Die vorliegende Arbeit entstand im Rahmen einer Lehrveranstaltung zu Gotischen Portalen in Frankreich. Untersucht werden die zentralen Westportale der Kathedrale Notre-Dame in Senlis (um 1165–1170) und der Stiftskirche Notre-Dame in Mantes-la-Jolie (zweite Hälfte des 12. Jahrhunderts). Beide Portale markieren einen epochalen Wandel in der französischen Portalplastik der Frühgotik: Die traditionellen Darstellungen des Jüngsten Gerichts werden durch neuartige, reine Marienzyklen abgelöst.
Im Mittelpunkt der Betrachtung steht ein Vergleich der mariologischen Reliefs der Portale: Tod und Auferstehung Mariens, Triumph und Krönung Mariens sowie die rahmende Ikonografie. Trotz der stilistischen und motivischen Verwandtschaft ist keines der Portale ein bloßes Abbild des anderen. Während Mantes in der Nähe von zeitgenössischen theologischen Quellen bleibt, entwickelt Senlis ein hochgradig verdichtetes, theologisch fortschrittliches Programm der Präfiguration und des triumphalen Beieinanders von Christus und Maria.
Inhaltsverzeichnis
1. Die Marienportale der Kathedrale in Senlis und der Stiftskirche in Mantes-la-Jolie
1.1 Forschungsbericht und Datierung
1.2 Veränderungsgeschichte der Portale
1.3 Aufbau und Inhalt
2. Beobachtungen und Überlegungen zur Ikonographie
2.1 Mariendarstellungen
2.1.1 Triumph und Krönung Mariens im Tympanon
2.1.2 Tod und Auferstehung Mariens im Türsturz
2.2 Begleitdarstellungen in den Archivolten
3. Die Marienportale von Senlis und Mantes-la-Jolie – ein gemeinsames Programm?
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die wissenschaftliche Untersuchung widmet sich einem eingehenden kunsthistorischen und ikonographischen Vergleich der frühgotischen Marienportale an der Kathedrale Notre-Dame in Senlis und der Stiftskirche Notre-Dame in Mantes-la-Jolie. Ziel der Arbeit ist es, die bauliche Struktur, den Erhaltungszustand sowie die theologische Bildsprache der Reliefs an Türsturz, Tympanon und Archivolten herauszuarbeiten und kritisch zu prüfen, inwieweit den beiden außergewöhnlich verwandten Portalanlagen des 12. Jahrhunderts ein einheitliches oder voneinander abhängiges Bildprogramm zugrunde liegt.
- Bauchronologische Einordnung und Forschungsstand zur Datierung der Portale in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts
- Veränderungs- und Restaurierungsgeschichte unter Berücksichtigung von Zerstörungen während der Französischen Revolution und historisierender Ergänzungen des 19. Jahrhunderts
- Ikonographie des Marientods, der leiblichen Auferstehung und der Seelenaufnahme (Transitus Mariae) im Türsturz
- Typologie des Hoheliedes und Ekklesiologie beim Triumph sowie der Krönung Mariens im Tympanon (Sponsus-Sponsa-Motiv und Sýnthronoi)
- Genealogische und herrschaftliche Einbettung durch das alttestamentliche Motiv der Wurzel Jesse und die Trinität in den Archivolten
Auszug aus dem Buch
2.1.1 Triumph und Krönung Mariens im Tympanon
Die Exegese verschiedener Bücher des Alten Testaments, vorwiegend des Hohelieds, stellt die typologischen Bezüge für die Krönung Mariens. Die Auslegung des Hoheliedes interpretierten ab 1110 unter anderem Rupert von Deutz und Honorius Augustodunensis marianisch um: Maria wurde als die Sponsa (Braut) angesehen, die Christus, ihrem Sponsus (Bräutigam) geschmückt und gekrönt zur Rechten steht. Neben dieser Brautsymbolik wurde die Krönungssymbolik des Hoheliedes im Zuge des anwachsenden Marienkults aufgegriffen, ausgeweitet und auf Maria bezogen. Es erfolgte eine Gleichsetzung Mariens mit der Allegorie der Kirche bis hin zu ihrer Stilisierung als Ekklesia. Maria Ekklesia und Maria Sponsa wurden oft zu einem Begriff verbunden, Christus erschien zusammen mit Maria als dem Bild der Kirche. Ursula Nilgen hält hierzu fest: „Die Geliebte […] ist die Kirche im doppelten Sinne, als Bau ebenso wie als Ecclesia im Bilde der Sponsa“.
Nahezu zeitgleich zur Ausdeutung des Hoheliedes, sicherlich auch dank der Förderung des Marienkultes durch bedeutende Ordensleute, hielt die Krönung Mariens ihren Einzug in die Monumentalkunst. Das prominenteste Beispiel ist wohl das Apsismosaik in S. Maria in Trastevere (um 1145), das erstmals Maria als Ekklesia und auch Sponsa Christi in einem Bild verbindet. An einem Kirchenportal in Quenington (England) tritt das Bildthema der Marienkrönung in etwa zur gleichen Zeit auf, das Zueinander von Sponsus und Sponsa fehlt jedoch in der statischen Darstellung. Sowohl in Trastevere als auch in Quenington thronen Maria und Christus allerdings nicht gemeinsam – dies ändert sich erst in Senlis und teilweise auch in Mantes durch die Auflösung der Hierarchie und auch Statik der Darstellung.
