Die (sogenannte) ursprüngliche Akkumulation und ihre Weiterentwicklung in der marxeschen Ökonomie


Hausarbeit, 2011

19 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Das Wesen der (sogenannten) ursprüngliche Akkumulation
2.1 Vorläufer: Überlegungen von Adam Smith
2.2 Definition und Beschreibung nach Karl Marx

3. Kritik an der (sogenannten) ursprünglichen Akkumulation
3.1 Unzureichende Darstellung von Marx
3.2 Historische Phase oder kontinuierlicher Prozess?
3.3 Eurozentrismus und der Aufstieg der USA als Antithese
3.4 Alternative Erklärung: Max Webers „Protestantismusthese“

4. Aktualität der (sogenannten) ursprünglichen Akkumulation

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Der Name Karl Marx wurde in den letzten Jahrhunderten mit vielerlei in Verbindung gebracht. Eine ganze Ideologie wurde unter seinem Namen mit dem Marxismus-Leninismus in vielen Ländern der Welt verbreitet ohne jedoch unbedingt genau dem zu entsprechen, was Marx eigentlich vertrat und untersucht hatte. Von diesen politischen Verwicklungen also einmal angesehen, gibt es vieles im marx’schen Schaffen, dass einer genaueren Untersuchung Wert ist. Einem von diesen Themen will ich mich in dieser Hausarbeit widmen.

Die „sogenannte ursprüngliche Akkumulation“, wie Marx sie bezeichnet[1] und die Entstehung des Kapitalismus beschreibt, wird von diversen Marx-Interpreten als ein bisher zu wenig oder zu speziell behandeltes Thema angesehen. Michael Berger befasst sich in seinem Einführungsbuch bei der Rezeption zur ursprünglichen Akkumulation fast ausschließlich mit dem Ausblick auf Sozialismus/Kommunismus, kaum aber auf die direkten Folgen für das Wesen des Kapitalismus.[2] Dies soll auch mit dieser Hausarbeit nachgeholt werden. Es wird sich nämlich zeigen, dass die ursprüngliche Akkumulation als Grundvoraussetzung für viele der marx’schen Grundbegriffe angesehen werden kann, aus der sich zum Beispiel die Überlegungen zum Mehrwert ableiten lassen.

Zuerst wird die Arbeit das Wesen und die Merkmale der ursprünglichen Akkumulation vorstellen. Hierbei sind vor allem die zwei großen Interpretationen dieser in Marx‘ Werk von Interesse: Kann man die ursprüngliche Akkumulation als einmalige, dichte historische Beschreibung für das Entstehen des Kapitalismus ansehen? Oder gibt es sie immer noch und muss es geben, damit der Kapitalismus fortbestehen kann? Weiterhin ist zu fragen: Wie fundiert aber ist das Konzept der ursprünglichen Akkumulation und welche Gegenentwürfe gibt es? Dies wird im dritten Kapitel behandelt. Die Aktualität des Themas ist Gegenstand des vierten Kapitels. Letztlich wird dann im Fazit ergründet, welchen Stellenwert die ursprüngliche Akkumulation einnimmt.

2. Das Wesen der (sogenannten) ursprüngliche Akkumulation

In dieser Hausarbeit steht die Betrachtung von Karl Marx Begriff im Vordergrund. Dennoch gab es Überlegungen zur Entstehung der kapitalistischen Wirtschaftsweise auch schon bei früheren Denkern (freilich ohne diese Bezeichnung zu tragen: Kapitalismus). Marx greift bei der Untersuchung hauptsächlich auf Adam Smith und dessen Ansicht zur Entstehung einer freien Wirtschaft zurück, um den Ursprung dieser in seiner Kapitalismuskritik so zu kennzeichnen, wie es wirklich stattgefunden hat. Deswegen soll diese zuvor kurz dargelegt werden, bevor wir uns den Ideen Marx‘ widmen.

2.1 Vorläufer: Überlegungen von Adam Smith

In seinem Hauptwerk „Der Wohlstand der Nationen“ befasst sich Adam Smith mit einer Abkehr vom Merkantilismus hin zu einer liberalen, freien Wirtschaft. Damit hat er den Grundstein für den modernen Kapitalismus gelegt. Um diese neue Idee von Wirtschaft erklären zu können, musste eigentlich auch Smith sich mit der ursprünglichen Akkumulation beschäftigen.

Zuerst gilt: Wo Arbeitsteilung, eines der Grundkonzepte in Smiths Ökonomie, sowie ein reger Tauschhandel ausbleiben, versorgen sich die Menschen selbst. Es ist nicht nötig in irgendeiner Art und Weise Kapital anzusammeln.[3] Arbeitsteilung bedeutet in diesem Fall vor allem tiefergehende Spezialisierung. Menschen konzentrieren sich auf bestimmte Aufgaben. Sie erwerben Lohn, um sich das zu kaufen, was sie ansonsten selbst produzieren würden. In der gesamten Wirtschaftslehre von Smith wird dies den Wohlstand aller, der Nation, fördern.

