Chancen und Grenzen integrativer Beschulung von Kindern und Jugendlichen mit geistigen Beeinträchtigungen


Seminararbeit, 2010
20 Seiten

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
1.1 Definition „Geistige Behinderung“

2. Heterogenität

3. Integrationspädagogik

4. Chancen und Grenzen integrativer Beschulung geistig behinderter SuS
4.1 Schüler-Schüler-Interaktionen
4.2 Schüler-Lehrer-Interaktion / Lehrer-Schüler-Interaktion
4.3 Lehrer-Lehrer/Pädagogen-Interaktion
4.4 Exklusive Bedingungen

5. Fazit

6. Literatur

1. Einleitung

„Egal wie ein Kind beschaffen ist, es hat das Recht, alles Wichtige über diese Welt zu erfahren, weil es in dieser Welt lebt.“(Feuser, 1995, S. 220). Die Integration behinderter Kinder und Jugendlicher in die Regelschulen wird zunehmend präsenter. Spätestens seit den internationalen Vergleichsstudien PISA und TIMMS sind auch die Auswirkungen und Konsequenzen der Integrationsbemühungen deutlich. Speziell die nördlichen Länder wie Finnland, Schweden, Kanada und Norwegen haben bei diesen Studien besonders gut abgeschnitten. Ein Grund liegt darin, dass diese Länder bereits in den 90er Jahren einen großen Schritt in die Richtung der Integration und Inklusion gegangen sind. Im Jahr2003 liegt Norwegen in dieser Beziehung an der Spitze. Hier besuchen nur noch 0,5% aller Behinderten eine Sonderschule. (vgl. Ratzki, 2003, S. 10)

Eine Grundschullehrerin beschreibt ihre bisherigen Erfahrungen mit der integrativen Beschulung von beeinträchtigten und nicht beeinträchtigten Kindern und Jugendlichen und fasst sie folgendermaßen zusammen:„Die Beziehung zwischen Lehrern und Kindern ist entspannter, weil durch das gemeinsame Unterrichten mehr Ansprechpartner präsent sind. Es sind mehr Entlastungsmöglichkeiten gegeben, was für alle Beteiligten von Vorteil ist und zufriedener macht.“(Burg, 2008, S. 45)

Unter Integrationspädagogik - das zeigt auch das Zitat - wird die Pädagogik verstanden, die sich auf Prozesse und Effekte des gemeinsamen Lebens, Spielens, Arbeitens und vor allem Lernens in heterogenen Gruppen bezieht (vgl. Hinz, 2003, S. 15). Damit wird eine Integration in das Schulwesen hinein beschrieben. Die Schule hat dabei die Aufgabe, persönlichkeitswirkend auf das Kind, sei es beeinträchtigt oder nicht, einzuwirken. Neben der Vermittlung von Sachverhalten müssen die Fertigkeiten im Denken geschult, das Wertbewusstsein geschärft, die Arbeitshaltung, das Sozialverhalten und schließlich das Selbstkonzept gefördert werden (vgl. Senckel, 2006, S. 74).

In der Hausarbeit werden Chancen und Grenzen der Integration geistig behinderter Kinder thematisiert und diskutiert. Dabei stehen vor allem die Schüler-Schüler-Interaktionen, die Schüler-Lehrer-Interaktionen / Lehrer-Schüler-Interaktionen und die Lehrer-Lehrer/Pädagogen-Interaktionen im Themenfokus. In diesem Bezug sollen neben den positiven Eindrücken, auch mögliche kritische und problematische Aspekte der pädagogischen Arbeit betrachtet werden. Zudem gilt es auch, Rahmenbedingungen zu hinterfragen, die eine pädagogische Arbeit überhaupt ermöglichen und gewährleisten.

Neben dem Schwerpunktthema werden die Begriffe Heterogenität und Integrationspädagogik thematisiert. Zudem wird der Begriff bzw. das Konstrukt „geistige Behinderung“ definiert und in den Bezug der Schulintegration gesetzt. Ein Fazit mit persönlicher Einschätzung und Stellungnahme schließt die Hausarbeit ab.

