Buchrezension zu Brezinka, Wolfgang: Grundbegriffe der Erziehungswissenschaft, München 1990


Rezension / Literaturbericht, 2008
5 Seiten

Leseprobe

Brezinka, Wolfgang: Grundbegriffe der Erziehungswissenschaft. München 1990.

Jan Seichter

Das von Wolfgang Brezinka 1974 in seiner ersten Auflage und 1990 als aktuellste, fünfte und hier vorliegende Auflage erschienene Werk ist nicht als alleinstehendes Buch einer in sich abgeschlossenen Absicht anzusehen. Dies lässt sich schon im aktuellen Vorwort erkennen, in dem Brezinka mehrmals zur näheren Erläuterung auf andere, von ihm erstellte Bücher verweist. Vielmehr ist dieses Buch der Versuch, einem stetigen Pendel an Begriffsverwirrung zur Ruhe zu verhelfen, um damit dem Gebiet dessen, was im Volksmund leichtfertig als „Erziehung“ bezeichnet wird, eine Richtlinie, Differenzierung und Verständnisklarheit zu geben. Es will „dazu beitragen, daß Begriffe geschaffen werden, die zum Aufbau der Erziehungswissenschaft als einer Theorie des erzieherischen Handelns brauchbar sind.“ (S. 5) Die hier angesprochenen Begriffe sind „Erziehung“, „Erziehungsziel“ und „Erziehungsbedürftigkeit“ und bilden gleichzeitig die großen Gliederungspunkte des Inhaltsverzeichnisses und damit den Aufbau des Buches in der hier aufgezählten Reihenfolge. Denn „nicht nur in der Alltags- oder Umgangssprache, sondern auch in pädagogischen Texten wird mit dem Wort »Erziehung« Verschiedenes gemeint“. (S. 34) Diesem Problem Abhilfe zu verschaffen und letztendlich empirische Zweck-Mittel-Wirkungs-Aussagen treffen oder auch Ursache-Wirkungs-Beziehungen im Bereich der Erziehungswissenschaft feststellen zu können, scheint Brezinka sein Leben verschrieben zu haben.

Selbst als lehrender Professor für Erziehungswissenschaft tätig gewesen an den Universitäten Würzburg, Innsbruck, an welcher er 1954 selbst habilitierte, und Konstanz, praktizierte Brezinka bis zu seiner Emeritierung praktisch sein eigenes Forschungsgebiet. Seine zahlreichen Werke, welche mittlerweile eine Gesamtauflage von über 250.000 Exemplaren erreicht haben, machten ihn zu einem der wenigen deutschsprachigen Erziehungswissenschaftler, die auch international Anerkennung gefunden haben. Er gilt bei einigen Pädagogen als einer der bedeutendsten Erziehungstheoretiker der Gegenwart und als führender Vertreter der empirisch-analytischen Erziehungswissenschaft.

In der Einleitung des vorliegenden Werkes arbeitet sich der Autor Unterkapitel für Unterkapitel zu den zu behandelnden Begriffsdefinitionen vor. Wo er zu Beginn seine Bemühungen darauf beschränkt, dem Leser kurz die praktische Pädagogik und die Erziehungswissenschaft näherzubringen, führt er gegen Ende dieses Kapitels den Blick auf „jenes Verfahren [«], das in diesem Buch angewendet wird: die Begriffsexplikation“. (S. 31)

Vor allem in den ersten Unterkapiteln werden nötige Grundbegriffe wie „Educand“ und „Pädagogik“, die im Späteren immer wieder auftauchen, und die Problematik der Subjektivität bei der Schaffung von Gesetzmäßigkeiten für wissenschaftliche Wenn-Dann- Aussagen dargestellt. In diesem Kontext geht Brezinka auch nochmals knapp auf den Unterschied zwischen praktischer Pädagogik und der Erziehungswissenschaft ein, wobei er bei der Sprache der praktischen Pädagogik sehr gut aufzeigt, wie wichtig die von einem Erziehenden gewählten Worte sind, sei es die Imperativanwendung bei Schlagworten oder um entweder einen emotiven, informativen oder imperativen Willen auszudrücken. Der vierte Unterpunkt leitet auf die anschließenden Begriffsexplikationen über, indem er vor allem auf das Hauptproblem der im Buch behandelten Begriffe eingeht: die Mehrdeutigkeit und Vagheit gegenständlich gemacht am Beispiel der „Bildung“. Von der dargestellten Problematik ausgehend, legt er durch die Funktion von Begriffen und das Verfahren ihrer Bildung die Dringlichkeit einer genauen Definition dar und schließt mit seiner genauen Zielvorstellung, nämlich wann eine Explikation gelungen ist, die Einleitung ab.

