Eine theoretische Analyse und Material-Interpretation zum Thema „Populismus“


Seminararbeit, 2010

21 Seiten, Note: 2,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung und Begriff

2. Theoretische Analyse anhand des Aufsatzes Egoismus und Freiheitsbewegung
2.1 Die Voraussetzungen zur Nutzung des Populismus im Bürgertum
2.2 Der bürgerliche Volksführer am Beispiel von Cola di Rienzo
2.3 Populismus als Aspekt und Wegbereiter des Nationalsozialismus/Faschismus

3. Material-Interpretation zum Thema Populismus: Wahlrede
3.1 Zu den Hintergründen der Wahlrede
3.2 Untersuchung der Wahlrede anhand des Aufsatzes Kulturindustrielle Politik mit dem Großen & Ganzen: Populismus, Politik-Darsteller, ihr Publikum und seine Mobilisierung

4. Fazit

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung und Begriff

Das Wort populus bedeutet Volk oder vom Volk kommend. In Anlehnung daran entstand im Laufe der Zeit ein eigener Stil von Politik mit der Bezeichnung Populismus. Seine Wurzeln hatte dieser schon zu allen Zeiten menschlicher Befreiungsbewegungen, auch wenn es das passende Wort dafür noch nicht gab. Die Haupteigenschaft des Populismus ist es weniger mit Fakten, als mit großen Emotionen zu arbeiten, die wiederum von einer charismatischen Persönlichkeit getragen werden. Die Präsentation einer vermeintlichen einfachen Lösung für komplexe Probleme aus der Opposition heraus ist der Inhalt. Im Laufe der Zeit hat der Begriff von der Wissenschaft mehrere Um- und Neudeutungen erhalten, worauf Helmut Dubiel hinweist.[1] Entstanden ist er in der amerikanischen Sozialgeschichte:

„>>Populisten<< und >>Volkstümler<< nannten sich am Ende des 19. Jahrhunderts einige agrarsozialistische Bewegungen in den USA und Rußland, welche sich in Reaktion auf die kapitalistische Modernisierung der ländlichen Infrastruktur gebildet hatten.“[2]

Nach mehreren Umdeutungen im Verlaufe der Zeit, es wurde linker und rechter, aber auch speziellere Begriffe wie der autoritäre Populismus entwickelt[3], ist der Populismus in der heutigen Zeit vor allem ein Kampfbegriff geworden.[4] Politische Gegner bezeichnen sich häufig gegenseitig als Populisten, um so Punkte gegenüber diesen zu erzielen.

Man könnte meinen der Populismus sei eine für die aufgeklärte Gesellschaften unserer Welt nicht mehr benötige Form. Tatsächlich aber ist sie noch überall auf der Welt immer sehr präsent, dabei aber auch mit einem negativen Ansehen behaftet. In Deutschland sind es beispielsweise (ehemalige) Politiker wie Oskar Lafontaine (Die Linke) als Vertreter des Linkspopulismus oder Roland Koch (CDU), der als Rechtspopulist bezeichnet wird, und damit den augenscheinlichen Gegensatz verkörpert, die mit ihren Erscheinungen den gesellschaftlichen Alltag aufwirbeln. Aktuell tut dies beispielsweise auch Thilo Sarrazin (SPD), dessen Thesen man noch nicht einmal untersuchen muss, sondern bloß einen Blick auf sein persönliches Profil zu werfen braucht, welches ihn als Populisten zeigt. Diese Hausarbeit soll nun aufzeigen wie der Populismus entstanden ist und welche spezifischen Merkmale ihn auszeichnen. Dazu untersucht sie im ersten Teil den Aufsatz Egoismus und Freiheitsbewegung von Max Horkheimer und stellt dann die Interpretation eines populistischen Materials, hier der Abschiedsrede von Oskar Lafontaine auf dem Parteitag der Linken, auf Basis des Aufsatzes Kulturindustrielle Politik mit dem Großen & Ganzen: Populismus, Politik-Darsteller, ihr Publikum und seine Mobilisierung von Heinz Steinert vor.