1.1 Definition „Geistige Behinderung“

Zunächst ist zu klären, dass „Behinderung“ ein umgangssprachlich gebräuchlicher Begriff ist. In der Wissenschaft bereitet es erhebliche Schwierigkeiten, eine Definition vorzulegen, die ungeteilte Anerkennung findet. Vielmehr wird dazu geneigt, Beispiele als Charakteristika für menschliches Behindertsein zu nennen. (vgl. Bleidick, 1999, S. 11).

Aus der medizinischen Sichtweise wird bei geistiger Behinderung von einer Minderung oder Herabsetzung der maximal erreichbaren Intelligenz gesprochen. So bezeichnet auch die International Classification of Diseases (ICD-10) die geistige Behinderung als Intelligenzminderung:

„Eine Intelligenzminderung ist eine sich in der Entwicklung manifestierende, stehen gebliebene oder unvollständige Entwicklung der geistigen Fähigkeiten, mit besonderer Beeinträchtigung von Fertigkeiten, die zum Intelligenzniveau beitragen, wie z. B. Kognition, Sprache, motorische und soziale Fähigkeiten. Eine Intelligenzminderung kann allein oder zusammen mit einer anderen psychischen oder körperlichen Störung auftreten. (…) Das Anpassungsverhalten ist stets beeinträchtigt.“(Dilling et. al., 2008, S. 276).

Aus der Definition geht hervor, dass die Eigenschaft der „Intelligenzminderung“ sich nicht ausschließlich auf die kognitive Begabung bezieht. Sie wird auch im Zusammenhang mit den Bewältigungsstrategien, die für die Anforderungen der jeweiligen Entwicklungsstufe entscheidend sind, gesehen. Damit wird der Zusammenhang zwischen medizinischer Ursache und sozialer und gesellschaftlicher Situation angesprochen. Die „Intelligenzminderung“ hat eine Einschränkung der Anpassungs- und Verständigungsfähigkeit, der sozialen Kompetenz und Eigenständigkeit, der sprachlichen und motorischen Fähigkeiten und Fertigkeiten und auch der schulischen Leistungsfähigkeit zur Folge. (vgl. Fischer, 2003, S. 128).

In der ICD-10 wird die Intelligenzminderung in sieben unterschiedliche Grade eingeteilt. Diese werden im Folgenden vorgestellt. Zudem wird kurz die Bedeutung bzw. Konsequenz für die schulische Situation angesprochen.

Bei der„leichten Intelligenzminderung“liegt der Intelligenzquotient (IQ) zwischen 50 und 69. Neben der Entwicklungsverzögerung im Spracherwerb, liegen die Hauptschwierigkeiten bei der Schulausbildung. Viele Betroffene haben Probleme beim Lesen und Schreiben. Die meisten von ihnen können eine Arbeit ergreifen, die eher praktische als schulische Fähigkeiten voraussetzt. (vgl. Dilling et. al., 2008, S. 277f.)

Der IQ der eine„mittelgradigen Intelligenzminderung“beschreibt, liegt zwischen 35 und 49. Das schulische Vorankommen der Betroffenen ist begrenzt. Teilweise können grundlegende Fertigkeiten, die zum Lesen, Schreiben und Zählen benötigt werden, erlernt werden. Lernprogramme können den Betroffenen helfen, diese grundlegenden Fertigkeiten besser und sicherer zu erlernen. (vgl. ebd., S. 279)

Bei der„schweren Intelligenzminderung“liegt der IQ zwischen 20 und 34. Lesen und Schreiben erlernen die Betroffenen nicht. (vgl. ebd., S. 280)

Auf unter 20 wird der IQ bei der Kategorie„schwerste Intelligenzminderung“eingeschätzt. Die Betroffenen sind praktisch unfähig, Aufforderungen oder Anweisungen zu verstehen und sich danach zu richten. Die Kommunikation und Beweglichkeit sind immens eingeschränkt. (vgl. ebd.)

Zu den vier bereits aufgelisteten Kategorien der Intelligenzminderung kommen die„dissoziierte Intelligenzminderung“, die„andere Intelligenzminderung“und die„nicht näher bezeichnete Intelligenzminderung“hinzu (vgl. ebd., S. 281). Hierbei wird auf eine nähere Erläuterung aufgrund der Fokussierung dieser Hausarbeit auf die ersten vier Kategorien verzichtet.

