Die historische Disziplin der Weltgeschichte – oder auch Globalgeschichte, wie wir sie heute verstehen, ist eine sehr junge Forschungsrichtung, die sich aus einem grundsätzlichen methodischen Richtungswechsel der modernen Geschichtswissenschaft ergab. Die zunehmende Orientierung an transnationaler Geschichte dient dem Zweck, die bisher vorherrschende euro,- germano und ethnozentristische Perspektive hinter sich zu lassen und Gesetzmäßigkeiten hervorzuheben, die nicht auf nationalstaatlichen Begrenzungen beruhen. Aus diesem Forschungsanspruch heraus und einer zunehmenden Verflechtung von ökonomischen Zusammenhängen, medientechnischen Errungenschaften und industriellen Innovationen ergibt sich die Möglichkeit einer neuen Sichtweise auf die Welt. Laut JÜRGEN OSTERHAMMEL, seines Zeichens Pionier der deutschen Weltgeschichtsschreibung, wird aus »normaler« Geschichte Weltgeschichte, wenn sich der analytisch ausgeleuchtete Raum über die kulturellen Grenzen erweitert – auch wenn sie eine Sub-Disziplin der Geschichtswissenschaft bleibt.
Durch neue Strukturen und Handlungsfelder kommt es heute vor, dass »ein Schlaganfallmediziner in Berlin […] seine Kollegin in Harvard [kennt], aber nicht den Urologen seiner Klinik oder gar den Mieter der Etage über ihm«, schreibt der Osteuropahistoriker und Herausgeber der »Zeitschrift für Weltgeschichte« HANS-HEINRICH NOLTE, dessen Buch »Weltgeschichte des 20. Jahrhunderts« einen besonderen Stellenwert innerhalb dieser Hausarbeit einnimmt. Anhand NOLTES gigantischen Unternehmens sollen Vorteile und Grenzen einer globalgeschichtlichen Perspektive aufgezeigt werden. Die Arbeit stellt der Monographie NOLTES die theoretischen Konzeptionen für eine Weltgeschichte von OSTERHAMMEL und CONRAD gegenüber, um Ziele und Methoden besser nachvollziehen zu können. Hinleitend zu der Auseinandersetzung mit NOLTE und der Weltsystem-Theorie folgt ein kurzer Abriss über die Genese und den Aufstieg der Weltgeschichtsschreibung.
Inhaltsverzeichnis
1 Von den Ursprüngen der Weltgeschichte bis in die Gegenwart
2 Die terminologische Differenz zwischen Welt-, Global- und Universalgeschichte
3 Die Methodik des welt- und globalgeschichtlichen Ansatzes
3.1 Die Grundmotive der Weltgeschichtsschreibung (OSTERHAMMEL)
3.2 Die Dimensionen der Weltgeschichtsschreibung (CONRAD / ECKERT)
3.3 Die Weltsystem-Theorie als Grundlage für Weltgeschichte (WALLERSTEIN)
4 Die Strukturprinzipien der »Weltgeschichte des 20. Jahrhunderts«
4.1 Der Aufstieg des Westens (WILLIAM H. MCNEILL)
4.2 Dependenz der Peripherien (ANDRÉ GUNDER FRANK)
4.3 Europa – eine Provinz unter vielen (DIPESH CHAKRABARTY)
5 Exemplarische Auseinandersetzung mit dem Weltsystem des 20. Jahrhunderts – »Wohlstand für alle?«
6 Kritische Betrachtung
6.1 Kritik an der »Weltgeschichte des 20. Jahrhunderts«
6.2 Kritik an der Methodik des Weltsystem-Ansatzes
7 NOLTE und OSTERHAMMEL – Ein vergleichendes Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit analysiert die methodischen Konzepte und theoretischen Grundlagen der modernen Welt- und Globalgeschichte anhand der Monografie »Weltgeschichte des 20. Jahrhunderts« von Hans-Heinrich Nolte. Ziel ist es, Noltes Ansatz einer kritischen Prüfung im Vergleich zu anderen prominenten historiografischen Theorien zu unterziehen und deren jeweilige Stärken sowie Schwächen bei der Überwindung eurozentristischer Perspektiven aufzuzeigen.
