Die Darstellung der "Gyburc" in Wolfram von Eschenbachs Epos "Willehalm"

Ein Vergleich


Seminararbeit, 1995
19 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Vorbemerkungen

II. Das Frauenbild
1. Die sozialgeschichtliche Rolle der Ehefrau
2. Die Idealvorstellungen von einer höfischen Dame
3. Die Darstellung der Gyburc im Vergleich
3.1 Gyburcs äußere Erscheinung
3.2 Gyburcs Verhältnis zu Willehalm
3.3 Gyburcs Verhältnis zur Gesellschaft
3.4 Gyburcs Verhältnis zu den Heiden
3.5 Gyburc im Kampf

III. Schlußbemerkungen

I. Vorbemerkungen

Saget mir ieman, waz ist minne?

weiz ich des ein teil, sô wist ichs gerne mê. Der sich baz denn ich versinne, der berihte mich durch waz si tuot sô wê. Minne ist minne, tuot si wol. tuot si wê, so enheizet si niht rehte minne. sus enweiz ich wie si danne heizen sol. Walther von der Vogelweide 12,I (Wapnewski)

Gegenstand dieser Arbeit ist der Vergleich zwischen dem allgemeinen Frauenbild des Mittelalters und demjenigen, das Wolfram von Eschenbach in seinem Epos Willehalm anhand der Hauptdarstellerin Gyburc aufzeigt. Zunächst werde ich einen Einblick in die sozialgeschichtliche Rolle der Frau - genauer gesagt der Ehefrau - geben, um danach das idealisierte Bild darzustellen, wie es in literarischen Texten gezeichnet wurde.

Die Ergebnisse dieser Darstellungen sollen dann mit der Beschreibung, die Wolfram von Eschenbach gibt, verglichen werden.

Dabei beschränke ich mich auf die Beschreibung der Gyburc, wobei ich einerseits die Konformität ihres Aussehens und ihres Verhaltens bezüglich des Ideals, andererseits aber gerade auch die Abweichung ihrer Charakterdarstellung von den herrschenden höfischen Vorstellungen herausstellen möchte.

Ausgehend von Zitaten aus dem Epos Willehalm soll interpretatorisch der Facettenreichtum bzw. die neue Dimension der Gyburc, die Wolfram ihr gibt, erkannt werden.

Hinzuzufügen ist, daß die hier vorliegende Arbeit auf einem Referat aufbaut, das am 29.11.1994 - im Rahmen des Seminars Erotische Frauen in ausgewählten Werken des Mittelalters - von mir gehalten wurde.

II. Das Frauenbild

Bei der Erarbeitung des Frauenbildes des Mittelalters ist zu berücksichtigen, daß es nur wenige, sozialgeschichtlich fundierte Überlieferungen über die Rolle der Frau oder Beschreibungen ihrer gesellschaftlichen Stellung gibt. Die meisten Quellen dieser Zeit beschäftigen sich mit dem Klosterleben und geben somit bezüglich der Aufgabenstellung nur unzureichend Auskunft. Andererseits gibt es Quellen, die z.B. Bußbestimmungen der Kirche für bestimmte Vergehen (z.B. Ehebruch) beinhalten. Man geht davon aus, daß, da diese Handlungen unter Strafe standen, diese auch tatsächlich begangen wurden und somit Rückschlüsse auf die Gesellschaft zulassen.

Auch literarische Texte sind sozialgeschichtlich kaum aussagekräftig, da die Literaten meist von den Wünschen und Vorstellungen ihres Mäzens abhängig waren, und man annehmen muß, daß viele Darstellungen verzerrt oder idealisiert sind, um dem Geld- und Auftraggeber zu schmeicheln. Hinzukommt, daß viele mittelhochdeutsche Texte mehr oder weniger Übersetzungen von französischen Originalen sind, oder doch zu einem Großteil auf solchen basieren. Daraus ergibt sich das Problem, daß man nicht eindeutig unterscheiden kann, was sich auf die französische und was sich auf die deutsche Gesellschaft bezieht bzw. für diese relevant und charakteristisch ist.

Um jedoch das Frauenbild Wolframs zu überprüfen, sind diese Texte durchaus nützlich und aussagekräftig, da es sich beim Willehalm schließlich auch um einen literarischen Text handelt.

1. Die sozialgeschichtliche Rolle der Ehefrau

Die nun folgende Darstellung bezieht sich auf die gesellschaftliche Position der Ehefrau, ihre Stellung in der Ehe und ihr Verhältnis zum Ehemann - jedoch nicht nur bezogen auf die Hofgesellschaft, sondern allgemein.

Die Ehe galt im Mittelalter als Gründungsmoment und Grundlage der Familie, wobei der Begriff der Familie ursprünglich nicht im weltlichen Sinne gemeint war, sondern sich auf die Klostergemeinschaft bezog1 (hier wird der Begriff jedoch im heute gültigen Sinne verwendet).

Der Ehemann - gleichzeitig Hausherr - übte als einziger die rechtlich legitimierte Gewalt aus und alle Familienmitglieder - einschließlich der Ehefrau - standen unter seiner Munt, d.h. unter seinem Schutz.

Die Ehe wurde häufig auf die Versippung zweier Familien hin angelegt, bei der jede Seite sich einen Vorteil (z.B. sozialer Aufstieg, Sicherung der Erbfolge) davon versprach.

