Darstellung und Reflexion kreativer Prozesse anhand psychologischer und theaterpädagogischer Betrachtungsweisen von Menschen mit Behinderung

Am Beispiel des Theaters Howei


Seminararbeit, 2009
24 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhalt:

1. Einleitung

2. Kreativität und geistige Behinderung
2.1. Der Begriff der Kreativität
2.2. Zur kreativen Person und Persönlichkeit
2.3. Zu den Einflüssen der Umwelt
2.4. Auswirkungen kreativer Aktivitäten auf die Identitätsentwicklung von Menschen mit geistiger Behinderung
2.4.1. Identitätsentwicklung am Beispiel der Teilnehmer des Howei- Theaters

3. Die künstlerische Dimension des Theaters

4. Theaterpädagogische Techniken am Beispiel von „Urlaub mit Chaffeur“
4.1. Angewandte Theatertechniken
4.2. Entwicklung in der Gruppe- Prozess, Verlauf, Veränderungen
4.3. Probenstrukturierung
4.4.. Reflexion und Beurteilung einzelner Theatertechniken
4.5. Konfliktbehandlung

5. Die Rolle der/s Leiters/in

6. Fazit

7. Quellenverzeichnis

„Am meisten Spaß hat mir alles gemacht.“

Olaf Zahn, Teilnehmer der Theatergruppe Howei

1. Einleitung

In der vorliegenden Arbeit sollen kreative Prozesse und Betrachtungsweisen anhand psychologischer und theaterpädagogischer Aspekte untersucht und am Beispiel der Theatergruppe Howei reflektiert werden. Zunächst wird der Begriff der Kreativität erläutert, mithilfe psychologischer Betrachtungsweisen untersucht und bestimmte Merkmale herausgebildet, die für die theaterpädagogische Arbeit mit Menschen mit Behinderungen von besonderer Wichtigkeit erscheinen. Vor allem der Aspekt der gegenseitigen Beeinflussung von Kreativität und Umwelt ist hier von Bedeutung, aber auch die Entwicklung der Identität des agierenden Subjekts durch kreatives Handeln und Denken.

Neben der psychologischen Wirksamkeit kreativer Prozesse wird die künstlerische Dimension des Theaters untersucht. Anschließend wird die eigene Theaterarbeit reflektiert und die Rolle der Leitung veranschaulicht.

2. Kreativität und geistige Behinderung

2.1. Der Begriff der Kreativität

Kreativität stammt aus dem Lateinischen „creare“ und bedeutet „erzeugen, erschaffen, hervorbringen“1. Im Sprachgebrauch bezeichnet man Kreativität auch als Einfall, der „im Unterschied zu dem rein analytischen Denken besonders durch das Finden neuer Problemlösungen gekennzeichnet.“2 ist. Es ist also ein Phänomen, das „vom Mensch her gedacht werden sollte“3, das heißt, eine menschliche Eigenschaft und ein Potential jedes Menschen. Eine ethische oder kulturelle Selektion in Hinblick auf die Fähigkeit des kreativen Denkens wird somit ausgeschlossen. Menschen mit kognitiver Beeinträchtigung, also Menschen mit geistiger Behinderung, verfügen ebenso über kreatives Potential und Ausdrucksfähigkeit. In wie weit das kreative Denken eines Subjekts schließlich konstruktiv ist oder prosozial, ist von verschiedenen Faktoren abhängig. Nicht nur die eigene Fähigkeit zu Offenheit und neuem Denken spielt dabei eine Rolle, sondern auch die Rahmenbedingungen von Außen. So bietet die Eigenschaft der Kreativität jedem „Individuum die Chance, in seiner Interaktion mit den Materialien seiner Erfahrung, mit Dingen, Menschen oder Geschehnisse Produkte neuartiger Gestaltung hervorzubringen.“4 Es ist also eine Eigenschaft, die von jedem Menschen ausgeführt werden kann- in welchem Maße jedoch ist letzten Endes von jedem Individuum selbst abhängig.