Die ungeheure Vagheit und Mehrdeutigkeit des als erstes behandelten Begriffs „Erziehung“ wird gleich zu Beginn des Kapitels durch Zitate von Kant, Rousseau und Niemeyer dargestellt. Das Problem einen weiten Begriff zu schaffen, also mit viel Umfang und wenig Inhalt, der dennoch eine gewünschte Bedeutungsgenauigkeit besitzt, erläutert Brezinka auf den nachfolgenden gut zehn Seiten. Doch auch mit einer zufriedenstellenden Definition und einer daraus folgenden Wenn-Dann-Aussage kann man keine Mittel-Wirkungs-Garantie geben, denn „Erziehen kann erfolglos bleiben, und Erziehungsziele [«] können völlig unabhängig von erzieherischen Handlungen erreicht werden“. (S. 50) In der folgenden Bedeutungsanalyse beleuchtet Brezinka den Begriff aus mehreren Anwendersichten und unterschiedlichen Bedeutungsdefinitionen, sei Erziehung nun als Ergebnis oder Prozess, im allgemeinen oder spezifischeren Sinn, durch eine Absicht oder den einfachen Gang des Lebens bestimmt. Nach einer genaueren Präzisierung des Begriffs und der Darlegung, dass Erziehung in ihrer Anwendung auf Versuch und Irrtum oder Erfolg beruht, gelangt Brezinka zu einer, zwar den von ihm aufgestellten Explikationsregeln entsprechenden, jedoch noch verbesserungsbedürftigen Definition des Begriffs und gibt Gedankenanstöße in Form von Problemfragen, seine Arbeit fortzusetzen.

Die Explikation des „Erziehungsziels“ ist dem Aufbau jener der „Erziehung“ nahezu gleich. Formal spiegelt sich auch hier das Problem darin wieder, dass der Begriff zu weit gefasst ist, und „man weiß nie genau, ob [damit] der gleiche [«] oder ob verschiedene Gegenstände gemeint sind“ (S. 107), so „muß man bei einer Analyse hauptsächlich auf Sätze zurückgreifen, in denen bestimmte Erziehungsziele formuliert werden, als sei der Inhalt des Begriffes »Erziehungsziel« bekannt“. (S. 100) Nachdem auch hier die Bedeutung geklärt wurde, präzisiert Brezinka den Begriff mit Hilfe der Unterscheidung in Minimal- und Normbegriff, welche er auch später in seine endgültige Definition einfließen lässt. Um diese Unterscheidung zu treffen, zieht der Autor mehrere Fragestellung heran und beleuchtet am Ende der Präzisierung genauer, auf wen sich jene Ziele beziehen, Educanden oder Erziehenden. Brezinka legt außerdem dar, dass Zweck des Ziels und dessen letztendliche Auswirkung, nicht immer zusammenhängen müssen. So kann man „den Erziehern wie den Erziehungspolitikern [nur] Orientierung für ihr erzieherisches bzw. erziehungspolitisches Handeln [«] geben“. (S. 149) Nach der Darstellung mehrerer Zielvorstellung der Erziehungsziele folgt seine explizierte Definition.

