"Von der Juden Haß gegen alle Völcker"

Eine jüdische Weltverschwörung? Verschwörungsvorstellungen in antijüdischer Polemik des 18. Jahrhunderts im deutsch-englischen Vergleich


Bachelorarbeit, 2009

72 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Frühantisemitismus versus Toleranz: Das Reich zur Zeit der Aufklärung
2.1 Der Alltag der Juden
2.1.1 Edikte und Politik bezüglich der Juden am Beispiel Preußens
2.1.2 Hofjuden
2.1.3 Das Verhültnis zur christlichen Bevülkerung
2.2 Verschwürungstheorien und Judenfeindlichkeiten

3 England und die Juden
3.1 Die ersten jüdischen Gemeinden Englands in der Neuzeit
3.1.1 Die Wiederaufnahme von Juden unter Cromwell
3.1.2 Verschwörungstheorien im jüdisch-christlichen Zusammenleben
3.2 Das Gesetz zur Einbürgerung der Juden 1753

4 Extreme Polemik in englischen und deutschen Schriften der Aufklärung
4.1 Die Autoren und ihre Werke
4.1.1 Eisenmenger und das „Entdeckte Judenthum“
4.1.2 John Tutchin, Archaicus, B.B. und Britannia
4.2 Sprache und Paradigmen der Judenfeindlichkeit
4.3 Verschwürungstheorien: Inhalt, Ursache und Wirkung

5 Resumee

6 Quellen- und Literaturverzeichnis
6.1 Quellen zu deutschen Verschwürungstheorien und Antijudaismus
6.2 Englische Quellen zum Judenhass
6.3 Allgemeine Literatur zu Verschwürungstheorien und Hass gegen Minderheiten
6.4 Literatur zu Eisenmenger und den Juden im Reich
6.5 Literatur zur Situation der Juden in England

1 Einleitung

Das Phänomen der Verschwörungstheorien, besonders gegen Juden gerichtet, tritt im Ver­lauf der Geschichte in bestimmten Epochen haufiger auf. Zum ersten Mal wird jedoch eine jädische Weltverschwärung von Johann Andreas Eisenmenger, einem deutschen Orienta­listen, entwickelt. Sein Werk „Entdecktes Judenthum“ ist dennoch bisher nicht unter dem Gesichtspunkt der Verschwärungstheorien untersucht worden. Da es von Nationalisten und Nationalsozialisten, die bekanntlich zahlreiche jädische Verschwärungen propagierten, inten­siv rezipiert wurde, stellt sich die nicht unerhebliche Frage nach der Wirkung Eisenmengers Thesen sowie der Tradierung von antijädischen Verschwärungstheorien im Allgemeinen.

Um weitere interessante Aspekte einzubringen, soll ein Vergleich von Eisenmengers Werk mit den Schriften englischer Verschworungstheoretiker gewagt werden. Zwar sind Vergleiche nicht immer einfach zu bewerkstelligen oder werden mitunter mit dem Vorwurf der Belang­losigkeit bedacht. Die teils erstaunlichen Gemeinsamkeiten und Differenzen zwischen den englischen Autoren und Eisenmenger, sowohl in sprachlicher als auch inhaltlicher Hinsicht, lassen jedoch sehr viel weitreichendere Schlässe auf das Judenbild des 18. Jahrhunderts so­wie das Nationalbewusstsein zu als es in einer Betrachtung nur einer einzelnen Schrift häatte moäglich sein koännen.

Die Beschränkung auf Eisenmenger (1700/1711) und die vier englischen Flugschriftenauto­ren Tutchin (1705), B.B. (1720), Britannia sowie Archaicus (beide 1753) ruhrt daher, dass alle fänf Autoren noch zum traditionell religios motivierten Antijudaismus tendieren und kaum modernere judenfeindliche Elemente beinhalten. Diese grundsäatzliche Gemeinsam­keit bildet eine gute Basis fär weitere Vergleiche. Da allerdings nicht nur die erste Hälfte des Jahrhunderts beleuchtet werden soll, werden auch die Judenfeindlichkeiten und even­tuelle Verschworungstheorien aufgeklärter Philosophen wie Kant und Fichte im Resümee angesprochen. Bei der Recherche englischer Quellen ließ sich nur auf die Eighteenth Century Collections Online, einer Datenbank englischer Schriften des 18. Jahrhunderts zuräckgreifen. Hierbei konnten die genannten vier Autoren als Verschwoärungstheoretiker ausfindig gemacht werden.

Eine erhebliche Erschwernis, äber die englischen Verfasser antijädischer Schriften zu recher­chieren, ergibt sich durch deren Pseudonyme und die Tatsache, dass ihre wahren Namen schlichtweg nicht bekannt sind. Allein John Tutchin veroäffentlichte sein Werk Englands Happiness Consider’d, in some Expedients“ 1705 unter seinem richtigen Namen. Uber Le- ben und Motive von Archaicus, Britannia und B.B. kann man dagegen nur auf Grundlage ihrer Werke recht waghalsige Spekulationen anstellen. Dieser Versuch soll in der vorliegen­den Arbeit nicht gewagt werden.

Wie bereits angedeutet, ist die Arbeit auf das 18. Jahrhundert konzentriert. Im Resümee wird zwar ein kurzer Ausblick auf das 19. und 20. Jahrhundert, insbesondere in Hinsicht der Rezeption Eisenmengers geleistet. Dies steht jedoch aus Rücksicht auf den beschrankten Rahmen bewusst nicht im Mittelpunkt der Arbeit. Stattdessen liegt der Schwerpunkt in der Epoche der Aufklarung, die ein erstaunliches Paradox aufweist. In der üffentlichen Meinung wird die Aufklarung hüufig in Verbindung mit wachsender Toleranz gegenüber anderen Religionen gebracht.[1] Als Beispiel hierfür wird gern Lessings Schauspiel „Nathan der Weise“ genannt. Viele aufgeklaürte Philosophen unterstuützten den Ruf nach vermehrter Toleranz und Gleichbehandlung aller Einwohner jedoch nicht. Kant und Fichte gehüren dabei zu den heftigsten und bekanntesten Kritikern des Judentums, was unter dem Titel „Schattenseiten der Aufklürung“ von Gudrun Hentges verdeutlicht wird.

