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"In Plastikhüllen gehefteter Müll von dir". Abjektion und Subjektkonstitution in "Name. Tier. Beruf" von Karen Köhler

Titre:

Dossier / Travail , 2026 , 26 Pages , Note: 1,0

Autor:in: Joy Baruna (Auteur)

Philologie Allemande - Littérature Allemande Moderne
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Résumé Extrait Résumé des informations

Inwiefern lassen sich das Sammeln von Müll und die Fehlgeburt, der Umgang mit dem Embryo sowie die körperliche Auseinandersetzung zwischen dem erzählerischen Subjekt und der Figur Kuhni in der Erzählung "Name. Tier. Beruf", erschienen in "Wir haben Raketen geangelt", als Prozesse der Abjektion bzw. Konfrontation mit dem Abjekten im Sinne Julia Kristevas beschreiben?
Inwiefern ermöglichen oder destabilisieren Prozesse der Abjektion die Subjektkonstitution des erzählerischen Subjekts?

Die abjekte Verlusterfahrung im Kontext einer existenziellen, abjekten Krise, die in "Name. Tier. Beruf" in Bezug auf das erzählerische Subjekt dargestellt wird, lässt sich literarisch im Kontext diverser Trennungs- und/oder Verlustvorgänge verorten, wie der Tod der Schwester, der durch eine Ohnmachtserfahrung ausgelöste Verlust von Selbstbestimmungs- und Kontrollerleben, die Fehlgeburt und eine (innere) Trennung von Kuhni bzw. von dem Bild, welches die Ich-Erzählerin von Kuhni internalisiert hat. Wie das erzählerische Subjekt schließlich zu der Erkenntnis gelangt, nun einen Ort für all das abjekte Erleben in sich konstituiert zu haben, und inwiefern dies mit Prozessen der Abjektion in Verbindung steht, ist Gegenstand der Analyse der vorliegenden Arbeit.

Extrait


Inhaltsverzeichnis

1 Einleitende Bemerkungen

2 Theoretische und methodische Verortung

2.1 Psychoanalytische und poststrukturalistische literaturwissenschaftliche Zugänge

2.2 Abjekt, Abjektion und Subjektkonstitution

3 Abjekt, Abjektion und Subjektkonstitution in Name. Tier. Beruf

3.1 Eine titelbezogene Annäherung

3.2 Das Erleben sexualisierter Gewalt als existenzielle abjektive Krise

3.3 Der Müll – Konservierung des Abjekten

3.4 Die Fehlgeburt – Konfrontation mit dem Abjekten und Abjektion I

3.5„dass da jetzt ein Ort in mir ist“ – Abjektion II

4. Fazit: Poetik der verzögerten Abjektion

Zielsetzung und thematische Schwerpunkte

Die vorliegende literaturwissenschaftliche Arbeit untersucht Karen Köhlers Erzählung Name. Tier. Beruf aus dem Erzählband Wir haben Raketen geangelt im theoretischen Bezugsrahmen von Julia Kristevas Konzept des Abjekten und der Abjektion. Das primäre Ziel der Untersuchung besteht darin aufzuzeigen, inwiefern zentrale narrative Motive – das akribische Sammeln und Katalogisieren von Müll, das Erleben einer traumatischen sexuellen Grenzverletzung, eine heimliche Fehlgeburt sowie die finale körperliche Auseinandersetzung – als literarische Figurationen abjektiver Krisen und Prozesse der Abjektion gelesen werden können. Dabei wird analysiert, auf welche Weise diese Vorgänge die fragile Subjektkonstitution der namenlosen Ich-Erzählerin zwischen existenzieller Destabilisierung, Verzögerung und nachträglicher Stabilisierung prägen und hervorbringen.

  • Theorie des Abjekten und der Abjektion nach Julia Kristeva sowie neuere kulturpsychologische und philosophische Weiterentwicklungen
  • Methodische Verschränkung psychoanalytischer und poststrukturalistischer Ansätze zur Analyse von Subjektkonstitution und Grenzziehung
  • Darstellung von Traumata und existenziellen Krisen im Kontext sexualisierter Gewalt und unverarbeiteter Trauer
  • Die poetische und symbolische Funktion des Müllsammelns als Konservierung und Archivierung des Abjekten
  • Phasenhafte und verzögerte Abjektionsprozesse als Voraussetzung für die Konstitution eines handlungsfähigen literarischen Subjekts

