In der Kurzgeschichte The Story of an Hour von Kate Chopin wird eine Ehefrau (Mrs. Mallard) mit dem Tod ihres Ehemannes konfrontiert. Nach einer kurzen Phase, in der die Frau erwartungsgemäß vom Schmerz über den Verlust des Ehemannes überwältigt ist, erweist sich dieser Verlust im Laufe der Geschichte allerdings als Befreiung für sie. Als der fälschlicherweise todgeglaubte Ehemann dann aber doch die Wohnungstür öffnet, stirbt die Ehefrau an einem Schock. Statt eines Todes durch Erschrecken, diagnostizieren die Ärzte einen Tod durch Freude über das unerwartete Wiedersehen.
Laut Zapf (1996, 197) ist The Story of an Hour eine „der bemerkenswertesten amerikanischen Kurzgeschichten des 19. Jahrhunderts“. Dem ist völlig zuzustimmen, denn diese Kurzgeschichte wagt es, das damals vorherrschende Frauenbild des viktorianischen Zeitalters zu kritisieren...
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Analyse der Erzählsituation
2.1 Auktoriales Erzählen im ersten Abschnitt
2.2 Wechsel zur Innenperspektive im zweiten Abschnitt
2.3 Rückkehr zum auktorialen Erzählen im dritten Abschnitt
3. Symbolik und Grenzüberschreitung
4. Gesellschaftliche Konvergenz und Frauenbild
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die erzähltechnischen Mittel und die symbolische Bedeutungsebene in Kate Chopins Kurzgeschichte "The Story of an Hour". Dabei wird analysiert, wie die Erzählsituation die gesellschaftliche Unterdrückung der Protagonistin im viktorianischen Zeitalter widerspiegelt und welche Rolle die Grenzüberschreitung für die Selbstfindung der Heldin spielt.
- Analyse der auktorialen versus personalen Erzählsituation
- Symbolik des Fensters und der Raumsemantik
- Kritik am viktorianischen Frauenbild
- Konvergenz von textinternen Ereignissen und gesellschaftlicher Realität
- Rolle von Kate Chopin als Vordenkerin der Frauenbewegung
Auszug aus dem Buch
Analyse der Erzählsituation
Im zweiten Abschnitt (Zeile 13 – 63), als Mrs. Mallard alleine in ihrem Zimmer ist, ändert sich die Erzählsituation und damit endet auch diese Fremdkontrolle aus dem ersten Abschnitt abrupt. Die Distanz zwischen der Erzählinstanz und der Handlung wird unmittelbarer. Die Außenperspektive wechselt an manchen Stellen sogar auf die Innenperspektive. An diesen Stellen vermischen sich auktoriales und personales Erzählen. So zum Beispiel am Anfang des zweiten Abschnitts; hier werden die Sinneseindrücke des Sehens, Riechens, Hörens (Zeile 16 – 19) und später des Fühlens (Zeile 30) widergegeben, die durch das geöffnete Fenster zu Mrs. Mallard herein dringen. Auch die erlebte Rede (Zeile 29 – 30, 50 – 53) ist ein weiteres Indiz für personales Erzählen.
Und auch das „sometimes“ (Zeile 51), das durch einen Gedankenstrich an einen Satz angehängt wurde, weckt den Eindruck von der Unmittelbarkeit des Erzählens. Der Wechsel auf das personale Erzählen wird vollzogen, um zu zeigen, dass Mrs. Mallard wirklich nur dann sie selbst sein kann, wenn niemand da ist, der sie kontrollieren könnte. Und da die auktoriale Erzählsituation auch eine Art Kontrolle auf die Ereignisse in einem narrativen Text ausübt, wird sie in Abschnitt zwei bewusst geändert beziehungsweise eingeschränkt. Es gibt nämlich Passagen im zweiten Abschnitt, an denen deutlich wird, dass immer noch ein auktorialer Erzähler präsent ist. So zum Beispiel als es heißt: „The vacant stare and the look of terror that had followed it went from her eyes.” (Zeile 37 – 38). Diesen ausdruckslosen Blick muss jemand von außen beobachtet haben und dafür kommt nur der auktoriale Erzähler in Frage.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in die Kurzgeschichte und deren historische Relevanz im viktorianischen Kontext.
2. Analyse der Erzählsituation: Untersuchung der verschiedenen Erzählmodi und deren Funktion zur Darstellung von Fremdkontrolle und Freiheit.
3. Symbolik und Grenzüberschreitung: Analyse der räumlichen Symbolik und des bewussten Normverstoßes der Protagonistin.
4. Gesellschaftliche Konvergenz und Frauenbild: Einordnung des Werkes als frühes feministisches Zeugnis im Kontext der Frauenbewegungen.
Schlüsselwörter
Kate Chopin, The Story of an Hour, Erzählsituation, viktorianisches Zeitalter, Frauenbild, Sujettext, Grenzüberschreitung, personales Erzählen, auktoriales Erzählen, Feminismus, Emanzipation, Raumsemantik, Literaturanalyse.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Analyse primär?
Die Arbeit analysiert die Erzähltechnik und die symbolische Tiefe von Kate Chopins Kurzgeschichte "The Story of an Hour" vor dem Hintergrund viktorianischer gesellschaftlicher Normen.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Im Zentrum stehen die Erzählstruktur, die Geschlechterrollen des 19. Jahrhunderts und die Möglichkeiten der persönlichen Freiheit für Frauen.
Was ist das Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist aufzuzeigen, wie die Erzählsituation die beklemmende Kontrolle der viktorianischen Gesellschaft auf die Protagonistin Mrs. Mallard widerspiegelt und wie sie diese durch den symbolischen Akt der Grenzüberschreitung überwindet.
Welche wissenschaftliche Methode wird angewandt?
Es wird eine literaturwissenschaftliche Analyse durchgeführt, die sich auf Erzähltheorie (auktorial vs. personal) und motivgeschichtliche Aspekte stützt.
Was ist der Kerninhalt des Hauptteils?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung des Wechsels der Erzählinstanz, die Interpretation der Raumsemantik und die Verknüpfung des Textes mit historischen Frauenbewegungen.
Durch welche Schlüsselwörter lässt sich die Arbeit beschreiben?
Erzählperspektive, Emanzipation, gesellschaftliche Normen, viktorianische Epoche und symbolische Grenzüberschreitung.
Wie deutet der Autor die falsche Diagnose der Ärzte am Ende?
Die Diagnose "Tod durch Freude" wird als Beweis dafür gewertet, wie erfolgreich die Gesellschaft die Protagonistin in ihrer Rolle als untergebene Ehefrau wahrgenommen hat, während ihr innerer Freiheitsdrang ignoriert wurde.
Warum spielt das geöffnete Fenster eine zentrale Rolle?
Das Fenster fungiert als symbolische Grenze zwischen der beklemmenden Welt der patriarchalen Kontrolle und der erstrebten Freiheit, die außerhalb des Hauses wartet.
- Arbeit zitieren
- Jan Marschner (Autor:in), 2008, Assignment – Kate Chopin, The Story of an Hour (1894), München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/176802