Sicherheit durch Integration

Die Ruhrpolitik der Alliierten 1945 - 1949


Hausarbeit (Hauptseminar), 2010

31 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Die Ausgangslage nach dem Krieg
2.1 Die wirtschaftliche Situation in Deutschland
2.2 Konflikt und Kooperation: Die alliierte Wirtschaftspolitik im Vorfeld des Kalten Kriegs
2.2.1 Die Konferenzen der „Großen Drei“
2.2.2 Die Reparationsfrage und die wirtschaftliche Einheit Deutschlands
2.2.3 Partner oder Hürde? Frankreichs Stellung als Besatzungsmacht

3 Vorstellungen und Ziele der Alliierten bezüglich des Ruhrgebiets
3.1 Sicherheit als vorrangiges Motiv französischer Ruhrpolitik
3.2 Die sowjetische Haltung in der Ruhrpolitik
3.3 Besatzungsziele der Briten
3.4 US-amerikanische Plane und Ziele

4 Maßnahmen und ihre Umsetzung in der alliierten Ruhrpolitik
4.1 Die Anhebung der Fordermenge im Kohlebergbau
4.2 Der Weg zum Ruhrstatut

5 Resumee

6 Quellen- und Literaturverzeichnis
6.1 Quellen
6.2 Sekundürliteratur

1 Einleitung

Das Ruhrgebiet war von Anbeginn des Industriezeitalters äußerst bedeutsam für die ge­samtdeutsche Ökonomie.[1] Dass sich dies auch nach dem Zweiten Weltkrieg nicht geandert hatte, wird in den Richtlinien der amerikanischen Delegation für die Konferenz in Potsdam im Sommer 1945 besonders deutlich:

„Es besitzt ein ungeheures und engmaschiges Netz von Bahnlinien, Wasserwegen und Straßen. [...] Kohlevorkommen, die nahe der Oberflüche liegen und aus hoch­wertiger, ausgezeichnet zu verkokender Kohle bestehen. Seine Kohlefoürderung sowie Eisen- und Rohstahlerzeugung belaufen sich auf ungeführ 70 Prozent der Produktion Gesamtdeutschlands.“[2]

Unter dem Aspekt des gerade vergangenen Kriegs kommt 1945 eine weitere Komponente hinzu: Das Ruhrgebiet war durch seine Wirtschaftskraft mitverantwortlich für den Erfolg der Nationalsozialisten im Aufbau einer Rüstungsindustrie und der Mobilmachung der deut­schen Wehrmacht. Um einen dritten Weltkrieg zu verhindern, erschien es daher ratsam, beim Ruhrgebiet anzusetzen. Jedoch war man sich lange Zeit unter den Alliierten nicht einig, wie man diese Industrieregion behandeln sollte. Sollte man sie von Deutschland abtrennen und einen eigenstandigen Staat gründen? Würe eine Internationalisierung des Gebiets angemes­sener? Wer sollte daran beteiligt werden, beziehungsweise aus Sicht der Westmächte: Sollte auch die Sowjetunion Einfluss an der Ruhr erhalten? Öder war völlige Sicherheit vor einer erneuten Wiederaufrüstung Deutschlands nur mit einer Zerstörung jeglicher Industrie und dem Aufbau eines Ackerlands zu erreichen? Wie wichtig war das Ruhrgebiet dagegen für die wirtschaftliche Rekonstruktion Gesamteuropas?

Die deutsche Kapitulation warf eine Menge Fragen für die Besatzungsmachte auf, für die verschiedene Faktoren eine Rolle spielten: Der Ost-West-Konflikt, Art und Hühe der Repa­rationen, der Wunsch nach Sicherheit vor Deutschland sowie wirtschafts- und handelspoli­tische Uüberlegungen. Die Diskussion der verschiedenen Konzepte, die unter diesen Bedin­gungen entstanden, sowie die letztendliche Losung der Ruhrfrage, die mit der Grundung Nordrhein-Westfalens und dem Ruhrstatut beantwortet wurde, sollen in der vorliegenden Arbeit dargestellt werden.

