Sprechaktsequenzen - Die Vorwurf-Rechtfertigungs-Interaktion


Seminararbeit, 1995
16 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Vorbemerkungen

II. Sprechaktsequenzen

III. Die Vorwurf-Rechtfertigungs-Interaktion
1. Annahmen des Initiators
2. Die Vorbringung des Vorwurfs
3. Die Reaktionsmöglichkeiten
4. Die Honorierung

IV. Schlußbemerkungen

Literaturverzeichnis

I. Vorbemerkungen

Wir werden immer gut tun, Vorwürfe, die uns wie nur im Scherz gemacht wurden, getrost als im Ernst ge­meint hinzunehmen.

Karl Gutzkow

Gegenstand dieser Arbeit sind die Sprechaktsequenzen, die in ihrer Besonderheit ein Unterthema der Sprechakttheorie und somit der Pragmatik ausmachen.

Hier soll - ausgehend von einer Charakterisierung der Sprechaktsequenzen im allgemeinen -das Vorwurf-Rechtfertigungs-Schema im besonderen dargestellt werden. Berücksichtigt werden dabei die verschiedenen Beweggründe und Möglichkeiten des initiativen sowie des reaktiven Parts, die sich sowohl auf innere Vorgänge als auch auf die Realisierung eines Sprechaktes beziehen.

Die Vorwurf-Rechtfertigungs-Interaktion wurde deshalb als Beispiel ausgewählt, da sich aufgrund ihrer Komplexität die Charakteristika von Sprechaktsequenzen besser herausstellen lassen als z.B. bei der Begrüßung oder dem Bedanken.

Die beiden letztgenannten Beispiele sind in bezug auf die Kommunikationskompetenz der Gesprächsteilnehmer nicht ergiebig, da nach dem Austausch von

Guten Tag - Guten Tag
Danke schön - Bitte schön

die Sequenz bereits endet. Außerdem treten sie in einer eher ritualisierten Form auf, die den Interaktionspartnern keinen Spielraum läßt, eigene Erwägungen und Absichten mit in den Dialog einzubringen.

Aber genau dieser Gesichtspunkt stellt einen wesentlichen Punkt in der Untersuchung des genannten Schemas dar und zeigt, daß trotz einer Sequenzierung die Ziele der Dialogpartner breit gefächert sein können und Einfluß in die Kommunikation finden.

II. Sprechaktsequenzen

Die Sprechakttheorie von Austin und Searle bezog sich meist nur auf die Proposition (Aussage über die Welt), die Illokution (Handlungswert) und die Perlokution (Zweck) eines Sprecherbeitrages, nicht aber auf den Part eines Hörers, daher gelangte man bald zu einer grundsätzlichen Kritik an dieser Theorie.

Verstärkt wurden diese Beanstandungen dadurch, daß sich Austin und Searle fast ausschließlich mit einzelnen Sätzen befaßten und das kommunikative Wechselspiel innerhalb eines Dialoges außer acht ließen.[1]

Ausgehend von einer Ausweitung der Sprechakttheorie hin zur Gesprächs- und Diskurs­analyse, erkannte man, daß nahezu kein Sprechakt isoliert vollzogen wird und auch nicht in beliebiger Reihe auf einen anderen folgt,[2] sondern daß Kommunikationsbeiträge Folgen aufeinander bezogener und auf eine gewisse Art und Weise in Zusammenhang stehender Äußerungen sind.[3]

Wollen die Dialogpartner die Interaktion nicht gefährden (diese Prämisse gilt für alle weiteren Ausführungen innerhalb dieser Arbeit), so schränkt die Realisierung eines Sprechaktes die Wahlmöglichkeiten der Antwort entscheidend ein.[4]

Man unterscheidet den initiativen (sequenzeröffnenden) und den reaktiven Aspekt; der reaktive Teil muß in seiner Relevanz zum vorangegangenen Redebeitrag analysiert werden, wobei nicht nur die formalen Merkmale der Äußerung ausschlaggebend sind, sondern gerade auch dessen Position im Diskursverlauf beachtet werden muß.[5]

Der initiative Sprechakt wird so gewählt, daß der Hörer darüber informiert wird, welche Sequenzart eröffnet wird.

Sagt jemand zur Begrüßung Guten Tag, dann ergeben sich für den Hörer daraus einige Konsequenzen. Zunächst einmal ist die Äußerung ein offensichtliches Merkmal für einen Sprecherwechsel und fordert den Gesprächspartner implizit zu einer Reaktion auf, die er aber - wie oben schon erwähnt - nicht x-beliebig wählen darf.

Eine Replik wie Tante Frieda hat sich einen neuen Mantel gekauft ist wohl nur in äußerst konstruierten Gesprächssituationen angemessen und nicht dienlich, den Zweck, der mit der Initiativformel verbunden ist, zu erfüllen.

Die Sprechakte müssen sich auf den erreichten Entwicklungsstand eines Diskurses beziehen, und da der Dialog bisher nur von einer Seite eröffnet wurde, muß er folgerichtig auch von der anderen Seite eröffnet werden.

Die Grußerwiderung hingegen zeigt, daß der Interaktionsteilnehmer über die notwendige kommunikative Kompetenz verfügt und darüber hinaus die Konvention bzw. die gesellschaftliche Forderung kennt, die mit einer Begrüßungsformel verbunden ist.[6] Dabei ist nicht einmal entscheidend, ob der Redebeitrag verbal geäußert wird, denn der Konvention der Grußerwiderung wäre auch dann Genüge getan, wenn der Gesprächsteilnehmer z.B. gerade telefoniert und deswegen zur Begrüßung den Handschlag anbietet.[7]

Diese Geste wäre - obwohl zunächst reaktiv - in zweiter Konsequenz jedoch auch initiativ, da hierauf der Sprecher mit der Akzeptierung des Handschlages reagieren müßte.[8]

Im nun folgenden werde ich nur Fälle behandeln, die sich - wie bereits angesprochen - auf eine gelungene Kommunikation und den aufrichtigen Willen der Dialogpartner zu einer erfolgreichen Interaktion sowie auf verbale Äußerungen beziehen.

Initiative Sprechakte sind z.B. Fragen, Aufforderungen und Vorschläge; reaktive dagegen sind Antworten, Bestätigungen und Eingeständnisse und haben innerhalb der Sequenz eine nachgeordnete Position inne; die Rückfrage ist ein Beispiel für eine Äußerung, die sowohl reaktiv als auch initiativ vollzogen wird.[9]

Die Interpretation eines Sprechaktes ist nicht ausschließlich von dessen wörtlicher Bedeutung abhängig, sondern richtet sich vor allem auch nach der Stellung innerhalb der Sequenz sowie auf seine kommunikative Funktion.

Antwortet jemand auf Danke schön mit Keine Ursache so heißt das nicht zwingend, daß wörtlich gedeutet wirklich keine Ursache für einen Dank vorliegt, sondern daß aufgrund der kommunikativen Funktion der Dank akzeptiert und honoriert wurde.[10]

Es ist offensichtlich, daß einige Sequenzen innerhalb eines Diskurses ihren festen Platz haben und auch während eines Gesprächs dann nicht mehr wiederholt werden (Iterierbarkeit); so wäre es vollkommen unangebracht, den Gesprächspartner innerhalb eines Dialoges erneut zu begrüßen.[11]

Auch wenn die bis jetzt genannten Beispiele sich nur auf paarige Gesprächsbeiträge (adjacency pairs) bezogen, so ist doch deutlich geworden, daß Sprechakte nicht lose miteinander verbunden sind, sondern einander konventionell, routinemäßig und funktionell bedingen.

Nach diesen adjacency pairs werde ich im weiteren den weitaus komplexeren Bereich der Vorwurf-Rechtfertigungs-Interaktion darstellen, um zu zeigen, daß über die oben genannten

Bedingungen hinaus auch soziale, normative, strategische und subjektiv zielbewußte Komponenten Einfluß in ein Gespräch - zudem noch in ein konfliktträchtiges Gespräch - finden.

III. Die Vorwurf-Rechtfertigungs-Interaktion

Wenn man bedenkt, daß der Mensch oft nach Regeln handelt, ohne sich diese jemals bewußtgemacht oder verbal expliziert zu haben, so liegt die Vermutung nahe, daß verschiedene Handlungsschemata (Entschuldigen, Grüßen etc.) bereits in frühester Kindheit erlernt wurden und aufgrund von Konventionen beigehalten werden; so verhält es sich auch mit der Vorwurf-Rechtfertigungs-Interaktion.[12]

Betrachtet man zunächst eine Äußerung, die als Vorwurf gedacht ist, so erkennt man auf der sprachlichen Ebene diesen noch nicht, da die Abfolge der Sätze auch in anderen Zusammenhängen verwendet werden kann, ohne daß sich daraus zwangsläufig ein Vorwurf ergibt.

Auf der Ebene der Sprechhandlung aber wird deutlich, welche kommunikative Handlung mit dieser Äußerung vollzogen wurde und durch einen Prozeß, der die Selektion von relevanten Elementen einer Handlung, deren Einschätzung, Bewertung und Einbringung vornimmt (kommunikative Operation), wird in der Äußerung ein Vorwurf erkennbar.[13]

Neben dieser kommunikativen Operation, die der Beschuldigte unbewußt anstellt, gibt es noch zwei Indikatoren, die eine Äußerung zum Vorwurf machen, nämlich die Intonation und der Gebrauch von typischen Partikeln, wie z.B. schon wieder und immer noch nicht.

Da das Schema der Handlungskategorisierungen - wie oben schon gesagt - von klein auf verinnerlicht wurde, steht dieses Schema den Beteiligten bereits vor Beginn des Dialoges zur Verfügung und veranlaßt sie, die gesellschaftlich erarbeitete Sequenzierung vorzunehmen, die die konventionellen Bedingungen für die Vorwurf-Rechtfertigungs-Interaktion vorgibt.[14]

Das Vorwurf-Rechtfertigungs-Schema ist mehrzügig aufgebaut, d.h., daß jeder Teilnehmer (oft handelt es sich um eine Zwei-Partner-Interaktion) mehrmals innerhalb des Dialoges Gelegenheit hat, seine Argumente vorzubringen; häufiger Auslöser eines solchen Diskurses ist die Verletzung einer Norm, und der Vorwurf wird als Mittel der Disziplinierung und zur Stabilisierung dieser Norm vorgebracht.[15]

[...]


[1] vgl. Linke (1991) S.194f

[2] vgl. Wunderlich (1979) S.287

[3] vgl. Coulmas (1981 ) S.108

[4] vgl. Linke S.195

[5] vgl. Wunderlich (1976) S.299f

[6] vgl. Coulmas S.111

[7] vgl. Wunderlich (1976) S.299

[8] vgl. Linke S.279

[9] vgl. Wunderlich (1979) S.288

[10] vgl. Coulmas S.113

[11] vgl. ebd. S.115

[12] vgl. Fritz/Hundsnurscher (1975) S.81

[13] vgl. Rehbein (1975) S.288ff

[14] vgl. ebd. S.291

[15] vgl. Fritz/Hundsnurscher S.82f

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Sprechaktsequenzen - Die Vorwurf-Rechtfertigungs-Interaktion
Hochschule
Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf  (Germanistisches Seminar)
Veranstaltung
Proseminar: Pragmatik
Note
1,0
Autor
Jahr
1995
Seiten
16
Katalognummer
V176483
ISBN (eBook)
9783640977499
ISBN (Buch)
9783640977833
Dateigröße
437 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Germanistik, Linguistik, Pragmatik, Sprechakt, Vorwurf-Rechtfertigungs-Interaktion, Konventionen, Sprechaktsequenzen
Arbeit zitieren
Manfred Müller (Autor), 1995, Sprechaktsequenzen - Die Vorwurf-Rechtfertigungs-Interaktion, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/176483

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