2. Theoretische Analyse anhand des Aufsatzes Egoismus und Freiheitsbewegung

1936 hat der Soziologie Max Horkheimer den Aufsatz Egoismus und Freiheitsbewegung mit dem Untertitel Zur Anthropologie des bürgerlichen Zeitalters veröffentlicht. Dieser gliedert sich in drei große Abschnitte und umfasst 79 Seiten.[5] Was Horkheimer in diesem Schriftstück darstellt, ist prinzipiell die wiederholte Anwendung der Politikform des Populismus in der Geschichte, der sich in den jeweiligen Zeitepochen in seiner spezifischen Ausübung zwar unterschied, jedoch immer auf den gleichen Grundvoraussetzungen beruhte und besonders in den revolutionären Epochen anzutreffen war. Als das „Ziel“ des Aufsatzes könnte man die Entwicklung einer Theorie zum Faschismus während der Zeit der nationalsozialistischen Diktatur ansehen, die ebenso mit den Mechanismen des Populismus gearbeitet hat. Auch wenn der Begriff Populismus in seinem Werk kein einziges Mal fällt, ist Horkheimer jedoch der erste, der diesen grundlegend untersucht hat.

Quasi analog zu den drei Abschnitten des Aufsatzes, soll in den nachfolgenden Unterpunkten dieses Kapitels untersucht werden, was

1.) die Voraussetzungen für die Benutzung des Populismus im bürgerlichen Zeitalter sind.
2.) Soll an einem Beispiel aus Horkheimers Schrift erklärt werden, wie diese Politikform funktioniert und
3.) die Ergebnisse der Untersuchung für eine Theorie zum Faschismus/Nationalsozialismus untersucht werden.

2.1 Die Voraussetzungen zur Nutzung des Populismus im Bürgertum

Der Populismus als genutzte Politikform geht laut Max Horkheimer auf die innere Zerrissenheit der bürgerlichen Gesellschaft zurück. Populistisches Handeln als Politik ist demnach auch ganz besonders in dieser anzutreffen.[6] Hier hat es eine gewisse Schicht von Menschen geschafft materiell aufzusteigen und ein weniger von Sorgen geplagtes Leben zu führen. Dem gegenüber stehen die breiten Massen in der Bevölkerung, die niedergedrückt werden. Dies bezeichnet eine Akzeptanz der bestehenden Unterschiede hinsichtlich Besitz und Wohlstand der Menschen innerhalb der bürgerlichen Gesellschaft:

„Der größere Teil der Menschheit sollte sich vielmehr daran gewöhnen, den eigenen Anspruch auf Glück zu meistern, den Wunsch zurückzudrängen, ebenso gut zu leben wie jener kleinere Teil […]“[7]

Was die bürgerliche Gesellschaft hingegen bietet, ist die Möglichkeit besserer Zustände im Gegensatz zu der vorherigen Gesellschaftsform oder eben doch Aufstiegschancen, deren Wege zwar immer noch hart und steinig, aber zumindest überhaupt möglich sind. Außerdem verschwindet eine „schlechte Verwaltung, unter deren Missbräuchen es [das Volk] bisher gelitten hat.“[8] Die Unterschiede einer vermeintlichen offenen Gesellschaft überwiegen jedoch, denn wenn jeder den eigennützigen Aufstieg wagen würde, geriete die Ordnung erneut ins Wanken.

Gerechtfertigt werden diese Unterschiede mit verschiedenen Mitteln, wie zum Beispiel der Religion, welche die Stellung des einzelnen Menschen durch Gnadenwahl und andere Konzepte begründet, oder der idealistischen Moral. Besonders letztere ist für Horkheimer eine Art und Weise der widersprüchlichen Gegenüberstellung von zwei Teilen eines Weltbildes. Einmal nämlich gilt es die eigenen Bedürfnisse, der Egoismus[9] des Individuums, zugunsten aller im Zaume zu halten, um das Konkurrenzprinzip untereinander einzudämmen:

„Man muss ihm ein Gewissen machen. Indem er für die bürgerlichen Freiheiten kämpft, soll er zugleich sich selbst bekämpfen lernen.“[10]

So wird es in die öffentliche Meinung, die öffentliche Diskussion getragen. Dennoch handelt ein jeder egoistisch und agiert so nach den ungeschriebenen, aber verinnerlichten Gesetzen der bürgerlichen Gesellschaft und damit im Namen des freien Markts, für das diese steht.[11] So werden jene weniger mächtigen und weniger begünstigten zumindest insoweit stilisiert, als das sie, die breite Masse, den ruhig gehaltenen Teil der Ordnung bilden, während jene an den Schalthebeln der Macht eine rücksichtslose Vorgehensweise zum Erhalt des Lebensraums (wie von diesen behauptet) aller nur ungern an den Tag legen, aber es eben müssen.[12] Der Egoismus wird von Religion und Moral also verdammt, besonders von jenen die ihn ausüben, ist aber gleichzeitig ein integraler Bestandteil, damit das freie Gesellschaftsleben im Sinne des Bürgertums überhaupt möglich ist.[13] Damit steht der beherrschten Klasse, die den Verzicht im Laufe der Zeit gelernt hat, eine Elite gegenüber, die von sich selbst behauptet ebenfalls im Kampf mit dem Leben zu stehen.