- Methodologische Differenzierung zwischen Welt-, Global- und Universalgeschichte.
- Analyse der Weltsystem-Theorie und ihrer Anwendung in der Geschichtsschreibung.
- Untersuchung der Einflussnahme von Meistererzählungen (McNeill, Frank, Chakrabarty).
- Kritische Reflexion über die Möglichkeiten und Grenzen globalgeschichtlicher Analysen.
- Bewertung der historischen Objektivität und des Rationalitätsdilemmas bei der Weltgeschichtsschreibung.
Auszug aus dem Buch
3.3 Die Weltsystem-Theorie als Grundlage für Weltgeschichte (WALLERSTEIN)
Ihren Ursprung findet die Theorie eines Weltsystems in einer der traditionellen Ausgangsfragen der transnationalen Geschichte: Welche Bedingungen und Faktoren führten zu dem rasanten Aufschwung Europas und der Dominanz von westlichen Strukturen? Die Methodik der Weltsystem-Theorie wechselt hier die Perspektive. Die eurozentristischen Voraussetzungen bisheriger Annahmen werden systematisch reflektiert und gipfeln in der Frage, »ob die Annahme einer ökonomischen Überlegenheit Europas – ja selbst Englands – vor dem frühen 19. Jahrhundert überhaupt der Realität entspricht.« Maßgeblich für diese Theorie ist der eindeutig politik- und wirtschaftsgeschichtliche Fokus, der auf transnationale Zusammenhänge und Verflechtungen gelegt wird. Der Soziologe Immanuel Wallerstein, Urheber der Weltsystem-Theorie, begründet den historischen Ausgangspunkt derselben wie folgt:
»The story of the emergence of world-systems analysis is embedded in the history of the modern world-system and the structures of knowledge that grew up as part of that system. It is most useful to trace the beginning of this particular story not to the 1970s but to the mid-eighteenth century. The capitalist world-economy had then been in existence for some two centuries. The imperative of the endless accumulation of capital had generated a need for constant technological change, a constant expansion of frontiers – geographical, psychological, intellectual, scientific.«
Ausgehend von den Anfängen kapitalistischer Landwirtschaft, dem Erstarken einer europäischen Weltökonomie seit dem 16. Jahrhundert und dem damit einhergehenden systematischen Charakter eines internationalen Staaten- und Handelssystems sollen an dieser Stelle nationalstaatliche Grenzen überwunden werden. Staaten und Kulturen werden »auf diese Weise zu abhängigen Größen in einem globalen Zusammenhang.« Ein auf europäischen Wurzeln beruhendes Weltsystem bildet also einen zu untersuchenden Zusammenhang zwischen Zentrum, Peripherie und Halbperipherie, der in folgender Abbildung dargestellt ist:
Zusammenfassung der Kapitel
1 Von den Ursprüngen der Weltgeschichte bis in die Gegenwart: Dieses Kapitel gibt einen historischen Abriss über die Entwicklung globalgeschichtlicher Ansätze und zeigt auf, wie das Interesse an außereuropäischer Geschichte über die Jahrhunderte variierte.
2 Die terminologische Differenz zwischen Welt-, Global- und Universalgeschichte: Der Abschnitt erläutert die schwierige begriffliche Abgrenzung dieser Forschungsfelder, die in der aktuellen Disziplin oft synonym oder inkonsistent verwendet werden.
3 Die Methodik des welt- und globalgeschichtlichen Ansatzes: Hier werden methodische Kernkonzepte von Osterhammel, Conrad/Eckert und Wallerstein vorgestellt, um das theoretische Fundament für die Untersuchung von Hans-Heinrich Noltes Werk zu legen.
