Auf der Suche nach dem Ich

Über Identitätsprobleme und die Suche nach familiären Wurzeln in Nicolas Dickners "Nikolski"


Seminararbeit, 2011

22 Seiten, Note: Sehr gut


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Québec, eine von Identitätskrisen geplagte Nation

3. Nicolas Dickner
3.1. Biographie
3.2. Nikolski
3.2.1. Inhalt
3.2.2. Struktur, Stil und Erzählweise

4. Auf der Suche nach dem Ich
4.1. Über Identitätsprobleme
4.2. Die Suche nach familiären Wurzeln

5. Schlussbetrachtung

6. Bibliographie

1. Einleitung

Identität, so könnte man sagen, ist der wesentlichste Anteil unserer Persönlichkeit, den wir neben unserem Zugehörigkeitsgefühl zu einem bestimmten Land oder Ort, mit in die Wiege gelegt bekommen. Sie ist es, die uns als Mensch ausmacht, über die Mann und Frau sich zu definieren versuchen und die uns zeigt, welch bewusste (aber auch unbewusste) vererbte Wesensanteile wir von unseren Bezugspersonen, zumeist unseren Eltern, mit auf den Lebensweg bekommen haben. Identität ist folglich eine Eigenschaft per se, die niemals in Frage gestellt wird, da wir alle sie automatisch in uns verankert haben. Wendet man allerdings den Blick von unserem europäischen Raum ein wenig ab und widmet sich einem Land und seiner Bevölkerung, die sich als Kanadier bezeichnet, so stößt man hier auf ein ganz anderes Bild und wird mit einer Frage konfrontiert, die sich hierzulande wohl kaum jemand im Laufe seines Lebens stellen muss, nämlich „Was ist Identität?“. Die Geschichte der kanadischen Provinz Québec und die seiner Bewohner ist zweifellos eine problematische, man wage sogar zu behaupten, Québec sei eine von Identitätskrisen geplagte Nation. Die ständige Frage der Zugehörigkeit, das Problem der Amtssprache und die eigentliche Vorgeschichte dieses Landes tragen dazu bei, dass wohl jeder Quebécer und jede Quebécerin schon in frühen Lebensjahren mit dem Problem der Identität konfrontiert wird. Wie jedoch jeder Einzelne damit umgeht und welche Lösungen es gibt, eine für sich stimmige Antwort zu finden, ist unterschiedlich. Eine Möglichkeit unter vielen wäre beispielsweise ein Buch darüber zu schreiben und sich mit der Frage zu beschäftigen, wohin einen das Leben führt, wenn man sich dazu entschließt, seine wahre Identität und somit seine Wurzeln im Leben zu suchen. Ausgehend von der Identitätsproblematik vieler QuébecerInnen schildert Nicolas Dickner in seinem Roman Nikolski die Schwierigkeit der Identitätsfindung, nämlich wenn es darum geht, seine familiären Wurzeln zu finden, um in weiterer Folge die wohl wichtigste Frage, nämlich „Wer bin ich“, beantworten zu können.

Die Gründe, weshalb es sich bei der Provinz Québec um eine von Identitätskrisen geplagte Nation handelt, sollen im ersten Teil dieser Arbeit behandelt werden. Anhand der von mir ausgewählten Sekundärliteratur möchte ich sowohl einen historisch-politischen Überblick über die quebécische Geschichte in den 1980er und 90er geben, als auch eine kurze Definition über Identität aufzeigen.

Der Roman Nikolski und dessen Autor Nicolas Dickner sollen in einem anschließenden zweiten Teil vorgestellt werden. Eine biographische Übersicht des Autors, eine kurze inhaltliche Zusammenfassung des Romans und auch ein kleiner Einblick in dessen Struktur, Stil und Erzählstil runden diesen Abschnitt ab.

Der dritte Teil meiner Seminararbeit, welcher zugleich das Hauptthema darstellen soll, widmet sich der Identitätsproblematik in Nikolski. Es soll aufgezeigt werden, inwiefern die Protagonisten dieses Romans unter der Frage nach der eigenen Identität zu leiden haben und inwiefern die familiären Wurzeln diesbezüglich eine Rolle spielen.

Eine abschließende Konklusion im vierten Teil dieser Arbeit soll die wesentlichen Erkenntnisse zusammenfassen und die Frage beantworten, ob die Suche nach dem Ich in Dickners Roman ein gutes Ende genommen hat.

