Macht und Gewalt in der Literatur des 20. Jahrhunderts

Heiner Müller - Germania 3. Gespenster am Toten Mann


Hausarbeit (Hauptseminar), 1998
24 Seiten

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Vorbemerkungen

II. Germania 3. Gespenster am Toten Mann
II.1. Die Einordnung in das Gesamtwerk
II.2. Der Titel
II.3. Das Stück, seine Entstehung, seine Struktur und die Aufführungen
II.4. Intermedien und Intertextualität
II.5. Geschichte und Gewalt

III. Schlußbemerkungen

IV. Literaturverzeichnis

I. Vorbemerkungen

Die Revolutionen sind nicht Motor, sondern Notbremse der Geschichte.

Walter Benjamin

Diese Arbeit beschäftigt sich mit Heiner Müllers letztem Werk „Germania 3. Gespenster am Toten Mann“1.

Hier soll ausgehend von einer überblicksmäßigen Einordnung des Stückes in Müllers Gesamtwerk über eine nähere Darstellung seiner Theaterauffassung ein intensiver Blick auf die Geschichts- und Gewaltdarstellung geworfen werden.

Da „Germania 3“ deutsche Geschichte als Gewaltgeschichte präsentiert, wird innerhalb dieser Abhandlung ein Bezug zu tatsächlichen historischen und politischen Begebenheiten hergestellt werden.

Ein auffälliges Stilmittel Müllers ist der Gebrauch von Zitaten, die als Intermedien in die einzelnen Bilder eingeflochten werden. Deshalb ist auch die Intertextualität eine weitergehende Untersuchung wert.

Davon abgesehen steht der Primärtext eindeutig im Vordergrund und soll somit weitestgehend der Ausgangspunkt aller Ansätze, Ausführungen und Darstellungen sein.

Im nun folgenden liefere ich zunächst - zwecks Einordnung von „Germania 3“ - einen sowohl chronologischen als auch thematischen Abriß von Müllers Gesamtschaffen.

Danach folgt eine Betrachtung der Wortwahl hinsichtlich des Titels, der auf den ersten Blick doch etwas eigentümlich und seltsam anmutet.

Nach einigen Ausführungen zur Entstehung von „Germania 3“, stehen die Erläuterungen zum Inhalt, zur Struktur und Verknüpfung der einzelnen Bilder des Stücks im Vordergrund, um Müllers Intention und Stil analysieren zu können.

II. Germania 3. Gespenster am Toten Mann

II.1. Die Einordnung in das Gesamtwerk

Im großen und ganzen gesehen läßt sich das Werk Heiner Müllers in drei Phasen einteilen.

Zu Beginn seines literarischen Schaffens (etwa ab Mitte der 50er Jahre) verfaßte er Arbeiten über Produktions- und Organisationsprobleme der DDR und ihrer Vorzeit (genauer gesagt: des Zeitraums 1945 bis 1949).2

Hierzu zählen Werke wie „Der Lohndrücker“, „Die Umsiedlerin oder Das Leben auf dem Lande“ und „Der Bau“. Als theoretischen Überbau dieser Stücke kann man die Darstellung von Widersprüchen im Zuge des Aufbaus einer neuen Gesellschaft ausmachen.3

Mitte der 60er Jahre führte Müllers Auseinandersetzung und Beschäftigung mit antiken Stoffen, die er in Lehrstücken verarbeitete, zur Herausbildung der sogenannten „DDR-Klassik“.4 Werke aus diesem Bereich sind „Philoktet“, „Herakles 5“, „Prometheus“ und „Der Horatier“.

Diesen Stücken, mit denen Müller sich in die Tradition Brechts stellte, ist - wie gesagt - der Charakter der Parabel gemein.5

Als letzten großen Themenkomplex, dem man mehrere Arbeiten Müllers zuordnen kann, ist derjenige der Geschichte im allgemeinen und der der deutschen Geschichte im besonderen.

Hierzu zählt neben „Germania Tod in Berlin“, „Leben Gundlings Friedrich von Preußen Lessings Schlaf Traum Schrei“ auch das hier näher zu betrachtende „Germania 3. Gespenster am Toten Mann“.

