Kann man ein Leben lang miteinander verbunden sein, ohne einander je ganz zu verstehen?
Zürich, 1929. Paula sitzt auf dem Mäuerchen vor ihrem Elternhaus. Auf der anderen Straßenseite streift Pietro mit den Jungen durchs Quartier. Sie wächst in einer jüdischen Familie auf, geprägt von Glauben, Regeln und Erwartungen. Er ist der wilde Sohn italienisch-schweizerischer Eltern, eigensinnig und voller Freiheitsdrang.
Noch ahnen beide nicht, wie eng ihre Wege eines Tages miteinander verwoben sein werden.
Was ist stärker: Herkunft oder Liebe? Wie hoch ist der Preis für die Freiheit, das eigene Leben zu wählen? Und was geschieht mit den Überzeugungen der Jugend, wenn Ehe, Kinder, Enttäuschungen und Verluste sie auf die Probe stellen?
Über sieben Jahrzehnte erzählt „Die Geschichte von Paula und Pietro“ von zwei Menschen, die sich lieben, ohne immer dieselbe Sprache des Lebens zu sprechen – und von einer Zeit, die ihre Spuren in ihnen hinterlässt.
Auszüge aus dem Buch
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Ende der Jugendzeit 1938 ff.
Paula war zu einer Schönheit herangereift. Gut, sie war mit 1,48 Meter etwas klein. Aber durch ihre langen schwarzen Haare und ihren vollen Busen machte sie das mehr als wett. Auf der Strasse drehten sich die Männer nach ihr um. Auch Pietro war immer erfreut, wenn er sie sah. Ihr Busen hatte es ihm mehr als nur angetan. Manchmal träumte er auch von diesem Mädchen. Er wusste noch gar nicht, wie sie hiess. Er nahm sich vor, das in Erfahrung zu bringen. Ein steiler Zahn, dachte er. Die Familie war etwas komisch. Manchmal sah man den Vater mit einem grossen Rucksack die Strasse entlang zum Tram gehen. Die Mutter hatte er noch kaum gesehen, die hielt sich wohl hauptsächlich in der Wohnung auf. Dann gab es da noch Brüder, zwei oder drei. Er war sich da nicht ganz sicher. Die grüssten ihn aber nie und er tat es auch nicht. Er überlegte sich, wie er mit diesem Mädchen in Kontakt kommen könnte. Pietro fand dieses Mädchen extrem attraktiv, mehr als alle anderen Mädchen in seiner Klasse. Er hatte auch schon mit einigen geflirtet, herumkarisiert, hatte Helena dies genannt. «Mach bloss keinen Unsinn mit den Mädchen. Du weisst ja, dich haben sie schon im Visier. Wenn du mit einem Mädchen Blödsinn machst, nehmen sie dich ganz aus der Familie heraus. Da ist es dann mit Embrach nicht mehr getan.»
«Willst du mir Angst machen?», hatte Pietro sie gefragt und nachgesetzt: «Kümmere dich um deinen eigenen Kram. Ich weiss schon, was ich tue. Wenn nur immer alle auf mir herumhacken können, dann sind sie glücklich.»
«Spinn nicht rum», meinte Helena, «ich meins ja nur gut mit dir.»
«Schon gut. Ich mache keinen Scheiss mehr», murmelte Pietro.
Aber jetzt war er erst einmal weg, von der Strasse und den Kumpels und befand sich in einer völlig anderen Welt. Er war bei der Familie Emmenegger in Embrach. Hier gab es nur Bauern und Bauernfamilien. Natürlich war er nicht immer auf dem Bauernhof, sondern musste auch in die Sekundarschule am Ort gehen. Auf Grund seiner Leistungen im Turn-Unterricht wurde er sehr schnell akzeptiert. Er war in der Klasse direkt der zweitschnellste Läufer und an der Kletterstange, die sie in jedem Turnunterricht hochklettern mussten, war er auch bei den Besten. Der Sekundarlehrer, Herr Leibundgut, war in der schweizerischen Armee, die ja jeder besuchen muss, Hauptmann gewesen. Er liess die Jungs oft auch exerzieren und in verschiedenen Formationen auf- und abmarschieren. «Das ist gut für die Disziplin», merkte er an, als diese Vorgehensweise einmal im Lehrerzimmer zum Thema gemacht wurde. Vor allem die wenigen weiblichen Lehrkräfte an der hiesigen Sekundarschule fanden diese Exerziererei fraglich. «Papperlapapp», war alles, was Leibundgut hierzu zu sagen hatte und trank seinen Kaffee aus der mit Punkten versehenen grossen Tasse.