4 Die Strukturprinzipien der »Weltgeschichte des 20. Jahrhunderts«: Dieses Kapitel analysiert, wie Hans-Heinrich Nolte die Theorien von McNeill, Frank und Chakrabarty nutzt, um eine eigene systematische Weltgeschichtsschreibung zu begründen.
5 Exemplarische Auseinandersetzung mit dem Weltsystem des 20. Jahrhunderts – »Wohlstand für alle?«: Die Analyse untersucht Noltes kritische Haltung gegenüber neoliberalen Wirtschaftsmodellen und dessen Ausführungen zur ungleichen globalen Wohlstandsverteilung.
6 Kritische Betrachtung: Der Autor hinterfragt die methodischen Schwächen von Noltes Monografie und die generellen Herausforderungen bei der Anwendung der Weltsystem-Theorie.
7 NOLTE und OSTERHAMMEL – Ein vergleichendes Fazit: Das Fazit stellt Noltes methodisches Vorgehen den Kriterien Osterhammels gegenüber und bewertet den Gesamtwert des Werkes als Kompendium trotz inhaltlicher und theoretischer Defizite.
Schlüsselwörter
Weltgeschichte, Globalgeschichte, Transnationale Geschichte, Weltsystem-Theorie, Eurozentrismus, Hans-Heinrich Nolte, Jürgen Osterhammel, Immanuel Wallerstein, Historiografie, Kapitalismus, Zentrum-Peripherie-Modell, Historische Methodik, Meistererzählungen, Weltökonomie, Postkolonialismus.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der methodischen Analyse der »Weltgeschichte des 20. Jahrhunderts« von Hans-Heinrich Nolte im Kontext der modernen transnationalen und globalgeschichtlichen Forschung.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Zentrale Themen sind die theoretische Abgrenzung globalgeschichtlicher Begriffe, die Anwendung der Weltsystem-Theorie sowie die kritische Reflexion von Meistererzählungen in der Geschichtswissenschaft.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, Noltes theoretische Konzeptionen zu identifizieren, diese mit Ansätzen führender Historiker wie Osterhammel zu vergleichen und auf ihre wissenschaftliche Validität hin zu prüfen.
Welche wissenschaftliche Methode wird in dieser Arbeit angewendet?
Die Arbeit nutzt einen vergleichenden, theoretischen Analyseansatz, bei dem die Monografie des Autors methodisch dekonstruiert und mit bestehenden historiografischen Standards abgeglichen wird.
Welche Inhalte stehen im Hauptteil der Untersuchung im Fokus?
Im Hauptteil werden die methodischen Vorüberlegungen von Nolte (insb. die Anlehnung an die Weltsystem-Theorie), seine Einbeziehung sozioökonomischer Faktoren sowie die Kritik an seinen eurozentristischen Deutungsmustern behandelt.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die vorliegende Arbeit?
Die Arbeit lässt sich primär über Begriffe wie Weltgeschichte, Weltsystem-Theorie, Eurozentrismus und Historiografie definieren.
Wie bewertet der Autor die Weltsystem-Theorie von Wallerstein?
Der Autor erkennt den Wert der Weltsystem-Theorie für die Verflechtungsanalyse an, weist jedoch darauf hin, dass sie Gefahr läuft, in einen ökonomistischen Reduktionismus zu verfallen und kulturelle Faktoren zu vernachlässigen.
Welche Kritik übt der Autor an Hans-Heinrich Nolte?
Kritisiert werden vor allem die methodische Unschärfe, das Überwiegen eurozentristischer Erklärungsmuster sowie die stellenweise mangelnde empirische Untermauerung seiner globalgeschichtlichen Schlussfolgerungen.
- Citation du texte
- Björn Heigel (Auteur), 2011, Weltgeschichte als Transnationale Geschichte, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/177241