Geschichte als arbeitsübergreifender Gegenstand der letzten Schaffensperiode Müllers und thematische Fixierung auf die deutsche Historie, zeigen nachdrücklich, daß Müller das „Material Deutschland“ nicht losließ, sondern ihn zu einer immerwährenden Auseinandersetzung herausforderte.

Als Bürger der DDR beschränkte sich sein Blick nicht nur auf ost- und westdeutsche Phänomene, sondern führte ihn ebenso zu einer Beurteilung der Sowjetunion und hier genauer gesagt zu einer Stellungnahme zum Stalinismus.6

So war „Germania 3“ zunächst auch als reines Hitler-Stalin-Stück von Müller angedacht worden7, umfaßte dann aber doch den Zeitraum von der Ermordung Rosa Luxemburgs 1919 bis hin zur Deutschen Einheit 1990.

Müllers Art der harten, schonungslosen Darstellung seiner Geschichtsauffassung trugen ihm bald das Attribut des Geschichtspessimisten zu.

Seine Vorbemerkung zu „Germania Tod in Berlin“:

„Der Terror von dem ich schreibe kommt aus Deutschland“8 - in Anlehnung an Edgar Allen Poe, der den Terror aus der Seele und nicht aus Deutschland (Schauerroman der Frühromantik, z. B. E.T.A. Hoffmann)9 beschrieb - verstärkte diesen Eindruck des Leidens an Deutschland, das Empfinden Deutschlands als Verhängnis10 und läßt Tschapke Müller als „Erfinder des modernen Schreckens und maschinellen Grausens, der deutschen Schlächterei und internationalen Barbarei im Theater nach 1945“11 charakterisieren.

II.2. Der Titel

Bevor ich mich mit dem Inhalt des Stückes beschäftige, scheinen mir einige erläuternde Worte zum Titel angebracht.

Der Titel „Germania 3. Gespenster am Toten Mann“ erklärt sich meines Erachtens nicht aus sich selbst heraus, sondern bedarf einer betrachtenden Untersuchung. Beginnen möchte ich mit dem zweiten Teil „Gespenster am Toten Mann“. Neben der Erklärung, daß ein Kriegsschauplatz bei Verdun12 so genannt wurde, steht die Aufdeckung der Parallelität zu dem Kriegsbuch von P.C. Ettighofer, das genau diesen Titel „Gespenster am toten Mann“ trägt.13

In dieser Geschichte rettet ein deutscher Soldat aus Nervosität seinen Kameraden das Leben. Von Trugbildern geleitet, löst er einen falschen Alarm zur richtigen Zeit aus und wehrt so die französische Offensive im Ansatz ab.14

Somit greift die zweite Erklärung weiter als die erste, da sie über den bloßen geographischen Aspekt (übrigens soll Heiner Müllers Großvater im Ersten Weltkrieg bei Verdun gefallen sein) hinausreicht und eine thematische Verknüpfung zu Kriegsmotiven darstellt, die - wie wir sehen werden - ebenfalls in „Germania 3“ eine Rolle spielen.

Auch den ersten Teil des Titels - „Germania 3“ möchte ich noch einmal unterteilen und mich zunächst der „3“ widmen.

Es gibt mehrere Erklärungen bzw. Erklärungsversuche, warum Müller gerade diese Zahl wählte.

Die abenteuerlichste Theorie, die mir untergekommen ist, besagt, daß es Müller zu profan gefunden hätte, nach „Germania Tod in Berlin“ einfach in numerischer Reihenfolge sein nächstes Germania-Stück „Germania 2“ zu nennen, sondern in der ihm eigenen Art einen verwirrenden Titel gewählt hat, um Publikum und Kritiker zu verunsichern.

Diese Art der unterstellten „Pippi-Langstrumpf-Arithmetik“ - im Sinne von drei mal drei macht sechs ... - bringt einen nun wirklich nicht weiter und ist wohl auch etwas zu sehr von einer Begeisterung für die Eigenheiten Müllers geprägt. Andere Erklärungen stellen Müllers Werk „Leben Gundlings Friedrich von Preußen Lessings Schlaf Traum Schrei“ (1979) in Zusammenhang mit den beiden GermaniaStücken und formen so eine Trilogie. Diese Deutung scheint mir von den Themen und Inhalten der drei Stücke her eher fraglich, denn „Leben Gundlings ...“ ist eher eine Borussia, denn eine Germania.