Eisenmenger spielt dahingehend eine Sonderrolle. Seine Denkstrukturen und Argumentati­onsweisen sind noch sehr traditionell antijudaistisch. Dies bedeutet, dass er judenfeindlichen Vorurteilen anhing, die noch aus dem Mittelalter stammten und bis in die Gegenwart tra­diert wurden, auch dass er religioüs argumentierte, waührend bereits Kant einige Jahrzehnte spüter zusützlich philosophische und Fichte schließlich sogar politische Argumente gegen die Juden anfuührte. Letztere leiteten mit ihrer Art und Weise, Judenfeindschaft zu begruünden, den Frühantisemitismus ein und deuteten damit bereits auf den im 19. Jahrhundert aufkom­menden Antisemitismus hin, der nicht nur politisch, sondern auch rassistisch gegen Juden gerichtet war. Ein Beispiel ist das Argument, Juden seien verantwortlich für die Kreuzigung Jesu und damit Gottesmürder. In Eisenmengers Buch wird diese religiös motivierte An­schuldigung wiederholt aufgegriffen und als Beweis für den schlechten Charakter der Juden angeführt. Bei Fichte und gerade bei den Nationalsozialisten ist es fast vüllig aus der Liste der typischen judenfeindlichen Argumente verschwunden. Die Brücke zwischen traditionel­lem Antijudaismus und Frühantisemitismus, beziehungsweise dem spateren Antisemitismus, bildete daher Eisenmenger, dessen Verschwürungstheorien als einzige Neuerung gegenüber früheren Schriften die Verbindung zu der späteren Argumentationsweise der Antisemiten herstellten.

Die vorliegende Arbeit wird jedoch zunachst mit einführenden Kapiteln über die Situation der Juden in England und dem Reich beginnen, bevor sie sich der Analyse der Quellen zuwendet. Im folgenden Kapitel soll das Heilige Rüomische Reich Deutscher Nation zuerst unter dem Aspekt des juüdischen Alltags genauer betrachtet werden. Dies wird nochmals un­tergliedert in die Gesetzeslage, die Rolle der Hofjuden und das christlich-juüdische Verhaültnis. Insbesondere hinsichtlich der Judenedikte des 18. Jahrhunderts musste aufgrund der Viel­zahl an verschiedenen gesetzlichen Vorgaben unter den Obrigkeiten des Reichs eine Be­schränkung vorgenommen werden. Im Mittelpunkt steht in diesem Kapitel Preußen, das als Beispiel fär Judenedikte geeignet schien, da der Grad der Diskriminierung hier vergleichbar mit anderen Regionen ist und es daher auch in der Literatur häufig exemplarisch angefährt wird. Ohne zu sehr ins Detail juristischer und politischer Unterdräckung der Juden gehen zu mässen, lassen sich hieraus Räckschlässe auf die Lage der Juden im Gesamtreich ziehen, was fär den darauf folgenden zweiten Punkt nicht unerheblich ist. In diesem Unterkapitel soll die Rolle von Verschwärungstheorien und Judenfeindlichkeiten im Allgemeinen unter­sucht werden. Durch das Wissen um die tatsachliche Lebenslage der Juden lässt sich leicht die Unsinnigkeit von Verschwoärungstheorien und gewalttaätigen Ausschreitungen belegen.

Im dritten Kapitel soll unter dem Titel „England und die Juden“ das Leben britischer Juden beschrieben werden. Um dies umfassend darstellen zu können, musste ein Schritt zuräck ins 17. Jahrhundert gegangen werden. In einem kurzen Unterkapitel soll erklärt werden, wie es 1655 nach jahrhundertelanger Abwesenheit jädischen Lebens in England zur Grenzäffnung fär jädische Einwanderer kam. Ähnlich wie fär das Reich sollen anschließend auch Verschworungstheorien in den Blick genommen und die Frage beantwortet werden, inwiefern diese das christliche-jädische Verhaltnis beeinflussen. In einem letzten Unterkapitel wird das Einbärgerungsgesetz, die sogenannte „Jew Bill“ von 1753 thematisiert, woräber sich in England eine heftige Diskussion entfachte, in deren Rahmen auch Britannia und Archaicus ihre judenfeindlichen Schriften publizierten. Mit der Analyse dieser Debatte und den darin aufkommenden Verschwärungstheorien, die zunächst verbal in Zeitungen und Flugschriften ausgetragen wurde, entsteht bereits eine Grundlage fär das nächste Kapitel, in dem die extreme Polemiken Eisenmengers sowie der englischen Autoren analysiert werden.

Dies erfolgt in drei Schritten: Zunächst werden die Verfasser und ihre Schriften vorgestellt. Anschließend wird eine sprachliche Herangehensweise vorgestellt, in der sich den Juden­feindlichkeiten durch bestimmte, immer wiederkehrende Paradigmen und Phrasen genaähert wird. Im letzten Unterkapitel werden schlussendlich Ursachen, Inhalte und Wirkungen der in den Schriften kolportierten Verschwäorungstheorien im Fokus stehen und miteinander ver­glichen, bevor die Arbeit zu ihrem Resämee gelangt. Darin wird neben einer kurzen Zusam­menfassung der wichtigsten Erkenntnisse sowie der Rezeption von Verschwoärungstheorien die Frage nach Gemeinsamkeiten und Unterschieden Englands und Deutschlands im Kon­text von antijädischen Verschworungstheorien des 18. Jahrhunderts aufgeworfen. An das „Entdeckte Judenthum“ soll zudem die Frage gestellt werden, inwiefern es moäglicherweise bereits auf die Aufklaärung hinweist oder moderne Tendenzen enthaält und welche Beziehung Eisenmenger zu Kant und Fichte einnimmt. Außerdem spielt die Frage nach Sinn und Nut­zen von Verschworungstheorien eine wichtige Rolle. Warum stellte man äberhaupt solche absurden Theorien auf und betrieb den enormen Aufwand, diese durch waghalsige Argu­mente zu belegen? Uber die historische Betrachtung hinausgehend soll zum Abschluss die Aktualität und der Bezug zur Moderne der Schriften des 18. Jahrhunderts herausgearbeitet werden. Dabei bilden eine Studie der Anti-Defamation League über antisemitische Ver­schwörungsvorstellungen heutzutage sowie ein Artikel des jüdischen Autors Leon de Winter in der Zeitung „Die Zeit“ die Grundlage.

An Quellen wurden für die Arbeit, außer den bereits genannten, die Schrift Christian Wil­helm Dohms „Ueber die bürgerliche Verbesserung der Juden“ sowie die Flugschrift „Eisen­menger der Zweite“ des jüdischen Aufklörers Saul Ascher verwendet. Sowohl Quellen als auch Literatur sind im entsprechenden Verzeichnis am Ende der Arbeit der Übersichtlichkeit halber jeweils unterteilt in Werke über England und Deutschland sowie allgemeiner Litera­tur zu Judenhass und Verschwoürungstheorien.

