Die Kolonie Deutsch-Südwestafrika und die deutsche Herrschaftsausübung


Seminararbeit, 2003
45 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

VERZEICHNIS DER TABELLEN UND TEXTE

1. VORREDE

2. DEUTSCH-SÜDWESTAFRIKA
2.1 BISMARCK UND DIE KOLONIALE IDEE IM DEUTSCHEN REICH
2.2 DER GRIFF NACH AFRIKA
2.3 ZWISCHEN FLAGGENHISSUNG UND HEREROAUFSTAND (1884-1904)
2.4 DER HERERO-AUFSTAND
2.5 DEUTSCH-SÜDWESTAFRIKA NACH 1907

3. RESÜMEE

ANHANG
TEXTE
TABELLEN

QUELLEN-UND LITERATURVERZEICHNIS

VERZEICHNIS DER TEXTE UND TABELLEN

TEXTE

1. Text 1 Walter Nuhn, Sturm über Südwest, 4. Auflage, Bonn 1997, S. 24.

2. Text 2 Walter Nuhn, Sturm über Südwest, 4. Auflage, Bonn 1997, S. 60.

3. Text 3 Walter Nuhn, Sturm über Südwest, 4. Auflage, Bonn 1997, S. 197.

4. Text 4 Walter Nuhn, Sturm über Südwest, 4. Auflage, Bonn 1997, S. 282.

5. Text 5 http://www.welt.de/daten/2001/09/03/0903au279500.htx.

6. Text 6 http://www.deutsche-schutzgebiete.de/default_kolonien.htm.

7. Text 7 Horst Gründer, Geschichte der deutschen Kolonien, 2. Auflage, Paderborn 1991, S. 119.

TABELLEN

1. Tabelle 1 http://www.deutsche-schutzgebiete.de/default_kolonien.htm.

2. Tabelle 2 http://www.deutsche-schutzgebiete.de/default_kolonien.htm.

1. VORREDE

“Des Reiches Streusandbüchse”- so bezeichnet Wolfgang Reith seinen Beitrag über Deutsch­Südwestafrika in Wolfgang Höpkers Buch über Afrika und die Deutschen. Er führt weiter aus: “Nicht nur wegen seiner Lebensnatur wich Südwestafrika von den anderen deutschen Schutzgebieten ab. Als Grundstein des ehemals kaiserlichen Kolonialreiches war es zugleich die einzige Siedlungskolonie und wurde so zur Heimat für viele tausend Deutsche- was sich bis in unsere Tage auswirkt.”[1]

Mit wenigen Zeilen erweckt der Verfasser das Interesse an einem, so scheint es, kaum bekannten Kapitel deutscher Geschichte. Um so interessanter ist es, den deutschen Anteils an der kolonialen Expansion Europas zu untersuchen, sind den meisten Menschen in der Regel nur Großbritannien und Frankreich als ehemalige große Kolonialmächte bekannt. Ab und zu wird man in der Gegenwart noch an die deutsche Kolonialgeschichte erinnert: In der Schule zwar kaum behandelt, trifft doch so mancher Briefmarkensammler auf Postwertzeichen des Deutschen Kaiserreiches, das eine Germania oder ein unter Dampf stehendes Schiff ziert und die Aufschrift “TOGO” oder “Deutsch-Südwestafrika” trägt. Unwillkürlich stellt sich die Frage nach dem geschichtlichen Hintergrund. Wie hießen die deutschen Kolonien, wo lagen sie und was ist aus ihnen geworden? Gab es einen besonderen deutschen Weg des Kolonialismus, deutet die Forschung diesen Begriff im Allgemeinen als eine wirtschaftliche, militärische, politische oder ideologische Kolonialpolitik und diese wiederum als Gesamtheit der Politik imperialistischer Staaten zur Unterdrückung und Ausbeutung abhängiger Völker? Wie offenbarte sich diese Politik im Deutschen Kaiserreich? Welche Auswirkungen hatte die deutsche Kolonialpolitik insbesondere auf Deutsch-Südwestafrika und warum betitelte Wolfgang Reith gerade jene Kolonie auf solcherlei Weise? So kann abschließend behauptet werden, dass im kommenden Jahr 2004 der 120. Jahrestag der Gründung der Kolonie Deutsch-Südwestafrika von der Öffentlichkeit wohl kaum großes Echo finden wird und es ist zweifelhaft, dass dieser Jahrestag zu einer verstärkten Beschäftigung mit diesem Teil der jüngeren deutscher Geschichte führen wird.