Auszug aus dem Buch

3.3 Der Müll – Konservierung des Abjekten

„Wollte dir nah sein, schätz ich“, entgegnet die Ich-Erzählerin auf Kuhnis Frage, weshalb sie seinen Müll durchsuchte. Der Müll, die aussortierten, verworfenen Dinge sind Lis Hansen zufolge bereits durch die begriffliche Nähe zum Lateinischen Verb abicere (=wegwerfen) assoziativ dem Abjekt verbundenen. Hier wird das von einem Subjekt abjizierte Müllobjekt, vormals bedeutend für dessen Identitätskonstitution, da diese, wie Hansen bemerkt, über Zeichen und Objekte vollzogen wird, von einem anderen Subjekt aufgenommen, gesammelt. Dies kann als eine literarische Darstellung einer Sehnsucht nach dem Anderen gelesen werden, nach der Anteilnahme an dessen Alltag und Geheimnissen, vielleicht auch als ein Verlangen nach Kontrolle, symbolischem Besitz und der eigenen (Subjekt-)Stabilisierung durch (Selbst-)Ermächtigung, denn sind die Dinge einmal in den Müll geworfen, befinden sie sich außerhalb der Kontrolle der ehemaligen BesitzerInnen. Sie können nicht mehr beeinflussen, was die verworfenen Dinge (über sie) erzählen. […] Durch das gesellschaftlich tabuisierte Wühlen im Müll eines Fremden wird ein Wissen über eine Person generiert, das auch mit dem Erlangen von Macht einhergeht. Insbesondere durch den vermeintlich unbedachten Wegwerfakt von Dingen besteht die Hoffnung, es seien besondere Erkenntnisse und Wahrheiten im Müll verborgen.

Zudem wird der Müll in Name. Tier. Beruf nicht lediglich durchsucht und gesammelt, sondern zudem sortiert und katalogisiert:

Ich erzähle dir nicht von der Sammlung in meinem Keller. Drei Umzugskartons stehen da, mit Ordnern gefüllt. In Plastikhüllen gehefteter Müll von dir. Mit Datum meines Fundes und einer kleinen Notiz: 25.06.1991 Joghurtdeckel. Kuhni hat zum Frühstück Müller Joghurt Knusperflakes gegessen und den Aludeckel abgeleckt. Oder: 27.12.2002 Verpackung von einem Marzipanbrot. Kuhni war über Weihnachten zu Hause und hatte ein Marzipanbrot unterm Baum. Gegessen hat er’s im Bett beim Lesen.

Wie deutlich wird, hat die Erzählerin vor und während jener erneuten Begegnung mit Kuhni das Aufbewahren des Mülls ihm gegenüber nie offenbart. Anzunehmen ist, dass sie es auch keiner anderen Person mitgeteilt hat, weil „eine ungehinderte Zuwendung nicht ohne weiteres möglich [ist], denn die Berührung mit den verworfenen Dingen und Resten wird vermieden und kann als tabuisiert gelten“. Nun wird hier das ehemals Verworfene und durch ein anderes Subjekt im Dienste der Subjektkonstitution und/oder zur Stabilisierung der symbolisch-gesellschaftlichen Ordnung Ausgeschiedene durch das erzählende Subjekt ästhetisiert und aufgewertet.

Kapitelübersichten

1 Einleitende Bemerkungen: Das einleitende Kapitel führt in die Handlung von Karen Köhlers Erzählung ein, verortet die thematischen Problemstellungen von Verlust, Trauma und Grenzverletzungen und formuliert die zentralen Forschungsfragen zur Verknüpfung von Kristevas Abjektionstheorie mit literarischen Subjektivierungsprozessen.

2 Theoretische und methodische Verortung: In diesem Kapitel werden psychoanalytische und poststrukturalistische Literaturtheorien miteinander verbunden und Julia Kristevas Konzept des Abjekten als dynamische Grenzziehung und unabdingbare, wiederkehrende Bedingung menschlicher Subjektkonstitution systematisch dargelegt.

3 Abjekt, Abjektion und Subjektkonstitution in Name. Tier. Beruf: Der Hauptteil analysiert die Erzählung detailliert entlang der Motive Titelstruktur, sexuelle Grenzerfahrung, Aufbewahrung von Müllartefakten, Verdrängung der Fehlgeburt sowie der Katharsis durch eine physische Eskalation, welche schließlich die innere Reorganisation des Subjekts ermöglicht.

4. Fazit: Poetik der verzögerten Abjektion: Das Fazit bündelt die Analyseergebnisse zu dem Befund einer spezifischen Poetik, in der das Abstoßen des Abjekten mehrstufig, verzögert und über körperliche wie dingliche Haltepunkte hinweg vollzogen wird, wodurch das Subjekt eine vorübergehende, stets gefährdete Stabilität erlangt.

Schlüsselwörter

Abjekt, Abjektion, Julia Kristeva, Subjektkonstitution, Karen Köhler, Name. Tier. Beruf, Psychoanalytische Literaturwissenschaft, Poststrukturalismus, Müllpoetik, Trauma, Sexualisierte Gewalt, Trauerbewältigung

Häufig gestellte Fragen

Worum geht es in der vorliegenden literaturwissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?