Besonders wichtig für die Erstellung der Arbeit erwiesen sich bezüglich des Reichs die Bücher und Aufsütze Mordechai Breuers, Klaus Berghahns, Arno Herzigs, Albert Bruers sowie von Jacob Katz. Nicoline Hortzitz ist für ihr Buch über die Sprache der Judenfeind­schaft, in dem auch das „Entdeckte Judenthum“ zu den analysierten Schriften gehürt, als Informationsgrundlage und Hilfestellung für das Kapitel über die antijüdischen Paradigmen in den Schriften des Reichs und Englands hervorzuheben. Friedrich Niewoühner legt mit sei­nem Aufsatz über Eisenmengers Leben und Werk sehr wichtige Erkenntnisse der neueren Forschung vor.

Darüber hinaus muss die Rolle Endelmans betont werden, dem insgesamt drei Publikationen zu englischen Juden zu verdanken sind. Für die Betrachtung des Einbürgerungsgesetzes und seiner Auswirkungen zeigten sich die Aufsatze von Dana Rabin und G.A. Cranfield am wertvollsten, wobei Cranfields Aufsatz besonders hervorzuheben ist, da nur hier die Medienkampagne gegen das Einbürgerungsgesetz derart ausführlich analysiert wird.

Im Hinblick auf die Frage nach der Wirkung Eisenmengers auf nationalistische Ideologien konnte leider nicht auf die Veröffentlichungen der Rezeptoren August Rohling und Julius Streicher zurück gegriffen werden, da sowohl „Der Talmudjude“ als auch eine Sammlung der Ausgaben der nationalsozialistischen Zeitung „Der Stürmer“ nicht zur Verfügung stan­den. Zudem bildet diese Fragestellung, obwohl sie sehr interessant ist, aus Gründen der eingeschränkten Seitenzahl keinen Schwerpunkt der Arbeit.

2 Frühantisemitismus versus Toleranz: Das Reich zur Zeit der Aufklärung

2.1 Der Alltag der Juden

2.1.1 Edikte und Politik bezuglich der Juden am Beispiel Preußens

Im 18. Jahrhundert lebten die Juden vielerorts noch unter Bedingungen, die von heftiger Feindschaft der übrigen Bevölkerung geprägt wurden. Ihre Duldung in einem Ort des in viele Gebiete zersplitterten Reich hing seit dem Westfälischen Frieden völlig vom Wohl­wollen des jeweiligen Landesherrn ab.[2] Dieser konnte sie nach Belieben für eine bestimmte Zeit aufnehmen und sie wieder vertreiben lassen, wenn sie seine Politik behinderten. Jedoch stellten sich die Juden schon im Mittelalter als eine nicht zu unterschätzende Einnahme­quelle für Kaiser und Fürsten heraus, indem man ihnen Steuern und Zölle auferlegte und sie im Gegenzug vor Übergriffen der Bevölkerung versprach zu schützen. Diese Praxis setzte sich auch in der Frühen Neuzeit unter den absolutistischen Herrschern mit dem merkan- tilistischen Wirtschaftssystem fort.[3] Sie versuchten dabei in erster Linie, von der Finanz- und Wirtschaftskraft der Juden dahingehend zu profitieren, dass der Handel, die Staatsein­nahmen und die Bevolkerungszahl einen Aufschwung erlebten.[4] Gleichzeitig schränkten sie die Juden ükonomisch wie religiüs stark ein, da sich traditionelle Vorurteile sowohl in der einfachen Bevoülkerung als auch im Adel erhalten hatten.

Die Juden lebten daher stets zum Einen unter der fiskalischen Ausbeutung und dem ge­sellschaftlichen Druck der diskriminierenden Edikte gegen sie und zum Anderen mit dem Bewusstsein, dass sie jeden Tag vertrieben werden konnten.[5] Aus Sicht des Landesherrn spielten im Ruückschluss dazu in seinem Ümgang mit den Juden in erster Linie zwei Krite­rien eine Rolle: Erstens sind die wirtschaftlichen Auswirkungen der Juden auf die Staats­kasse sowie auf die ükonomische Situation der Christen entscheidend. Zweitens gewinnen auch religiüose Aspekte im christlich-juüdischen Zusammenleben vor dem Hintergrund reli- gioser Vorurteile an Bedeutung, welche im 18. Jahrhundert durch Überlieferung aus dem Mittelalter noch sehr verbreitet waren. So war man bestrebt, die Ausübung der jüdischen Religion auf ein Minimum zu beschranken und ihnen nie die gleichen Rechte wie Christen einzuraumen.[6]

Der Große Kurfürst Friedrich Wilhelm I. von Preußen erlaubte 1670 die Ansiedlung von 50 der aus Wien vertriebenen jüdischen Familien. Aus diesem kleinen Kreis entstand schon nach wenigen Jahrzehnten in Berlin die grüßte jüdische Gemeinde im Reich.[7] Um als soge­nannter Schutzjude in Preußen Aufnahme zu finden, musste ein Vermögen von über 10.000 Talern vorliegen. Dies konnten von den drei bis viertausend Vertriebenen gerade einmal 50 Juden vorweisen, die dann mit ihrer Familie aufgenommen wurden. Hieran wird sogleich deutlich, dass der Kurfürst die Juden nicht aus reiner Großherzigkeit aufnahm, sondern allein, um von ihrem Reichtum zu profitieren. Das Leben der Juden in Preußen, aber auch an anderen Orten im Reich, war, bis zur Zunahme von Toleranzedikten um 1800, gepraügt von Diskriminierungen und Feindseligkeit, hohen Abgaben und Ausbeutung sowie religiüsen Einschrankungen. Beispielsweise war ihnen in Preußen sowohl Wucher als auch das Feiern eines Gottesdienstes sowie die Einrichtung einer Synagoge untersagt.[8] Parallel zum finanziellen Nutzen, den die Juden für Preußen mit sich brachten, hoffte der Große Kurfürst gleichermaßen darauf, einen Teil der jüdischen Bevolkerung zum Christentum zu bekehren und wird somit einem üblichen Ziel seiner Zeit im Umgang mit Juden gerecht.[9] Sowohl spätere preußische Monarchen als auch andere Fürsten, Philosophen, Schriftsteller und Gelehrte hegten hüufig die Hoffnung auf eine erfolgreiche Missionierung der Juden.[10] Die Protestanten, unter denen der Calvinist Friedrich Wilhelm als radikaler gilt als die Lutheraner, betrieben vielfach Missionsbemuühungen. Unter Katholiken war die Angst, von Juden bekehrt oder im eigenen Glauben beeintrüachtigt zu werden nicht ganz so weit verbrei­tet, doch auch sie schränkten die Ausübung des jüdischen Glaubens ein.[11] Die schwersten Ausbruüche von Judenhass sind allerdings bei Protestanten, wie zum Beispiel Eisenmenger, zu beobachten.[12]