Daher ist Geschichte dieser ehemaligen deutschen Kolonie als Thema für diese Hausarbeit gewählt worden. Dabei würde eine umfassende Darstellung der Ereignisse und deren Hintergründe den Rahmen einer Hausarbeit sprengen. Besonderes Augenmerk soll daher auf das Zusammenleben von Ureinwohnern und der Kolonialmacht liegen. Des weiteren werden
der Vorgeschichte sowie dem Wirken der Kolonialmacht breiter Raum zuteil. Kemthema ist aber der Hereroaufstand, seine Ursachen sowie sein Verlauf und die Auswirkungen auf die folgenden Jahre deutscher Präsenz in Deutsch-Südwestafrika. Es soll untersucht werden, ob auch für die militärischen Auseinandersetzungen zwischen 1904 und 1907 eine verfehlte Politik und ein Zeitgeist Ursachen waren, die in den Ureinwohnern nichts anderes als unzivilisierte heidnische Völkerschaft sah, denen noch die Wohltaten der Zivilisation obtruiert werden musste? Oder mit anderen Worten: Lag die Ursache für den Aufstand in der Unterdrückung der bevormundeten Völkerschaften gemäß der Definition von Kolonialismus? In dem abschließenden Resümee wird die Herrschaft der Deutschen in der Kolonie erörtert, die Verwirklichung ursprünglicher Kolonialismus-Thesen der Kolonialpropagandisten beleuchtet, sowie revisionistische Strömungen nach dem Verlust der Kolonien behandelt. Eine umfangreiche Sammlung von Berichten, Bildern und Tabellen sollen das geschriebene untermauern und Geschichte greifbar machen. Dabei soll der interessierte Leser nicht nur über die historischen Vorgänge informiert werden, sondern auch Personen kennen lernen, die die Geschehnisse zwischen 1884 und 1914 entscheidend mitbestimmten. Ihren Einfluss auf die Vorgänge in Deutsch-Südwestafrika werden geschildert und ihre Beweggründe nach Vermögen erklärt oder zumindest erläutert.

Das greifbare Quellenmaterial zur Bearbeitung dieses Themas ist relativ gering. Die wichtigen Dokumente werden in einigen bundesdeutschen Archiven aufbewahrt, so in Koblenz, in Freiburg und in Potsdam. Von Vorteil ist aber, dass dem Betrachter eine umfangreiche Sekundärliteratur zur Verfügung steht. Besonders hervorzuheben sind die Veröffentlichungen von Udo Kaulich, der ein anschauliches Bild von den politischen und wirtschaftlichen Entwicklungen entwirft, sowie Walter Nuhn, dessen Buch “Sturm über Südwest” den Hereroaufstand bis ins kleinste Detail behandelt und Horst Gründer, der einen sehr guten Überblick über die Geschichte aller deutschen Kolonien vermittelt. Dabei ist von besonderem Interesse, dass die genannten Autoren Zugang zu den wichtigen Quellen hatten und davon regen Gebrauch machten. Dagegen ist der Umfang des Quellenmaterials für die Herero und anderen Völkerschaften mangels Schriftlichkeit denkbar schlecht. Da die Ureinwohner kaum schriftliche Quellen hinterlassen haben, kann kein allzu genaues Bild der Lebensumstände entworfen werden. Glücklicherweise liegen aber einige spätere Aufzeichnungen von afrikanischen Zeitzeugen sowie zeitgenössische Berichte Deutscher vor. Sowohl der Begriff “Schutzgebiet” als auch “Kolonie” werden in dieser Hausarbeit für Deutsch-Südwestafrika verwendet, da es sich bei dem erstgenannten Wort um die amtliche deutsche Bezeichnung für die erworbenen Gebiete handelte. Geläufiger ist aber der Ausdruck