In einem Kapitel über die Ausgangslage in Deutschland sollen zunächst zwei Aspekte dar­gestellt werden, die für die spätere Wirtschaftspolitik im Ruhrgebiet eine wesentliche Rolle spielten: Erstens die wirtschaftliche Situation in Gesamtdeutschland direkt nach dem Krieg und zweitens die Ziele, Konflikte und Kooperationen der Alliierten in der Abstimmung ihrer Deutschlandpolitik. Diese waren stark beeinflusst durch den heraufziehenden Ost­West-Konflikt, die Reparationsfrage, die wirtschaftliche Einheit Deutschlands sowie das zunächst obstruktive Verhalten Frankreichs. Auf Grundlage dieser Ausgangsbedingungen werden im anschließenden Kapitel in nach den vier Besatzerstaaten gegliederten Unterkapi­teln die Ziele derselben in der Deutschland- und im Besonderen der Ruhrpolitik dargestellt. Diese Trennung erschien am sinnvollsten, da sich die Motive der einzelnen Besatzer zum Teil deutlich unterschieden und so am ehesten die Übersichtlichkeit gewahrt wird. Das letz­te Kapitel des Hauptteils der Arbeit behandelt schließlich die tatsächlich durchgeführten Maßnahmen das Ruhrgebiet betreffend. Hierbei geht es zum Einen um den Umgang mit sozialen und strukturellen Problemen im Ruhrbergbau, deren Läsung die Voraussetzung war, um die Industrieproduktion insgesamt anzukurbeln. Zum Anderen soll das Ruhrstatut und die Internationale Ruhrbehärde als Kontrollinstanz der Ruhrwirtschaft thematisiert werden. Daräber hinaus sollen in der Schlussbetrachtung die Ergebnisse zusammengefasst und die Folgen der alliierten Ruhrpolitik beurteilt werden.

Der Kohlebergbau spielt in dieser Darstellung insofern eine besondere Rolle, dass Kohle da­mals der Grundrohstoff fär zahlreiche weitere Industriezweige und ein wichtiger Brennstoff war. Im Ruhrgebiet befanden sich, wie das Zitat der amerikanischen Richtlinien zeigte, die groäßten und besten Kohlenfloäze Deutschlands, sodass von der Fäorderung der Ruhrkohle das uäbrige Industrieniveau abhing.

Quellen lagen bei Erstellung der Arbeit leider nur begrenzt vor, auf ungedruckte Quellen konnte äberhaupt nicht zuräckgegriffen werden. Demnach beschrankt sich die Quellenaus­wahl auf die Zusammenstellung ausgewäahlter Dokumente zur Vorgeschichte der Bundesre­publik von Klaus-Järg Ruhl sowie auf Zitate aus der äbrigen Literatur. Diese bestand aus zahlreichen Darstellungen der deutschen Wirtschaft der Nachkriegszeit, der Besatzungsge­schichte sowie den Zielen und Absichten der Alliierten bezäglich Deutschlands. Zur Auswahl seien hier das Handbuch von Wolfgang Benz genannt, in dem nach ausfuährlichen Untersu­chungen der Besatzungspolitik wichtige Ereignisse und Begriffe gesondert erkläart und zu­sammengefasst werden, sowie die Betrachtung des Alliierten Kontrollrats von Gunther Mai und die wirtschaftshistorischen Darstellungen Werner Abelshausers.

2 Die Ausgangslage nach dem Krieg

2.1 Die wirtschaftliche Situation in Deutschland

Die deutsche Wirtschaft lag nach dem Krieg aufgrund von Bombenschäden, zerstörter In­frastruktur und mangelhafter Versorgung mit Nahrungsmitteln und Rohstoffen völlig am Boden.[3] Hinzu kam, dass sich viele Soldaten noch in Kriegsgefangenschaft befanden und die in großem Stil in der Industrie und dem Bergbau eingesetzten Fremd- und Zwangsarbeiter Deutschland nach der Kapitulation wieder verlassen wollten.[4] Im Gegenzug dazu muss­ten Vertriebene aus den ehemals deutschen Ostgebieten von der Landwirtschaft zusätzlich ernährt und am ohnehin schon knappen Wohnraum beteiligt werden.[5] Einem Bericht des Regierungspräsidenten von Arnsberg nach war die Lage im Ruhrgebiet, das der britischen Zone angehärte, wegen der schlechten Ernahrung sehr angespannt:

„Man hört immer wieder die Behauptung, daß in der amerikanischen Zone, wo öberhaupt die Lebensmittelversorgung großzägiger durchgefährt wärde, jede Fa­milie Gelegenheit gehabt hätte, pro Familienmitglied drei Zentner einzukellern, während im Ruhrgebiet mindestens die Halfte der Bevälkerung noch immer auf den zugesagten einen Zentner wartet. Sie ist darum recht pessimistisch einge­stellt und befuärchtet bei den winterlichen Verkehrsverhaältnissen und dem Frost das Schlimmste.“[6]

Auch von britischer Seite selbst wird betont, dass die Lage in den Staädten an Rhein und Ruhr sehr besorgniserregend sei. Lord Beveridge, ein englischer Sozialpolitiker, berichtete ein gutes halbes Jahr später von gleichbleibenden Noten der Bevölkerung:

„Im Augenblick herrscht in praktisch jeder Stadt der britischen Zone (und es ist eine vorwiegend städtische Zone) eine hoffnungslose Materialknappheit, es herrscht Mangel an allem, was zur Fährung eines gesunden Lebens notwendig ist, und alles, was zur Bequemlichkeit des Lebens gehärt, fehlt vollständig. [...] Im vergangenen Winter wurden keine Zuteilungen an Hausbrandkohle ausgegeben, und auch für den nächsten Winter sind keine vorgesehen.“[7]

Neben dem gesellschaftlichen Nutzen von Kohle als Heizstoff war sie als Rohstoff für eine Vielzahl von Industriezweigen unentbehrlich. Der Kohlemangel stellte daher einen beson­ders wichtigen Faktor in der Betrachtung der Nachkriegszeit dar. Jedoch stellte sich die Lage der Bergwerke nach den ersten Bestandsaufnahmen als nicht so katastrophal wie er­wartet dar.[8] Alliierte Bomben hatten weit weniger Schaden an industriellen Anlagen an­gerichtet als angenommen und vor allem kriegswichtige Industriezweige wurden von 1936 bis 1945 stark gefordert, sodass die Industrie 1945 trotz der Zerstärungen noch fortschritt­licher war als 1936.[9] Auf der anderen Seite hatte gerade das Ruhrgebiet in bergbaulicher Hinsicht an Substanz verloren. Der Raubbau der Nationalsozialisten hatte schwere geo­logische Schaden hinterlassen, die einen schnellen Wiederaufbau und die Steigerung der Kohlenfärderungsmenge unrealistisch erscheinen ließen, wenn auch die Zechen gräßtenteils keine äußerlich sichtbaren Kriegsschäden davon getragen hatten.[10]

2.2 Konflikt und Kooperation: Die alliierte Wirtschaftspolitik im Vorfeld des Kalten Kriegs

2.2.1 Die Konferenzen der „Großen Drei“

In Jalta hatten die Alliierten noch Einigkeit demonstriert, als sie ihre Kriegsziele definier­ten. Diese umfassten die Entnazifizierung und Entmilitarisierung sowie Reparationen und Demontagen, die auf der einen Seite als Kompensation und Strafe gedacht waren, auf der anderen Seite aber auch Sicherheit gewaährleisten und einen neuen Krieg durch ein wirt­schaftlich wieder erstarktes Deutschland verhindern sollten.[11] Über die genaue Umsetzung ihrer Vorhaben erzielten sie jedoch keine Einigung. Es blieb stattdessen in Potsdam bei phrasen- und formelhaften Kompromissen, wie den vier Ds, die fär Demilitarisierung, Dena­zifizierung, Dekartellisierung und Demokratisierung standen. Vordergruändig reagierten die Alliierten damit zwar auf die Ürsachen des Kriegs, in Wirklichkeit trugen ihre Beschluässe jedoch nicht dazu bei, die ebenfalls proklamierte Einheit Deutschlands aufrechtzuerhalten. Im Gegenteil entwickelten sich die Besatzungszonen schon ab dem Sommer 1945 in ganz unterschiedlicher Weise.[12]