Gleichwohl gab sich der Große Kurfürst sehr tolerant gegenüber Juden und bot ihnen bessere und freiere Lebensbedingungen als andere Fürsten. Mit seiner Auffassung, dass die wirt­schaftlichen Aktivitüten der Juden für das Land mehr Nutzen als Schaden brachten, stand er jedoch oft alleine. Sowohl im Adel als auch in der Bevoülkerung, dem Klerus und unter Intellektuellen war vielmehr die Ansicht verbreitet, dass die Juden illegale Mittel anwen­deten, betrügen und eine große wirtschaftliche Konkurrenz für die christliche Bevülkerung seien.[13] Vor allem ihre ausgreifende wirtschaftliche Tütigkeit als Handler und Geldverleiher geriet zunehmend mit den Interessen der christlichen Kaufleute und Handwerker sowie der Wirtschaftspolitik in Konflikt, auf deren Druck hin die Nachfolger Friedrich Wilhelms die Juden in ihrer Berufsausübung aufs Neue einschrankten.[14]

Das Gros der Juden war aufgrund ihres zu geringen Vermügens nicht in der Lage, den Schutzbrief des Kurfürsten beziehungsweise spater des Königs zu erwerben. 1750 lebten in Berlin nur 321 Juden mit einem Schutzbrief. Die restlichen der 802 Erwerbstütigen lebten als Bedienstete und Angestellte der reichen und mittelstündischen Juden. Fast 65 Prozent der Gemeinde hatten Mühe, sich zu ernühren und lebten als Bettler und Hausierer, die von Haus zu Haus zogen. Nur 26 Prozent zühlten zum Mittelstand und neun Prozent gehorten der reichen Elite an.[15] Die verbreitete Überzeugung vom allgegenwürtigen Reichtum der Juden, der den der Christen bei weitem übertrafe, sollte bereits mithilfe dieser Zahlen ausreichend widerlegt sein. Dies wird von Quellen aus der zweiten Hülfte des 18. Jahrhunderts, wie der projüdischen Schrift „Über die bürgerliche Verbesserung der Juden“ von Christian Wilhelm Dohm, untermauert:

„Eine große Menge Juden findet daher die Thore aller Städte für sich verschlos­sen, wird von allen Grünzen unmenschlich abgewiesen, und ihr bleibt nichts übrig, als zu verhungern - oder durch Verbrechen dem Hunger zu wehren.“[16]

Viele für Christen selbstverstündliche und alltagliche Annehmlichkeiten kosteten Juden zu­dem zusützlich Geld, andere waren ihnen komplett verwehrt, wie zum Beispiel die Berufsfrei­heit. Hierin unterschied sich Preußen nicht in besonderer Weise von anderen Fürstentümern, die Juden ebenfalls wegen ihres Vermogens aufnahmen. Schon allein die Grundvorausset­zung, um legal und anerkannt in Preußen leben zu konnen, die offizielle Duldung, kostete unter Kurfürst Friedrich Wilhelm acht Taler pro Familie und Jahr, wobei der Preis stündig erhüht wurde.[17] Zudem wurden unter ihm, aber mehr noch unter seinen Nachfolgern, viele weitere Steuern eingeführt, welche die Juden mit großen Summen belasteten. Das Diagramm über die Abgaben an Warensteuer der Juden im Verhültnis zur Akzise der gesamten Stadt Berlin veranschaulicht, wie groß der juüdische Anteil am Wirtschaftswachstum Berlins war. In den wenigen Jahren von 1696 bis 1705, die in Abbildung 2.1 dargestellt werden, stiegen die Abgaben der Juden prozentual gemessen an den Gesamteinnahmen an Warensteuer der Stadt Berlin von gut zehn auf fast 70 Prozent, obwohl sich noch bis 1740 weniger als ein Prozent der Einwohnerschaft Berlins zum Judentum bekannte.[18] Dies belegt eindrucksvoll, dass die Juden, auch wenn sie stürker besteuert wurden, wirtschaftlich weitaus produktiver und erfolgreicher waren als die übrige Bevülkerung Berlins.[19] Daraus künnte man schlussfolgern, dass die Juden möglicherweise doch reicher waren als die christliche Bevölkerung. Bedacht werden muss aber auch, dass in diese Rechnung die große Zahl an armen Juden nicht einfloss, da sie nicht rechtmößig in Preußen leben durften. Nur die wenigen geduldeten Schutzjuden waren sicher wohlhabender als viele Christen, wobei nie außer Acht gelassen werden darf, dass die Mehrheit der Juden unter sehr viel schlechteren Umstönden lebte und die generalisierende Behauptung vom Reichtum der Juden aus diesem Grund nicht zutrifft.

Akzisezahlungen der Berliner Juden und Gesamtbevölkerung

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2.1: Quelle: Bruer, S. 49.

Gerade außerordentliche Störke und Fleiß im wirtschaftlichen Bereich föhrte jedoch zu der Erhebung noch höherer Abgaben. Auch den preußischen Königen ging es wie dem Großen Kurförst zunachst um die fiskalische Ausbeutung, dann als langfristigeres Ziel um die Be­kehrung der Juden.[20] Kurförst Friedrich III. (1688-1713, ab 1701 König Friedrich I.), König Friedrich Wilhelm I. (1713-1740) und Friedrich II. (1740-1786), die Preußen zu einer Groß­macht ausbauten, benötigten für ihre Armeen und ihre Hofhaltung mehr Geld als der Große Kurfürst. Daher griffen sie auf die finanzstarken Juden zuröck, die ihnen ab etwa 1700 ver­schiedene Steuern schuldig waren.[21]