Zusammengefasst ist das, was Horkheimer behauptet, also folgende These: Sobald eine bürgerliche Ordnung entsteht und das Ziel hat eine freie Gesellschaft und einen freien Markt, der ihren eigenen Aufstieg, die Mehrung ihres eigenen Reichtums usw. ermöglicht, zu schaffen, muss sie auch gleichzeitig den Zugang zu dieser bzw. diesem begrenzen, indem sie ihre eigene Ideologie von größtmöglicher Freiheit und dem größtmöglichen Eigennutz begrenzt.[14] Dies tut sie jedoch nicht offen, durch Zwang und Tyrannei, sondern eben durch die erwähnten Moralvorstellungen, die im Rahmen des gesellschaftlichen Umwandlungsprozesses ins Zentrum rücken.

Mit dieser Art zu leben werden Emotionen unterdrückt und im Zaum gehalten. Die Menschen wählen Kulturangebote aus, um sich abzulenken. Abseits davon erledigen sie Arbeiten als Rückgrat dieser Gesellschaft, welche die Züge strenger Rationalität trägt, deren oberstes Gebot das Funktionieren (oder eben eher: Rücknahme des Eigenen zugunsten aller) ist.[15] So irrationale Ausbrüche stattfinden, gilt es diese zu beherrschen und zu lenken. Wie im nächsten Abschnitt noch vorgestellt wird, ist die Kontrolle und Beherrschung von Emotionen großer Massen eine weitere Eigenschaft des Populismus, entsteht dieser doch aufgrund der inneren Zerrissenheit. Besonders auf dem Weg hin zur bürgerlichen Gesellschaft entsteht die Notwendigkeit populistische Mittel anzuwenden. Die erwähnte Bändigung der Massen stellt den Weg in diese dar.

[...]


[1] Dubiel 1986, S. 35ff.

[2] Ebd. S. 7.

[3] Ebd. S. 38ff.

[4] Steinert 1999, S. 1f.

[5] Herangezogen wurde die Version aus dem 1988 erschienen Band Gesammelte Schriften – Band 4. Für weitere Angaben siehe Literaturverzeichnis.

[6] Horkheimer 1988 (1936), S. 25.

[7] Horkheimer, 1988 (1936), S. 17.

[8] Ebd. S. 25.

[9] Auf der Basis der wissenschaftlichen Ansichten in der Anthropologie, bezieht sich Horkheimer u.a. auf Niccolò Machiavelli und Thomas Morus. Insgesamt zeigt er auf wie dem Begriff trotz versuche von Werturteilsfreiheit etwas Negatives anhaftet und wie dem Menschen i.d.R. diese Selbstbezogenheit nachgesagt wird. Vgl. z.B. ebd. S. 9ff.

[10] Vgl. ebd. S. 25.

[11] Vgl. ebd. S. 13.

[12] Vgl. ebd. S. 19: „Die Herren selbst waren im harten Daseinskampf freilich gezwungen, rücksichtslos vorzugehen, aber das gehörte zu den bitteren Notwendigkeiten.“

[13] Vgl. ebd. S. 18, aber auch wieder S. 13 um auf den „dauernden Kriegszustand nach innen und außen“ hinzuweisen.

[14] Vgl. bezüglich des wirtschaftlichen Interesses des Bürgertums S. 24.

[15] Vgl. hier die Beiträge zur Kulturindustrie in der „Dialektik der Aufklärung“: „Kulturindustrie. Aufklärung als Massenbetrug“, Horkheimer/Adorno, 2000, S. 146ff.

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Eine theoretische Analyse und Material-Interpretation zum Thema „Populismus“
Hochschule
Justus-Liebig-Universität Gießen  (Institut für Soziologie)
Veranstaltung
Populismus
Note
2,7
Autor
Jahr
2010
Seiten
21
Katalognummer
V176663
ISBN (eBook)
9783640980314
ISBN (Buch)
9783640980475
Dateigröße
565 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
eine, analyse, material-, interpretation, thema
Arbeit zitieren
Ole Karnatz (Autor), 2010, Eine theoretische Analyse und Material-Interpretation zum Thema „Populismus“, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/176663

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