“Kolonie” als Bezeichnung für eine außerterritoriale Erwerbung.[2]

Deutsch-Südwestafrika lag auf dem Territorium des heutigen Namibias und erstreckte sich auf eine Fläche von etwa 835.000 qkm. Damit war diese Kolonie eineinhalb mal so groß wie das damalige Deutsche Reich. Es wies eine Vielzahl von Landschaftstypen und Ethnien auf. Von den steilen Felsklippen der Lüderitzbucht am Rande des Südatlantiks, über große Sandwüsten und hohe Gebirgszüge bis hin zu riesigen Steppen- und Weideflächen erstreckte sich das Land, in dem im Jahre 1894 geschätzte 244.000[3] Ureinwohner lebten.

2. DEUTSCH-SÜDWESTAFRIKA

2.1. Bismarck und die koloniale Idee im Deutschen Reich

Die Idee Kolonien zu erwerben, beginnt im deutschsprachigen Raum nicht erst nach der Gründung des Deutschen Kaiserreiches 1871. Ihre Wurzeln reichen tief zurück in die vorangegangenen Jahrhunderte. Aus Kolonialhandel Profite zu schlagen, war bereits Ziel der großen deutschen Handelshäuser der Fugger und Welser im 16. Jahrhundert.[4] Im Jahre 1657 rief Johann Joachim Becher zur Gründung deutscher Überseekolonien auf.[5] Dieser Aufruf fand vorerst kein Gehör, jedoch wurde er 1675 beauftragt, die niederländische Besitzung Neu-Amsterdam für Bayern zu erwerben. Dieser Versuch sowie seine Bemühungen zur Abtretung eines Teils Niederländisch-Guayana und zur Gründung einer deutschen Ost- und Westindischen Handelsgesellschaft verliefen allesamt ergebnislos. Haupthemmnisse aller vorherigen sowie späteren Versuche waren die besondere politische und territoriale Situation des Alten Reiches, die nachteilige geographische Lage und nicht zuletzt der enorme finanzielle Aufwand. An diesen Gründen scheiterten Jakob von Kurland und der Große Kurführst Friedrich Wilhelm von Brandenburg. Österreich besaß um 1776 kurzzeitig Niederlassungen in der Deloga-Bucht und auf den Nikobaren und 1719 an der südchinesischen Küste, die jedoch alle früher oder später wieder veräußert wurden.[6] Nach dem Ende der Napoleonischen Kriege 1815 gab es in Deutschland eine Anzahl von Forderungen und Projekte aus ökonomischen, gesellschaftspolitischen aber auch nationalistischen Gründen. Joachim Christian Nettelbeck, 1806/07 neben Neidhard von Gneisenau treibende Kraft bei der Verteidigung Kolbergs gegen Napoleon, verfasste eine Denkschrift an König Friedrich Wilhelm III., in der er Vorschlug, eine der französischen Kolonien an der amerikanischen Ostküste für Preussen zu verlangen.[7] Ähnliche Projekte finden sich bei Helmut Graf von Moltke oder Karl Sieveking.[8] In der deutschen Politik fanden ihre Stimmen kaum Gehör. Für die Klein- und Mittelstaaten des Deutschen Bundes stand die zentraleuropäische Politik im Fordergrund.

Im Zuge des Deutsch-Französischen Krieges 1870-71 lehnte der preußische Ministerpräsident und spätere Reichskanzler Otto von Bismarck einen Erwerb Cochinchinas von Frankreich strikt ab. Im Rahmen der Reichseinigung stand für ihn zunächst die innenpolitische und außenpolitische Konsolidierung des neuen deutschen Kaiserreiches vor allem durch außenpolitische Schutzbündnisse im Fordergrund. Von Anbeginn war Bismarck klar, dass eine koloniale Expansion des von ihm geschaffenen Deutschen Kaiserreichs Konflikte mit den bereits etablierten Kolonialmächten heraufbeschwört und seine Bündnispolitik in Frage stellen würde.