1701 mussten die 113 jödischen Familien in Berlin allein schon 5000 Reichstaler aufbringen, um Schutzgelder zu bezahlen, ohne die ein dauerhafter Aufenthalt nicht moöglich gewesen wäre.[22] Dies entspricht etwa 44 Taler pro Familie. Die ersten jüdischen Familien in Ber­lin mussten 1671 dagegen nur acht Taler im Jahr zahlen.[23] In den Folgejahren des 18. Jahrhunderts stieg der Betrag kontinuierlich an bis auf 25.000 Taler im Jahr 1768.[24] Zu dieser Grundvoraussetzung für ein Leben in Berlin musste die jüdische Gemeinde ab 1700 zusützlich das sogenannte „Rekrutengeld“ von 4800 Talern aufbringen. Die Berechtigung zur Erhebung eines solchen leitete sich aus der angenommenen Knechtschaft und Wehrun­tauglichkeit der Juden ab. Wie selbstverstandlich gingen weltliche wie kirchliche Herrscher davon aus, dass die unfreien Juden den Christen auf ewig zum Dienst verpflichtet seien, da sie Christus nicht als den Messias erkannt hatten. Als Knechte und Schutzbedürftige besaßen sie kein Waffenrecht und waren vom Armeedienst von vornherein ausgeschlossen. Daher schien es nur gerecht, wenn sie dafür einen Obolus in die Staatskasse zahlen mussten. Im Gegensatz zum vorherigen System waren die Abgaben der Juden keine Zusatzeinnahme für die Privatkasse des Fürsten, sondern wurden in den Staatshaushalt mit einbezogen.[25]

Außer dem Geld für den Aufbau und den Unterhalt einer Armee, das Bruer pro Jahr seit 1700 auf insgesamt 30360 Taler Werbungskosten für Soldaten und 55068 Taler für den Unter­halt der Armee berechnet,[26] musste die Gemeinde 1000 Dukaten allein für ihr Dasein zahlen, 700 Taler bei Geburten und Hochzeiten, Stempelgeld für die Ausstellung von Urkunden, 100 Taler für die Gründung eines neuen Haushalts und zusatzlich Sonderabgaben bei bestimm­ten Ereignissen, wie Feueralarm, der Wahl des Gemeinderats und der Hochzeitserlaubnis. Zudem schränkte Friedrich I. die Juden auch wirtschaftlich und religiös wieder stärker ein als sein Vorgünger. Bei der Überquerung einer Grenze sowohl in Preußen als auch im gesamten Reich musste jeder Jude einen Leibzoll entrichten, was mit der Behandlung einer beliebigen Handelsware oder eines Tiers gleichzusetzen ist.[27] Noch diskriminierender wurde die Lage unter Friedrich Wilhelm I. und seinem Sohn Friedrich II.[28] Ersterer kolportierte nach seinen toleranteren Vorgangern wieder bekannte Vorurteile und Verschwürungstheorien über die Juden und hegte aus diesem Grund offenbar einen so großen Hass gegen sie, dass er seinem Sohn und Nachfolger riet, alle Juden zu vertreiben.[29] Sowohl er selbst als auch Friedrich II. sahen jedoch offensichtlich ein, dass eine Vertreibung der gesamten Judenschaft ange­sichts ihres Beitrags an Steuerzahlungen und dem eigenen hohen Geldbedarf nicht infrage kaüme. Stattdessen erließen beide noch strengere Gesetze, um das vermeintlich boüsartige Treiben der Juden zu verhindern beziehungsweise weiter einzuschrüanken, und legten der jüdischen Gemeinde noch hühere Steuern auf. Im Generalprivilegium Friedrich Wilhelm I. von 1730 wird die Zahl der jüdischen Familien in Berlin exakt auf 100 festgelegt. Obwohl 1737 120 Familien und 250 Bediensteten der Aufenthalt in Berlin gestattet wurde, mussten 387 Familien ausgewiesen werden.[30] Mit ihrer Gesetzgebung entsprachen sie den Forderun­gen Eisenmengers und anderer Antijudaisten, deren Losungsvorschlage vorsahen, die Juden durch strengere Gesetze zum Übertritt zum Christentum zu bewegen.[31]

Ausgerechnet Friedrich II., dessen Behauptung, in Preußen könne jeder nach seiner Fasson glücklich werden, oft zitiert wird, zeigte sich gegenüber den Juden trotz seiner aufgeklarten Ansichten ausgesprochen intolerant. Er unterstützte zwar die Aufnahme von auslündischen Protestanten als vollwertige Bürger, die Juden als Nichtchristen kamen jedoch nicht in diesen Genuss.[32] Vielmehr erfuhren sie mit dem strengsten aller bisherigen preußischen Judene­dikte noch heftigere Diskriminierungen. So erlaubte er beispielsweise nur Hochzeiten von reichen Juden und führte eine Hierarchie der Judenschaft ein, indem er zwischen ordent­lichen und außerordentlichen Schutzjuden unterschied. Letztere erhielten den Schutzbrief nur auf Lebenszeit, ihre Kinder mussten Preußen mit Erreichen der Volljührigkeit also ver­lassen, wührend ein ordentlicher Schutzjude seinen Schutzbrief auf zumindest einen Sohn übertragen lassen konnte.[33] Die Masse der Juden besaß jedoch keine offizielle Aufenthalts­genehmigung und war nur als Bedienstete der reichen Familien geduldet. In der Hierarchie noch unter diesen befanden sich die jüdischen Bettler und Hausierer ohne festen Wohnsitz, die oft bereits von den Grenzposten abgewiesen wurden.[34] Mithilfe dieser rigiden Rangun­terscheidungen versuchte man, ein Wachstum der Gemeinde und die Aufnahme von mittel­losen Juden zu unterbinden. Erst nach dem Siebenjüahrigen Krieg gelang es der juüdischen Gemeinde schließlich, das Recht zu erkaufen, wenigstens ein zweites Kind in den Schutzbrief mit aufnehmen zu dürfen.[35] Dieses Beispiel veranschaulicht die preußische Judenpolitik, die ständig zwischen zwei Extremen steht, besonders gut. Auf der einen Seite ist selbst das Herrscherhaus von Vorurteilen, Hass und auch Verschwoürungstheorien gegen die Juden ge- prügt, auf der anderen Seite sind die Fürsten aber dringend auf die hohen Steuerzahlungen der Juden angewiesen. In diesem Spannungsfeld widersprechen sich die Edikte bezüglich des Ümgangs mit den Juden haufig und vermügen keine stringente Durchsetzung zu voll­ziehen. So konterkariert unter anderem die Tatsache von 203 jüdischen Familien in Berlin im Jahr 1750 das Edikt Friedrichs II., welches eigentlich nur 120 Familien erlaubte.[36] Dem Misstrauen des Staats gegenuüber den juüdischen Gemeinden traten in der zweiten Hüalfte des 18. Jahrhunderts mit Beginn der Aufklarung einige Verfechter der jüdischen Emanzipati­on entgegen. Christian Wilhelm Dohm, preußischer Diplomat und Jurist, war ein Freund des juüdischen Philosophen Moses Mendelssohn und einer der bekanntesten christlichen Ver­fechter der jüdischen Emanzipation.[37] In seiner zweiteiligen Schrift „Ueber die bürgerliche Verbesserung der Juden“, die 1781, beziehungsweise 1783, veröffentlicht wurde und die er auf die Bitte Moses Mendelssohns hin gegen die Judenpolitik der Obrigkeiten verfasst hatte, tritt er für die rechtliche und soziale Gleichberechtigung der Juden ein. Im folgenden Absatz nimmt er die Juden in Schutz und hebt ihre positiven Eigenschaften hervor, aus denen der Staat ohne Diskriminierungen grüßeren Nutzen ziehen künnte.