Zwar wurde die Teilung Deutschlands in Kleinstaaten in Jalta weitestgehend ausgeschlos­sen.[13] Jedoch war die angestrebte Einheit Deutschlands kein leichtes Unterfangen, wie sich spätestens in Potsdam herausstellte.[14] Zwischen den Westmächten USA und Großbritanni­en, die sich politisch stets sehr nahestanden und schließlich als erste ihre Besatzungszonen vereinigten, sowie der Sowjetunion auf der anderen Seite bestanden zahlreiche offene Fra­gen und strittige Punkte, welche durch das schon in der Koalition bestehende Misstrauen begänstigt wurde. Fär nicht alle diese Probleme konnten Losungen gefunden werden. Den Westmächten gelang es zwar, Frankreich als vierte Besatzungsmacht durchzusetzen,[15] die Sowjetunion erreichte die Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze im Osten Deutschlands.[16] Nach dem Bändnisbruch und dem Eingeständnis des Scheiterns der deutschen Einheit ge­lang es bis 1990 nicht einmal, einen Friedensvertrag mit dem besiegten Deutschland zu schließen. Die Potsdamer Entscheidungen der Alliierten standen jedoch unter der Voraus­setzung eines solchen, weshalb sie ihre Bedeutung verloren, als ersichtlich wurde, dass ein Friedensvertrag in immer weitere Ferne räckte.[17]

Einig waren sie sich jedoch in der Notwendigkeit, einheitliche Verwaltungsstrukturen ohne eine zentrale deutsche Regierung zu schaffen. Sie setzten daher als oberste Regierungsge­walt den Alliierten Kontrollrat ein, in dem die vier Alliierten trotz aller Differenzen bis 1948 zusammenarbeiteten.[18] Ihm gehörten die militarischen Oberbefehlshaber der Besat- zungsmaächte in Deutschland an. Mithilfe des Koordinierungsausschusses und der Direk­torien, die fär einzelne Bereiche, wie Wirtschaft oder Kultur zustandig waren, erließ der Kontrollrat Gesetze und Verordnungen, um nach dem Krieg, der Chaos und Zerstärungen verursacht hatte, wieder Ordnung zu schaffen.[19] Der Kontrollrat war damit auch fär die Durchsetzung der in Potsdam proklamierten vier Ds zustaändig. In wirtschaftspolitischer Hinsicht, was auch das Ruhrgebiet betraf, war das Schlagwort „Dekartellisierung“ tonange­bend. Sämtliche Monopolvereinbarungen, Syndikate und Kartelle wurden zerschlagen. An ihrer Stelle wurden Organisationen der Alliierten geschaffen: Im Ruhrgebiet hatte dies bei­spielsweise die Gründung der German Mines Supplies Agency sowie der North German Coal Control zur Folge, die von der britischen Militäarregierung errichtet wurden, um unter britischer Kontrolle Verwaltungs- und Versorgungsaufgaben zu äbernehmen.[20]

2.2.2 Die Reparationsfrage und die wirtschaftliche Einheit Deutschlands

Besonders die USA und Großbritannien waren bemäht, die Wirtschaftspolitik im Vergleich zur Zeit nach dem Ersten Weltkrieg zu korrigieren. Dies wirkte sich in politischer Hinsicht dahingehend aus, dass man eine Spaltung Europas, erneutes Konkurrenzdenken zwischen den Staaten und damit einen neuen Krieg verhindern wollte. Die Reparationen Deutschlands sollten dementsprechend dazu benutzt werden, Europa als ganzen Kontinent wirtschaftlich zu stärken und zu einen.[21] Dieses Vorhaben erforderte eine zentral gesteuerte Koordinati­on und Verteilung von Rohstoffen, Kapital und Industriegätern. Nach verschiedenen Vor­schlägen zur Grändung einer Organisation, welche sowohl fär die Reparationsleistungen Deutschlands als auch fär den wirtschaftlichen Wiederaufbau Europas verantwortlich wäre, wurden die Emergency Economic Commission for Europe (EECE) sowie die European Coal Organization (ECO) geschaffen. Diese sollten Energie, Dänger, Holz und Kohle auf die eu­ropäischen Staaten verteilen. Ihre Arbeit bestand jedoch nicht nur aus einem Nehmen aus der deutschen Produktion, sondern aus der gerechten Verteilung der gesamteuropäischen Herstellung, da der deutsche Bergbau und die deutsche Industrie anfangs noch weit ent­fernt vom Vorkriegsniveau waren.[22]