Dennoch regte die nun errungene nationale Einheit einige Publizisten an, ihre kolonialen Vorstellungen zu veröffentlichen und damit eine Diskussion anzuheizen, vor der sich im Laufe der Jahre kein Politiker mehr verschließen konnte. Die Idee einer Expansion des Reiches nach Übersee fand vor allem im Bildungsbürgertum Gehör. Es waren beispielsweise Gustav Schmoller und Wilhelm Hübbe-Schleiden sowie Ernst von Weber, allesamt Nationalökonomen, die mit unterschiedlichsten Argumenten Kolonialpolitik propagierten.[9] Der wichtigste Beitrag kam von dem ehemaligen Missionsinspektor der Rheinischen Missionsgesellschaft, Friedrich Fabri, der 1879 mit seiner Broschüre “Bedarf Deutschland Colonien?” der kolonialen Idee großen Aufwind verschaffte.[10] Diese Schriften fanden Anklang, nicht nur bei Industriellen, sondern auch in der breiten deutschen Bevölkerung. Darauf hin wurden in der Folgezeit eine Anzahl Kolonialvereine gegründet, in denen sich kolonialfreundlich eingestellte Menschen organisierten. Als erstes wurde im Januar 1881 der “Westdeutsche Verein für Kolonialisation und Export” gegründet.[11] Gründungsmitglieder waren u.a. Friedrich Alfred Krupp und Henry Axel Brueck. Am 06.12.1882 wurde der “Deutsche Kolonialverein”, getragen von nationalliberalen und freikonservativen Politikern, ins Leben gerufen.[12]

Vor einigen Argumenten, die die Verfechter ins Feld führten, konnte sich selbst Bismarck nicht verschließen. Da gab es beispielsweise die Theorie vom „Export“ der „sozialen Frage“, die meinte, Siedlungskolonien zu gründen, um ein Ventil für den raschen Bevölkerungsanstieg nach 1871 zu schaffen und gleichzeitig die Auswanderung Deutscher in reichseigene Kolonien umzulenken. Dies überschnitt sich in eigentümlicher Weise mit den Vorstellungen Bismarcks von der Bekämpfung der Sozialdemokratie. Zum anderen galt das Argument, dass das Deutsche Reich, aufblühend in Industrie, Handel, Kultur und Wissenschaft, Kolonien bedurfte, um seine Macht in der Zukunft behaupten zu können. Es darf nicht vernachlässigt werden, dass das junge Kaiserreich die erwiesener Maßen militärisch und wirtschaftlich stärkste Kontinentalmacht in Europa war. So war es im Denken der Befürworter unverzichtbar, Kolonialpolitik zu betreiben, auch zum Zwecke des Erwerbs außenpolitischen Prestiges. Somit spielte auch das gestiegene Nationalbewusstsein eine große Rolle. Dies alles ist daher auch im Spiegel der Zeit zu betrachten: Nationalismus ist ein Kennzeichen für diese Ära, nicht nur in Deutschland, sondern in ganz Europa und Nordamerika. Carl Peters (1856-1918), deutscher Kolonialpropagandist und spätere treibende Kraft bei dem Erwerb Deutsch-Ostafrikas schrieb dazu:

“Es bestand in den achtziger Jahren ganz entschieden ein Kontrast zwischen der politischen Machtstellung des Reiches und der persönlichen Stellung so vieler deutscher Individuen unter fremden Völkern. Der deutsche Name, trotz Goethe und Sedan, hat keineswegs einen stolzen Klang auf der Erde. Wenn ich mich in der Geschichte und in der Gegenwart umsah, fand ich durchweg, daß die große wirtschaftliche Welteroberung, also eine weitsichtige Kolonialpolitik, von jeher auch das beste Mittel für die Erziehung eines Volkstums gewesen war und ist. Wenn man ein egoistisches Moment in diesem Motiv für meine kolonialpolitische Tätigkeit suchen will, so mag man darin finden, daß ich es satt hatte, unter die Parias gerechnet zu werden, und daß ich einem Herrenvolk anzugehören wünschte. Ich legte keinen besonderen Wert darauf, für den Rest meines Lebens als Kompliment zu vernehmen: “You are exactly like an Englishman!”[13]

Deutlich ist darin seine Absicht zu erkennen, es den Engländern zumindest gleichzutun, wenn nicht gar sie zu übertrumpfen. Auch die Betonung des eigenen Volkstums und des Herrenmenschen impliziert einen rassisch untermauerten Chauvinismus. Peters ist sicher eine herausragende Figur unter den Verfechtern der Expansionspolitik, doch wäre es falsch, seine Ansichten als allgemeingültig für die damaligen Deutschen zu deuten.