2. Québec, eine von Identitätskrisen geplagte Nation

Betrachtet man den geschichtlichen Hintergrund Québecs, so ist es wohl wenig überraschend, dass dieses Land und seine Bevölkerung seit jeher mit dem Problem der Identität zu kämpfen hatte. Wirft man einen Blick auf die historischen Ereignisse der 80er und 90er Jahre, jener Zeitraum, der in Nikolski behandelt wird, so zeigt sich vor allem im politischen Bereich eine unstabile, gar zerbrechliche Entwicklung. Bereits in den frühen 1980er Jahren sieht sich das Land mit einer scheinbar unüberwindbaren Krise konfrontiert. Wirtschaftliche Probleme, die Rezession der Weltwirtschaft, eine hohe Inflation und die nicht enden wollende steigende Zahl der Arbeitslosen stellt die BewohnerInnen vor große Probleme. Zwar versuchte die damals an der Macht stehende reformwillige Parti québécois die Missstände zu beheben, doch gelang ihr dies nicht. Die Folge war ein Regierungswechsel, welcher unter dem Wahlsieg der liberalen Partei mit Rober Bourassa an dessen Spitze eine neue und bessere Epoche für Québec einleiten sollte. Weiters legte Québec einen Fünf-Punkte-Plan vor, der u. a. die Anerkennung der eigenen Provinz als „distinkte“ Gesellschaft und eine größere Mitsprache in Fragen der Immigration forderte. Stand man einer Umsetzung dieses Planes in den späten 80er noch positiv gegenüber, so sollte sich das Blatt 1990 wenden. Sowohl die autochthonen Abgeordneten erhoben Einspruch gegen den Ablauf des Verfahrens, als auch das Parlament von Neufundland erklärte die freie Abstimmung für nichtig, ein schwerer Rückschlag für die kanadische Verfassung. Doch vier Jahre später, als die Parti québécois mit Jacques Parizeau erneut die Wahlen gewann, wurde der Wunsch nach Unabhängigkeit so stark wie nie zuvor. Ein Referendum wurde organisiert und ein Jahr später, am 30. Oktober 1995 abgehalten. Das Ergebnis war jedoch weniger erfreulich. Mit einer knappen Mehrheit von 0,5 % konnten die Föderalisten den Sieg davontragen und der Traum von einem unabhängigen Québec zerplatzte.[1]

Es ist also in Anbetracht dieser Ereignisse durchaus verständlich, dass viele KanadierInnen mit dem Problem der Identität zu kämpfen haben und verschiedene Wege und Möglichkeiten in Betracht ziehen, um diese innere Zerrissenheit auf individuelle Art und Weise aufzuarbeiten. Stellt man sich nun die Frage, welchen Standpunkt die Identität generell für den Menschen in der heutigen Zeit einnimmt, so lässt sich sagen, das diese im ausgehenden 20. Jahrhundert eine wie noch nie zuvor präsente Rolle in Politik und Medien, im alltäglichen Sprachgebrauch sowie im Wissenschaftsdiskurs eingenommen hat. Es scheint, als unterliege die Beschaffenheit und Bedeutung von Identität einer wachsenden Unsicherheit. Leben wir in einer Welt, die mittlerweile so stark von Migration und Globalisierung durchwachsen ist, dass wir im Laufe der Zeit vergessen haben, uns als Individuum anstelle eines Kollektivs zu sehen?[2] Doch wie genau setzt sich Identität zusammen? Stuart Hall zufolge gibt es im Wesentlichen zwei verschiedene Modelle der Identitätsproduktion. Das traditionelle und „naturalistische“ Modell geht davon aus, dass ein wesenhafter Inhalt oder Kern von Identität angenommen wird, der durch einen gemeinsamen Ursprung und/oder durch gemeinsame Eigenschaften mit einer Gruppe definiert ist.[3] Demzufolge könnte man davon ausgehen, dass wir zwar als Individuum geboren werden und leben, uns aber dennoch gewisse Anteile der Persönlichkeit während unserer Kindheit von den uns umgebenden Menschen, vor allem aber durch die Eltern aneignen. Identität, so könnte man folglich sagen, ist daher eine gewisse Art der Vererbung. Das zweite Modell, welches von Hall vertreten wird, bedient sich des diskursiven Zuganges. Identität wird hierbei als ein Prozess betrachtet, der niemals abgeschlossen ist und immer „gewonnen“ oder „verloren“ werden kann.[4] Man könnte also, dieser Auffassung folgend, sagen, dass wir ein ganzes Leben lang die Möglichkeit haben, unsere Identität zu formen und auch zu verändern.

3. Nicolas Dickner

3.1. Biografie

Der 1972 in Rivière-du-Loup (Quebec) geborene Jungautor Nicolas Dickner feierte seinen großen literarischen Durchbruch mit der Nouvelle „ L’encyclopédie du petit cercle“, welche zur Jahrtausendwende erschien und ihm innerhalb von kurzer Zeit gleich mehrere Literaturpreise (u.a. Adrienne-Choquette und Jovette-Bernier) einbrachte.[5] Das Erforschen von fremden Kulturen, welche wohl wesentlich dazu beigetragen haben, seine eigenen Wurzeln in einem von Identitätskrisen geplagten Québec zu finden, verlockte den jungen Autor bereits in seinen Jugendjahren dazu, ausgedehnte Reisen durch Lateinamerika und Europa zu unternehmen. So absolvierte er beispielsweise ein Bachelorstudium in Literaturwissenschaft an der Universität Laval, ein Praktikum für Informatik in Peru und einen einjährigen Schreibaufenthalt in Deutschland, ehe er sich dazu entschloss, seinen Anker endgültig in Quebec zu setzen. Auf den Gedanken, sich selbst als Autor zu bezeichnen, würde Dickner wohl nie kommen. Vielmehr sieht er sich, so ist es einem Interview zu entnehmen, als eine Art Klempner, dessen Aufgabe es ist, verschiedenste Teilstücke miteinander zu verbinden, um am Ende ein einheitliches Ganzes entstehen zu lassen.[6] Dass Nicolas Dickner sehr wohl versteht, was es heißt, eine ordentliche und saubere Arbeit zu verrichten, zeigt sein erster Roman Nikolski, welcher 2005 veröffentlicht wurde und sogleich großen Anklang fand.