Die Kooperationen zwischen den Alliierten, die in wirtschaftspolitischer Hinsicht selbst­verständlich nätig waren, wurden allerdings vom sich anbahnenden Ost-West-Konflikt äber- schattet. Im Gegensatz zu USA und Großbritannien hegte die Sowjetunion ein hohes Bedürf­nis nach Rache und Strafe fär die durch den Krieg entstandenen Schäden. Unbestritten ist, dass die Sowjets riesige Verluste an Bevölkerung, Kulturgätern, Wirtschaftskraft und Kapi­talanlagen im Krieg erlitten hatten.[23] Ihr Wunsch nach wirtschaftlichem Ausgleich dafär ist aus diesem Grund auch verständlich. Allerdings fährten zwei Grände zu der äbermässigen Demontage und Ausbeutung der deutschen Wirtschaft und den unzaähligen Kriegsbeute­transporten Richtung Osten, welche nicht nur kriegswichtige Gäter und Material enthiel­ten, sondern praktisch alles, was wertvoll erschien: Erstens legten die Sowjets die Bestim­mungen zur Reparationspolitik viel weiter aus als die Westmächte, sodass sie beispielsweise auch Silberbesteck als rechtmäßige Reparationsleistung betrachteten.[24] Zweitens bestand in den Augen der misstrauischen Sowjetregierung offenbar noch im Mai 1945 die Mäglichkeit, dass sie nicht mehr lange als Besatzungsmacht in Deutschland blieben, sondern von der antisowjetischen Politik der Westmachte vertrieben wärden, denen man einen kurzfristi­gen Bändniswechsel auf die Seite der Nationalsozialisten zutraute.[25] Dieses Verhalten war mit ein Grund fär das Scheitern einer wirtschaftlichen Einheit, da die USA mit dem Ziel, Deutschland wieder aufzubauen, eine gaänzlich gegensaätzliche Politik betrieben.

Ein weiterer Konfliktpunkt stellte die Bestimmung des Aufgabenbereichs der ECO dar: An der Grändung der ECO beteiligte sich die Sowjetunion nicht, da sie forderte, dass der Kontrollrat die oberste Kompetenz zur Verteilung der Kohle besitzen sollte und nicht die ECO.[26] Auf der Konferenz in Potsdam gaben die Westmachte in dieser Frage nach: Der Kontrollrat wurde die oberste Instanz bei der Festlegung des deutschen Bedarfs an Kohle

und bei der Durchsetzung von Maßnahmen zur Steigerung des Kohleabbaus, sollte aber eng mit der ECO zusammenarbeiten. Zugleich hatte sich vor Potsdam im Lager der Briten und US-Amerikaner die Auffassung durchgesetzt, man müsse versuchen, mit Sowjets und Franzosen ein gemeinsames Kohlekomitee errichten, das dem Kontrollrat unterstehen sollte und im Rahmen dessen eine gesamteuropüische Zusammenarbeit aufbauen, wenn es um die Verteilung von Kohle ging.[27]

Gleichzeitig stand jedoch nicht zur Debatte, dass Deutschlands Wirtschaft geschwücht wer­den müsse, um einen schnellen Wiederaufbau, der zu einem neuen Krieg führen konnte, zu vermeiden. Hierauf hatte man sich in Potsdam geeinigt, allerdings wurde der gemeinsame Beschluss von den Amerikanern stark in Zweifel gezogen, als die Sowjetunion im Frühjahr 1946 die in Potsdam angestrebte wirtschaftliche Einheit Deutschlands verweigerte. Der ame­rikanische General Clay schreibt hierzu an den Oberbefehlshaber Eisenhower:

„Wenn eine gemeinsame Wirtschaftspolitik in allen Zonen Deutschlands wirklich zum Zuge kommen soll, sind zentrale Verwaltungsstellen unerlaüßlich. Wenn sie nicht zu erreichen sind und/oder die Grenzen Deutschlands geandert werden, hat der gegenwürtige Plan von Potsdam seinen Sinn verloren.“[28]