Wenn ein Mensch kreativ ist, dann führt dies zu einer „inneren Befriedigung“, „einem Erleben von Freiheit“5 und zur Selbstverantwortung, da dieser sich selbst und seine ganz individuellen Vorstellungen in Form kreativer Tätigkeiten verwirklicht. Kreativität kann also als eine Möglichkeit der Neugestaltung im Sinne des eigenen Ichs als auch der Umwelt und des menschlichen Miteinanders verstanden werden. Folglich definiert ein kreativer Prozess ein über sich selbst hinaus wachsen, ein Weiterkommen, eine Erkenntnis- vor allem jedoch Veränderung.

Kreativität wird im Zusammenhang mit der theaterpädagogischen Arbeit als ein künstlerischer Prozess gesehen, der sich gleichwohl in dem Spieler, der leitenden Person und dem Publikum als solches vollzieht. Dennoch muss Kreativität nicht per se einen künstlerischen Bezug haben, auch in anderen Bereichen außerhalb des künstlerischen Rahmens kann sich ein kreativer Prozess vollziehen. Kunst jedoch bietet die Möglichkeit, sich selbst frei von gesellschaftlicher Eingrenzungen und der alltäglichen Umgebung auszuprobieren und zu entfalten. Gerade diese Freiheit und Unvoreingenommenheit bietet einen guten Rahmen für kreatives Denken.

Alles in einem führt diese Argumentation zu der Erkenntnis, schöpferisches Denken nicht etwa in einen hierarchischen Kontext zu stellen oder in die Reihe willkürlicher Bewertungsmaßstäbe, sondern vielmehr individuell zu betrachten und entwicklungsbezogen vom Menschen auszugehen, um das Phänomen der Kreativität zu erschließen. Um zu verstehen, wie kreatives Denken funktioniert, wovon es abhängt und welche Gründe möglicherweise dazu führen, dass ein Mensch spontaner und kreativer Denken kann als ein anderer, gibt es verschiedene Ansätze und Betrachtungsweisen in der Psychologie. In der „amerikanischen Kreativitätsforschung“, beispielsweise, werden die „vier so genannten p- Aspekte der Kreativität für wesentlich erachtet.“ Diese p- Aspekte bezeichnen die Umwelteinflüsse („press“), die Person („personality“), das Produkt („product“) und den Prozess („process“), außerdem die „Fähigkeit, Erfüllung zu erlangen“ („flow“).6

Im Folgenden werden vor allem Aspekte der kreativen Person beziehungsweise Persönlichkeit näher beleuchtet, aber auch die Einflüsse der Umwelt.

2.2. Zur kreativen Person und Persönlichkeit

Kreative Leistungen sind nicht nur ein Merkmal persönlicher Struktur, sondern vielmehr ein von internen und externen Faktoren abhängiges.7 Dabei ist wichtig zu bekräftigen, dass diese Faktoren für Kreativität universell und allgemein gültig sind und die gesamte Bevölkerung betreffen. Einen Unterschied zwischen Menschen mit oder ohne Behinderungen besteht in diesem Zusammenhang nicht.

Im Folgenden werden einige Forschungsergebnisse aus der Psychologie präsentiert, die diese Aspekte beleuchten. Hier muss angemerkt werden, dass die Ausführungen keinesfalls den Anspruch auf Vollständigkeit erheben, sondern vielmehr einen groben Überblick aus der Kreativitätsforschung ergeben.

Der Psychologe Siegfried Preiser betrachtet die Faktoren „Geläufigkeit, Flexibilität, Originalität und Elaboration“8 als die wichtigsten Aspekte kreativen Denkens und Handelns. Hierbei bezeichnet „Geläufigkeit, auch Flüssigkeit genannt, die Fähigkeit, zu einem Thema in kurzer Zeit eine größtmögliche Anzahl von Gedanken, Ideen oder Assoziationen zu produzieren“.9 Der Begriff der „Flexibilität“ - auch Beweglichkeit genannt- bezeichnet die Fähigkeit, in verschiedene Richtungen zu denken und ein Problem vielschichtig zu betrachten. In der „Originalität“ wird auf die Fähigkeit eingegangen, „zu einem Thema ungewöhnliche Lösungsansätze zu finden“10, während in der „Elaboration“, der so genannten Ausarbeitung, die Fähigkeit besteht, einen konkreten Plan oder ein Konzept tatsächlich zu realisieren. Außerdem gelten die Aspekte „Originalität und Offenheit der Umwelt gegenüber als zwei der wichtigsten Voraussetzungen für alle anderen Kreativitätsmerkmale“11. Bei Joy Paul Guilford, dem amerikanischen Forscher für Persönlichkeit und Intelligenz, wird dieses Phänomen auch als so genannte„Sensitivität“ bezeichnet.12

