Die vorliegende Hausarbeit untersucht die Darstellung homoerotischer Faszination in Oscar Wildes "Das Bildnis des Dorian Gray" und Thomas Manns "Der Tod in Venedig". Ausgangspunkt ist die Frage, ob sich der unterschiedliche persönliche Umgang der beiden Autoren mit ihrer Homosexualität auch in der literarischen Gestaltung homoerotischer Beziehungen und Begehren niederschlägt.
Im Zentrum stehen die Inszenierung männlicher Schönheit, die Beziehungen zwischen Basil und Dorian beziehungsweise Aschenbach und Tadzio sowie die sprachlichen Strategien, mit denen homoerotische Faszination angedeutet wird. Dabei werden Gemeinsamkeiten und Unterschiede hinsichtlich Figurenkonstellation, körperlicher Nähe, Beobachtung, Begehren und metaphorischer Darstellung herausgearbeitet.
Ergänzend werden beide Werke mithilfe der digitalen Textanalysemethode Voyant untersucht. Die Analyse stützt die These, dass Wilde homoerotisches Begehren deutlich unmittelbarer und offener darstellt, während Mann stärker mit Distanz, Beobachtung und subtilen Symbolen arbeitet
Inhaltsverzeichnis
1. Wie im Leben so in der Literatur?
2. Untersuchung der homoerotischen Faszination in das Bildnis des Dorian Gray und der Tod in Venedig
2.1 Männer, Misogynie und Metaphern – Wildes Darstellung der Homoerotik in das Bildnis des Dorian Gray
2.2 Venedig statt London - Vergleich mit Thomas Manns der Tod in Venedig
2.3 Voyant Analyse
3. Mut und Bewunderung
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht anhand eines literaturwissenschaftlichen Vergleichs und einer digitalen Textanalyse, inwiefern sich der grundverschiedene persönliche Umgang Oscar Wildes und Thomas Manns mit ihrer jeweiligen Homosexualität in ihren Werken widerspiegelt. Im Zentrum steht die Forschungsfrage, ob Wildes offen ausgelebte Homosexualität im Gegensatz zu Manns lebenslanger Unterdrückung seiner Neigungen zu einer deutlich ausgeprägteren und direkteren literarischen Gestaltung homoerotischer Faszination in Das Bildnis des Dorian Gray gegenüber Der Tod in Venedig führt.
- Vergleich der literarischen Inszenierung homoerotischer Begehren im viktorianischen England und der wilhelminischen Moderne
- Analyse von Figurenkonstellationen, Metaphorik und Chiffren wie dem Begriff des Geheimnisses
- Gegenüberstellung der Künstlerfiguren Basil Hallward und Gustav von Aschenbach sowie ihrer Musen Dorian und Tadzio
- Körperliche Auslebung versus distanzierte, voyeuristische Betrachtung und pädophile Konnotation
- Quantitative Textanalyse mithilfe der Digital-Humanities-Software Voyant-Tools zur Identifikation lexikalischer Muster
Auszug aus dem Buch
Männer, Misogynie und Metaphern – Wildes Darstellung der Homoerotik in das Bildnis des Dorian Gray
Im folgenden Abschnitt soll das Motiv der homoerotischen Faszination in Oscar Wildes Das Bildnis des Dorian Gray untersucht werden. Da Wilde in seinem Werk auf explizite Darstellungen homosexueller oder erotischer Handlungen verzichtet, und dieses Motiv stattdessen durch seine Figuren, ihre Charaktereigenschaften und Handlungen, sowie Anspielungen und Metaphern zur Geltung kommen lässt, sollen genau diese Aspekte analysiert werden. Die Untersuchung gliedert sich hierbei in drei Aspekte: Auswahl und Charakterisierung der Protagonisten, Basils Beziehung zu Dorian und die Person Dorian.
Wilde schafft bereits durch die Auswahl seiner ausschließlich männlichen Protagonisten ein homoerotisches Grundsetting. Die drei Hauptcharakteren Basil, Lord Henry und Dorian werden nicht als typische Männer inszeniert, sondern stellen den viktorianischen Standard echter Männlichkeit in Frage. Bezüglich Basil und Lord Henry bewirkt Wilde diese untypische Männlichkeit beinahe alleine durch das vorhandene Setting im ersten Kapitel, dessen Beschreibung von sinnlichen Wahrnehmungen wie dem starkem Rosenduft und Summen von Bienen geprägt ist. Dass die beiden anschließend eifrig über Basils Kunst und die Schönheit seines Bildes von Dorian sprechen, vervollständigt des Lesers Eindruck zweier Männer, die mit den typischen Attributen des vorherrschenden Männerbilds, unter anderem „industry, earnestness, morality“, nichts zu tun haben. Dorian wird in diesen ersten beiden Kapiteln als außerordentlich zart, emotional und durch Lord Henrys Aussagen über Jugend und Vergänglichkeit verwirrt dargestellt. Beispielhaft hierfür ist seine Überforderung, als er sein fertiges Abbildes das erste mal erblickt, und sich anschließend auf den Diwan wirft um sein Gesicht in den Kissen zu vergraben. Wilde verwendet diese Pose, die Verletzlichkeit und Verweichlichung andeuten soll, um Dorian als theatralisch und emotional, in letzter Instanz sogar feminin dazustellen. Zusätzlich zur unmännlichen Inszenierung seiner Hauptcharaktere verzichtet Wilde auf weibliche Hauptrollen und erhebt Männer dadurch zum tatsächlich begehrenswerten Geschlecht. Dem weiblichen Geschlecht weist er unter anderem durch die Vielzahl an frauenverachtenden Aussagen Lord Henrys eine untergeordnete Rolle zu.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Wie im Leben so in der Literatur?: Das einleitende Kapitel stellt die biografischen Parallelen und Kontraste zwischen Oscar Wilde und Thomas Mann vor und formuliert die zentrale Forschungsfrage sowie die Hypothese über den Zusammenhang zwischen autobiografischem Erleben und literarischer Repräsentation.