Die Explikation der Erziehungsbedürftigkeit findet vor allem in der Analyse der Bedeutungsmöglichkeiten statt, bei welcher der Begriff zunächst in seine Bestandteile zerlegt wird. Hier wird eine Zwischenhypothese aufgestellt, die besagt, „daß der Mensch nicht »Mensch« werden kann, ohne jenen Handlungen ausgesetzt zu werden, die unter den Begriff der Erziehung zusammengefaßt werden“. (S. 169) Durch Beweisversuche mit Hilfe der Erziehbarkeit, des Erziehungsbedürfnisses und der Lernbedürftigkeit zusammen mit einer anschließenden Widerlegung des Vorgegangen wird letztlich dargelegt, „daß die sogenannte »Menschwerdung« des Menschen auch ohne Erziehung möglich ist“. (S. 183) Demnach kann „die Erziehung [«] nicht als Ursache des »Menschseins« anerkannt werden“. (S. 190) Da jene Bedeutung durch religiöse und politische Vorstellungen tief verankert zu sein scheint, ruft es jedoch den Glauben hervor, Erziehung sei schlechthin etwas Gutes, um den Menschen zu perfektionieren. Somit ist es zum Beispiel als politisches Schlagwort, um die Allgemeinbildung zu begünstigen, durchaus noch von Nutzen. Die Erziehungsbedürftigkeit „kann [«] [jedoch] nicht als Grundbegriff der Erziehungswissenschaft angesehen werden“. (S. 216) „Seine Anwendbarkeit hängt also von zwei Voraussetzungen ab: von der Geltung einer Norm, die einen Soll-Zustand des Educanden betrifft [«], und von der Kenntnis der Kausalbeziehungen“ (S. 217 f.) zwischen Handeln und Wirkung. Jedenfalls besteht keine naturgegebene Erziehungsbedürftigkeit, sondern eher die Notwendigkeit der Erziehung im Hinblick auf eine Zielvorstellung.

Eindeutig liegt hier ein Werk vor, welches besticht durch seine Vielfalt an Informationen, gebündelt auf nur knapp 220 Seiten. Nicht zuletzt Brezinkas häufige Anwendung von Beispielen, um die zu erklärenden Sachverhalte näher zu beleuchten, verleiht diesem Werk ein großes Publikum, da selbst recht komplizierte Sachverhalte auf diese Weise vereinfacht und somit für jeden verständlich gemacht werden. Unterstützt wird dieses auch von der Kürze der einzelnen Unterkapitel innerhalb der einzelnen Explikationen. Auf diese Weise wird ein ganz natürlicher Zwang auf den Leser ausgeübt, sich nicht mit zu vielen Informationen zu überladen jedoch nochmals über das Gelesene in Ruhe nachzudenken und es somit wesentlich besser zu verinnerlichen. Der Autor gibt außerdem hin und wieder noch einmal Kurzabrisse über zum Beispiel bereits gegebene Definitionen, wenn diese im folgenden Kapitel gebraucht werden. Damit wird ein ideales Umfeld geschaffen, den Informationsberg, welcher von Brezinka geboten wird, so schnell wie möglich zu erklimmen, ohne dabei zurückschauen oder Rast machen zu müssen. So dankbar es für Laien auch geschrieben ist, geht dabei dennoch nie der wissenschaftliche Charakter verloren, denn der Autor stützt sich bei all seinen Thesen, Behauptungen und Begründungen immer wieder auf vielfältige Literatur einer Vielzahl von Kollegen oder seiner eigenen Forschungsergebnisse. Vor allem durch die andauernde Verwendung von Zitaten untermauert er seine Feststellungen und stellt die Problematik der genauen Definition derart weitreichender Begriffe auf so plastische Art und Weise dar, dass man auch ohne weitere Erläuterungen dazu imstande ist, zu erkennen, mit welch unterschiedlichen Bedeutungen ein und desselben Wortes Rousseau, Kant und Niemeyer gearbeitet haben (S. 34 f.) und darum eine klare Definition nötig ist.