Die Mädchen kicherten, als Pietro zum ersten Mal in die Klasse kam. Eine tuschelte direkt: «So ein hübsches Lockenköpfchen aber auch.» Eine andere meinte: «Italiano?» Pietro antwortete nur: «Ich bin Schweizer, mein Vater kommt aus dem Tessin und ich verstehe sehr gut Italienisch. Aber ich möchte es nicht sprechen, capische?» Damit war seine Stellung in der Klasse geklärt. Da er im Unterricht gut mitkam, fiel er in der Schule nicht weiter auf. Am Wochenende, so hatte Pietro gedacht, könnte er in den Ausgang. Weit gefehlt, er musste hoch auf die Bäume, Kirschen ernten, den Saustall ausmisten oder über ein schmales Brett die Karre mit der schweren Fuhre Mist aus dem Kuhstall auf den Miststock hochfahren. Einmal fiel sie ihm seitlich vom Brett runter und der ganze Mist landete auf der Erde in der Nähe des Stalleingangs. Der Bauer meinte nur: «Kann passieren, hol die Schaufel und schmeiss das Zeug zurück auf den Miststock.»
Pietro stand erschrocken und wie versteinert da.
Da sagte der Bauer Emmenegger: «Wenn’s geht, heute noch», drehte sich weg und verschwand in der Scheune.
Da griff Pietro zur Schaufel und wuchtete den ganzen heruntergefallenen Mist auf den Stock zurück. Ein Sohn vom alten Emmenegger kam vorbei und meinte nur: «Passiert jedem, kein Problem, du musst die Augen nicht auf den Mist richten, sondern auf das Vorderrad, dann kannst du auch die Spur halten.»
Pietro nickte nur. Es passierte ihm in dem halben Jahr nie wieder. Er war froh, wenn wieder Montag war und er in die Schule konnte. Die Wochenenden, an denen er immer auf dem Feld oder in den Ställen arbeiten musste, waren für ihn hart. Er war diese Art Arbeit, trotz seiner Kräfte, nicht gewohnt. Er hatte Blasen an den Händen. Einige begannen sich aber auch schon in Schwielen zu verwandeln.
Ein Mädchen gefiel ihm besonders und er sprach es an. «Hallo, haben wir nicht den gleichen Heimweg?»
Das Mädchen, sie hiess Helen, meinte nur: «Ich glaube nicht, Emmeneggers wohnen unten, wir oben. Also vergiss es.»
Das war eine Abfuhr. Er sprach dann ein anderes Mädchen an, aber das erklärte ihm direkt: «Mit solchen wie dir dürfen wir keinen Kontakt haben und abgesehen davon bist du nach einigen Monaten sowieso wieder weg. Das macht keinen Spass.» Stimmt auch wieder, dachte Pietro.
Mit einer Dritten gelang es ihm, sich zu verabreden. Sie war zwar nicht seine erste Wahl, aber verdammt noch mal, da musste doch mal etwas laufen. Aber das Mädchen kam dann nicht und versetzte ihn. Den Grund erfuhr er nie. Wenn sie sich in der Klasse begegneten, lachte sie ihn zwar immer an, kehrte sich dann aber sofort zu den anderen Mädchen hin und sie lachten dann alle lauthals.
Pietro stellte seine diesbezüglichen Bemühungen ein. Und so ging dieses halbe Jahr dann wirklich auch zu Ende und er verabschiedete sich sowohl von der Klasse als auch von den Emmeneggers. Man wünschte ihm Glück, verbunden mit der Hoffnung, dass man ihn nie wieder unter solchen Umständen zu Gesicht bekommen würde.
