Wenderoman ohne Wende

Erzählerische Strukturen in Clemens Meyers Adoleszenzroman „Als wir träumten”


Hausarbeit, 2009

23 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. „Als wir träumten” - Ein Überblick

3. Erzählerische Mittel und Strukturen
3.1 Zum Erzähler nach G. Genette
3.2 Zur Erzählperspektive in „Als wir träumten”
3.3 Zeit und Raum
3.3 „Das mit der Mutter stimmt nicht”: Der unzuverlässige Erzähler
3.4 „Keine Angst” - Leitmotive, Repetitionen und Mantras

4. Blickwinkel und Lesart
4.1 Der moderne Adoleszenzroman - Eine kurze Einführung
4.2 Zur Sehnsucht der Deutschen nach dem „Wenderoman“

5. Schlussbemerkungen

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Ein bedrückendes, düsteres Bild der deutschen Nachwendezeit zeichnet der 2006 er­schienene Roman „Als wir träumten” von Clemens Meyer. Er erzählt die Geschichte eines halben Dutzend Jugendlicher, die im Leipzig der Neunzigerjahre aufwachsen, in einer Welt, die geprägt ist von Gewalt, Alkohol und Drogen. Unbedingte Freundschaft und Loyalität, zugleich aber auch Perspektivlosigkeit und Ohnmacht sind Leitmotive des Romans, der von der Kritik beinahe einstimmig gefeiert und mit zahlreichen Litera­turpreisen und Nominierungen ausgezeichnet wurde.

In der vorliegenden Hausarbeit untersuche ich die narrative Struktur, die erzählerischen Mittel und Techniken des Textes. Ich greife die Frage auf, ob der Roman aufgrund sei­nes Themas und seiner zeitgeschichtlichen Einordnung als klassischer „Wenderoman” zu verstehen ist, ob es ihm gar gelingt, die Sehnsucht des deutschen Feuilletons nach der einen gültigen literarischen Aufarbeitung der deutschen „Wende“ zu befriedigen. Dabei werde ich die These vertreten, dass Clemens Meyer mit seinem Text weniger einen „Wenderoman“ als vielmehr einen modernen Adoleszenzroman nach amerikanischem Vorbild geschrieben hat, dem das individuelle Porträt der Protagonisten mehr am Herzen liegt als eine literarische Chronik geschichtlicher Ereignisse.

Um die gestellten Fragen beantworten zu können, werde ich, neben einer kurzen inhalt­lichen Zusammenfassung des Romans, den Autor sowie die Rezeption seines Textes vorstellen. In der Folge sollen die narrativen Strukturen untersucht und mit Hilfe er­zähltheoretischer Modelle erläutert und definiert werden. Hierbei möchte ich das Phä­nomen und die Funktion des unzuverlässigen Erzählers sowie das Mittel der Repetition besonders hervorheben. Um den Versuch der stilistischen Kategorisierung zu erleich­tern, werde ich die Gattung des Adoleszenzromans kurz vorstellen und einen Abgleich mit Clemens Meyers Roman vornehmen. Außerdem soll die Frage diskutiert werden, welche Kriterien erfüllt sein müssen, damit ein literarischer Text von der Kritik als „Wenderoman” verstanden und als zeitgeschichtlicher Diskursbeitrag zum Thema Mau­erfall ernstgenommen wird. In den Schlussbetrachtungen werde ich die Ergebnisse der vorangegangenen Untersuchungen zusammenfassen und überprügen, ob meine Ein­gangs formulierte These bestand hat oder revidiert werden muss.

2. „Als wir träumten” - Ein Überblick

Man liegt sicher nicht falsch, wenn man Clemens Meyer als eine Ausnahmeerscheinung unter Deutschlands Autoren beschreibt, denn nicht nur was seine Erscheinung betrifft, legt der bis zu den Handrücken tätowierte Leipziger wenig Wert auf Stromlinienförmig- keit. Auch Meyers Biographie ist ungewöhnlich: So arbeitete der 1977 in Halle/Saale geborene Autor nach dem Abitur in Leipzig zunächst als Bauhelfer, Möbelträger und Wachmann, bevor er sich 1997 mit Erfolg beim Deutschen Literaturinstitut Leipzig be­warb. Dass er auch dort einen Exotenstatus einzunehmen gedachte, bekräftigte Meyer, indem er den Großteil seines zweiten Semesters am Institut wegen einer noch abzusit­zenden Haftstrafe aufgrund von „Autoknackereien“ und „Kinkerlitzchen“ (vgl. Meyer 2006a) verpasste.