Die gängigen Ansichten, die ich ebenfalls favorisiere, beziehen sich auf die neuere deutsche Geschichte und darüber hinaus auf Heiner Müllers eigenes Leben. Sie zeigen auf, daß Heiner Müller in drei verschiedenen deutschen Staaten (mit Ausklammerung der Weimarer Republik, die er nur bis zum sechsten Lebensjahr erlebte) und in drei verschiedenen Staatsformen (faschistische Diktatur des Dritten Reiches, sozialistische Diktatur in der DDR und die republikanische Zeit Weimars und des geeinten Deutschlands) gelebt hat.

Eine andere Variante besagt, daß Müller drei deutsche Staaten hat untergehen sehen, nämlich dann doch die Weimarer Republik, das III.Reich und die DDR.15 Was nun „Germania“ betrifft, so sollte man neben der bloßen Übersetzung in „Deutschland“ auch im Hinterkopf behalten, daß Germania der Zukunftsname Hitlers für Berlin war, wenn es erst Welthauptstadt geworden wäre.16

[...]


1 Im folgenden wird der Titel meist in der Kurzform „Germania 3“ verwandt

2 vgl. von Maltzan, Carlotta (1998) - Zur Bedeutung von Geschichte, Sexualität und Tod im Werk Heiner Müllers, S. 8; im folgenden zitiert als Maltzan (1998) - Zur Bedeutung ...

3 vgl. Kindlers neues Literatur-Lexikon (1996), Band 12, S. 29

4 vgl. Maltzan (1998) - Zur Bedeutung ..., S. 8

5 vgl. ebd.

6 vgl. Reitter, David T. (o.J) - Heiner Müller im Spiegel der Nachrufe, Kapitel 2 Heiner Müllers Werke; im folgenden zitiert als Reitter (o.J) - H.M. im Spiegel ...

7 vgl. Hacker, Doja (1996) - Im Reich der Untoten. Heiner Müller letztes Stück Germania 3, S. 6; im folgenden zitiert als Hacker (1996) - Im Reich ...

8 Müller, Heiner (1977) - Germania Tod in Berlin, S. 8; fehlende Interpunktion nach dem Original übernommen

9 vgl. Theweleit, Klaus (1996) - Heiner Müller. Traumtext, S. 55f; im folgenden zitiert als Theweleit (1996) - Traumtext

10 vgl. Müller, Heiner (1995) - Theater ist feudalistisch, S. 225

11 Tschapke, Reinhard (1996) - Heiner Müller, S. 5; im folgenden zitiert als Tschapke (1996) - H.M.

12 vgl. Clauß, Roland (1997) - Vom großen Anfang und vom schalen Ende, S. 46 Anm.23; im folgenden zitiert als Clauß (1997) - Vom großen Anfang ...

13 vgl. Heiner Müller. Ein deutscher Dichter zwischen Brecht und Jünger (1996); im folgenden zitiert als H.M. zwischen Brecht und Jünger (1996)

14 vgl. ebd.

15 vgl. Tschapke (1996) - H.M., S. 71

16 vgl. H.M. zwischen Brecht und Jünger (1996)

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Macht und Gewalt in der Literatur des 20. Jahrhunderts
Untertitel
Heiner Müller - Germania 3. Gespenster am Toten Mann
Hochschule
Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf
Autor
Jahr
1998
Seiten
24
Katalognummer
V176692
ISBN (eBook)
9783640980840
ISBN (Buch)
9783640981090
Dateigröße
462 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Heiner Müller, Germania, Gespenster am Toten Mann, Macht, Gewalt in der Literatur, Theater, Brecht, Intermedien, Intertextualität, Deutsche Geschichte
Arbeit zitieren
Manfred Müller (Autor), 1998, Macht und Gewalt in der Literatur des 20. Jahrhunderts, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/176692

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