Vor diesem Hintergrund ist ein Blick auf die Einstellung der Parteien im Reichstag äußerst aufschlussreich: Die Nationalliberale Partei war Verfechter einer Kolonialpolitik. Sie war Sammelbecken für das protestantisch geprägte Besitz- und Bildungsbürgertum. Viele ihrer Mitglieder waren in Kolonialgesellschaften engagiert. Sie gab wirtschaftlichen Interessen eindeutig den Vorrang vor politischen Erwägungen.[14]

Die Konservativen Parteien (Freikonservative, Deutsch-Konservative), in denen sich vor allem Großagrarier sowie breite Adelsschichten zusammentaten, waren in ihren Meinungen gespalten. Zwar sahen sie in möglichen Billigprodukten der Kolonien die Gefahr fallender Preise, doch hofften sie auch auf eine Belebung ihrer Wirtschaft durch Gütertransporte in etwaige deutsche Kolonien.[15]

Das Zentrum war Sprachrohr für das christlich- katholisch gesonnenen Bürgertum des Deutschen Reiches. Sie sahen in der Missionierung der Eingeborenen ihre Hauptaufgabe. Gegen aggressiven Kolonialismus hatten sie moralische und finanzielle Bedenken, jedoch sah das Zentrum in Kolonialpolitik eine aktives Mittel zur Bekämpfung des Sklavenhandels. In den Fällen, bei denen das Zentrum Kolonialpolitik unterstützte, tat es dies, nicht ohne kirchen- oder kulturpolitische Zugeständnisse im Reich zu verlangen.[16] Die Linksliberalen Parteien wie die DVP und die Freisinnige Volkspartei waren überwiegend gegen Kolonialerwerb und begründeten dies mit der wahrscheinlich wirtschaftlichen Ineffizienz. Um die Jahrhundertwende fand allerdings ein allmählicher Gesinnungswandel innerhalb der liberalen Parteien statt. Hauptursache dafür waren exportbedingte Gründe. Die Deutsche Volkspartei blieb aber am längsten Feind der Kolonialpolitik.[17] Die Sozialdemokratie sah in einer Kolonialpolitik die Stärkung und Verlängerung des Kapitalismus. Die SPD führte die Einstellung zunächst fort, doch fand auch hier ein gewisser Wandel statt. Die Bandbreite sozialdemokratischer Auffassungen reichte nach 1907 von weitgehender Ablehnung bis hin zu einerr grundsätzlichen Befürwortung.[18] Die Führungsgestalten der SPD, August Bebel[19] und Karl Liebknecht, äußerten sich aber auch in den kommenden Jahren höchst antikolonial.[20]

Bismarck sagte noch im Jahr 1881: “Solange ich Reichskanzler bin, treiben wir keine Kolonialpolitik. Wir haben eine Flotte die nicht fahren kann... und dürfen keine verwundbaren Punkte in fernen Weltteilen haben, die den Franzosen als Beute zufallen, sobald es los geht.”[21] Doch trotz seiner eurozentrischen Politik ließ er nur wenige Jahre später den Erwerb von Kolonien zu. Dennoch ist dem Zitat zu entnehmen, dass er Frankreich selbst nach dem Sieg 1871 als Deutschlands größten Gegner ansah, die eigene Seemacht richtig einschätzte und die logische Schlussfolgerung aus einem neuen Krieg mit Frankreich zog: Das Deutsche Reich ist Frankreich zu Lande ebenbürtig, aber zu See hoffnungslos unterlegen.

Kolonialpolitik setzt seiner Ansicht aber eine straffe Flottenbaupolitik voraus. Solche war aber sehr kostspielig.