Kritik begründet sich hier im Zweifel. In der menschlichsten Tatsache, welche Kritik an jeder aufgestellten Behauptung zulässt: man kann es nie allen recht machen. So könnte man eine lange Debatte darüber führen, für welche Begriffe „Erziehung“ als Überbegriff gelten soll und man müsste so ziemlich jeden dieser untergeordneten Begriffe detailgenau definieren, was dieses Buch letztendlich von seinem Zweck abbringen und diesen in unzähligen Seiten, geführt um „Banalitäten“, versinken lassen würde. Eine weitere Kritik, an der man sich stoßen könnte, wäre folgende Frage. Wer definiert, bezogen auf das „Erziehungsziel“, welche Idealvorstellungen man als Soll-Zustand anerkennen kann? Die offensichtlichste Antwort auf diese Frage (die Gesellschaft) könnte sehr schnell abdriften in Missbrauchsspekulationen einzelner Machtträger und sich letztendlich in einer ethischen Diskussion völlig verlieren. Einen letzten Kritikpunkt, bezogen auf diese Problematik, führt der Autor selber auf. Brezinka selbst verweist in seinem Buch darauf, dass manche Autoren die Meinung vertreten, die Ungenauigkeit im Bereich dieser pädagogischen Begriffe sei nicht nur ein notwendiges Übel, sondern eine positive Notwendigkeit, mit der man sich abfinden sollte. (S. 24) Würde man sich vollständig auf diesen Standpunkt verlagern und unter ihm dieses Buch betrachten, so könnte man im Extremfall behaupten, dieses Werk sei kein Gewinn sondern ein Hindernis für die Erziehungswissenschaft, welches versucht, eben diese in eine enge Schublade zu sperren und wichtige Zugehörigkeiten abzutrennen, nur um ihrer Herr zu werden. Zweifelsohne wäre es sehr gewagt und auf wacklige Beine gestellt, diese These zu vertreten, was sich schon allein mit der Tatsache begründen läßt, dass klare Begriffsdefinitionen nicht nur in der Wissenschaft nötig sind, sondern auch, um unser normales Alltagsleben zu führen und zu gestalten, so wie wir es gewohnt sind.

Alles in allem ist festzuhalten, dass Brezinka mit diesem Buch ein in dreierlei Hinsicht grundlegendes Werk für die Erziehungswissenschaft zu Papier gebracht hat. Einmal gibt es Grundlage für das Verständnis jener drei definierten Begriffe und somit auch das explizite Verständnis anderer Werke Brezinkas, in welchen er auf diese Grundgedanken zurückgreifen muss. Darüber hinaus kann man diese durchaus noch ausbaufähigen Explikationen als Grundlage betrachten, seine Arbeit fortzuführen und dem Willen nach Perfektion noch näher zukommen. Die letzte Grundlage bezieht sich auf den Grundstein der Verständlichkeit, welche durch bereits erwähnte, formale sowie inhaltliche Tatsachen für jeden gewährleistet ist, auch wenn keinerlei Vorkenntnisse über die Materie vorliegen.

Möchte man sich in die Erziehungswissenschaft einarbeiten und darüber hinaus vielleicht spezifisch mit den Forschungen und Büchern Brezinkas befassen, sollte man dieses grundlegende Buch auf jeden Fall beachten, sich jedoch in genaueren Ausführungen und Interessengebieten nicht nur auf dieses Buch verlassen, sondern das Studium durchaus auf weitere Literatur auch von anderen Autoren zu diesem oder ähnlichen Themen ausweiten, wobei das Literaturverzeichnis und die immer wieder auftauchenden Hinweise auf Studien von Kollegen, innerhalb von Brezinkas‘ Buch, sehr gut als Wegweiser genutzt werden können. Da es durch seine einfache Formulierung und sein bodenständiges Thema auch wunderbar als Einstieg in die gesamte Thematik genutzt werden kann, ist dieses Buch in so gut wie jeder Hinsicht an Interessierte jeden Kenntnisstandes weiterzuempfehlen.

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Ende der Leseprobe aus 5 Seiten

Details

Titel
Buchrezension zu Brezinka, Wolfgang: Grundbegriffe der Erziehungswissenschaft, München 1990
Hochschule
Technische Universität Dresden  (Institut für Allgemeine Erziehungswissenschaft)
Veranstaltung
„Bildung und Erziehung“
Autor
Jahr
2008
Seiten
5
Katalognummer
V176962
ISBN (eBook)
9783640983674
Dateigröße
463 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Brezinka, Wolfgang, Erziehungswissenschaften, Lehramt
Arbeit zitieren
Jan Seichter (Autor), 2008, Buchrezension zu Brezinka, Wolfgang: Grundbegriffe der Erziehungswissenschaft, München 1990, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/176962

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