Die meisten Heiratsvereinbarungen wurden ohne Absprache mit den Zuvermählenden und oft gegen ihren Willen getroffen, wobei die Braut noch die geringsten Möglichkeiten der Intervention oder Ablehnung der Hochzeit bzw. des Ehemannes hatte. Erst später legte man Wert auf die Meinung der Frau und bat sie - aus kirchenrechtlichen Gründen - um die Einwilligung in die Muntehe.1

Das Mindestalter für die Heirat betrug beim Mann vierzehn und bei der Frau zwölf Jahre, jedoch waren Ehen in diesem Alter die Ausnahme, und das Durchschnittsalter lag etwa bei zweiundzwanzig bzw. fünfzehn Jahren.2

Neben der gerade angesprochenen Vertragsehe, bei der die Sippen sich einigten und der Bräutigam ein Brautgeld (Wittum) zahlte, gab es noch zwei weitere, gängige Möglichkeiten für den Mann, eine Ehe herbeizuführen: Beim Frauenraub setzte sich der Mann - mit drastischen Mitteln - gegen den Willen der Frau durch und entführte sie. Losgelöst von der eigenen Familie und an einen anderen Ort geschafft, hatte die Frau keine andere Möglichkeit, als den Mann zu heiraten, um der sozialen Ächtung zu entgehen. Die zweite Möglichkeit lag in der Frauenentführung, mit der die Frau einverstanden war; die Sippe war jedoch gegen die Heirat mit diesem Mann eingestellt.3

Neben diesen Ehearten gab es noch die Friedelehe, die einer Liebesheirat gleichkam, jedoch ohne Trauung zustande kam. Ein Ehemann konnte mehrere Friedelehen eingehen, der Ehefrau war das versagt.4

Das Ungleichgewicht zwischen den Rechten des Ehemanns und denjenigen der Ehefrau erkennt man auch am Maß der Bestrafung des Ehebruchs. Während ein Mann, der die Ehe gebrochen hatte, mit einem Jahr Buße bestraft wurde (die meist in sexueller Enthaltsamkeit bestand - wobei die Ehefrau letztendlich mitbestraft wurde), drohte der Ehefrau beim gleichen Vergehen die Todesstrafe.5

Keuschheit vor der Ehe galt als Selbstverständlichkeit, und die Jungfräulichkeit der Frau wurde als höchstes Gut angesehen.1

Grundsätzlich wurde der Ehe ein dreifacher Zweck zugedacht.

So sollte sie erstens der Fortpflanzung dienen (in der karolinger Zeit wurde freiwillige Keuschheit in der Ehe unter Strafe gestellt) und zweitens der Grundstein für eine zu entstehende Liebe sein. Man ging also davon aus, daß die Ehe zur Liebe führt und nicht umgekehrt, daß man aus Liebe heiratete. Der dritte Zweck war der, daß die Ehe eine ungezügelte, ausschweifende Sexualität und die Promiskuität vermeiden sollte.2

Die Auflösung der Ehe kam zustande, wenn beide Ehepartner ihr Einverständnis geäußert hatten oder wenn der Ehemann seine Frau verstieß. Die Frau konnte von ihrer Seite aus die Ehe nicht eigenständig aufheben. Bei einer Wiederheirat war die Frau auf die Zustimmung der Sippe ihres geschiedenen Mannes abhängig, und solange der Exmann noch lebte, war die erneute Heirat sogar verboten.3

Wie gesehen, war die Ehefrau gegenüber dem Ehemann stark benachteiligt. So durfte sie auch nicht am aktiven Gottesdienst teilnehmen oder politische Ämter ausüben. Ihre Unterordnung war also nicht nur familiärer, sondern auch gesell- schaftlicher Natur.4

Andererseits sah die Frau diese Unterordnung als natürlich an und lehnte sich nur äußerst selten (z.B. durch die Einwilligung in die Frauenentführung) dagegen auf.

Man muß beachten, daß Unterordnung nicht mit Mißachtung gleichzusetzen ist, sondern daß es vielmehr die Pflicht des Mannes war, die Frauen zu ehren und zu schützen.5

2. Die Idealvorstellung von einer höfischen Dame

Die Vorstellung von einer höfischen Dame bezogen sich sowohl auf das äußere Erscheinungsbild als auch auf das Verhalten innerhalb der Gesellschaft.

[...]


1 vgl. Goetz (1986) S.34

1 vgl. Goetz (1986) S.39ff

2 vgl. ebd. S.41

3 vgl. ebd. S.42

4 vgl. ebd. S.42

5 vgl. ebd. S.43

1 vgl. Goetz (1986) S.43f

2 vgl. ebd. S.44

3 vgl. ebd. S.46

4 vgl. ebd. S.49f

5 vgl. ebd. S.50

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Die Darstellung der "Gyburc" in Wolfram von Eschenbachs Epos "Willehalm"
Untertitel
Ein Vergleich
Hochschule
Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf  (Germanistisches Seminar - Abteilung für Ältere Germanistik)
Veranstaltung
Erotische Frauen in ausgewählten Werken des Mittelalters
Note
2,0
Autor
Jahr
1995
Seiten
19
Katalognummer
V176694
ISBN (eBook)
9783640980857
ISBN (Buch)
9783640981052
Dateigröße
451 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Wolfram von Eschenbach, Wolfram, Willehalm, Gyburc, Frauenbild, Mediävistik, Mittelalter
Arbeit zitieren
Manfred Müller (Autor), 1995, Die Darstellung der "Gyburc" in Wolfram von Eschenbachs Epos "Willehalm" , München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/176694

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