Bebi hatte die Zeit in Embrach, das war jetzt auch schon wieder einige Jahre her, gut überstanden. Er hatte fleissig mitgearbeitet und es hatte ihm nicht einmal schlecht gefallen, wie er sich ehrlicherweise eingestehen musste. Die Arbeit mit den Kühen gefiel ihm und die volle Mist-Karette den Misthaufen hochzuwuchten hatte ihm am Ende sogar noch Spass gemacht. Bauer Emmenegger, der zufällig einmal vorbeigekommen war, hatte ihn gelobt: «Potztausend! Du balancierst die Karette ja wie ein Weltmeister da hoch!» Und es hatte ihm noch mehr Spass gemacht, als er registriert hatte, dass die beiden Söhne des Bauern, die ungefähr gleich alt waren wie er, diese volle Karette nur mit Müh und Not hatten hinaufbugsieren können. Dem einen war die Karette sogar auch einmal seitlich vom Brett gerutscht und der ganz Mist hatte auf dem Boden gelegen. Da hatten alle gelacht, Pietro hatte ihm geholfen das ganze Scheiss-Zeug wieder hochzuladen. Auch beim Kirschenpflücken hatte er sich die Achtung des Bauern geholt. Dieser hatte die grosse, schwere Holzleiter einfach locker und salopp an einen Baum gestellt und dann nur gemeint: «So, jetzt hoch mit dir.» Dann war es, sieben, acht Meter auf der wackligen Leiter hochgegangen und der Kratten hatte gefüllt sein müssen, und zwar bis oben hin, dann erst hatte man wieder absteigen dürfen. An einem Tag, Pietro erinnerte sich, hatte er plötzlich einen scharfen Stich im Finger gefühlt. Er hatte zwischen den Blättern nach mehreren Kirschen gleichzeitig gegriffen, aber nicht gesehen, dass da bereits eine Wespe ihre Zwischenmahlzeit hatte holen wollen. Diese hatte sich gewehrt und ihn gestochen. Als der Kratten voll war, war er heruntergestiegen und hatte seinen Finger dem Bauern gezeigt. Dieser hatte nur gemeint: «Ja, kann passieren, du musst eben besser aufpassen und nun kannst du daran lutschen, dann lässt der Schmerz nach. Die Aushilfskräfte, vor allem junge Frauen, hatten laut gelacht und gerufen: «Na, gefällt dir das Lutschen an dem steifen Finger.» Als dem Bauer das Lachen und Gegröle zu viel geworden war, hatte er die Belegschaft zur Ordnung gerufen und das Lachen war erstorben. Pietro verstand nicht, warum das Lutschen eine derartige Heiterkeit hervorgerufen hatte. Seinen Finger hatte er noch einige Tage verspürt.
Als das halbe Jahr vorbei war, kam er wieder nach Hause und ging auch wieder in dieselbe Klasse wie zuvor. Über den Vorfall mit dem Schiessen auf Vögel wurde nie mehr wieder gesprochen. Nach der obligatorischen Schulzeit begann er eine Lehre als Dreher in einer Maschinenfabrik. Er beschäftigte sich damit, rotationssymmetrische Bauteile herzustellen und war nach drei Jahren Metallfacharbeiter. Sein Vater war stolz auf seinen Sohn, der es nun verstand, Werkstücke an der Maschine spanend zu bearbeiten. Der Beruf erforderte Präzision, handwerkliches Geschick. Fräsen und Schleifen beherrschte Pietro gut. Er hatte sich mittlerweile, was sein Gemüt anbelangte, etwas beruhigt. Für seine Schwestern interessierte er sich kaum noch. Seine Freunde fand er über die Kollegen in seinem Beruf und das füllte ihn aus. Die Lehrabschlussprüfung bestand er mit einem Gut-Sehr gut. Er arbeitete dann noch einige Monate in der Lehrfirma. Aber er hatte sich schon vorher nach einer neuen Stelle umgesehen und fand eine in der französischen Schweiz. Kurz entschlossen sagte er zu, teilte dies seinen Eltern mit und einige Wochen später fuhr er mit dem Zug und seinen beiden Koffern nach Genf. Da polierte er neben den herzustellenden Werkstücken auch massiv sein Französisch auf. Nebenbei betrieb er sein Hobby: die Bergsteigerei. Er war über Kollegen dazu gekommen. Diese hatten ihn einmal dazu überredet und er war mitgegangen. Er hätte nie gedacht, dass ihm diese Tätigkeit, also das Klettern, so viel bedeuten würde. Er studierte in seiner Freizeit oft an besonderen Stellen herum und ob man diese vielleicht auch hätte anders angehen können. Er zeigte Mut und ein älterer Kollege meinte dann auch einmal: «Gut gemacht, Pietro, du hast Talent. Willst du nicht Mitglied im SAC werden?»