Den Forderungen Clays entsprechend wurde das Reparationsprogramm in der amerikani­schen Besatzungszone gestoppt, da er deutlich machte, dass dieses nur unter der Bedin­gung einer deutschen Wirtschaftseinheit durchzusetzen sei, ohne voülliges Chaos zu verur­sachen, und dass diese nicht mehr gegeben sei.[29] Diese Sichtweise Clays entsprach auch den Beschlussen von Potsdam. Sümtliche wirtschaftspolitische Weichenstellungen, wie die Foürderung des Kohleabbaus, die Ankurbelung der Landwirtschaft oder die Verbesserung der Infrastruktur ergaben laut Protokoll nur unter einer Voraussetzung Sinn: Der wirtschaftli­chen Einheit Deutschlands, deren Umsetzung immer unwahrscheinlicher wurde.[30]

2.2.3 Partner oder Hürde? Frankreichs Stellung als Besatzungsmacht

Frankreich war als Besatzungsmacht zunachst überhaupt nicht in den Planen der „Großen Drei“ Churchill, Roosevelt bzw. Truman und Stalin berücksichtigt worden. Als Siegermacht konnte das vom nationalsozialistischen Regime 1940 in nur wenigen Wochen eingenommene und geteilte Land auch eigentlich nicht gelten. Weder konnte es sich 1944 selbst befreien noch war es nach der bedingungslosen Kapitulation innenpolitisch annühernd stabil.[31]

[...]


[1] Köllmann, Das Ruhrgebiet, S.

[2] Zitiert nach: Steininger, Ein neues Land an Rhein und Ruhr, S. 29.

[3] Ruhl, Neubeginn und Restauration, S. 325.

[4] Petzina, Wirtschaft und Arbeit, S. 495.

[5] Ruhl, Neubeginn und Restauration, S. 325.

[6] Stimmungsbericht des Regierungspräsidenten von Arnsberg Fries vom 14.12.1945, in: Ruhl, Neubeginn und Restauration, S. 328.

[7] Bericht von Lord Beveridge im August 1946, in: Ruhl, Restauration und Neubeginn, S. 330.

[8] Abelshauser, Ruhrkohlenbergbau, S. 15.

[9] Petzina, Wirtschaft und Arbeit, S. 494.

[10] Abelshauser, Wirtschaft und Arbeit, S. 485f.

nSteimnger, Ein neues Land an Rhein und Ruhr, S. 28.

[12] Conze, Die Suche nach Sicherheit, S. 28f.

[13] Benz, Deutschland unter alliierter Besatzung, S. 73.

[14] Benz, Deutschland unter alliierter Besatzung, S. 22f.

[15] Steininger, Ein neues Land an Rhein und Ruhr, S. 44.

[16] Conze, Die Suche nach Sicherheit, S. 27f.

[17] Conze, Die Suche nach Sicherheit, S. 27f.

[18] Mai, Der Alliierte Kontrollrat, S. 17ff.

[19] Mai, Der Alliierte Kontrollrat, S. 49ff.

[20] Kroker, Entwicklung des Steinkohlenbergbaus, S. 75f.

[21] Mai, Der Alliierte Kontrollrat, S. 173.

[22] Mai, Der Alliierte Kontrollrat, S. 173f.

[23] Benz, Deutschland unter alliierter Besatzung, S. 73.

[24] von Buttlar, Ziele und Zielkonflikte, S. 43f.

[25] von Buttlar, Ziele und Zielkonflikte, S. 42.

[26] Mai, Der Alliierte Kontrollrat, S. 174.

[27] Mai, Der Alliierte Kontrollrat, S. 175.

[28] General Lucius Clay am 26.5.1945 an General Eisenhower, zitiert aus: Ruhl, Neubeginn und Restauration, S. 348.

[29] Ruhl, Neubeginn und Restauration, S. 325.

[30] Abelshauser, Deutsche Wirtschaftsgeschichte, S. 66.

[31] Benz, Deutschland unter alliierter Besatzung, S. 62.

Ende der Leseprobe aus 31 Seiten

Details

Titel
Sicherheit durch Integration
Untertitel
Die Ruhrpolitik der Alliierten 1945 - 1949
Hochschule
Philipps-Universität Marburg  (Fachbereich Geschichte und Kulturwissenschaften)
Note
1,3
Autor
Jahr
2010
Seiten
31
Katalognummer
V176519
ISBN (eBook)
9783640978557
ISBN (Buch)
9783640979578
Dateigröße
502 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
sicherheit, integration, ruhrpolitik, alliierten
Arbeit zitieren
Sabine Kühn (Autor), 2010, Sicherheit durch Integration, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/176519

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Sicherheit durch Integration



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden