Ist das ein Urteil? Eine Analyse zu Primo Levis Erfahrungsbericht zur Shoah


Hausarbeit (Hauptseminar), 2008

22 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhalt

Einleitung

1. Autor und Werk
1.1 Primo Levi als Schriftsteller
1.2 Motiv, Entstehung und Rezeption des Werkes
1.3 Fakt und Fiktion in der Shoah-Literatur

2. Primo Levis „Ist das ein Mensch?“
2.1 Konstruktion des Textes
2.1.1 Plot, Chronologie und Modellierung
2.1.2 Überlegungen zum Stil des Autors
2.2 Die Darstellung der Zeugenschaft des Holocaust
2.2.1 Ich, Nummer 174517 - Levis Selbstdarstellung
2.2.2 Die Gemeinschaft der Häftlinge
2.2.3 Die Deutschen: die SS und die anderen Wächter

Schlussteil

Literaturverzeichnis

Einleitung

Geschriebene Texte machen es möglich eigene Lebensentwürfe zu hinterfragen. Dies ist eine der Hauptaufgaben der Germanistik1 und im Falle einer autobiografischen Schrift nähert man sich einem Lebensentwurf auf eine besondere Art und Weise an. Der Autor erzählt seine Lebensgeschichte oder zumindest einen Teil hiervon, was impliziert, dass es sich bei dem Text um ein besonders reales, ein besonders authentisches Zeugnis handelt. Zum Autor entsteht vermeintlich ein besonders inniger Bezug. Noch intensiver wird diese Erfahrung wenn der Text ein so bestürzendes Thema wie den Holocaust behandelt.

Jedoch, auch wenn Autobiografien besonders authentisch wirken, so nah am Geschehen, so sind sie dennoch der jeweiligen Intention ihres Autors unterworfen.

In dieser Arbeit wird das erste Werk Primo Levis untersucht, der beinahe ein Jahr als Häftling im Konzentrationslager Auschwitz interniert war. Der Text trägt den Titel „Ist das ein Mensch?“2. Hierbei soll der Frage nachgegangen ob eine Literarisierung in Levis autobiografischer Schrift nachgewiesen werden kann, wie sich eine solche äußert und letztlich auch, wie sie sich auf den Eindruck des Lesers auswirkt.

Zur Klärung dieser Fragestellung werden im ersten Teil der Arbeit zunächst die Hintergründe zur Entstehung des Werks betrachtet sowie grundsätzliche Probleme der Shoah-Literatur im Allgemeinen.

Im Zweiten Abschnitt wird detailliert auf den Text Levis eingegangen. Dabei sollen zunächst Konstruktion und Modellierung des Werks untersucht werden. Weiterhin wird auf die Darstellungsweise der am Lageralltag beteiligten Personengruppen eingegangen. Besonders interessant wird hierbei die Aufarbeitung der Täter-Gruppe, also der Deutschen, sein.

1. Autor und Werk

In diesem Kapitel werden in aller Kürze die Rahmenbedingungen behandelt, die mit der Entstehung des Werkes „Ist das ein Mensch?“ verbunden waren. Hierbei wird allerdings nicht auf den Text eingegangen. Stattdessen werden Überlegungen zur schriftstellerischen Tätigkeit Levis, seiner Intention sowie der Rezeption des Werkes unternommen. Diese sollen helfen das Verständnis für die Darstellung des Lagerlebens zu erleichtern. Zuletzt wird noch auf grundlegende Probleme der Shoah-Literatur eingegangen.

1.1 Primo Levi als Schriftsteller

Primo Levi, 1919 in Turin geboren3, arbeitete bis zur Kapitulation Italiens am 03. September 1943 und dem darauf folgenden Einmarsch der deutschen Truppen als Chemiker und schloss sich dann bis zu seiner Gefangennahme einer Gruppe Partisanen an4. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte er mit der Schriftstellerei praktisch keine Berührung. Die Tätigkeit des Italieners als Autor begann erst nach seiner Befreiung aus Auschwitz, dann allerdings auch unmittelbar. Levi berichtete von einem starken Drang seine Erlebnisse anderen Menschen mitzuteilen, Zeugnis abzulegen5, so dass er bereits während seiner Heimreise nach Italien mit dem Schreiben begann6. Hierzu machte er sich, nach eigenen Angaben, Notizen auf jeglichem Schreibmaterial das er finden konnte, so z. B. auf Zugtickets und Zeitungsrändern7.

Dabei verfolgte er den Anspruch auf möglichst authentische Art und Weise Zeugnis abzulegen. Heinz Riedt, der an der Übersetzung des Textes ins Deutsche beteiligt war, bestätigte, dass Levi weniger ein Buch als vielmehr ein literarisches Tonband wünschte8. „Ist das ein Mensch?“ wurde seine erste Schrift zum Thema Auschwitz und zählt, da die erste Ausgabe im Herbst 1947 erschien, zu den ersten Werken der Shoah-Literatur überhaupt9. Levis schriftstellerische Tätigkeit setzte sich dann, mit einer mehrjährigen Pause zwischen 1947 und 1958, bis zu seinem Selbstmord am 11. April 1987 fort10.