Pietro fragte: «Was ist das?»
«Das ist der Schweizer Alpen-Club. Der jährliche Beitrag ist nicht hoch, er beträgt fünfzehn Franken.»
«Und was habe ich davon?», fragte Pietro.
«Es gibt da gewisse Verbilligungen und du kannst Kurse besuchen.»
«Gut, ich überleg’s mir.»
Er trat dann in diesen Club ein und nahm auch an einigen Kursen teil und lernte so, wie man mit den Seilen umzugehen hatte und welche Stellen an einem Berg gefährlich sein können, auch wenn man es auf den ersten Blick vielleicht gar nicht so wahrnimmt. Er lernte da auch viele andere Männer kennen, die von den Bergen fasziniert waren. Frauen gab es keine. Aber das störte ihn nicht. Diese hätten eher den Betrieb am Berg gestört und so war Pietro auch der Meinung, dass Bergsteigen eben doch ein reiner Männersport wäre. Er fühlte sich wohl in dieser Gemeinschaft und wusste, spürte es, dass er hier, in dieser Berg-Familie, ein geachtetes und geschätztes Mitglied war.
[...]
[...]
Genf – Bern – Zürich 1950 ff.
Als sie in dem kleinen Zimmer in Genf angekommen waren, legten sie die Taschen und den Koffer einfach auf den Boden, um dann übereinander herzufallen. Pietro war erst etwas zurückhaltend, aber als Paula sich wie wild auf ihn warf, ihn überall anfasste, ihm die Kleider vom Leib riss, dann anfing zu stöhnen und gleichzeitig zu weinen, als ob eine Riesenlast von ihr abfallen würde, da gab er seine Zurückhaltung auch auf. Dann schliefen sie miteinander, heftig, leidenschaftlich und doch voller Zärtlichkeit. Pietro verfügte bereits über etwas Erfahrung, die sich aber ausschliesslich auf den Geschlechtsverkehr mit bezahlbaren Frauen beschränkte. Das hier war etwas anderes, etwas ganz anderes. Paula hatte keine 1:1 – Erfahrung, sie hatte es sich aber bereits einige Tausend Male vorgestellt, wie es wäre, mit Pietro zu schlafen. Aber es war noch besser, als sie es sich in den kühnsten, wildesten Träumen vorgestellt hatte. Kein Wunder, denn eine Vorstellung ist nie die Realität und in dieser war sie jetzt drin und hoffte, dass es nie enden würde. Sollte heissen, er war in ihr drin. Aber ein Quäntchen Verstand war noch bei ihm und so ergoss er sich nicht in ihr. «Das hast du gut gemacht, lieber Pietro», sagte sie, «nun sind wir wohl hier angekommen.»
«Könnte man so sagen», erwiderte er. «Du bist ja eine Granate im Bett.»
«Ich verstehe nicht ganz», meinte sie, hier gibt es keine Granaten, du bist nicht beim Militär und von einem Bett habe ich auch noch nichts gesehen. Wir liegen hier auf dem Boden und ich hatte die ganze Zeit die blöde Tasche im Kreuz.»
«Tut mir leid, aber ich war mit anderen Dingen beschäftigt.»
«Verstehe, man schaut auch immer nur zu seinem eigenen Vergnügen.»
«Jetzt müssen wir uns hier einrichten und abgesehen davon muss ich morgen wieder zur Arbeit.»
«Dann kann ich ja hier etwas sauber machen.»
«Was soll das denn heissen? Ich putze hier wöchentlich.»
«Aber wohl nur in den Schaltjahren, oder?»
«Tu, was du für richtig hältst.»
«Ja, mache ich, wie immer.»