2. Heterogenität

Die Integration behinderter Kinder und Jugendlicher bedeutet für das Lehrer- bzw. Pädagogenteam eine Erweiterungskomponente hinsichtlich der Heterogenität und verlangt eine Pluralität von Orientierungen innerhalb des Teams. In heterogenen Lerngruppen können sich die SuS in vielerlei Hinsicht voneinander unterscheiden.

Unterschiedliche kulturelle, nationale und soziale Identitäten sind allgegenwärtig und führen oft zu einer Multikulturalität innerhalb des Klassenraums. Des Weiteren spielen die unterschiedlichen Lernvoraussetzungen und die bisherigen Erkenntnisstände, die aus Kindergarten- und Grundschulzeit oder aufgrund des Elternhauses bestehen, eine entscheidende Rolle bei der Planung und Durchführung von Lernprozessen. (vgl. Scholz, 2007, S. 8) Bezogen auf die Integration geistig behinderter Kinder und Jugendlicher gewinnt dieser Aspekt weiter an Bedeutung, da die Lernvoraussetzungen auch aufgrund der Behinderung eingeschränkt sind. An dieser Stelle muss ein anderer Erwartungshorizont angelegt werden. Damit ist auch ein weiterer Effekt heterogener Lerngruppen angesprochen. Die SuS verfügen über differenzierte Lernstile und Lernstrategien. Damit liegt der Fokus der Orientierung des Pädagogenteams darauf, jeden Schüler und jede Schülerin in ihren individuellen Stärken zu stützen und sie bei ihren eigenen Lösungswegen zu begleiten und zu stärken. Mit dieser Forderung wird gleichzeitig Stellung und Position gegen das Prinzip des Gleichschritts bezogen und Lernen wird als individueller Prozess gesehen. (vgl. ebd., S. 8f.) Im Hinblick auf die Integration geistig behinderter SuS in heterogenen Klassen könnten dadurch Entmutigung und Frustration verringert werden. Weitere Phänomene bezüglich der Heterogenität von Lerngruppen sind unterschiedliche allgemeine Fähigkeiten, wie bspw. Konzentrations- und Ausdrucksvermögen (vgl. ebd. S. 8). Je nach Behinderungsbild und Grad der Behinderung sind geistig behinderte Kinder und Jugendliche sowohl in ihren kognitiven Fähigkeiten, ihren Konzentrationsfähigkeiten, aber auch in ihren sozialen Interaktions- und Ausdrucksmöglichkeiten eingeschränkt. Die Kommunikation ist damit ebenfalls beeinträchtigt. Auch dieser Umstand bedarf einer entsprechenden Bedarfsorientierung und Planungs- und Durchführungssorgfalt des Pädagogenteams. Weiter sind unterschiedliches Lern- und Arbeitsverhalten, Temperamentunterschiede und Erfolgs- und Misserfolgsattribution allgegenwärtig (vgl. Scholz, 2007, S. 8f.).

Die Heterogenität der Lerngruppen, sei es hinsichtlich der ethnischen, sozialen Herkunft oder auch bezüglich der Beeinträchtigung, bietet sowohl für die SuS, als auch für das Pädagogenteam, bestehend aus Regelschullehrkraft, Sonderschullehrkraft und pädagogischer Kraft, viele Chancen und Grenzen des pädagogischen, methodischen und didaktischen Handelns. Ziel kann und muss die Verinnerlichung des selbstverständlichen Umganges mit Verschiedenartigkeit sein. Dadurch soll für alle Beteiligten auch „Behindertsein“ zu einer normalen Variante menschlichen Lebens werden (vgl. Jäpelt, 2009, S. 73).

[...]

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Chancen und Grenzen integrativer Beschulung von Kindern und Jugendlichen mit geistigen Beeinträchtigungen
Hochschule
Carl von Ossietzky Universität Oldenburg
Autor
Jahr
2010
Seiten
20
Katalognummer
V177067
ISBN (eBook)
9783640984916
ISBN (Buch)
9783640985159
Dateigröße
523 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
chancen, grenzen, beschulung
Arbeit zitieren
Fabio Priano (Autor), 2010, Chancen und Grenzen integrativer Beschulung von Kindern und Jugendlichen mit geistigen Beeinträchtigungen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/177067

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