Die zentrale Fragestellung dieser Arbeit ist: Welcher Gottesbezug wird in „Die Leiden des jungen Werthers“ vermittelt und wie ist seine Bedeutung und Funktion?
Die zentrale These ist, dass Werther an die Geschlechterliebe als Religion glaubt. Die Liebe zwischen Mann und Frau ist für ihn die wichtigste Instanz. Lotte wird als Gottheit dargestellt und auch die Ewigkeit ist durch die Gemeinschaft mit ihr definiert. Der Mensch ist also das Subjekt des Glaubens.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Werthers Beziehung zu Christus
2.1 Werthers Identifikation mit Jesus als moralischen Lehrer
2.2 Werthers Identifikation mit der Passion Christi
3 Werthers Beziehung zu Gott
3.1 Werther sieht in Gott den Schöpfer und Bewahrer der Welt
3.2 Werthers Vaterbezug zu Gott
4 Werthers Beziehung zu Lotte
4.1 Lotte als seine Heilige
4.2 Ewiger Bund im Jenseits
5 Ergebnis und Ausblick
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht den spezifischen Gottesbezug in Johann Wolfgang Goethes Briefroman „Die Leiden des jungen Werthers“. Ziel ist es zu analysieren, welche Rolle christliche Motive und Gottesvorstellungen spielen, wie diese durch Werther vermenschlicht werden und inwiefern sie in der Verehrung Lottes als zentraler Lebens- und Glaubensinstanz münden.
- Die Identifikation Werthers mit Jesus als moralischem Lehrer und in der Passion.
- Werthers Wahrnehmung Gottes als Schöpfer, Bewahrer und Vaterfigur.
- Die Sakralisierung der Liebe durch die Erhöhung Lottes zur Heiligen.
- Die Hoffnung auf eine ewige, metaphysische Verbindung mit Lotte im Jenseits.
- Das Spannungsfeld zwischen konventionellem Glauben und individueller Lebensgestaltung.
Auszug aus dem Buch
2.2 Werthers Identifikation mit der Passion Christi
Im Verlauf des Romans nehmen Werthers Leiden immer mehr zu. In seiner Verzweiflung bedient er sich der Worte des Evangeliums. Er inszeniert sich selbst als Abbild Jesu und durch seinen Selbstmord vermenschlicht er den Opfertod Christi. Gerhard Möbus spricht von einer „Umdeutung ins Menschliche“.
Werther will damit nicht blasphemisch wirken, schließlich schreibt er: „ich ehre die Religion“ (S.184). Sie ist aber nicht sein Halt. Laut Hermann Zabel ist Werther „kein zweiter Christus“. Er wendet die Worte der Bibel nur an, in der Hoffnung, dass er Trost und Beistand findet.
In seinem Brief vom 15. November bringt er diesen Leidensvergleich zum Ausdruck (S.184). Hier schreibt Werther Worte Jesu aus der Passionsgeschichte nieder. Jesus sprach im Garten Gethsemane von dem Leidenskelch, den er trinken müsste (Matth.26, 39). Er flehte Gott an, dass er ihm diesen Kelch, also praktisch seinen Opfertod, ersparen möge. Auch Werther bezeichnet sein Schicksal als „Kelch“ (S.184). Er schreibt, dass „der Kelch […]zu bitter“ wurde und er nicht so tun kann, „als schmekte er [ihm] süße.“ (S.184). Im Gegensatz zu Christus kann Werther diesen Kelch nicht ertragen und so tun als würde es ihm leicht fallen. Er fühlt, dass „mit ihm die Welt untergeht“ (S.194). Doch auch in dem Wort Kelch steckt ein klarer Kontrast. Der Kelch Jesu ist es zu sterben. Diesen möchte er in Matthäus 26 vorübergehen lassen. Werthers Kelch ist es zu leben. Er kann sein Leben nicht mehr ertragen. Im Unterschied zu Jesus, der den Kelch von Gott erhält, bekommt Werther ihn von Lotte (S.272). Dazu schreibt er: „Hier Lotte! Ich schaudere nicht den kalten schröklichen Kelch zu fassen“ und „Du reichtest mir ihn…“. An dieser Stelle deutet Werther den „Kelch“ wieder in seinen ursprünglichen Sinn um, den zu sterben.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Diese Einführung erläutert die Rezeptionsgeschichte des Werkes und stellt die zentrale Fragestellung nach der Bedeutung und Funktion des Gottesbezugs in Goethes Roman dar.