„Fast nie hat man ein Beyspiel einer von einem Juden begangenen Verratherey oder Vergehung wider den Staat bemerkt. Sie sind fast allenthalben dem Staate, in dem sie leben, wenn sie nur nicht gar zu sehr gedruückt werden, ergeben, und sie haben oft in Gefahren einen Eifer bewiesen, den man von so wenig begünstigten Gliedern der Gesellschaft nicht erwarten sollte.“[38]

Mendelssohn hoffte wohl, dass Dohm als Christ einer projudischen Schrift und damit den Juden selbst mehr Glaubwürdigkeit mitgeben konnte als ein jüdischer Verfasser. Damit hatte er sicherlich Recht, führte doch die Publikation dazu, dass man sich unter Gelehrten zum ersten Mal mit der Problematik auseinandersetzte und sie damit in gewisser Hinsicht den Beginn der jüdischen Emanzipation markierte.[39] Die antijüdische Politik Preußens fin­det sich trotz der Veröffentlichung solcher aufgeklärten Gegenpositionen in ähnlicher Art in vielen anderen absolutistischen Fürstentümern des 18. Jahrhunderts und kann somit als Beispiel für die scheinbar aufgeklürte Politik der Monarchen im Reich gelten, welche den­noch von Intoleranz und Diskriminierung gegen eine fremde, bedrohlich wirkende Religion durchsetzt ist.[40] Das fortschrittlichste und toleranteste Judenedikt des 18. Jahrhundert war wohl das Toleranzedikt Kaiser Josephs II. von 1782, das für Wien und Niederüsterreich galt und für das der Kaiser von vielen Aufklürern und Philosophen hoch gelobt wurde. Den­noch kommt darin zum Ausdruck, dass es ausschließlich der Staatsraüson und der Annah­me entsprang, dass Juden nuützlichere Buürger sein küonnen, wenn sie weniger eingeschrüankt waren.[41] Zudem ist die darin propagierte Toleranz eher relativ zu sehen. Viele Restriktio­nen blieben bestehen, womit die Lage sich letztendlich nur in einigen Punkten von jener der preußischen Juden unterschied.[42] Ähnlich offenbarten sich Edikte in anderen Regionen nur als vordergründig tolerant. In Wirklichkeit galten sie entweder nur für die wohlhabenden Juden, unterwarfen die jüdischen Gemeinden neuen Diskriminierungen oder übernahmen vorhergehende Restriktionen. Den Gegnern der Assimilation und Integration unter den Ju­den waren die Toleranzedikte auch durchaus nicht vollstaündig willkommen. Sowohl Joseph II. 1782 als auch Napoleon 1796 forderten in ihren Gesetzen die Anpassung der Juden an den christlichen Lebensalltag. Die Aufgabe bestimmter kultureller und religioüser Braüuche und Elemente fiel besonders den orthodoxen Juden aus Osteuropa sehr schwer, während Anhänger der Haskala, der jädischen Aufklärungsbewegung, wie Moses Mendelssohn, es fär guthießen, dass die christlichen Gesetze nun offiziell auch fär Juden galten oder Juden die deutsche Sprache erlernen mussten.[43] Das Jahrhundert der Aufklärung zeigt sich damit auch an seinem Ende politisch wie gesellschaftlich nicht als tolerant gegenäber Juden.

2.1.2 Hofjuden

In der Hierarchie der Juden, die sich an Reichtum und Ansehen orientierte, standen die sogenannten „Hofjuden“ an oberster Stelle. Sie besaßen nicht nur ein stattliches Vermögen, sondern verfägten als direkte und zum Teil sehr enge Berater des Känigs auch äber erheb­lichen politischen Einfluss.[44] Zwar sind auch fär das Spätmittelalter jädische Bankiers im Dienst von Konigen und Fürsten belegt, mit Beginn des Absolutismus und Merkantilismus gewannen sie jedoch eine neue Bedeutung. Die Herrscher waren nun viel dringender auf das Geld und die Unterstätzung jädischer Geschäftsleute angewiesen, um das Land nach dem Dreißigjährigen Krieg wieder aufzubauen, sich große Paläste und eine teure Hofhaltung zu leisten und gleichzeitig die Wirtschaftskraft zu starken.[45] Als Hoffaktoren zeichneten Hofjuden häufig fär die Finanzierung politischer Projekte des Färsten verantwortlich und verwalteten die Finanzen des Hofs. Zudem umfasste ihr Tätigkeitsspektrum die Lieferung von Waffen und Luxusgätern, Subsidiengeschäfte mit anderen Regierungen und diplomati­sche Aufträge. Viele avancierten mit der Zeit durch dieses breit gefacherte Aufgabengebiet zum hächsten färstlichen Ratgeber in samtlichen politischen und wirtschaftlichen Fragen.[46] Gleichzeitig betatigten sie sich selbst als Unternehmer, grändeten Manufakturen und Ban­ken und kauften Monopole, womit sie als Wegbereiter des modernen Kapitalismus gelten konnen.[47]