In Senlis wird das Tympanon von einem herzförmigen Bogen überfangen. Unterhalb des Bogens sitzen Maria und Christus auf einer breiten Doppelthronbank, die architektonisch gegliedert ist. Zwei längsrechteckige Thronlehnen sind mit Farbfassung angedeutet. Die Thonenden wenden sind einander zu. In ihrer Anordnung erinnert die Tympanon-Darstellung von Mantes trotz unterschiedlicher Detaillösungen stark an Senlis, ist durch die Einwirkungen der Französischen Revolution jedoch teilweise unkenntlich.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Die Marienportale der Kathedrale in Senlis und der Stiftskirche in Mantes-la-Jolie: Das einführende Kapitel beleuchtet den kunsthistorischen Forschungsstand sowie die Datierungsproblematik der Portale um 1165–1175, dokumentiert die baulichen Verluste und Restaurierungsphasen vom 18. bis zum 20. Jahrhundert und stellt den architektonischen Grundaufbau beider Fassadengliederungen gegenüber.
2. Beobachtungen und Überlegungen zur Ikonographie: Dieses Kernkapitel analysiert detailliert die Bildinhalte von Türsturz und Tympanon, vergleicht die narrative Umsetzung des Marientods und der Himmelfahrt nach apokryphen Schriften mit der Hohelied-Exegese der Krönung und untersucht die alttestamentliche Ahnengalerie der Wurzel Jesse sowie die Trinitätsdarstellungen in den Archivolten.
3. Die Marienportale von Senlis und Mantes-la-Jolie – ein gemeinsames Programm?: Das abschließende Kapitel synthetisiert die Ergebnisse und zeigt auf, dass trotz formaler Parallelen grundlegend unterschiedliche theologische und herrschaftliche Konzepte vorliegen: Senlis fokussiert auf das nahbare, dialogische Sýnthronoi-Motiv von Braut und Bräutigam, während Mantes eine distanzierte, königlich-frontale Repräsentation der thronenden Ekklesia betont.
Schlüsselwörter
Gotik, Kathedralkunst, Portalplastik, Marienkrönung, Marientriumph, Senlis, Mantes-la-Jolie, Ikonographie, Transitus Mariae, Tympanon, Türsturz, Wurzel Jesse, Sponsa Christi, Ekklesia, Sýnthronoi
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Untersuchung analysiert und vergleicht die beiden herausragenden frühgotischen Marienportale der Kathedrale Notre-Dame in Senlis und der Stiftskirche Notre-Dame in Mantes-la-Jolie hinsichtlich ihrer Entstehung, Architektur und Skulpturenikonographie.
Welche zentralen Themenfelder werden abgedeckt?
Zu den thematischen Schwerpunkten zählen die Entfaltung des mittelalterlichen Marienkults im 12. Jahrhundert, theologische Textquellen (Hohelied und apokryphe Transitus-Schriften), baugeschichtliche Datierungsdebatten sowie die Rekonstruktion beschädigter Bildprogramme.
Was ist das primäre Ziel beziehungsweise die Forschungsfrage?
Das Hauptziel besteht darin zu klären, ob die auffälligen formalen und motivischen Ähnlichkeiten beider Portale auf ein identisches, voneinander abhängiges Bildprogramm hinweisen oder ob ihnen eigenständige theologische und funktionale Konzeptionen zugrunde liegen.
Welche wissenschaftliche Methode wird in der Untersuchung angewandt?
Die Arbeit bedient sich vorrangig der kunsthistorischen Ikonographie und Ikonologie in Verbindung mit einer vergleichenden Form- und Strukturanalyse sowie der historisch-kritischen Quellenexegese.
Was wird im Hauptteil der Publikation behandelt?
Der Hauptteil widmet sich einer minutiösen Gegenüberstellung der Bildszenen: dem Tod und der Auferstehung Mariens auf den Türstürzen, dem Triumph- und Krönungsakt der thronenden Figuren im Tympanon sowie den genealogischen Darstellungen der Wurzel Jesse in den Archivolten.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Studie am besten?
Prägend für die Arbeit sind Termini wie Tympanon, Marienkrönung, Transitus Mariae, Sponsus-Sponsa, Sýnthronoi, Ekklesia und Wurzel Jesse.
Worin liegt der entscheidende Unterschied zwischen den Türsturzreliefs von Senlis und Mantes?
Während Mantes das apokryphe Sterbegeschehen streng chronologisch mitsamt der Apostelankunft schildert und Maria auf dem Sturz ungekrönt lässt, komprimiert Senlis die Ereignisse architektonisch zweigeteilt und nimmt die Krönung der Seele sowie des Leibes bereits im Türsturz vorweg.
Wie unterscheiden sich die Thronfiguren von Christus und Maria in den beiden Tympana?
In Senlis sitzen Christus und Maria einander intim zugewandt auf einer gemeinsamen Thronbank als gleichberechtigte Sýnthronoi (Brautpaar), während Mantes die Figuren frontal ausrichtet, räumlich weiter trennt und den majestätisch-repräsentativen Charakter der Maria als Ekklesia hervorhebt.
Welche besondere Rolle spielen die Archivolten an der Stiftskirche in Mantes-la-Jolie?
Neben dem Stammbaum der Wurzel Jesse weisen die Bogenläufe in Mantes im Scheitel eine seltene Darstellung der Dreifaltigkeit auf, welche der Autorisierung und Legitimation der monumentalen Bildneuschöpfung der Marienkrönung im Tympanon diente.
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- Ben Schröder (Autor), 2025, Braut, Mutter, Königin. Die Mariendarstellungen an den zentralen Westportalen in Senlis und Mantes-la-Jolie, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1767825