Die Gründe für sein Umschwenken sind vielgestaltig. Durch Kolonialpolitik wollte er die soziale Frage entschärfen, Auswanderungsströme in eigene Kolonien umlenken, das Bevölkerungswachstum ausgleichen und damit der Sozialdemokratie den Nährboden entziehen. Auch sah er eine breite Zustimmung für den Erwerb von Kolonien in Volk und Wirtschaft. Seit dem Jahre 1882 herrschte ein Konjunkturtief. Durch die Aneignung von überseeischen Kolonien sollte die stagnierende Wirtschaft belebt werden. Gleichzeitig waren für den 28.10.1884 Reichstagswahlen angesetzt. Dadurch, dass er den möglichen Erwerb von Kolonien in die Waagschale des Wahlkampf werfen würde, so erhoffte er sich, würden sich die konservativen und liberalen Kräfte bündeln und die Sozialdemokraten schwächen lassen. Des weiteren sah er die günstige außenpolitische Lage, denn zwischen Großbritannien und Frankreich herrschte Streit um den Einfluss in Ägypten. Großbritannien hatte zusätzlich dazu Meinungsverschiedenheiten mit Russland bei der Abgrenzung ihrer Interessenssphären in Afghanistan. So war er bestrebt, gelegentlich die Außenpolitik Großbritanniens zu unterstützen, um das britische Empire bei der Inbesitznahme deutscher Kolonien wohlgesonnen zu wissen. Auch sollte dazu der Erwerb nach britischen Muster erfolgen, nach dem Grundsatz “die Flagge folgt dem Handel”.[22] Zusätzlich wollte er den Begriff “Kolonie” tunlichst vermeiden und statt dessen diese neuen Ländereien “Schutzgebiete” nennen. Aggressive Kolonialpolitik lehnte von Bismarck weiterhin ab.

Doch zu diesem Zeitpunkt solcher oder ähnlicher Überlegungen hatte bereits ein Bremer Tabakwarenhändler in Südwestafrika festen Fuß gefasst.

2.2 Der Griff nach Afrika

Anfang der 80iger Jahre des 19. Jahrhunderts besaßen die meisten europäischen Mächte Handelsniederlassungen sowie Kolonien in Afrika.[23] Großbritannien war unter anderem seit 1808 im Besitz von Sierra Leone, 1814 fiel die Kapkolonie an Großbritannien und vereinnahmte darauf hin weitere Gebiete im Verlaufe des 19. Jahrhunderts wie Gambia (1843), Lagos (1861), die Goldküste (1874) und Transvaal (1877-1881). Frankreich erwarb Algerien (1830/1848), Gabun (1839), die Elfenbeinküste (1842), Senegal (1854) und

Tunesien (1881). Portugal gründete 1879 die Kolonie Portugiesisch-Guinea. Zusätzlich waren die Portugiesen an der Küste Angolas sowie an einem breiten Küstenstreifen zwischen dem Sultanat von Sansibar und der Delagobucht vertreten. Spanienisch-Guinea war seit 1843 im Besitz Spaniens.

Die nationale Presse rief immer häufiger zu kolonialem Denken und Handeln auf. Die Augsburger allgemeine Zeitung schrieb in ihrer Ausgabe vom 18.01.1882, dass „der Kampf ums Darsein [...] immer schwieriger” werde, “tiefgehende Verstimmungen und Unzufriedenheit bemächtige sich weiter Kreise der unteren Volksschichten, und nirgends gedeiht die Sozialdemokratie besser als auf solchen Boden”.[24] Der Erweb von Kolonien sei ein “Sicherheitsventil für den Staat”. Deutlich sichtbar wird, dass sich soziale Spannungen durch Kolonialpolitik entladen sollten. Die Kreuzzeitung schrieb in der Ausgabe vom 11.11.1882: “Aber Hand in Hand mit ihr muß die Ausdehnung unseres Wirtschaftsgebietes durch Besitzergreifung neuer Kulturgebiete gehen, [...] ohne welche wir Gefahr laufen zu versumpfen.”[25] Hier wurden andererseits ökonomischen Gründe zum Zwecke des Erwerbs von Kolonien betont und Ende allen Wohlstandes beschworen, würden keine Kolonialpolitik betrieben werden.