Der typische Hofjude zeichnete sich durch eigenen Reichtum, okonomisches Verstandnis und außerordentliche unternehmerische Fahigkeiten aus. Häufig gelangte er durch Waffen­lieferungen an einen Färsten in dessen Dienste, wobei es auch vorkam, dass ein Jude fär mehrere Färsten arbeitete.[48] Durch ein weites Netz an Beziehungen zu einflussreichen Perso­nen, Haändlern und Bankiers, von denen viele ebenfalls dem Judentum anhingen, konnte der Hofjude an Waren und Kredite gelangen, die ein christlicher Kaufmann nie erhalten hätte. Die Juden waren die einzige Personengruppe im Reich, die äber die Voraussetzungen fur die Ausäbung der Arbeit als Hoffaktor und Berater des Färsten verfugten. Sie lebten verstreut in saämtlichen Läandern Europas, hielten zusammen und pflegten vor allem durch Eheschlie­ßungen Kontakte untereinander.[49] Sie waren geschäftstüchtig und wirtschaftlich erfolgreich, wobei sich ihnen hierbei ihre Beziehungen als nützlich erwiesen.[50] Sie waren per Gesetz auf wenige Berufe festgelegt, unter anderem auf Geldgeschäfte und kaufmannische Berufe und hatten sich hierin eine hohe Professionalitat erworben. Über alle diese Eigenschaften hinaus nutzte den Fürsten vor allem die Abhangigkeit der Juden von ihrem Wohlwollen.[51] Nicht selten ließen sich Hofjuden auf Befehl ihres Herrn auf riskante, undurchsichtige und bis hin zur Illegalität reichenden Geschäfte ein. Ein Beispiel hierfür sind Bestechungen sowie Munzmanipulationen, indem Hofjuden vollwertige Munzen mit Munzen, deren Silbergehalt verringert worden war, aufkauften. Dies fuhrte zu einer Überschwemmung des Markts mit geringwertigen Munzen, Preissteigerungen und selbstverstandlich zu einem gewinnbringen­den Geschaft des Fursten. Christen hatten einen solchen Auftrag sehr wahrscheinlich höflich abgelehnt, wahrend Juden praktisch keine andere Wahl hatten, als dem Fursten zu gehor­chen, der uber ihr Leben bestimmte und sie ohne Weiteres fur Ungehorsam hart bestrafen konnte.[52] Der Druck, den ein Monarch dadurch auf den Hofjuden ausuben konnte, erwirkte eine besondere Treue und Zuverlassigkeit, die bei einem christlichen Untergebenen wohl nie zu erreichen gewesen ware.[53]

Gerade dieser Ümstand versetzte den Hofjuden jedoch in eine prekare, teils sogar gefahrliche Lage.[54] Die Monarchen setzten ihre Hofjuden bewusst fur unbeliebte und riskante Auftrage ein, sodass diese sich durch ein kleines Missgeschick oder ungluckliche Ümstande schnell angeklagt sehen konnten, illegal gehandelt zu haben, obwohl sie nur die Anweisungen ihres Landesherrn befolgt hatten.[55] Besonders gefahrlich war allerdings gar nicht zwingend der Furst selbst, sondern dessen Tod. Haufig war der Furst die einzige Person am Hof, die den Hofjuden vor Angriffen schutzte, da er ihn dringend fur seine Geschafte benotigte. Sobald er gestorben war, konnten seine Familie und Beamten gegen den unbeliebten und um seine Macht und sein Vermogen beneideten Hoffaktor vorgehen.[56] Einige Hofjuden fanden sich daher durchaus vor Gericht, in Kerkerhaft oder sogar auf dem Schafott wieder. So gut ein Hofjude verdiente und gewisse Privilegien, wie die Befreiung vom Leibzoll, genoss,[57] so rasch konnte also auch sein Absturz herbeigefuhrt werden. Die Stelle der Hofjuden war stets mit einem hohen Risiko fur ihr eigenes Leben und das ihrer Familie verknupft, dem gesellschaft­lich weniger angesehene Juden in dieser Form nicht unterlagen. Ihre Bekanntheit, die Art und Weise ihrer Arbeit und die ublichen Vorurteile und Geruchte uber Juden vermischten sich in ihrem Fall zu einer Lebenssituation mit hohem Konfliktpotenzial.[58] Ebenso wie dies zu großem Ansehen und Erfolg führen konnte, sind auch tragische Fälle belegt, die mit der Hinrichtung eines Hofjuden endeten. Der bekannteste ist wohl der des Hofjuden Karl Alexanders von Württemberg, Joseph Süß Oppenheimer, der als „Jud Süß“ zu trauriger Berühmtheit gelangte. Nur wenige Stunden nach Karl Alexanders Tod wurde er verhaftet und nach einem Prozess zum Tode verurteilt. In seiner Amtszeit hatte er sich aufgrund der Politik, die er unter Karl Alexander ausführte, viele Feinde gemacht. Die Vorwürfe gegen ihn waren zum großen Teil aus der Luft gegriffen und erfüllten den Stereotyp des habgierigen Juden, der sich auf Kosten des Volkes bereichert. Sowohl Prozess als auch Hinrichtung waren vüllig auf sein Judentum ausgerichtet. Tatsachen wurden dagegen bewusst ausgeblendet.[59] Auch wenn nicht jeder Hofjude hingerichtet wurde, erwiesen sich Verschwoürungsvorwuürfe gegen sie doch als sehr nützliches Vorgehen ihrer Gegner und als ein bestimmender Faktor in ihrem Leben.

2.1.3 Das Verhältnis zur christlichen Bevölkerung

Antijüdischer Verschwürungsglaube war in allen Bevölkerungsschichten der vormodernen Gesellschaft vertreten, wodurch die Beziehung zwischen Juden und Christen haufig von Abneigung und Hass gepraügt war, was sich mitunter in gewalttüatigen Ausschreitungen, der stürksten Ausdrucksform des Misstrauens gegenüber den Juden, zuspitzte. Als markan­te Beispiele hierfür stehen unter anderem der Fettmilch-Aufstand in Frankfurt 16 1 2[60], die Ausschreitungen in Bamberg 1699[61] sowie die sogenannten Hep-Hep-Unruhen, die sich 1819 von Würzburg aus im ganzen Reich verbreiteten.[62] Trotz der beginnenden Aufklürung wur­den noch aus dem Mittelalter stammende Behauptungen des traditionellen Antijudaismus, welche die Juden zum Beispiel der Kinderkreuzigungen bezichtigten, geglaubt und selbst von Gelehrten wie Eisenmenger bekräftigt.[63]

Dass solche Vorurteile auch in der einfachen Bevüolkerung kursierten und tradiert wurden, bestütigt sich in diskriminierenden Volksliedern oder auch in Predigten von Dorfpfarrern.[64] In Preußen war das Verhültnis der Juden zum Rest der Bevolkerung schon bei ihrer Aufnah­me 1671 durch den Großen Kurfürsten nicht als gut zu bezeichnen. Der Protest der Stünde gegen die Entscheidung Friedrich Wilhelms unterstreicht die von Beginn an feindselige Hal­tung der Bevüolkerung, welche die Juden nicht in ihrem Lebensumfeld sehen wollte.[65] Da die Menschen in Preußen schon seit Jahrzehnten in einem judenfreien“ Land gelebt hat­ten und man daher davon ausgehen kann, dass die wenigsten über persünliche Erfahrungen mit Juden verfügten, scheint die Ursache für ihre judenfeindliche Haltung grundsätzlicher Natur zu sein. Ihr Misstrauen basierte vermutlich vielmehr auf negativen Berichten aus anderen Regionen über Juden, welche die christliche Bevülkerung finanziell ruiniert hatten sowie mittelalterlichen Vorurteilen, die hingenommen wurden, ohne sie zu hinterfragen. Ver­bunden mit der daraus resultierenden gefühlten Bedrohung entstand nicht nur in Preußen ein fruchtbarer Nahrboden für Verschwörungstheorien, von denen sich sogar Fürsten, wie Friedrich II., beeinflussen ließen.