2 Werthers Beziehung zu Christus: Dieses Kapitel analysiert Werthers Identifikation mit Jesus Christus als ethisches Vorbild sowie seine Imitation der Passionsgeschichte.
3 Werthers Beziehung zu Gott: Es wird untersucht, wie Werther Gott als Schöpfer, Bewahrer und Vater wahrnimmt, wobei die Beziehung zunehmend durch seine persönliche Verzweiflung geprägt ist.
4 Werthers Beziehung zu Lotte: Dieses Kapitel zeigt, wie Lotte zur zentralen religiösen Instanz und Heiligen für Werther wird, die den Platz der traditionellen Gottesbeziehung einnimmt.
5 Ergebnis und Ausblick: Diese Zusammenfassung resümiert die „Sakralisierung der Liebe“ und deutet weiterführende Ansätze wie die Religionskritik im Kontext der Sturm-und-Drang-Zeit an.
Schlüsselwörter
Johann Wolfgang Goethe, Die Leiden des jungen Werthers, Gottesbezug, Christusidentifikation, Passion Christi, Schöpfergott, Vaterfigur, Sakralisierung der Liebe, Lotte, Werther, Todessehnsucht, Religion, Liebeswahn, Jenseits, Anthropozentrik
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die religiösen Bezüge und die Gottesvorstellung der Hauptfigur Werther in Goethes Briefroman und analysiert deren Funktion für seine Handlungen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die Interpretation biblischer Inhalte durch Werther, die Identifikation mit Christus, die Rolle Gottes als Vater und die Verehrung von Lotte als quasi-religiöses Zentrum.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Die zentrale Fragestellung lautet: Welcher Gottesbezug wird in „Die Leiden des jungen Werthers“ vermittelt und welche Bedeutung sowie Funktion hat dieser für die Figur?
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine literaturwissenschaftliche Textanalyse, kombiniert mit hermeneutischen Ansätzen zur Auslegung der verwendeten Bibelzitate im Roman.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in drei Bereiche: Werthers Verhältnis zu Christus (als Lehrer und in der Passion), sein Gottesbild (Schöpfer und Vater) und die Transformation seiner Religiosität in die Liebe zu Lotte.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind unter anderem Gottesbezug, Christusidentifikation, Vaterfigur, Sakralisierung der Liebe und Werther.
Wie deutet Werther den „Kelch“ in seiner Leidensgeschichte?
Werther nutzt das biblische Bild des Leidenskelchs aus der Gethsemane-Szene, um sein eigenes Schicksal zu beschreiben. Während Jesus den Tod als Kelch sieht, ist es für Werther zunächst das Weiterleben, das er nicht mehr ertragen kann, bevor er den Begriff wieder in Richtung Sterben umdeutet.
Warum wird Lotte in der Arbeit als „Heilige“ bezeichnet?
Die Autorin arbeitet heraus, dass Werther Lotte als göttliches Wesen verehrt, sie zur Vermittlerin von Sündenvergebung erhebt und sie zum eigentlichen Mittelpunkt seines Gebets und Strebens macht, womit sie Gott als Lebensinhalt verdrängt.
- Citation du texte
- Sabrina Freitag (Auteur), 2011, Der Mensch – „der gepriesene Halbgott“ (S.198): Bedeutung und Funktion des Gottesbezugs in Johann Wolfgang Goethes „Die Leiden des jungen Werther“, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/176251