Im Leipzig der Nachwendejahre spielt auch Meyers Erstlingsroman „Als wir träumten”. Die Heranwachsenden Daniel, Mark, Rico, Walter, Stefan und Paul, Freunde seit ge­meinsamen Jungpioniertagen, gehen zusammen durch dick und dünn. In einer Welt aus Kleinkriminalität, Drogen und Gewalt ist es lediglich die immer wieder beschworene Freundschaft, die absolute Loyalität zueinander, die den Jugendlichen so etwas wie Halt gibt. Als Ersatzfamilie für die in ihrer Erziehungsfunktion ausnahmslos gescheiterten Elternhäuser fungiert für die sechs Freunde das selbsterrichtete Kollektiv, das im Kampf gegen die eigenen Eltern, verfeindete Gangs oder die Polizei Rückhalt und Zuflucht zu­gleich verspricht. Aber selbst die unbedingte Freundschaft kann die Protagonisten von Meyers Roman letztlich nicht vor dem Untergang bewahren. Alkohol und Drogen, ge­paart mit lähmender Perspektivlosigkeit, lassen einen nach dem andern scheitern. Zwei der Freunde überleben die Übergangsphase von der Jugend ins Erwachsenenleben nicht, Drogensucht und Arbeitslosigkeit bleibt das Schicksal der anderen. Am Ende entkommt lediglich Daniel den prekären Verhältnissen, in denen er mit seinen Freunden aufwach­sen musste. Als Ich-Erzähler lässt er in „Als wir träumten“ die Geschehnisse Revue pas­sieren und konfrontiert sich selbst mit der Frage „warum das alles so gekommen ist“ (Meyer 2006: 14).

Für seinen Debütroman wurde Clemens Meyer mit dem „Rheingau Literatur Preis“ aus­gezeichnet, außerdem gewann er den „Mara-Cassens-Preis für den ersten Roman“ sowie den „Förderpreis zum Lessing-Preis des Freistaates Sachsen“ und den „Clemens-Bren­tano-Preis“. In seinem Erscheinungsjahr war „Als wir träumten“ zudem für den Preis der Leipziger Buchmesse in der Kategorie Belletristik nominiert, scheiterte jedoch in der Endrunde. Zwei Jahre später konnte Meyer den in seiner Heimatstadt verliehenen Preis dann mit seiner Kurzgeschichtensammlung „Die Nacht, die Lichter“ doch noch gewinnen.

3. Erzählerische Mittel und Strukturen

Fiction does not imitate reality out there. It imitates a fellow telling about it.

(Baker 1981: 156)[1]

Im Folgenden möchte ich die Figur genauer beleuchten, mittles derer ein Autor seine Geschichte erzählt. Da Fiktion nicht die Wirklichkeit imitiert, sondern eine Figur, die von ebenjener berichtet (vgl. Baker 1981: 156f.), erscheint es notwendig, das litera­rische Konstrukt des Erzählers genauer zu klassifizieren. Welche Arten von Erzählern gibt es? Und wovon genau sprechen wir, wenn wir über den Erzähler eines narrativen Textes reden? „Natürlich zunächst einmal über eine fiktionale Figur“ (Strasen 2004: 111). Ich werde den Roman „Als wir träumten“ hinsichtlich seiner narrativen Strukuren untersuchen. Nach einer kurzen Zusammenfassung von Gérard Genettes System zur Kategorisierung verschiedener Erzählformen werde ich einige exemplarische Passa­gen des Romans mit den zuvor eingeführten Begriffen analysieren. Danach soll die nar­rative Struktur des Textes hinsichtlich der Verwendung von Raum und Zeit aufgezeigt werden und schließlich die Frage nach der Verlässlichkeit des Erzählers gestellt und diskutiert werden.

3.1 Zum Erzähler nach G. Genette

Die „Stimme“, mit der ein fiktionaler Erzähler spricht, kann nach Genette in drei Kate­gorien eingeteilt werden: In heterodiegetischen Erzählungen berichtet ein nicht selbst involvierter Erzähler in der 3. Person von Geschehnissen anderer, wohingegen Ich-Er­zählungen im Sinne Stanzels, in denen der Erzähler selbst Teil des Geschehens ist, in die Kategorie der homodiegetischen Erzählung fallen. Erzählt ein homodiegetischer (al­so beteiligter) Erzähler nicht nur eine Geschichte, die er selbst bezeugt hat, sondern sei­ne eigene Geschichte (in der er selbst „die Hauptrolle“ spielt), liegt nach Genette der Extremfall des autodiegetischen Erzählers vor (vgl. Genette 1994: 174f.).

