Gegenstand dieser Arbeit ist der Vergleich zwischen dem allgemeinen Frauenbild des Mittelalters und demjenigen, das Wolfram von Eschenbach in seinem Epos "Willehalm" anhand der Hauptdarstellerin "Gyburc" aufzeigt.
Zunächst werde ich einen Einblick in die sozialgeschichtliche Rolle der Frau - genauer gesagt der Ehefrau - geben, um danach das idealisierte Bild darzustellen, wie es in literarischen Texten gezeichnet wurde.
Die Ergebnisse dieser Darstellungen sollen dann mit der Beschreibung, die Wolfram von Eschenbach gibt, verglichen werden.
Dabei beschränke ich mich auf die Beschreibung der Gyburc, wobei ich einerseits die Konformität ihres Aussehens und ihres Verhaltens bezüglich des Ideals, andererseits aber gerade auch die Abweichung ihrer Charakterdarstellung von den herrschenden höfischen Vorstellungen herausstellen möchte.
Ausgehend von Zitaten aus dem Epos Willehalm soll interpretatorisch der Facettenreichtum bzw. die neue Dimension der Gyburc, die Wolfram ihr gibt, erkannt werden.
Inhaltsverzeichnis
I. Vorbemerkungen
II. Das Frauenbild
1. Die sozialgeschichtliche Rolle der Ehefrau
2. Die Idealvorstellungen von einer höfischen Dame
3. Die Darstellung der Gyburc im Vergleich
3.1 Gyburcs äußere Erscheinung
3.2 Gyburcs Verhältnis zu Willehalm
3.3 Gyburcs Verhältnis zur Gesellschaft
3.4 Gyburcs Verhältnis zu den Heiden
3.5 Gyburc im Kampf
III. Schlußbemerkungen
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht das Frauenbild im Mittelalter im Vergleich mit der literarischen Darstellung der Hauptfigur Gyburc in Wolfram von Eschenbachs Epos Willehalm, wobei insbesondere ihre Abweichung von zeitgenössischen Idealen und ihre neue Dimension als handelnde Figur herausgestellt werden.
- Sozialgeschichtliche Rolle der Ehefrau im Mittelalter
- Idealvorstellungen der höfischen Dame
- Gyburcs Verhältnis zu Willehalm und der Gesellschaft
- Gyburcs Position gegenüber den Heiden
- Die untypische Rolle der kämpfenden Gyburc
Auszug aus dem Buch
3.1 Gyburcs äußere Erscheinung
Alles in allem beschreibt Wolfram die Äußerlichkeiten der Gyburc nicht sehr ausführlich und dennoch gibt es eine wichtige Textstelle, die repräsentativ für ihre Schönheit steht:
Si truoc geschickede unt gelâz,
ich wæn deis iemen kunde baz
erdenken ân die gotes kunst.
si bejagt et al der herzen gunst,
des lîbes ougen an si sach.
ir gürtl man hôher koste jach,
edel steine drûf verwieret,
daz er noch bêdiu zieret
ir hüffel und ir sîten.
ze etlîchen zîten
des mantels sie ein teil ûf swanc:
swes ouge denne drunder dranc,
der sah den blic von pardîs.
Betrachtet man diese Schilderung in ihrem Textzusammenhang - Gyburc erscheint gerade beim Hoffest, das Willehalm zu Ehren der Fürsten, die ihn im Kampf unterstützen wollen, gibt - so erkennt man, daß Gyburc hier in der typischen Rolle der Hofdame ist, ihrem Mann als schmückende Zierde als Gastgeberin zur Seite zu stehen.
Allerdings ist sich Gyburc ihrer Stellung bewußt und sieht ihr Erscheinungsbild selbst als Rolle, die sie annehmen muß, aber durchaus auch annehmen will. Bevor sie so gekleidet in den Festsaal tritt, trägt sie noch die Rüstung von der Verteidigung der Stadt, und erst als Markgraf Willehalm zurückkehrt, nimmt sie das erwartete Damen-Verhalten an. Sie animiert die Jungfrauen, es ihr gleichzutun, da es die vordringliche Aufgabe der Frau ist, den Mann zu erfreuen.
Zusammenfassung der Kapitel
I. Vorbemerkungen: Einführung in die Thematik des Vergleichs zwischen dem historischen Frauenbild und der literarischen Figur Gyburc bei Wolfram von Eschenbach.
