Naturrechtliche Aspekte der kantischen Ethik


Hausarbeit, 2011

22 Seiten, Note: 1


Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

1. Einleitung

2. Bezugsprobleme der Ethik

3. Die Stärken und Schwächen im klassischen Naturrecht
3.1. Die Stärken des Naturrechts
3.2. Der naturrechtlich begründete Amoralismus
3.3. Theologische Einwände gegen das Naturrecht
3.4. Humes Gesetz

4. Naturrechtliche Argumentationsmuster bei Kant
4.1. Das Verhältnis der kantischen Ethik zum klassischen Naturrecht
4.2. Das Wesen des Menschen
4.3. Stärken und Schwächen bei Kant
4.4. Kants Verhältnis zur aktuellen Position der katholischen Kirche

5. Konklusion

6. Literatur

1. Einleitung

In allen Kulturkreisen existieren zu jeder Zeit bestimmte Normen und Regeln, die das Leben der Menschen bestimmen. Die Ethik reflektiert diese Normen und Werte und versucht diese zu theoretisch zu begründen. Gleichzeitig enthält Ethik auch ein kritisches Moment. Sie hinterfragt bestehende Normen, ihre Genese und deren Begründung. Die Ethik kann grob in zwei Arbeitsgebiete eingeteilt werden. Auf der einen Seite steht die Frage nach Normen und Richtlinien für das Handeln des einzelnen Menschen, der sich die Frage stellt: „Was soll ich tun“. Dieses Gebiet der Ethik ist die Individualethik. Sie versucht Maßstäbe zu entwickeln, anhand derer der Einzelne sein eigenes Handeln ausrichten kann, und sie überprüft die Geltung bestehender Normen. Auf der anderen Seite steht die Suche nach Normen und Werten, die die Strukturen und Institutionen des gesellschaftlichen Leben formen. Dies ist Gegenstand der Sozialethik. Sie stellt die Frage: „Wie sollen gesellschaftliche Institutionen beschaffen sein? Dies betrifft jeden Teilbereich einer Gesellschaft, z.B. die Ökonomie, das Bildungssystem, die Kirche, das politische System, usw. Deshalb ist die Ethik darauf angewiesen, einen intensiven Dialog mit den einzelnen Wissenschaften zu treten und in ihrer Reflexion mit dem jeweiligen Forschungsstand und aktuellen historischen Entwicklungen Schritt zu halten.

In dieser Arbeit soll die Frage nach „unveräußerlichen Rechten“ des Menschen gestellt werden. Zunächst wird auf die Bezugsprobleme eingegangen, auf die Notwendigkeit solcher fester, unverrückbarer Normen schließen lassen. Danach wird auf Stärken und Schwächen des klassischen Naturrechts eingegangen, das immer der Versucht war, dem gegebenen, wandelbaren Recht angeborene, unwandelbare Rechte gegenüberzustellen.

Die Untersuchung soll auf Kant hinführen, der innerhalb des Naturrechtsdenkens eine besondere Stellung einnimmt. Dabei ist die leitende Fragestellung, ob Kants praktische Philosophie naturrechtliche Aspekte aufweist und an welchen Punkten diese von anderen Entwürfen abweicht. Drüber hinaus soll kurz angerissen werden, welche Vor- und Nachteile mit Kant einhergehen.

2. Bezugsprobleme der Ethik

Jedes wissenschaftliche Forschen beginnt mit Problemen. Folglich existieren auch für die Ethik Probleme, die die ethische Reflexion auslösen. Im Folgenden soll kurz umrissen werden, welche Probleme sich in verschieden Bereichen der Ethik stellen. Als konkretes Beispiel wird die Rechtsphilosophie herangezogen. Dort sind die Bezugsprobleme, die ein Rückriff auf das Naturrecht nahe legen, am offensichtlichsten. In der Individualethik und in jedem Teilbereich der Sozialphilosophie existieren allerdings vergleichbare Probleme.

