Ausgewählte Fragestellungen pädagogischer Förderung von Kindern im instrumentalen Einzelunterricht


Praktikumsbericht / -arbeit, 2008

25 Seiten


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung und Überblick
1.1 Die Voraussetzungen
1.2 Der konkrete Ablauf des Praktikums

2 Das pädagogische Konzept der Musikschule

3 Vorstellung der Schüler
3.1 Der Schüler S1
3.2 Der Schüler S2
3.3 Die Schülerin S3

4 Individuelle Förderaspekte
4.1 Musikalische Früherziehung
4.1.1 Erfahrungen mit S1
4.1.2 Erfahrungen mit S2
4.2 Allgemeine und Übemotivation
4.2.1 Erfahrungen mit S1
4.2.2 Erfahrungen mit S2
4.2.3 Erfahrungen mit S3
4.3 Gefahr der Fehl- sowie korrekten Einschätzung .
4.3.1 Erfahrungen mit S1
4.3.2 Erfahrungen mit S3

5 Zusammenfassung und Abschluss

Quellenverzeichnis

1 Einleitung und Überblick

Im Rahnen meiner Tätigkeit als Instrumentallehrer für Gitarre an der Mu- sikschule Lichterfelde West in Berlin habe ich über einen längeren Zeitraum 3 Schüler besonders beobachtet. Ich habe diese Schüler ausgewählt, weil sie verlässlich regelmässig zum Unterricht kommen und jeweils unterschiedliche und interessante Charakterzüge aufweisen, die sich auf ihre musikalische und allgemein instrumentale Ausbildung verschieden auswirken. Damit gekoppelt sind die kognitiven, kreativen und zwischenmenschlichen Voraussetzungen so verschieden, dass sich im Laufe der Zeit an Hand von verschiedenen Methoden und Herangehensweisen sehr unterschiedliche Ergebnisse und Arbeitsprozesse beobachten lassen.

1.1 Die Voraussetzungen

Ich arbeitete zum Zeitpunkt des Praktikumsbeginns etwas über ein Jahr als Gitarrenlehrer in der Musikschule. Die Schüleranzahl schwankt zwischen 5 (in den ersten Monaten) und 15 pro Woche.

Die 3 Schüler sind fast die komplette Zeit in meiner Instrumentalklasse gewesen und sind es noch. Vorher kannte ich keinen der Schüler und habe demnach über einen Zeitraum von einem knappen Jahr die Schüler kennenge- lernt bevor ich mich für sie als Praktikumsschwerpunkt entschieden habe.

1.2 Der konkrete Ablauf des Praktikums

Neben anderen Schüler(inne)n in der Musikschule habe ich über einen Zeitraum von etwa 4 Monaten 3 Schüler besonders ins Augenmerk gefasst. Der Beob- achtungszeitraum umfasste jeweils 13 Unterrichtsstunden, was bei 2 Schülern 30 Minuten und beim 3. 45 Minuten entspricht.

Von der Leiterin der Musikschule und den jeweiligen Eltern habe ich das Einverständnis, ohne Angabe von Namen bestimmte Unterrichtssituationen und Persönlichkeitsmerkmale in diesem Bericht zu verwenden.

2 Das pädagogische Konzept der Musikschule

Die Leiterin der Musikschule hat nach eigenen Angaben die Schule gegründet um Kindern und sonstigen Interessenten die Musik in Form von Instrumen- talerfahrung Nahe zu bringen. Kultur sollte kein Privileg für wohlhabende Menschen sein, weshalb sie die monatlichen Kosten für die Eltern so gering wie möglich halten möchte, was die Musikschule gegenüber der Konkurrenz preiswert erscheinen lässt.

Die Leiterin unterrichtet selbst und spielt mehrere Instrumente. Für die Auswahl neuer Lehrer nimmt sie sich sehr viel Zeit um einen persönlichen Eindruck zu bekommen.

Zu meist Kinder (selten älter als 10 Jahre) sollen in erster Hinsicht die Möglichkeit haben, in entspannter Atmosphäre verschiedene Instrumente auszuprobieren und dabei ihre musikalische Empfindsamkeit, Gestaltung und Kreativität kennenlernen. Es gibt immer die Möglichkeit, in der Instrumentensammlung zu stöbern und alles auszuprobieren, sowie kostenlose Probestunden im gewählten Instrument zu erhalten.

Von der zwanglosen Freizeitgestaltung bzw. Nachmittagsbeschäftigung mit Musik bis hin zu ambitioniertem Instrumentalspiel ist alles möglich und liegt im Entscheidungsfeld der Eltern mit Empfehlungen des entsprechenden Leh- rers.

Um die eigene Leistung Wert zu schätzen, das Arbeitsfeld eines Musikers kennenzulernen und Anerkennung für geleistete Arbeit zu erhalten gibt es in regelmässigen Abständen Vorspiele, zu denen jeder spielen kann, der möchte. Es sind dabei immer Schüler unterschiedlicher Instrumentalklassen anwesend und so werden die Teilnehmer (und Zuschauer) auch noch mit anderen Instrumenten konfrontiert als dem eigenen.

Im Laufe meiner Arbeitszeit an der Musikschule denke ich zu erkennen, dass dieses Konzept der Schule allgemein Erfolg hat. Möglicherweise liegt es an der nicht besonderen Grösse der Musikschule (etwa 10 Lehrer, die meist nur einige Tage der Woche dort arbeiten), aber die persönliche Beziehung der Kinder zur Musik wird scheinbar stärker unterstützt, als man es von einer Musikschule erwarten würde. Es ist durchaus kein Problem, auch mal ein an- deres Instrument aus dem persönlichen Schrank der Leiterin mit nach Haus

zu nehmen zum Probieren, oder mit dem Freund, der ein anderes Instrument spielt, etwas zusammen zu spielen. Sollte es dafür keine Noten geben, oder das Niveau sehr verschieden sein, wird eben etwas arrangiert, doch zusammen zu musizieren soll nicht verwehrt werden.

3 Vorstellung der Schüler

3.1 Der Schüler S1

Zum Zeitpunkt des Praktikums war S1 8 Jahre alt und in der ersten Klasse. Er ist bestens befreundet mit S2 und geht mit ihm in eine Schulklasse. Geschwister hat er keine.

Seine Mutter informierte mich darüber, dass S1 an diagnostiziertem ADS leidet. Sie erwarte auch keine grossartigen Fortschritte auf der Gitarre, würde sich aber wünschen, wenn S1 neben vielen anderen Einflüssen etwas mit Musik gross wird und am Abend vielleicht etwas ausgepowert ist, wenn er auf verschie- dene Arten gefordert wird. In der Familie (die soweit intakt zu sein scheint) gibt nur seinen Vater, der als autodidakter Schlagzeuger in einer Band spielt. Sonst gibt es niemand, der Musik macht und ihm helfen könnte. Da seine Übe- motivation so gut wie nicht vorhanden ist zu Hause, spielt die Expertise seines Vaters keine grosse Rolle. Soweit ich weiss, hat S1 noch nie mit seinem Vater zusammen Gitarre gespielt / geübt.

S1s Wunsch, Gitarre zu spielen, entstand in Kooperation mit S2, die beide gleichzeitig bei mir angefangen haben. Allerdings haben sie keinen Gruppen- unterricht, sondern beide nacheinander eine eigene 30-Minuten-Stunde.

Phasenweise ist es schwer bis unmöglich, mit S1 produktiv etwas zu tun, das diagnostizierte ADS glaube ich gern. Das Möbiliar unseres Unterrichtsraumes hat auch schon einiges unter S1 gelitten. Dennoch spürte ich schnell, dass es sich bei S1 um ein grundsätzlich sehr nettes und intelligentes Kind handelt. Wenn es mir gelingt, eine Beschäftigung mit Musik zu finden, welche sein Interesse weckt, dann ist er auch konzentriert dabei und zeigt solide Leistungen. Ihn bei solcher Aktivität motiviert zu halten, ist dagegen wiederum schwieriger.

Voraussetzungen zu Beginn des Praktikums

Instrumental war S1 nicht besonders weit auf der Gitarre. Die leeren Saiten vergisst er regelmässig und den einzigen gegriffenen Ton ebenso. Eine rhythmische Bass-Begleitung auf einer oder zwei leeren Saiten stellt den gitarristischen Höhepunkt dar. Allerdings ist es S1 möglich, dabei selbst zu singen, ohne die Struktur zu verlieren.

Persönlich kommt er sehr gern zum Gitarrenunterricht und zeigt mir gern, was er in der Schule gemacht hat. Ein Bild hat er mir auch gemalt (inzwischen noch ein weiteres). Er würde sehr gern auch beim Vorspiel spielen und Lob ernten. Einmal konnte ich ihm (vielmehr er sich selbst) mit einem sehr simplen, aber wohlklingenden Lied diesen Wunsch erfüllen.

3.2 Der Schüler S2

S2 ist der beste Freund von S1, aber erheblich ruhiger und extrem schüchtern. In vielen Aspekten ist er genau das Gegenteil von S1. Anfangs vermutete ich, die Freundschaft der beiden sei von aussen initiiert worden, aber dem ist nicht so. Sie gehen in eine gemeinsame Schulklasse, wohnen aber nicht nebeneinander und haben über die Schule ihre Freundschaft aufgebaut, scheinbar ohne äussere Einflüsse. Möglicherweise hat jeder der beiden Charakterzüge, die dem anderen imponieren, weshalb sie trotz starker Unterschiede befreundet sind. S2 war zum Zeitpunkt des Praktikums ebenfalls 8 jahre alt und in der ersten Klasse.

S2 war zu Beginn des Gitarrenunterrichts so schüchtern, dass er selten überhaupt etwas gesagt hat. Nach einigen Stunden hat er mir dann durch Nicken oder Kopfschütteln seine Meinung zu verstehen gegeben. Inzwischen ist er zwar immer noch sehr ruhig, redet aber durchaus mit mir. Und wenn er mir etwas erzählen mag, dann ist er sogar schwer zu stoppen.

Hin und wieder tritt S2 als Komparse in verschiedenen Opern auf. Davon berichtet er mir gern und lebhaft.

In Zehlendorf leben sehr viele Familien in grösseren Familienhäusern, in denen auch die Grosseltern leben. S2 ist einer der Schüler, der regelmässig von seiner Oma zum Unterricht gebracht wurde un]d dessen Eltern ich nur beim Vorspiel kurz kennengelernt habe. Aus seiner Familie ist seine Tante die ein- zige in erreichbarer Nähe, die Musik macht und sie spielt ebenfalls Gitarre. Sie hat S2 schon öfter beim Üben geholfen und ihm Tricks gezeigt. Sein Va- ter ist Jamaicaner, hat aber vor vielen Jahren die Familie verlassen und lebt wieder in Jamaica. Er spielt ebenfalls Gitarre, doch ist für S2 keine direkte Hilfe. Trotzdem hat S2 seinen Vater kennengelernt und ist etwas stolz auf ihn. Möglicherweise hat er eine Art Vorbildwirkung für S2, in welcher Hinsicht auch immer.

Voraussetzungen zu Beginn des Praktikums

Zum Praktikumsbeginn kannte S2 die Gitarrensaiten, einige gegriffene Töne sowie einige ungegriffene. Er kannte die grundlegenden Notenwerte und konnte leichte Melodien, die sich meist im 5-Tonraum bewegen, nach Noten spielen. Er versucht auch manchmal, dazu zu singen. Ich bin sehr froh, dass S2 trotz seiner Schüchternheit nicht in dem Alter ist, in dem Jungen das Singen peinlich ist, denn dann wäre Singen bestimmt hoffnungslos mit ihm. Inzwi- schen hab ich ihn so daran gewöhnt, dass er es ohne Probleme immer wieder versucht.

Bei einem Vorspiel hat er ein Lied vorgesungen (3 Chinesen mit dem Kontrabass) und dazu die Akkorde gespielt. Da ihm das nicht peinlich war, kam es auch recht souverän beim Publikum an.

Da S2 im Unterricht immer noch sehr selten spricht, kommt es manchmal zu Missverständnissen, was Aufgabenstellungen und Leistungsvermögen betrifft.

3.3 Die Schülerin S3

S3 war zu Beginn des Praktikums 11 Jahre alt. Sie besass musikalische Vor- erfahrung, da sie einige Zeit Akkordeon gespielt hat, jetzt aber lieber Gitarre lernen möchte. Insgesamt, besonders in der Schule, ist sie recht strebsam. Auf der Gitarre kommt sie gut voran unter der Voraussetzung, dass sie zu Hause übt. Durch hohe Anforderungen in der Schule kommt sie nicht immer dazu, Gi- tarre zu üben, was den Leistungsstand häufig über mehrere Wochen konstant hält.

S3 hatte zu dem Zeitpunkt als eine der wenigen Schüler 45 Minuten Un- terricht.

In ihrer näheren Familienumgebung gibt es niemand, der ein Instrument spielt und ihr beim Üben helfen könnte. Doch da sie sehr schnell begreift und, sobald sie übt, schnell Fortschritte erzielt, war es auch nicht nötig, dass ihr zu Hause beim Üben geholfen wurde.

S3 kennt ihre Leistungsfähigkeit, neigt aber dazu, sich selbst zu überschätzen und sich zu viel vorzunehmen. Es kam zum Zeitpunkt des Praktikums häufig vor, dass sie nicht zum Unterricht kam, weil sie nicht üben konnte und es ihr peinlich war, keine Fortschritte erzielt zu haben.

Voraussetzungen zu Beginn des Praktikums

S3 konnte zum Praktikumsbeginn leichte einstimmige Lieder auf der Gitarre spielen. Mit Vorzeichen konnte sie theoretisch auch umgehen, doch die praktische Umsetzung benötigte noch sehr viel Zeit, und zu viele Vorzeichen in kurzer Abfolge führten schnell zu Verwirrung.

Rhytmisch hatte sie keine Probleme mit geraden Takten (4/4 oder 2/4), jedoch grosse Schwierigkeiten mit dem 3/4 oder 3/8 Takt. (Weitere ungerade Takte wurden noch nicht behandelt.) Auch hier ist das theoretische Verständ- nis vorhanden, doch eine praktische, gleichmässige Umsetzung ist noch nicht möglich.

S3 hat inzwischen keinen Gitarrenunterricht mehr. Die Eltern haben den Vertrag gekündigt mit der Begründung, dass sie zwar sehr gern kommt, aber durch die Schule kaum Zeit zum Üben findet, und daher lieber erstmal die Schule Vorrang haben soll.

4 Individuelle Förderaspekte

Während der gesamten Zeit meiner Arbeit in der Musikschule, besonders aber durch die Situation des Praktikums, haben sich einige Bereiche der musikalischen Erziehung als besonders wichtig und interessant herauskristallisiert. Darunter besonders die Aspekte der musikalischen Früherziehung, der allgemeinen Motivation bzw. der Motivation zum Üben des Instruments zu Haus, und der Gefahr der Fehleinschätzung eines Schülers (kann verschiedene Auswirkkungen haben) und auch der Gefahren, die mit einer korrenten Schülereinschätzung verbunden sind, nämlich eventueller Überforderung.

Da einige dieser Bereiche auch für den Schulalltag von Relevanz sein können, möchte ich einen Schwerpunkt in dieser Arbeit darauf legen.

[...]

Ende der Leseprobe aus 25 Seiten

Details

Titel
Ausgewählte Fragestellungen pädagogischer Förderung von Kindern im instrumentalen Einzelunterricht
Hochschule
Universität Potsdam  (Institut für Musik und Musikpädagogik)
Autor
Jahr
2008
Seiten
25
Katalognummer
V177056
ISBN (eBook)
9783640985821
ISBN (Buch)
9783640985715
Dateigröße
477 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Musik, musikschule, instrumentalunterricht, praktikum, einzelunterricht
Arbeit zitieren
Bertram Becker (Autor), 2008, Ausgewählte Fragestellungen pädagogischer Förderung von Kindern im instrumentalen Einzelunterricht, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/177056

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