II. Das Frauenbild: Analyse der sozialgeschichtlichen Bedingungen der Ehe sowie der höfischen Idealvorstellungen im Mittelalter.
1. Die sozialgeschichtliche Rolle der Ehefrau: Erläuterung der Abhängigkeit der Ehefrau im Mittelalter und der rechtlichen Rahmenbedingungen wie der Muntehe.
2. Die Idealvorstellungen von einer höfischen Dame: Untersuchung der ästhetischen und verhaltensbezogenen Anforderungen an die Frau in der höfischen Gesellschaft.
3. Die Darstellung der Gyburc im Vergleich: Einleitung in den Vergleich zwischen den Konventionen und Gyburcs Charakterisierung im Epos.
3.1 Gyburcs äußere Erscheinung: Untersuchung von Gyburcs Rolle als Repräsentantin bei Hoffesten im Kontrast zu ihrem selbstbewussten Rollenverständnis.
3.2 Gyburcs Verhältnis zu Willehalm: Analyse der unkonventionellen Liebesheirat zwischen Gyburc und Willehalm, geprägt durch Glauben und gegenseitige Unterstützung.
3.3 Gyburcs Verhältnis zur Gesellschaft: Diskussion von Gyburcs Sonderrolle bei Hoffesten und ihrem bewussten Umgang mit höfischen Erwartungen.
3.4 Gyburcs Verhältnis zu den Heiden: Darstellung von Gyburcs humanitärer Haltung und ihrer Friedensbemühungen durch Dialog gegenüber ihrem heidnischen Hintergrund.
3.5 Gyburc im Kampf: Betrachtung von Gyburcs aktiver militärischer Verteidigung Oranges als unkonventionellen Rollenbruch.
III. Schlußbemerkungen: Zusammenfassendes Fazit über die außergewöhnliche und neue Dimension der Gyburc-Figur im Vergleich zur zeitgenössischen Epik.
Schlüsselwörter
Mittelalter, Frauenbild, Gyburc, Willehalm, Wolfram von Eschenbach, Höfische Gesellschaft, Liebesheirat, Ehefrau, Toleranz, Religionsdisput, Rollenverständnis, Literaturwissenschaft, Epos, Alischanz, Muntehe
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der literarischen Charakterisierung der Gyburc im Epos Willehalm von Wolfram von Eschenbach und vergleicht diese mit den historischen und idealisierten Frauenbildern des Mittelalters.
Welche zentralen Themenfelder werden in der Analyse behandelt?
Zentrale Themen sind die Ehe als soziale Institution, das höfische Ideal der Frau, die Darstellung von Krieg und Glauben sowie die spezifische Rolle der Frau in der mittelalterlichen Gesellschaft.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie Gyburc durch Wolfram von Eschenbach eine neue Dimension erhält, die sich durch den Bruch mit traditionellen, passiven Rollenmustern auszeichnet.
Welche wissenschaftliche Methode wird in dieser Arbeit verwendet?
Es handelt sich um eine vergleichende Literaturanalyse, die literarische Zitate aus dem Epos mit sozialgeschichtlichen Erkenntnissen über das Mittelalter konfrontiert.
Welche inhaltlichen Aspekte bilden den Hauptteil?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung von Gyburcs Äußerem, ihrer Beziehung zu Willehalm, ihrem Verhalten in der Gesellschaft, ihrer Haltung gegenüber den Heiden und ihrem Handeln in kriegerischen Situationen.
Welche Schlüsselbegriffe definieren diese Arbeit?
Wichtige Begriffe sind insbesondere Rollenkonformität, Rollenbruch, Minne, Gotteskindschaft, Toleranz und die Darstellung der Frau als aktive Akteurin.
Inwiefern zeigt Gyburc eine unkonventionelle Haltung gegenüber den Heiden?
Gyburc plädiert aufgrund ihrer eigenen Herkunft und ihrer christlichen Überzeugung für Toleranz und den Erhalt des menschlichen Lebens, anstatt die Heiden lediglich als Feinde zu betrachten.
Wie wird Gyburcs militärisches Handeln im Text bewertet?
Die Arbeit hebt hervor, dass Gyburc durch ihre Verteidigung der Stadt Orange und ihr taktisches Geschick traditionelle Geschlechterrollen durchbricht und eine für die damalige Zeit außergewöhnliche Selbstständigkeit beweist.
- Quote paper
- Manfred Müller (Author), 1995, Die Darstellung der "Gyburc" in Wolfram von Eschenbachs Epos "Willehalm" , Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/176694