Sämtliche Werke behandeln direkt oder indirekt den Holocaust und Auschwitz. Somit gilt Levi auch als eines der späten Opfer des Holocaust, da er für den Rest seines Lebens an dieses Erlebnis gefesselt war und letztlich daran zerbrochen ist11. Die Fixierung auf den Holocaust, die sich in allen Werken wiederfinden lässt, macht in Bezug auf die Fragestellung einen Vergleich der Texte interessant. Hierauf wird im Folgenden ebenfalls eingegangen.

Der Zeitraum von nahezu elf Jahren, in denen Levi das Schreiben niederlegte und in seinem Beruf als Chemiker weiterarbeitete resultierten aus der Enttäuschung, welche die Herausgabe seines ersten Buches mit sich brachte12.

1.2 Motiv, Entstehung und Rezeption des Werkes

„Ist das ein Mensch?“ wurde von Levi innerhalb von nur zehn Monaten zu Papier gebracht13, wobei er aufgrund der frischeren Erinnerungen mit dem letzten Kapitel, „Geschichte von zehn Tagen“, begann14. Hierbei spielte der Anspruch auf Authentizität für ihn eine große Rolle. Levis Motivation ging allerdings deutlich über die reine Erinnerung an den Holocaust hinaus. In seiner gesamten Tätigkeit als Schriftsteller verfolgte er durch das Schreiben mehrere Ziele. Zum einen die historische Realität sichtbar zu machen, zum anderen diese weiterhin zu verteidigen und durch sie für die Zukunft zu mahnen15. Die Deutschen sollten sich an ihre faschistische Vergangenheit erinnern, schrieb Levi noch 1987 in seiner Schrift „Buco nero di Auschwitz“16. Eben diese Zielsetzung lag auch seinem ersten Buch zugrunde.

Umso enttäuschter zeigte sich Levi, als die erste Auflage seines Textes kaum rezipiert wurde. Es erschien im Herbst 1947 unter dem Titel „Considerate se questo è un uomo“17, in einer eher vorsichtigen Auflage von 2.500 Exemplaren18. Trotz ausgesprochen guter Kritiken wurden die Bände nach und nach eher verschenkt als verkauft. 600 Exemplare konnten überhaupt nicht abgesetzt werden und wurden 1966, während sie im Remittenden-Lager in Florenz gestapelt lagen, bei einem Hochwasser zerstört19.

In den späten vierziger- und den fünfziger Jahren reagierte sowohl die deutsche als auch die italienische Bevölkerung mit Schweigen auf den Holocaust20, was jegliche Möglichkeit einer interessierten Annahme des Werkes zunichte machte21. Levi bezeichnete dieses Schweigen als Schande und griff die Haltung der Bevölkerung, sich vor dem Geschehenen zu verschließen, scharf in seinen Texten „Deportati Annoversario“ und „Monumento ad Auschwitz“ an, die in den Jahren 1955 und 1959 erschienen22.

Im Jahr 1961 wurde das Buch erstmalig in einer deutschsprachigen Auflage herausgegeben23, die Levi als geladene Waffe im Kampf gegen die Verbrechen der Nationalsozialisten bezeichnete24. Allerdings verkaufte es sich auch in Deutschland nicht besser als in Italien. Die Reaktionen beschränkten sich auf einige lobende Kritiken und gerade einmal 40 Briefe, die in den folgenden drei Jahren an ihn gerichtet wurden25. Erste zaghafte Auseinandersetzungen mit der NS-Zeit begannen in Deutschland erst im Laufe der sechziger Jahre. Allerdings war auch zu diesem Zeitpunkt die Zurückhaltung noch sehr groß26.

Die Entrüstung, die er als Autor empfand, resultierte vor allem aus dem Anspruch auf Objektivität und Authentizität, den er mit seinem Werk erhob und das somit die historische Realität wiedergeben sollte. Dieser Anspruch äußerte sich nicht nur in Levis penibler Genauigkeit, wenn es um die Übersetzung des Textes ging27, sondern wurde auch von Seiten des Verlages bewusst herausgestellt. Tatsächlich wurde die Erstausgabe von „Ist das ein Mensch?“ als Tatsachenbericht publiziert. Dies wurde zusätzlich durch den der deutschen Ausgabe vorangestellten Brief unterstrichen, in dem Levi u. a. Folgendes aussagt:

„(…) jetzt kann ich, Nummer 174 517, (…) zu den Deutschen sprechen, kann sie an das erinnern, was sie getan haben (…). Ich habe das Volk der Deutschen nie gehasst, und hätte ich es auch getan, so wäre ich jetzt (…) davon geheilt. (…) Ich hoffe (…) die Deutschen besser zu verstehen (…).“28

Levi erweckt hierdurch den Anschein der Objektivität und Spontanität seines Werkes, ein Mythos, an dem er, wie spätere Briefe deutlich machen, selbst jahrelang bewusst gearbeitet hat29.