Für den Begriff der Perspektive, also das Maß an Einblick in die Gefühlswelt eines Er­zählers, wählt Genette (1994) den der Fokalisierung, der in drei unterschiedliche Stufen eingeteilt werden kann: Bei der Nullfokalisierung weiß der Erzähler mehr als jede der anderen Figuren, bei der internen Fokalisierung, genau so viel, wie eine der Figuren (in der Regel die eigene, also die des Erzählers selbst) und bei externer Fokalisierung we­niger als jede der beschriebenen Figuren (vgl. Genette 1994: 134).

3.2 Zur Erzählperspektive in „Als wir träumten”

Da in „Als wir träumten“ ein Erzähler in der Ich-Form von Ereignissen erzählt, die er selbst erlebt hat, haben wir es nach Genette nicht nur mit einem homodiegetischen (also selbst in die narrativen Ereignisse involvierten), sondern (zumindest in den Passagen, in denen Daniel nicht die von ihm selbst losgelösten Schicksale seiner Freunde beschreibt) sogar mit einem autodiegetischen Erzähler zu tun.

Der Leser erhält ausschließlich Einblick in die Gefühlswelt des Ich-Erzählers, so dass zunächst der Eindruck entsteht, dass es sich bei Meyers Roman nach Genettes Kategori­en um ein Erzählen mit interner Fokalisierung handelt. Der Leser erhält „die Informati­onen, die einer der Figuren zur Verfügung stehen und nur diese“ (Strasen 2004: 121). Auffällig ist jedoch, dass der Heranwachsende Ich-Erzähler Daniel oft nicht in der Lage (oder gewillt) zu sein scheint, die eigene Gefühlswelt, in die er den fiktiven Adressaten einweihen könnte in Worte zu fassen. Von emotional erschütternden Ereignissen wird so in der Regel ohne jegliches Eingeständnis von Gefühlsregungen berichtet. Als Beispiel für dieses Phänomen soll eine Passage dienen, in der Daniel von der Inhaftierung seines Vaters und der damit verbundenen Verzweiflung der Mutter berichtet:

Er muss zehn Monate wegbleiben, Mutter hat geheult, tagelang hat sie geheult, leise, damit es im Haus keiner hört. Und auch jetzt noch höre ich sie manchmal in der Nacht, ganz dumpf, als würde ihr jemand den Mund zuhalten. Sie presst ihr Gesicht ins Kissen, ich weiß das, es sind zwei Flecken auf den Bezügen, die aussehen wie ihre Augen. (Meyer 2006: 272)

Obwohl es sich bei dem Berichteten um Umstände handelt, die den Erzähler emotional kaum kalt lassen können, wird in keiner Weise ersichtlich, was Daniel fühlt. Anstatt ei­ner Innenperspektive des Ich-Erzählers dominiert hier die Außenperspektive, die Dar­stellung der bloßen „Fakten“. Es kann also argumentiert werden, dass der Einblick Da­niels in die eigene Gefühlswelt bisweilen so stark reduziert ist, dass sich die interne Fo- kalisierung in Richtung einer externen Fokalisierung verschiebt. Damit läge mit Meyers Roman eine Erzählform vor, die „populär geworden [ist] zwischen den beiden Weltkrie­gen durch die Romane von Dashiell Hammett, in denen der Held vor unseren Augen handelt, ohne dass uns je Einblick in seine Gefühle oder Gedanken gewährt würde, so­wie durch gewisse Kurzgeschichten Hemingways“ (Genette 1994: 135, zit. nach Strasen 2004: 121).

Die amerikanische Literatur ist mir immer sehr nah gewesen, [...] die amerikanische klassische Moderne wie Hemingway, Fitzgerald, Dos Passos bis hin zu Norman Mai­ler [...] und Steinbecks „Von Mäusen und Menschen“. (Meyer 2006b)

[...] passieren doch unglaugliche und spannende Geschichten. Für mich zumindest. Man braucht doch nur in die amerikanische Literatur zu gucken. (Meyer 2008)

Parallelen zu Hemingway und anderen, dem literarischen Minimalismus zuzuordnenden Autoren sind in Meyers Roman auch auf anderen Ebenen als der der Erzählperspektive zu finden. So besteht ein großer Teil des Textes aus unkommentierten, durchweg authen­tisch anmutenden Dialogen, die vom Autor oft nur mit einem Minimum an Orientierung verschaffenden „Regieanweisungen“ unterbrochen werden. Die einzelnen Kapitel wei­sen spezifische Merkmale der Kurzgeschichte auf (vgl. dazu Gutzen/Oellers/Petersen 1989: 38f.) und können durchaus als in sich abgeschlossene Narrationen verstanden werden. Erst eine sukzessive sich offenbarende Relation der einzelnen Geschichten lässt den Text schließlich zu einem stimmigen Ganzen, einem Roman werden.