Das gegebene Recht erscheint auf den ersten Blick sehr wandelbar und unterschiedlich. In den verschieden Kulturkreisen findet man unterschiedliche rechtliche Regelungen. In einigen arabischen Ländern stehen drakonische Strafen auf den Ehebruch oder homosexuelle Handlungen, während in Europa das gleiche Verhalten überhaupt keinen Straftatbestand darstellt. In einigen Ländern existiert Pressefreiheit, in anderen werden staatskritische Äußerungen mit langjährigen Haftstrafen geahndet. Vergleicht man nicht nur andere Länder, sondern die Rechtssysteme zu verschiedenen geschichtlichen Zeiten, dann fallen die Unterschiede noch größer aus. Recht erscheint nur, als eine durch Menschen festgelegte Sammlung von Gesetzen, die ihr Zusammenleben regeln. Es drängt sich der philosophische Schluss auf: „Recht“ ist, was als „Recht“ gesetzt ist. D.h. „Recht“ liegt genau dann vor, wenn es von einer legislativen Gewalt beschlossen ist. Diese Position der Rechtsphilosophie wird als „Rechtspositivismus“ bezeichnet. Er geht von dem gegeben Recht in einer historischen Situation aus.

Gerade die Erfahrungen des 20. Jahrhunderts haben gezeigt, dass der Rechtspositivismus einen gravierenden Mangel hat. Es kann eine Situation eintreten, in der das positive (das gegebene) Recht Gesetze hervorbringt, die offensichtlich unmenschlich sind und die man nicht mehr als Recht anerkennen möchte. Die furchtbarsten Beispiele für eine solche Situation sind der Nationalsozialismus in Deutschland und der Stalinismus in Russland. Die Vernichtung von Menschen geschah teilweise auf einer durch Gesetze legitimierten Grundlage. Trotzdem wurden in den Nürnberger Prozessen führende Vertreter des Nationalsozialismus angeklagt und verurteilt. Auf dem Boden eines strikten Rechtspositivismus hätte man keine Grundlage, solche Prozesse zu führen. Es wird ein Maßstab benötigt, um ein gegebenes Recht zu beurteilen, wenn man nicht auf der Position des Rechtspositivismus verharren will. Dieser Maßstab muss unabhängig von kulturellen Unterschieden sein und darf keinen historischen Veränderungen unterworfen sein. Es kann sein, dass ein gegebenes Recht von diesem Maßstab abweicht, dann ist es aber kein Recht mehr, sondern juristisch legitimiertes Unrecht. Ethik als Rechtsphilosophie muss zu diesem Problem auf die ein oder andere Weise Position beziehen.

Analog zur Rechtsphilosophie existieren auch in anderen Bereichen des gesellschaftlichen Zusammenlebens Maßstabsprobleme. Es werden normative Grundlagen benötigt, um Institutionen zu kritisieren oder zu verändern. Auf welcher Basis kritisieren wir Diktaturen? Warum bevorzugen wir das Leben in einer Demokratie? Wieso lehnen wir Kinderarbeit und Sklaverei ab? Die Beispiele ließen sich endlos fortsetzten und auf sämtliche Institutionen des gesellschaftlichen Lebens ausdehnen. Sie führen letztlich auf die Suche nach Normen und Werten, anhand derer die Gesellschaft gebildet sein sollte. Eine Möglichkeit Institutionen zu beurteilen sind „Nutzen“-Kalkulationen, wie sie in utilitaristischen Ethikansätzen durchgeführt werden. Eine Institution soll den größtmöglichen Nutzen für die größtmögliche Zahl an Menschen bringen. Nutzenkalkulationen funktionieren im Normalfall recht gut. Kritisch wird es in Grenzbereichen. Kann z.B. ein Gesundheitssystem allein aus Nutzenkalkulationen aufgebaut werden? Am Kosten-Intensivsten ist die Gesundheitsversorgung für Menschen in den letzten beiden Jahren des Lebens. Würde man Pflege und lebenserhaltende Maßnahmen bei aussichtslosen Zuständen einstellen, würden große Kapazitäten frei, die einer großen Zahl von Menschen zu Gute kommen könnten. An diesem Beispiel wird sichtbar, dass es Maßstäbe braucht, deren Effizienz-Kriterien oder Nutzenkalkulationen zu Grunde liegen.