Seine antijüdische Einstellung lüsst sich neben den unzahligen Edikten gegen die Juden, deren Bedeutung bereits erlüutert wurde, auch an seiner Einwanderungspolitik festma­chen, welche die Juden deutlich von anderen Religionsgemeinschaften absetzte.[66] So wurde die Zahl der Juden mit Einwanderungserlaubnis von vornherein begrenzt, wührend Hu­genotten und andere flüchtende Christen zu Zehntausenden immigrierten. Im Gegensatz zu Juden belastete man diese weder finanziell noch gesellschaftlich durch diskriminierende Gesetze, sondern verschaffte ihnen sogar teilweise Privilegien im Vergleich zur ansassigen Bevülkerung.[67] Diese rechtliche Ungleichbehandlung von Juden und Christen trug sicherlich nicht zur Besserung des jüdisch-christlichen Verhültnis bei. Paradoxerweise erschienen die Juden den Christen dennoch privilegiert. Nicht selten liest man bei Eisenmenger von den überaus reichen Juden oder in der Literatur von christlichem Neid, der zu Vertreibungen und Plünderungen führen konnte.[68] Trotz der hohen Steuern wuchs die jüdische Gemeinde, bildete sich eine Mittelschicht heraus und konnten Einzelpersonen ihr Vermügen noch ver­größern.[69] Unter den gegebenen Umstünden lasst sich nicht leugnen, dass Vermutungen über Intrigen und Verschwürungen zwischen Juden und Obrigkeit als einfachste Erklarung für den Reichtum der Juden nahe liegen, was schon 1612 bei den Unruhen in Frankfurt der Fall war[70] und bei Eisenmenger um die Jahrhundertwende 1700 ebenfalls wieder thematisiert wird.[71]

Die Legitimation der Bürger Kronachs für die antijüdischen Ausschreitungen im Raum Bam­berg 1699 veranschaulicht die Verschworungsvorstellungen des einfachen Volks, die davon ausgehen, die Juden verfolgten das Ziel, den Christen systematisch Schaden zuzufügen:

Dieses verderbliche Judengesindel hat mit ihrem vermoügen und mit ihrer hand- tierung derartige seuche und pest dem armen buürgersmann gebracht, daß er in hüchste armut und außersten notstand abgestürzt ist. Die Juden entrich­ten schlechtes schutzgeld und mit ihren zinsen saugen sie den buürgern das blut aus.“[72]

[...]


[1] Berghahn, S. 51.

[2] Herzig, S. 114.

[3] Berghahn, S. 24.

[4] Breuer, S. 106.

[5] Berghahn, S. 23ff.

[6] Herzig, S. 114.

[7] Bruer, S. 47.

[8] Bruer, S. 48.

[9] Breuer, S. 104.

[10] Siehe S. 19.

[11] nHerzig, S. 117.

[12] Siehe S. 34.

[13] Breuer, S. 105.

[14] Herzig, S. 115.

[15] 16Bruer, S. 53.

[16] Dohm, Teil 1, S. 6f.

[17] Berghahn, S. 25.

[18] Bruer, S. 51.

[19] Berghahn, S. 28.

[20] Breuer, S. 105.

[21] Bruer, S. 49.

[22] Herzig, S. 119.

[23] Berghahn, S. 24.

[24] Berghahn, S. 25.

[25] Berghahn, S. 27.

[26] Bruer, S. 49f.

[27] Breuer, S. 137.

[28] Berghahn, S. 27.

[29] Herzig, S. 119.

[30] Herzig, S. 120.

[31] Siehe S.34.

[32] Berghahn, S. 25.

[33] Berghahn, S. 32.

[34] Herzig, S. 133.

[35] Berghahn, S. 32.

[36] Berghahn, S. 32.

[37] Berghahn, S. 96.

[38] Dohm, Teil 1, S. 103f.

[39] Bruer, S. 55.

[40] Breuer, S. 132ff.

[41] Berghahn, S. 36.

[42] Berghahn, S. 38.

[43] Berghahn, S. 39ff.

[44] Breuer, S. 107ff.

[45] Breuer, S. 106f.

[46] Ries, S. 33.

[47] Herzig, S. 135.

[48] Breuer, S. 107.

[49] Herzig, S. 134.

[50] Breuer, S. 112f.

[51] Bruer, S. 68.

[52] Breuer, S. 111.

[53] Breuer, S. 112.

[54] Bruer, S. 68.

[55] Breuer, S. 116.

[56] Breuer, S. 115f.

[57] Breuer, S. 114.

[58] Breuer, S. 116.

[59] Breuer, S. 116f.

[60] Vgl. Meyn: Die Reichsstadt Frankfurt vor dem Bürgeraufstand von 1612 bis 1614. Frankfurt am Main 1980.

[61] Herzig, S. 139f.

[62] Vgl. Katz, Jacob: Die Hep-Hep-Verfolgungen des Jahres 1819. Berlin 1994.

[63] Siehe S. 34.

[64] Herzig, S. 143f.

[65] Herzig, S. 117.

[66] Breuer, S. 105.

[67] Berghahn, S. 25.

[68] Herzig, S. 141.

[69] Breuer, S. 146f.

[70] Meyn, S. 70.

[71] Siehe S. 34.

[72] Zitiert nach Herzig, S. 141.

Ende der Leseprobe aus 72 Seiten

Details

Titel
"Von der Juden Haß gegen alle Völcker"
Untertitel
Eine jüdische Weltverschwörung? Verschwörungsvorstellungen in antijüdischer Polemik des 18. Jahrhunderts im deutsch-englischen Vergleich
Hochschule
Philipps-Universität Marburg
Note
1,7
Autor
Jahr
2009
Seiten
72
Katalognummer
V176520
ISBN (eBook)
9783640978281
ISBN (Buch)
9783640978403
Dateigröße
701 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
juden, völcker, eine, weltverschwörung, verschwörungsvorstellungen, polemik, jahrhunderts, vergleich
Arbeit zitieren
Sabine Kühn (Autor), 2009, "Von der Juden Haß gegen alle Völcker", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/176520

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