Vor diesem Hintergrund fasste der Bremer Kaufmann Franz Adolf Lüderitz (1834-1886) im Sommer 1882 den Entschluss, Faktoreien an der südwestafrikanischen Küste zu gründen. Bis zu diesem Zeitpunkt war er im Besitz einer Faktorei an der Goldküste. Am 16.11.1882 wandte er sich schriftlich an das Auswärtige Amt, um den Schutz des Deutschen Reiches für seine angestrebten Erwerbungen zu erlangen, wiederholte dieses am 12.01.1883 nochmals persönlich beim Auswärtigen Amt.[26] Er zog die Möglichkeit in Betracht, dass er durch seine Vorhaben mit den dort ansässigen Stämmen sowie mit der starken englischen Konkurrenz in Konflikt geraten könnte. Zu seinem Bedauern wurden beide Anträge abgelehnt. Im Februar unterrichtet Herbert von Bismarck, Botschaftsrat in London, den Unterstaatssekretär im Foreign Office, Julian Pauncefote über die Absichten des Herrn Lüderitz. Der Sohn des Reichskanzlers beteuerte das deutsche Desinteresse an einer Koloniegründung und begrüßte eine mögliche englische Schutzgewährung für deutsche Händler.[27]

Währenddessen schickte Lüderitz seinen Agenten Heinrich Vogelsang nach Kapstadt. Vogelsang kam zu der Erkenntnis, dass die Bucht von Angra Pequena zu dem gegenwärtigen Zeitpunkt von keiner europäischen Macht beansprucht wurde. Jedoch wurde er auch in soweit über dieses Gebiet unterrichtet, dass die dort ansässigen Stämme sich seit etlichen Jahren gegenseitig bekriegten. Trotzdem segelte er im April 1883 nach Agra Pequena und schloß mit dem Häuptling des Orlam-Stammes von Betanien Joseph Fredericks am 01.05.1883 einen Kaufvertrag über die Bucht und alles Land im Umkreis von 5 Meilen.[28] Im Gegenzug erhielt Fredericks 100 englische Pfund und 200 Gewehre. Vier Monate später wurde ein weiterer Vertrag zum Preis von 500 englischen Pfund und 50 Gewehren abgeschlossen. Das erworbene Land erstreckte sich nun vom Oranjefluss bis zum 26. Breitengrad mit 20 Meilen Hinterland.[29] Hier traten bereits die ersten Probleme mit der fremden Kultur hervor: Nach deutscher Rechtsauffassung ging dieses Gebiet mit allen Rechten auf den Käufer über, dagegen betrachteten die Eingeborenen das Land als verliehen an und glaubten nur bestimmte Rechte abgetreten zu haben. Nach ihrer Rechtsauffassung war Land unveräußerlich. Dieser Umstand war vom deutschen Aufkäufer geschickt ausgenutzt worden.

Im August 1883 trat Adolf Lüderitz mit dem ersten Vertrag an das Auswärtige Amt heran und erbat erneut eine deutsche Schutzgewährung. Auch dieses Mal war die Antwort äußerst unbefriedigend. Der Direktor der Handelspolitischen Abteilung Victor von Bojanowski sicherte zwar den üblichen Schutz für Reichsangehörige zu, warnte Lüderitz aber gleichzeitig, dies als Schutzgewährung für das erworbene Land zu verstehen.[30]

Im September unterrichtete der deutsche Geschäftsträger in London, Ludwig von Plessen- Scheel, das Foreign Office über den konsularischen Schutz für Lüderitz, erbat aber gleichzeitig eine britische Stellungnahme hinsichtlich der Frage, ob Großbritannien über Angra Pequena die Souveränität ausübe.[31] Die Antwort verzögerte sich, weil der Premierminister der Kapkolonie, Thomas Scanlen, enormen Druck ausübte. Seiner Ansicht nach war Lüderitz ein Störenfried, denn er wollte keine andere Macht im Süden Afrikas dulden.

[...]


Wolfgang Reith in: Hundert Jahre Afrika und die Deutschen, Wolfgang Höpker (Hrsg.),Pfullingen 1984, S. 35.

[2] Abhängig von den Zielen der Kolonialmacht gab es Siedlungs-, Wirtschafts-, Militär-und Strafkolonien, wobei die deutschen Kolonien ansatzweise zu den beiden erstgenannten zu rechnen sind.