2. Untersuchung der homoerotischen Faszination in das Bildnis des Dorian Gray und der Tod in Venedig: Das übergeordnete Hauptkapitel bildet den methodischen und analytischen Kern der Arbeit, indem es die Darstellung homoerotischer Motive in beiden Prosawerken detailliert aufschlüsselt, miteinander vergleicht und korpuslinguistisch hinterfragt.
2.1 Männer, Misogynie und Metaphern – Wildes Darstellung der Homoerotik in das Bildnis des Dorian Gray: Dieser Abschnitt beleuchtet Wildes Strategie, das Fehlen weiblicher Hauptfiguren, die Subversion viktorianischer Männlichkeitsnormen und mehrdeutige Chiffren wie das Motiv des Geheimnisses zur Etablierung einer homoerotischen Grundstimmung zu nutzen.
2.2 Venedig statt London - Vergleich mit Thomas Manns der Tod in Venedig: Das Unterkapitel vergleicht Parallelen der Künstlerobsessions- und Todesmotive und arbeitet signifikante Differenzen heraus, insbesondere hinsichtlich des Alters der Geliebten und der Distanzierung bei Mann im Vergleich zu Wildes angedeuteter körperlicher Auslebung.
2.3 Voyant Analyse: Hier werden quantitative Wortfrequenzanalysen beider Volltexte sowie ausgewählter Schlüsselszenen mithilfe digitaler Werkzeuge vorgestellt, die motivische Schnittmengen um Kunst, Schönheit und Körperlichkeit aufzeigen.
3. Mut und Bewunderung: Das Schlusskapitel fasst die Ergebnisse zusammen, bestätigt die Eingangshypothese und ordnet Manns literarische Auseinandersetzung in seine persönliche Bewunderung für Wildes Mut trotz dessen gesellschaftlicher Verurteilung ein.
Schlüsselwörter
Homoerotik, Oscar Wilde, Thomas Mann, Das Bildnis des Dorian Gray, Der Tod in Venedig, Voyant-Tools, Ästhetizismus, Männlichkeit, Begehren, Künstlerroman, Rezeptionsgeschichte, Vergleichende Literaturwissenschaft
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Untersuchung widmet sich der vergleichenden Textanalyse von Oscar Wildes Das Bildnis des Dorian Gray und Thomas Manns Novelle Der Tod in Venedig mit Fokus auf die jeweilige Inszenierung homoerotischer Faszination.
Welche zentralen Themenfelder werden analysiert?
Zu den thematischen Hauptfeldern zählen literarische Männlichkeitskonstruktionen, die Subversion gesellschaftlicher Normen, die Verbindung von Ästhetik, Kunst und Begehren sowie quantitative Methoden der Digital Humanities.
Welches primäre Ziel und welche Forschungsfrage verfolgt die Publikation?
Ziel ist es zu ermitteln, ob die unterschiedliche persönliche Handhabung der eigenen Homosexualität – Wildes skandalträchtige Offenheit im Vergleich zu Manns lebenslanger Verdrängung – zu signifikant abweichenden literarischen Darstellungsformen führt.
Welche methodischen Ansätze kommen zur Anwendung?
Die Arbeit verknüpft die traditionelle hermeneutisch-vergleichende Textanalyse relevanter Primär- und Sekundärtexte mit einer computergestützten Korpusanalyse mittels des Textanalyseprogramms Voyant-Tools.
Welche Schwerpunkte setzt der Hauptteil der Untersuchung?
Im Hauptteil wird zunächst Wildes metaphorische und personelle Ausgestaltung von Homoerotik analysiert, anschließend mit Manns Novelle kontrastiert und schließlich durch Wortfrequenzvergleiche in Volltexten und Schlüsselszenen ergänzt.
Durch welche zentralen Schlagwörter lässt sich die Abhandlung charakterisieren?
Prägende Begriffe sind Homoerotik, Ästhetizismus, Dorian Gray, Gustav von Aschenbach, Thomas Mann, Oscar Wilde, Männlichkeitsbilder und Voyant-Analyse.
Welche auffälligen Parallelen teilen die Künstlerfiguren Basil Hallward und Gustav von Aschenbach?
Beide Akteure sind erfolgreiche, wenngleich innerlich isolierte Künstler, deren künstlerisches Schaffen in eine existenzielle Abhängigkeit und Obsession von einem personifizierten Schönheitsideal gerät.
Worin liegt der gravierendste Unterschied zwischen den homoerotischen Beziehungen beider Werke?
Während Wildes Roman Beziehungen unter jungen Erwachsenen beschreibt und sexuelle Praktiken Dorians andeutet, porträtiert Mann die Faszination eines älteren Mannes für einen vierzehnjährigen Knaben, die sich auf einseitiges Beobachten und Verfolgen beschränkt.
Welchen Beitrag leistet die computergestützte Voyant-Analyse zur Fragestellung?
Die digitale Analyse zeigt substantielle Schnittmengen im Vokabular der Volltexte (wie Kunst, Schönheit, Hand und Augen) auf und verdeutlicht anhand von Schlüsselszenen die Differenz zwischen direkter emotionaler Erregung bei Wilde und distanzierter optischer Beobachtung bei Mann.
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- Anonym (Author), 2024, Homoerotische Faszination in Oscar Wildes "The Picture of Dorian Gray" und Thomas Manns "Der Tod in Venedig", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1767816