8. Uhr zu Abend sind beyde Ihre Kayserl[ichen] Maj[estäten] sammt denen Königl[ichen] und eingeladenen Personen in die neue Burg über den höltzernen Gang gegangen, und als sie sich auf dem grossen Saale niedergesetzt, sind aus einer Scena 6. Personen, so alle Hof=Musici gewesen, in unterschiedlichen Kleidungen erschienen, die erste à la Romana, die andere à la Genuesa, die dritte à la Neapolitana, die vierte wie eine Gratia, die fünffte wie ein Pantalon, und die sechste wie ein Zani. Diese haben in Versen in Wällischer Sprache eine Comoedie agirt, und dieselbe singend, mit schönen Madrigalen geendet. Alsdann hat ein ieglicher seiner Pro fession halber dem Kayser ein Praesent: Als der Pantalon schöne Christallene Gläser, und der zani eine Schüssel voll Magegeroni [sic], darbey auch ein ieglicher in seiner natürlichen Sprache eine Rede gethan, das ein grosses Gelâchter verursachet. Hernach sind zwölff Hof=Dames wie Hirtinnen in weissem Taffet mit leibfar benen Schnüren verbrämt, begleitet von so viel Cavalieren auch weiß gekleidet, und weiß taffetne Hüdte mit leibfarbenen Federn auf, und in Händen weisse Wind=Lichter habend, erschienen. Etliche unter ihnen haben getantzet, andere gesungen, u. andere auf Lauten und Citharen geschlagen, und das hat eine halbe Stunde ungefähr lich gewährt. ... Da Ihre Majestät wiederum in die alte Burg ge gangen. Wo auf dem Platze ein stattliches Feuerwerck ... gehalten worden. ... Darauf sind zwey grosse Triumph=Wägen, darinnen des Kaysers Musici gesessen, erschienen, ... und haben schöne Compositiones von Valentin, Kayserl[ichem] Organisten, componirt, ge sungen.[6]

[...]


[1] Der Begriff „komische Oper“ wurde gewählt, um in weiterer Folge zwischen Opera buffa und Opéra comique unterscheiden zu können.

[2] Finscher, Ludwig (Hg.): Die Musik in Geschichte und Gegenwart: allgemeine Enzyklopädie der Musik. Kassel: Bärenreiter; Stuttgart: Metzler, 19972; Bd. 2, S. 960

[3] Vgl.: Hadamowsky, Franz: Wien. Theatergeschichte. Von den Anfängen bis zum Ende des Ersten Weltkrieges. Wien: Jugend und Volk, 1988

[4] Vgl.: Sadie, Stanley (Hg): The New Grove Dictionary of Opera. London: Macmillan Press Limited, 1992

[5] Für die Musik zu diesem Text bitte folgenden Youtube-Link verwenden (20.3.2011): http://www.youtube.com/watch?v=DYEeUgynfZo&feature=related

[6] Franz Christoph Khevenhüller: Annales Ferdinandei 10. Leipzig, 1724; Sp. 713 f. (Kh 1625 VII 9.)

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Details

Titel
Commedia dell`Arte und ihre Beziehung zur frühen Oper
Hochschule
Universität Wien
Note
Sehr Gut
Autor
Jahr
2011
Seiten
14
Katalognummer
V176216
ISBN (eBook)
9783640975327
ISBN (Buch)
9783640975815
Dateigröße
466 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Commedia, Commedia dell Arte, Serva Padrona, Oper, Opera buffa, Komische Oper, Moliere
Arbeit zitieren
Silvia Freudenthaler (Autor), 2011, Commedia dell`Arte und ihre Beziehung zur frühen Oper, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/176216

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