3.3 Zeit und Raum

Neben der zuletzt diskutierten Frage „Wer spricht wie?“ möchte ich untersuchen, wie in „Als wir träumten“ mit den Kategorien Zeit und Raum umgegangen wird. Was die Di­mension des Zeitlichen betrifft, soll zunächst zwischen Erzählzeit und erzählter Zeit dif­ferenziert werden (vgl. Martinez/Scheffel 2005: 31). Während unter Erzählzeit die Zeit­spanne verstanden wird, die der Erzähler für das Erzählen seiner Geschichte benötigt (im Fall von Meyers Text ein Seitenumfang von rund 500 Seiten, eingeteilt in 28 Kapi­tel), wird die Dauer der erzählten Geschichte mit dem Begriff der erzählten Zeit be­schrieben. Im Fall von Daniels Geschichte entspricht die erzählte Zeit etwa einem Zeit­raum von fünfzehn Jahren.

Auffallend ist, dass die einzelnen Kapitel in Meyers Buch nicht der chronologischen Reihenfolge der Ereignisse entsprechend angeordnet sind. So befindet sich Daniel als er das erste Kapitel erzählt offenbar in der Jugendvollzugsanstalt Zeithain, da er berichtet, es sei Mittwoch, und gleich werde die Tür aufgeschlossen und er „zum Doktor Beicht­vater“ gebracht (Meyer 2006: 14). In der Zeit, an die Daniel sich aus der Zelle heraus erinnert, sind die Freunde etwa fünfzehn Jahre alt, im Moment des Berichtens ist sein Freund Mark noch am Leben:

Noch nie in seinem Leben, sagte Fred, hat er sich so wohl gefühlt, mit einer Hand an die Bar genagelt. Mein alter Schulfreund, der halb besinnungslose Mark, der neben uns saß, hat davon nichts mitbekommen. Und auch noch heute kriegt er nichts mit, denn er ist irgendwo in einem leeren weißen Zimmer, ans Bett geschnallt, auf Ent­zug. (Meyer 2006: 11)

Neunzehn Kapitel später sind einige Jahre vergangen, Mark hat den Kampf gegen die Drogen nicht überlebt, Daniel ist längst wieder frei. An seiner Stelle sitzt diesmal Rico (zum wiederholten Mal) im geschlossenen Strafvollzug:

Rico konnte nicht kommen. Er saß wieder drüben in Zeithain und hatte noch fast ein Jahr vor sich. [...] Ich hätte ihn auch besuchen können, zusammen mit seiner Oma oder allein [.] Aber ich hatte das alles nicht getan, obwohl ich noch Zeit gehabt hät­te, und jetzt war Mark in der Urne. (Meyer 2006: 358)

Während Daniel und seine Freunde im ersten Kapitel also im Teenageralter sind, zum Ende des Buches (bis auf Walter und Mark, die die Phase der Adoleszenz nicht überle­ben) in ihren frühen Zwanzigern, reicht das zweite Kapitel zurück zu einer Übung im Wehrkundeunterricht an Daniels Schule, an der er und Rico als Fünftklässler teilnehmen müssen. Auch im weiteren Verlauf des Romans handeln die Kapitel in nicht-chronologi­scher Reihenfolge von punktuellen Ereignissen, die aus der Gesamtheit der erzählten Zeit wie zufällig herausgegriffen scheinen.

[...]


[1] Dieses Zitat wurde von Strasen (2004: 111) übernommen, der es wiederum von Nünning (2001: 21) übernommen hat.

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Wenderoman ohne Wende
Untertitel
Erzählerische Strukturen in Clemens Meyers Adoleszenzroman „Als wir träumten”
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin  (Deutsche Literatur)
Veranstaltung
Seminar: Die Deutsche Wende in Film und Literatur
Note
1,7
Autor
Jahr
2009
Seiten
23
Katalognummer
V176544
ISBN (eBook)
9783640979240
ISBN (Buch)
9783640979721
Dateigröße
501 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Deutsche Wende, Wenderoman, Wendeliteratur, Clemens Meyer
Arbeit zitieren
Nico Tobias Wirtz (Autor), 2009, Wenderoman ohne Wende, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/176544

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