Als weitere Verhaltens- und Persönlichkeitsmerkmale werden vor allem sieben verschiedenen Merkmalen verschrieben, die jedoch in der Stärke der Ausprägung stark variieren.13 Ein Aspekt bezieht sich auf die „Psychische Gesundheit und der Ichstärke“14. Hier wird davon ausgegangen, dass diese beiden Bereiche kreativitätsfördernde als auch -hemmende Bedingungen aufzeigen. Folglich besteht zwischen diesen beiden Faktoren ein Wechsel- und Zusammenspiel psychischer Gesundheit und Kreativität. Ein weiterer Aspekt beinhaltet das „Energiepotential“, welches als „Motivationspotential“ und individuell potentieller „Antrieb“ verstanden werden kann. Dieses „bestimmt das Ausmaß an Interaktion zwischen Person und Umwelt“15. Ein wichtiges Persönlichkeitsmerkmal ist hierbei die Fähigkeit der „Neugier“16 und infolge dessen eine intensive Auseinandersetzung mit der Umwelt.

Eine andere Überlegung bezieht sich auf die „Triebbestimmtheit und die kontrollierte Regressionsfähigkeit“17 des Menschen. So findet sich „bei kreativen Menschen eine kontrollierte und zielbewusste Regression auf Triebe und kindliche Verhaltensweisen“18.

Dies könnte man als kindlich-naive Wahrnehmung begreifen, die weder voreingenommen noch stereotyp ist. Aus diesem Zusammenhang ergeben sich auch Wunsch und Motivation zur Selbstverwirklichung. Diese äußern sich vor allem in dem Grad der kreativen Energie und - Leistungsfährigkeit. Diese beiden Faktoren jedoch können mitunter dazu führen, dass das aktive kreative Subjekt auf Konflikte und Diskrepanzen in seiner Umwelt trifft, auf „Grenzen, Sanktionen und sogar Strafen“19. Die hieraus entstehende Frustration gilt es als kreatives Subjekt zu ertragen und zu überwinden. Infolge dessen kann sich die eigene „Frustrations- beziehungsweise Ambiguitätstoleranz“20 bei kreativen Personen verbessern. Aus diesen Aspekten heraus ergründet sich die „Komplexität“. Um offen für „Neues, Abwechslungsreiches und Unregelmäßiges“21 zu sein, ist es notwendig, neben einer komplexen Aufnahmefähigkeit ein „nicht simplifiziertes Bild der Umwelt“22 zu besitzen.

All diese Punkte führen schließlich dazu, dass eine unabhängige Sichtweise und ein unkonventionelles Denken durch kreatives Handeln und Denken erlangt werden kann. Eine wichtige Voraussetzung dieser Merkmale sind „Unabhängigkeit und Selbstständigkeit“23, aber auch „unkonventionelles, nicht- konformes Verhalten“24.

2.3. Zu den Einflüssen der Umwelt

Wie bei allen Persönlichkeitsentwicklungen- so auch bei der kreativen Persönlichkeitsentwicklung- ist das Zusammenspiel zwischen Person und Umwelt wesentlicher Faktor. Im Folgenden werden „zwei Haupteinflussfaktoren differenziert, die als kreativitätsfördernde und -hemmende Bedingungen bezeichnet werden“25. Alle Aspekte der Kreativitätsförderung und - anregung werden unter dem Begriff der „Aktivierung“26 zusammengefasst. „Aktivierung“ bezeichnet hier vor allem ein geeignetes Maß an Reizangebot für das Subjekt. Erst durch diese kann ein originelles, spontanes und flexibles Verhalten unterstützt oder sogar erst ermöglicht werden. „Aktivierung“ bezeichnet daher eine Akzeptanz und Förderung eigener individueller Verhaltensproduktionen.