Dann packte er die Sandwiches aus, die er noch von seiner Mutter in Zürich eingepackt bekommen hatte und sie assen diese vergnügt am Tisch. Zu trinken gab es Hahnenwasser. Paula meinte: «Schmeckt gut, das Wasser in Genf.»
«Wir können nachher auch noch rausgehen und in einem Bistro etwas trinken.»
«Ja, können wir. Wir können aber auch hierbleiben und noch einmal …»
«Mein Gott, was für ein Weib.»
Und so kam es dann auch. Sie verliessen diese Ein-Zimmer-Wohnung an dem Abend nicht mehr. Am anderen Tag musste Pietro früh raus, um zur Arbeit zu gehen. Paula räumte das Zimmer auf und begann die Wohnung zu putzen. Insbesondere die Toilette hatte es dringend nötig. Männer eben, dachte Paula. Sie kannte das schon von zu Hause. Vier Männer konnten ganz schön in der Gegend herumpinkeln. Aber hier machte es ihr nichts aus.
Sie kannten sich ja nun bereits seit einigen Jahren, hatten aber noch nie mehr Zeit miteinander verbracht als höchstens mal eine Stunde und auch das meistens im Freien. Die Zeit hier in Genf war für beide fremd, ja geradezu abenteuerlich. Niemand hinderte sie an ihrem Zusammensein. Eines Abends fragte Pietro: «Willst du mich heiraten?»
«Was für eine Frage. Wäre ich sonst hier?»
«Dann müssen wir auf dem Amt das Aufgebot bestellen.»
«Dann musst du dir in der Firma freigeben lassen.»
«Das habe ich bereits getan.»
«Schlauberger!»
«Du hast doch hoffentlich deinen Pass dabei.»
«Ja, habe ich. Also geht es morgen aufs Amt. Das muss gefeiert werden.»
«Wie es wohl deinen Eltern jetzt gehen wird?»
«Das weiss ich nicht und ehrlich gesagt ist es mir auch egal.»
«Ehrlich?»
«Ja, mehr oder weniger. Besonders wegen meinem Vater tut es mir leid. Er ist ein guter Mensch, aber zu schwach gegenüber seiner Frau. Sie bestimmt alles. Aber das ist bei den Juden so. Nach innen sind es die Frauen, die bestimmen, nach aussen sind es die Männer. Aber bei uns war es nur teilweise so, weil mein Vater wirklich ein herzensguter Mensch ist, aber eben auch ein armseliger Schlucker. Mit seiner Absatzwerkstatt in der Küche ist er von den reichen Juden abhängig. Also hat er auch nach aussen nichts zu sagen. Und meine Mutter hätte sicherlich lieber einen reichen Mann geheiratet als einen Schuster. In Polen hatte er ja eine kleine Werkstatt, aber hier geht er von Tür zu Tür und besohlt die Schuhe der reichen Juden in Zürich.»
«Schon etwas speziell. Aber er hat euch durchgefüttert. Das ist doch auch eine Leistung. Bei uns ist es ja ähnlich. Das finde ich interessant.»
«Was ist ähnlich bei euch?»
«Bei den italienisch orientierten Menschen, also auch bei uns Tessinern, abgesehen davon, dass meine Mutter ja eine waschechte Italienerin ist, haben nach innen, also in der famiglia, die Frauen das Sagen und nach aussen hin nur die Männer. Das ist doch eine Parallele zu den Juden.»
«Vielleicht ist das auch noch bei einigen anderen Völkern so.»
«Ja, möglich. Ich weiss es nicht.»
«Ja, kann man so sehen, schon möglich. Aber man darf die Wirkung von meinem Vater in der Familie auch nicht unterschätzen. Er ist oft die ausgleichende, tolerante Kraft. Manchmal schien es mir so, dass diese Geschlechteraufteilung bei meinen Eltern fast umgekehrt ist. Meine Mutter ist nach aussen die stärkere und mein Vater nach innen. Aber es war natürlich nicht immer und in jedem Fall so. Es hat wohl auch mit seinem Status als Heim-Schuhmacher zu tun. Aber irgendwie ist er immer zufrieden und gütig. Er ist ein toleranter Jude. Die gibt es auch, aber es sind wenige.»