3. Die Stärken und Schwächen im klassischen Naturrecht

3.1. Die Stärken des Naturrechts

Im Naturrecht wird versucht eine Antwort auf die oben geschilderten Probleme zu geben:

„Gegenüber dem gesetzten Recht, das Unrecht sein kann, muss es doch ein Recht geben, das aus der Natur, dem Sein des Menschen selbst folgt. Dieses Recht muss gefunden werden und bildet dann das Korrektiv zum positiven Recht.“1

Das Naturrecht ist von der Intuition getragen, dass Recht mehr ist, als rein menschliche, nützliche Setzung von wandelbaren Normen und Werten. Im Naturrecht wird nach allgemeingültigen und absolut verbindlichen Normen gesucht. Sie sollen in jeder historischen Situation gelten und für alle Menschen verbindlich sein. Es impliziert Rechte, die jedem Menschen aufgrund seines Menschseins zukommen. Gleichzeitig bilden sie Maßstab und Legitimationsgrundlage für das Handeln des Einzelnen und für die Einrichtung sozialer Institutionen. Den verschieden Versuchen ein Naturrecht aufzustellen ist eine bestimmte Argumentationsstruktur gemeinsam:

Die Konstruktion des klassischen Naturrechts basierte auf einer bestimmten metaphysischen Naturvorstellung. Die Natur wird als Sein verstanden, dass mit Vernunft, bzw. Sinn durchzogen ist:

Die Idee des Naturrechts setzte einen Begriff von Natur voraus, in dem Natur und Vernunft ineinandergreifen, die Natur selbst vernünftig ist.2

Das Naturrecht verfolgt nun die Intention dieser Vernunft innerhalb der Natur nachzuspüren. Es wird versucht, aus dem konkret geschichtlichen Existenzweisen des Menschen gewisse Merkmale herauszugreifen, die durch die Natur gegeben und bestimmend für menschliches Dasein sind. Also Merkmale die notwendig sind, damit menschliches Leben überhaupt als solches bezeichnet werden kann. Diese Merkmale werden für so verbindlich gehalten, dass ein Verstoß dagegen ein Individuum oder eine Gesellschaft in einen Selbstwiderspruch führt. Wird gegen das Naturrecht gehandelt oder entsprechen Institutionen diesem nicht, dann untergräbt ein solches Handeln oder eine solche Institution genau das, was menschliches Leben ausmacht. Der Naturbegriff wird nicht rein biologisch verwendet. „Natur“ wird nicht notwendig mit den biologisch Merkmalen des Menschen gleichgesetzt und in einen Gegensatz zur Kultur gebracht, sondern in einem weiteren Sinn verstanden. Er wird eher im Sinne des Begriffs „Wesen“ gebraucht. Das „Wesen“ bezeichnet die essentiellen Eigenschaften einer Sache oder eines Lebewesens, d.h. die Eigenschaften mit denen es notwendig verbunden ist.

[...]


1 Benedikt XVI., Werte in Zeiten des Umbruchs, 2005, 34.

2 Ebd., 35.

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Naturrechtliche Aspekte der kantischen Ethik
Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main  (Katholische Theologie)
Veranstaltung
Proseminar: „Kriterien des christlichen Glaubens und Handelns“
Note
1
Autor
Jahr
2011
Seiten
22
Katalognummer
V176389
ISBN (eBook)
9783640975808
Dateigröße
459 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
naturrechtliche, aspekte, ethik
Arbeit zitieren
Matthias Gloser (Autor), 2011, Naturrechtliche Aspekte der kantischen Ethik, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/176389

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