Die Arbeit analysiert Karen Köhlers Erzählung Name. Tier. Beruf aus dem Band Wir haben Raketen geangelt und untersucht, wie abjekte Grenzerfahrungen die Identitäts- und Subjektwerdung der weiblichen Hauptfigur literarisch gestalten.

Welche zentralen Themenfelder werden in dem Text verhandelt?

Im Zentrum stehen die literaturwissenschaftliche Abjektionstheorie, die Konstitution des Subjekts im Spannungsfeld von Psychoanalyse und Poststrukturalismus, das Tabu des Müllsammelns, sexualisierte Grenzverletzungen sowie das Erleben von Verlust und körperlichen Krisen.

Was ist das primäre Ziel beziehungsweise die leitende Forschungsfrage?

Untersucht wird, inwiefern konkrete Handlungselemente wie das Sammeln von Abfällen, eine Fehlgeburt und ein physischer Kampf als Etappen der Abjektion im Sinne von Julia Kristeva verstanden werden können und ob diese Prozesse die Subjektposition der Erzählerin festigen oder destabilisieren.

Welche wissenschaftliche Methodik liegt der Untersuchung zugrunde?

Es wird ein werkorientierter, hermeneutischer Ansatz verfolgt, der psychoanalytische Begrifflichkeiten mit poststrukturalistischen Konzepten der Dezentrierung nach Jacques Derrida verknüpft und durch theoretische Modelle zur Einordnung sexualisierter Gewalt ergänzt.

Was wird im Hauptteil der Arbeit konkret thematisiert?

Der Hauptteil analysiert schrittweise den Titel der Erzählung, die als existenzielle Krise lesbare sexuelle Interaktion in einer Scheune, die symbolische Umdeutung von Müll zu Erinnerungsartefakten sowie die zweistufige Abjektion über die Fehlgeburt und den finalen Ausbruch am Grab.

Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die theoretische Ausrichtung der Publikation?

Prägend für die Analyse sind Termini wie Abjekt, Abjektionsprozess, Subjektkonstitution, Chora, semiotische Dimension, Grenzziehung, Verdinglichung und Poetik der verzögerten Abjektion.

Welche Rolle spielt die Metapher und Praxis des Müllsammelns für die Protagonistin?

Das Archivieren und Katalogisieren des von der Figur Kuhni weggeworfenen Mülls dient der Erzählerin als Versuch, Deutungshoheit und symbolische Kontrolle über ein Ohnmachtserlebnis zurückzugewinnen und das Abjekte vorübergehend in einer privaten Ordnung zu konservieren.

Wie wird die Fehlgeburt in der Erzählung theoretisch als Abjektion gedeutet?

Die Fehlgeburt auf der Bahnhofstoilette und das Aufbewahren des Embryos in einer Brotdose verkörpern das Abjekte in Reinform, da hier fundamentale Grenzen zwischen Leben und Tod, Innen und Außen sowie Nahrhaftem und Unreinem irritiert und durchbrochen werden.

Was bedeutet der Begriff „Poetik der verzögerten Abjektion“ im Fazit der Arbeit?

Der Begriff beschreibt den Umstand, dass die Erzählerin das Abjekte nach dem traumatischen Ereignis nicht sofort ausstößt, sondern über Jahre hinweg konserviert und erst über zeitlich versetzte Teilprozesse schrittweise verarbeitet, um eine neue, wenngleich prinzipiell fragile Subjektposition einzunehmen.

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Résumé des informations

Titre
"In Plastikhüllen gehefteter Müll von dir". Abjektion und Subjektkonstitution in "Name. Tier. Beruf" von Karen Köhler
Université
University of Hagen  (Kultur- und Sozialwissenschaft)
Cours
M2. Literatur und Medien. Theoretische Aspekte.
Note
1,0
Auteur
Joy Baruna (Auteur)
Année de publication
2026
Pages
26
N° de catalogue
V1770263
ISBN (PDF)
9783389207093
ISBN (Livre)
9783389207109
Langue
allemand
mots-clé
Karen Köhler Name.Tier.Beruf Abjekt Abjektion Subjektkonstitution Julia Kristeva sexualisierte Gewalt Müll Abfall Fehlgeburt Poststrukturalismus psychoanalytische Literaturwissenschaft Kurzprosa Subjekt
Sécurité des produits
GRIN Publishing GmbH
Citation du texte
Joy Baruna (Auteur), 2026, "In Plastikhüllen gehefteter Müll von dir". Abjektion und Subjektkonstitution in "Name. Tier. Beruf" von Karen Köhler, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1770263
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Extrait de  26  pages
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