«Vielleicht müssen die Juden auch etwas intolerant sein, denn sonst gäbe es womöglich bald keine mehr. Man wundert sich ja, ich habe das letzthin in der Zeitung gelesen, also man wundert sich, dass sie sich gegen ihre Vernichtung nicht stärker gewehrt haben. Sie sind einfach so ins Gas marschiert. Unvorstellbar im Grunde.»
«Wusste gar nicht, dass du dich mit dem Jude-Sein, unserer Geschichte, so beschäftigst.»
«Ja, warum wohl? Wenn ich nun sogar eine Jüdin heirate. Aber im Grunde ist es mir völlig egal, was du bist. Hauptsache du bist du. Das reicht mir vollständig. Der Rest ist Beigemüse.»
«Sehe ich genauso.»
«Religionen haben in der Geschichte der Menschheit, möchte ich einfach mal so behaupten, wohl mehr Unglück als Glück produziert.»
«Könnte wohl schon so sein.»
Dann heirateten sie auf dem Standesamt in Genf. Trauzeugen waren zwei Arbeitskollegen von Pietro. Nach der Trauung sagte Paula: «Ich habe nicht alles verstanden, was der Mann da auf Französisch so erzählt hat.»
«Macht nichts, du hast wenigstens an der richtigen Stelle ‘Oui’ gesagt. Das war ja die Hauptsache.»
«Ja, ich weiss schon, vieles im Leben ist Beigemüse. Sagst du doch immer.»
«Stimmt ja auch, oder?»
«Ja, ja. Und jetzt gehen wir ‘manger’. Du hast wohl Frédéric und Henri eingeladen, oder?»
«Natürlich.»
Nach einigen Wochen hatte sich Paula ganz gut eingelebt in Genf. Sie ging viel spazieren. Genf hat einen See, so wie Zürich auch. Aber die Stadt ist viel kleiner. Es verging kaum eine Nacht, in der sie nicht miteinander schliefen. Paula war glücklich wie noch nie in ihrem Leben. Hoffentlich würde das anhalten. So dachten Juden immer, ging es ihr durch den Kopf, weil diese nie wussten, wann wieder ein Pogrom stattfände oder sogar Gaskammern gebaut würden. Aber war sie denn noch jüdisch? Sie lebte mit einem Goi zusammen, sie hatte ihn geheiratet. Sie war seine Frau und nicht die Frau irgendeines Mannes in Paris, den sie überhaupt nicht kannte. Es war gut, dass sie das so gemacht hatte, auch wenn sie jetzt vermutlich von ihrer Familie verstossen worden war. Das schien ihr sicher zu sein. Was sie gemacht hatte, war aus deren Sicht etwas sehr, sehr Verwerfliches. Hatte sie das tun dürfen oder nicht? Gott, dachte sie, kannst du mir hierauf eine Antwort geben, bitte? Aber Gott meldete sich nicht und so setzte sie ihren Spaziergang fort und ging dann nach Hause. Aber etwas Angst schlich sich schon von hinten zu ihrem Nacken hoch. Würde sie es einmal bereuen, die jüdische Gemeinschaft verlassen zu haben? Dann dachte sie, wenn nun Pietro ultra-erz-katholisch wäre, dann wäre sie jetzt auch nicht hier. Aber das war er ja nicht, überhaupt nicht. Die Tessiner waren eben katholisch, einige auch nur auf dem Papier, Pietro hielt ja nichts von Religionen und das fand sie sehr, sehr sympa, wie der Genfer zu sagen pflegte.
Am Abend meinte Pietro: «Wir müssen bald umziehen, das weisst du.»
«Ja, ich weiss, deine Ausbildung zum Kondi.»
«Kondukteur, bitte, bei der Schweizerischen Bundesbahn.»
«Kriegst du dann auch eine Uniform?»
«Natürlich.»
«Da bin ich aber gespannt. Pietro in Uniform mit Mütze. Also verlassen wir Genf. Eigentlich schade, mir hat es hier gefallen.»
«Ja, das sehe ich auch so. Aber es geht nicht anders.»
«Kein Problem. Bern wird sicher auch gut.»
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- Quote paper
- Riccardo Bonfranchi (Author), 2026, Die Geschichte von Paula und Pietro, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1765796