Aber auch ohne dieses späte Eingeständnis Levis muss der Versuch, die tragischen Ereignisse des Holocaust objektiv wiederzugeben kritisch betrachtet werden. Dies liegt nicht allein in der Eigenschaft der Autobiografie als literarisches Genre begründet, sondern darüber hinaus muss auch die Fähigkeit zur Neutralität und Objektivität der Überlebenden in Zweifel gezogen werden30. Primo Levi selbst litt bis zu seinem Lebensende an teils schweren Depressionen, die er der Gefangenschaft im Lager zuschrieb31. Er selbst sagte, er sei nach Auschwitz am Leben ohne wirklich lebendig zu sein32. Zudem sind die Erfahrungen des Holocaust nur schwer literarisch darstellbar. Diese Probleme betreffen allerdings nicht allein das Werk Levis, sondern beziehen sich auf die Shoah-Literatur im Allgemeinen.

[...]


1 SCHNELL, Ralf: Orientierung Germanistik. Was sie kann, was sie will. Hamburg : Rowohlt Taschenbuch 2000. S. 36 - 42.

2 LEVI, Primo: Ist das ein Mensch?. 17. ungek. Aufl. München: Deutscher Taschenbuch Verlag 2009.

3 ANISSIMOV, Myriam: Primo Levi. Die Tragödie eines Optimisten. Eine Biographie. Berlin: Philo 1999. S. 28.

4 Ebd. S. 120 f.; s. a. THOMSON, Ian: Primo Levi. London: Hutchinson 2002. S. 129 - 146.

5 KLEINER, Barbara: Bild der Unwürde und Würde des Menschen. In: Primo Levi. Gespräche und Interviews. Hg. von Marco Belpoliti. München: Carl Hanser 1999. S. 66.

6 THOMSON, Ian: Writing If This Is a Man. In: Primo Levi. The Austere Humanist. Hg. Von Joseph Farrell. Bern: Peter Lang 2004. S. 142.

7 Ebd.

8 ANISSIMOV 1999. S. 402.

9 Ebd. S. 380.

10 ANISSIMOV 1999. 561 f.

11 ROSENFELD , Alvin: Ein Mund voll Schweigen. Literarische Reaktionen auf den Holocaust. Göttingen: Vandenhoeck und Ruprecht 2000. S. 184 f.

12 ANISSIMOV 1999. S. 381.

13 THOMSON 2004. S. 142.

14 Ebd. S. 147.

15 SIMBÜRGER, Brigitta Elisa: Faktizität und Fiktionalität: Autobiografische Schriften zur Shoah. Berlin: Metropol 2009. S. 81.

16 Ebd. S. 80.

17 ANISSIMOV 1999. S. 380.

18 Ebd.

19 ANISSIMOV 1999. S. 380.

20 SCHLANT, Ernestine: Die Sprache des Schweigens. Die deutsche Literatur und der Holocaust. Münschen: Beck 2001, S. 35.

21 SIMBÜRGER 2009. S. 78 f.

22 Ebd. S. 79.

23 ANISSIMOV 1999. S. 403.

24 ROSENFELD 2000. S. 188.

25 ANISSIMOV 1999. S. 403.

26 SIMBÜRGER 2009. S. 111.

27 ANISSIMOV 1999. S. 402.

28 LEVI 2009. S. 7 f.

29 FARREL, Joseph: From Darkness to Light: Primo Levi, Man of Letters. In: Primo Levi. The Austere Humanist. Hg. Von Joseph Farrell. Bern: Peter Lang 2004. S. 128.

30 SIMBÜRGER 2009. S. 107.

31 ROSENFELD 2000. S. 195.

32 THOMSON 2004. S. 143.

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Ist das ein Urteil? Eine Analyse zu Primo Levis Erfahrungsbericht zur Shoah
Hochschule
Universität Siegen
Note
1,7
Autor
Jahr
2008
Seiten
22
Katalognummer
V176888
ISBN (eBook)
9783640983117
ISBN (Buch)
9783640983278
Dateigröße
458 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Primo Levi, Holocaust, Auschwitz, Autobiografie, Shoah, Germanistik
Arbeit zitieren
Marcus Kaiser (Autor), 2008, Ist das ein Urteil? Eine Analyse zu Primo Levis Erfahrungsbericht zur Shoah , München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/176888

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