Hinsichtlich Dickners Schreibstil sei gesagt, dass dieser sehr an jenen von Jacques Poulin erinnert. So zeichnet sich Nikolski vor allem durch einfache Sätze, skizzierte Dialoge und typisch poulinsche Ausdrücke aus, wie beispielsweise der Gebrauch des Verbes „emprunter“ als Synonym für „voler“ oder „on a l’air d’une bande de zouaves“ zeigt. Auch die im Roman Nikolski häufig anzutreffenden Aufzählungen, die Vielzahl kleinerer Geschichten und die Integrierung nichtliterarischer Formen (wie etwa die wissenschaftlich-anatomische Beschreibung der Scholle) erinnern oftmals an Jacques Poulin, was die Vermutung bestätigt, dass wohl eine geheime Verwandtschaft zwischen Nikolski und dem Volkswagen Blues besteht.[7]

3.2. Nikolski

3.2.1. Inhalt

Drei Personen im Alter von 20 Jahren entscheiden sich nach Montreal zu kommen, um dort ein neues Leben zu beginnen und sich selbst zu finden. Es handelt sich hierbei um Noah, Sohn einer Nomadin, der seine Mutter im Alter von 18 Jahren verlässt, um seinen sehnlichsten Wunsch, endlich sesshaft zu werden, realisieren zu können. Vom Vater fehlt jede Spur und die einzige Form der Erinnerung stellen alte Postkarten und Briefe dar, welche die Kommunikation zwischen ihm und seiner Mutter Sarah symbolisieren sollen. Joyce, die zweite Person im Bunde, beschließt ebenfalls schweren Herzens, den sicheren Hafen ihrer Heimat zu verlassen mit der stillen Hoffnung, im fremden Montreal ein Stück Vergangenheit, nämlich den womöglichen Aufenthaltsort ihrer Mutter ausfindig machen zu können. Auch ihr Leben gleicht jenem eines einsamen Wanderers, der sich auf die Reise gemacht hat, ohne genau zu wissen, wohin der Weg ihn führt. Dies stellt eine Parallele zu Noahs Leben dar. Bei der dritten Person handelt es sich um den anonymen Ich-Erzähler, der sich im Verlauf der Geschichte hin und wieder zu Wort meldet, aber dennoch großen Wert darauf legt, anonym zu bleiben. Was genau er in seinem Leben sucht, erfährt die Leserschaft leider nicht, doch liegt die Vermutung nahe, dass auch er, wie seine beiden „Reisekollegen“ auf der Suche nach sich selbst ist. Der Kompass „ Nikolski “, der sich im Besitz des Ich-Erzählers befindet, nimmt ebenfalls einen großen Stellenwert innerhalb dieser Geschichte ein. Eigentlich könnte man davon ausgehen, dass dieses Gerät die Identitätssuche erleichtern soll, doch macht der anonyme Erzähler die LeserInnen schon im ersten Kapitel darauf aufmerksam, dass dieser nicht nach Norden zeigt, sonder unter einer magnetischen Abweichung zu leiden scheint und folglich auf eine kleine Insel weist, die nur über ein einziges kleines Dorf mit dem Namen Nikolski verfügt. An dieser Stelle kommt ein weiteres Geheimnis zu Tage, dass den drei Protagonisten nicht bekannt ist: Die Figur des Jonas Doucet. Doucet verbrachte sein Leben in der Marine, lernte im Verlauf seines Lebens die Mutter von Noah und jene des anonymen Ich-Erzählers kennen und ist weiters der vermisste Onkel von Joyce….

[...]


[1] Vgl. Ertler, S.209f.

[2] Vgl. Lutter / Reisenleiter 1998, S.93.

[3] Vgl. ebda, S. 96.

[4] Vgl. ebda.

[5] Vgl. Leblanc 2006, S.14.

[6] Vgl. Morency 2006, S. 9.

[7] Vgl. Biron 2005, S. 139-146.

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Auf der Suche nach dem Ich
Untertitel
Über Identitätsprobleme und die Suche nach familiären Wurzeln in Nicolas Dickners "Nikolski"
Hochschule
Karl-Franzens-Universität Graz  (Romanistik)
Veranstaltung
Neuere frankokanadische Literatur
Note
Sehr gut
Autor
Jahr
2011
Seiten
22
Katalognummer
V176276
ISBN (eBook)
9783640975662
ISBN (Buch)
9783640975938
Dateigröße
492 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Dickner, Nikolski, kanadischer roman, Kanada literatur
Arbeit zitieren
Stefan Loidl (Autor), 2011, Auf der Suche nach dem Ich, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/176276

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