Neben dem Umweltfaktor der „Aktivierung“ ist der Aspekt der „Enthemmung“27 von wesentlicher Bedeutung. Alle Erfahrungen, die im Leben jedes einzelnen erzielt worden sind, vor allem in Form von Erziehungseinflüssen und Anpassung, tragen bei der Entstehung von Hindernissen und Aktivierungshemmungen bei. Für die Umweltbedingungen bedeutet dies vor allem, die Voraussetzung eines „selbstbewusstseins- und sicherheitsfördernden“28 Rahmen zu geben, um Hemmungen abbauen zu können und Verhaltenselemente zu fördern. Im Konkreten sollten Leistungsdruck und Erfolgszwang, sowie Stress, Angst und Zeitdruck minimiert und eine entspannte, lockere, offene als auch spielerische Atmosphäre geschaffen werden29. Hierzu gehört mitunter eine „zielorientierte und sachbezogene Motivierung“30, die unmittelbar erlebbar gemacht werden soll ohne einen klaren Beurteilungsmaßstab wie beispielsweise die der Notengebung oder direkten Kritik. Vielmehr sollte darauf geachtet werden, „selbstinitiertes Lernen“31 zu fördern. Dies bedeutet vor allem eine Förderung zur „Selbstbewertung“32 und Kritik. Zu diesem Motiv gehört auch die Förderung der „Unabhängigkeit, denn kreatives Handeln kann sich nur im Raum relativer Freiheit ausleben“33. Einige dieser Aspekte lassen sich am besten in einer Gruppen realisieren. Zur Veranschaulichung der oben genannten Punkte werden hier noch einmal die Merkmale des Psychologen Siegfried Preiser aufgeführt und in Form einer Tabelle dargestellt:

„hemmende Gruppeneinflüsse:

- Gruppendruck, Konformitätszwang, Normierungstendenz;
- Hemmungen durch soziale Hierarchien;
- Aggression, Destruktion, soziale Konflikte (Energie absorbierend);
- Konzentrationsstörungen durch Ablenkungen;

Fördernde Gruppeneinflüsse:

- gegenseitige Verstärkung;
- Stimulierung und Aktivierung
- Vielseitige Personenzusammensetzung;
- Assoziationsförderung durch gegenseitige Anregungen;
- Aktivierung durch aufgabenorientierten Wettbewerb zwischen Gruppen;

[...]


1 Vgl. dtv Lexikon, S. 156

2 vgl. ebd, S. 156

3 Kreativität von Menschen mit geistigen und mehrfachen Behinderungen, S. 13

4 ebd, S. 13

5 ebd. S. 13

6 Kreativität von Menschen mit geistigen und mehrfachen Behinderungen, S. 40

7 vgl. ebd. S.42

8 Kreativität von Menschen mit geistigen und mehrfachen Behinderungen, S.43

9 ebd. S.43

10 ebd. S. 44

11 ebd. S. 44

12 ebd. S44

13 vgl. ebd. S.44

14 ebd. S. 45

15 ebd. S. 45

16 Ebd. S. 45

17 ebd. S. 45

18 Kreativität von Menschen mit geistigen und mehrfachen Behinderungen, S.45

19 ebd. S. 45

20 ebd. S. 45

21 ebd. S. 45

22 ebd. S. 45

23 ebd. S. 45

24 ebd. S. 45

25 ebd. S. 48

26 ebd. S. 48

27 Kreativität von Menschen mit geistigen und mehrfachen Behinderungen, S. 48

28 ebd. S. 49

29 vgl. ebd. S. 49

30 ebd. S. 49

31 ebd. S. 49

32 ebd. S. 49

33 ebd. S. 49

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Darstellung und Reflexion kreativer Prozesse anhand psychologischer und theaterpädagogischer Betrachtungsweisen von Menschen mit Behinderung
Untertitel
Am Beispiel des Theaters Howei
Hochschule
Universität Hildesheim (Stiftung)
Veranstaltung
Theaterpädagogik
Note
1,7
Autor
Jahr
2009
Seiten
24
Katalognummer
V176329
ISBN (eBook)
9783640975716
ISBN (Buch)
9783640976027
Dateigröße
567 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Theaterpädagogik, Theater mit Behinderten, Kreative Prozesse
Arbeit zitieren
Evelyn Möcking (Autor), 2009, Darstellung und Reflexion kreativer Prozesse anhand psychologischer und theaterpädagogischer Betrachtungsweisen von Menschen mit Behinderung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/176329

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