[3] Unsichere Schätzung Theodor Leutweins, aus: Walter Nuhn, Sturm über Südwest, 4. Auflage, Bonn 1997, S.

[4] Udo Kaulich, Die Geschichte der ehemaligen Kolonie Deutsch-Südwestafrika, Frankfurt am Main 2001, S. 44.

[5] Ebd., S. 44.

[6] Ebd., S. 45.

[7] Ebd., S. 46.

[8] Ebd., S. 46

[9] Udo Kaulich, Die Geschichte der ehemaligen Kolonie Deutsch-Südwestafrika, Frankfurt am Main 2001, S. 47.

[10] Horst Gründer, Geschichte der deutschen Kolonien, 2. Auflage, Paderborn 1991, S.34.

[11] Ebd., S. 40.

[12] Ebd., S. 41.

[13] Horst Gründer, Geschichte der deutschen Kolonien, 2.Auflage, Paderborn 1991, S. 31.

[14] Horst Gründer, Geschichte der deutschen Kolonien, 2.Auflage, Paderborn 1991, S. 65.

[15] Ebd., S.64.

[16] Ebd., S. 68.

[17] Horst Gründer, Geschichte der deutschen Kolonien, 2.Auflage, Paderborn 1991, S. 71.

[18] Ebd., S. 74.

[19] Bebel vor dem Reichstag am 26.01.1889: „Im Grunde genommen ist das Wesen aller Kolonialpolitik die Ausbeutung einer fremden Bevölkerung in höchster Potenz [...] und das treibende Motiv ist immer nur Gold, Gold und wieder nur Gold.” aus: Jürgen Petschull;Thomas Höpker; Rolf Gillhausen, Der Wahn vom Weltreich, Hamburg 1984, S. 9.

[20] Vergl. Liebknecht 1907 in Drang nach Afrika, Helmut Stoecker (Hrsg.), 2. Auflage, Berlin 1991, S 178.

[21] Zitat aus: http:\\www.deutscher kolonialismus.de

[22] Helmut Stoecker (Hrsg.), Drang nach Afrika, Berlin 19912, S. 37.

[23] Gebiete und Jahresdaten aus: John Haywood, Historischer Weltatlas, München 2002, S.205.

[24] Drang nach Afrika, Helmut Stoecker (Hrsg.), 2. Auflage, Berlin 1991, S. 21.

[25] Ebd., S. 22.

[26] Udo Kaulich, Die Geschichte der ehemaligen Kolonie Deutsch-Südwestafrika, Frankfurt am Main 2001, S.

48.

[27] Udo Kaulich, Die Geschichte der ehemaligen Kolonie Deutsch-Südwestafrika, Frankfurt am Main 2001, S. 49.

[28] Walter Nuhn, Sturm über Südwest, 4. Auflage, Bonn 1997, S. 30.

[29] Horst Gründer, Geschichte der deutschen Kolonien, 2. Auflage, Paderborn 1991, S. 80.

[30] Udo Kaulich, Die Geschichte der ehemaligen Kolonie Deutsch-Südwestafrika, Frankfurt am Main 2001, S. 50.

[31] Ebd.

Ende der Leseprobe aus 45 Seiten

Details

Titel
Die Kolonie Deutsch-Südwestafrika und die deutsche Herrschaftsausübung
Hochschule
Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald  (Historisches Institut)
Veranstaltung
Koloniale Expansion
Note
1,0
Autor
Jahr
2003
Seiten
45
Katalognummer
V176541
ISBN (eBook)
9783640979226
ISBN (Buch)
9783640979646
Dateigröße
497 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Koloniale Expansion, Kolonialismus, Deutsches Kaiserreich, Bismarck, Kolonie, Deutsch-Südwestafrika, Leutwein, Herero, Nama, Hottentotten, Kolonialkrieg, Hereroaufstand, Witbooi, Maharero
Arbeit zitieren
Magister artium Robert Oldach (Autor), 2003, Die Kolonie Deutsch-Südwestafrika und die deutsche Herrschaftsausübung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/176541

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