Smith liefert an derselben Stelle Beispiele dafür, wo die Arbeitsteilung sich bezahlt macht. Im Vergleich zu anderen Berufen kann der Weber erst dann seine spezialisierten Tätigkeiten ausführen, wenn er die nötigen Rohmaterialien besitzt. In zwei Sätzen konstatiert Smith:

„Offensichtlich muß (sic!) also bereits Kapital gebildet sein, ehe er [der Weber] für eine so lange Zeit seine ganze Kraft in einem solch speziellen Erwerb einsetzen kann. Da nun, natur- oder sachbedingt, Kapital vor der Arbeitsteilung angehäuft sein muß (sic!), kann die Arbeit nur dann, nach und nach, weiter aufgeteilt werden, wenn vorher entsprechend Kapital gebildet worden ist.“[4]

Mit dieser Feststellung endet Smith. Das Problem der ursprünglichen Akkumulation taucht in dem über 800-seitigen „Der Wohlstand der Nationen“ kein weiteres Mal auf. Stattdessen scheint es, dass Smith ganz selbstverständlich von einer vorkapitalistischen Anhäufung ausgeht ohne sich damit zu befassen woher diese eigentlich kommt. Oppenheimer kritisiert genau dieses Selbstverständnis bei Smith. Auf Basis der Annahme, dass der Kapitalismus den Idealen einer freiheitlichen Urgesellschaft folge (was historisch nicht mehr nachprüfbar ist und daher geschönt werden könne), habe Smith die Idee von seinen Vorgängern übernommen ohne sie kritisch zu hinterfragen.[5]

Genau an diesem Punkt setzt nun Karl Marx an. Er stellt sich die Frage, wie erstmal Kapital angesammelt werden konnte, um einen Kapitalismus zu entwickeln wie wir ihn heute kennen.

2.2 Definition und Beschreibung nach Karl Marx

Karl Marx begreift die Wichtigkeit der ursprünglichen Akkumulation wie folgt und fasst kurz zusammen, was sie ist:

„[…] Indes setzt die Akkumulation des Kapitals den Mehrwert, der Mehrwert die kapitalistische Produktion, diese aber das Vorhandensein größerer Massen von Kapital und Arbeitskraft in den Händen von Warenproduzenten voraus. Diese ganze Bewegung scheint sich also in einem fehlerhaften Kreislauf herumzudrehn (sic!), aus dem wir nur hinauskommen, indem wir eine der kapitalistischen Akkumulation vorausgehende ‚ursprüngliche‘ Akkumulation (‚previous accumulation‘ bei Adam Smith) unterstellen, eine Akkumulation, welche nicht das Resultat der kapitalistischen Produktionsweise ist, sondern ihr Ausgangspunkt.“[6]

Diese Betrachtungen von Marx finden hauptsächlich im 24. Kapitel des 1. Bandes von „Das Kapital“ statt. Doch auch im Vortrag „Lohn, Preis und Profit“ sagt Marx, dass die „ sogenannte ursprüngliche Akkumulation nichts andres […] als eine Reihe historischer Prozesse, die in einer Auflösung der ursprünglichen Einheit zwischen dem Arbeitenden und seinen Arbeitsmitteln resultieren“[7] ist. Im Folgenden sollen seine Betrachtungen daher genauer untersucht werden.

Marx kritisiert die Auffassung von Adam Smith, aber auch der klassischen Ökonomie insgesamt – dies wird klar, wenn man sich den Untertitel von „Das Kapital“ ansieht: „Kritik der politischen Ökonomie“. Auf das, was bis dahin „sittlich“ oder der Standard über den Ursprung des Kapitals gedacht wird, widerlegt Marx und zeichnet den wahren Kern dieses Ausgangspunkts. Wie im obigen Zitat zu sehen ist, benennt Marx Smiths Beobachtungen als „previous accumulation“ (auch: „primitive“ oder „original accumulation“). Diese vorherige, vor der kapitalistischen Produktionsweise vollzogene, Akkumulation fand friedlich statt, wie wir schon Smiths Position zeichneten.[8] Für Marx aber ist es eine geschönte Auffassung wie das nachfolgende Zitat zeigt:

„In der wirklichen Geschichte spielen bekanntlich Eroberung, Unterjochung, Raubmord, kurz Gewalt die große Rolle. In der sanften politischen Ökonomie herrschte von jeher die Idylle. Recht und ‚Arbeit‘ waren von jeher die einzigen Bereicherungsmittel, natürlich mit jedesmaliger Ausnahme von ‚diesem Jahr‘. In der Tat sind die Methoden der ursprünglichen Akkumulation alles andre, nur nicht idyllisch.“[9]

Spottend bezeichnet Marx diese Aussagen als „Kinderfibel“ der politischen Ökonomie. Mit Eroberung und Ausbeutung, geschlagen, besitzt die ursprüngliche Akkumulation einen blutigen Ursprung und eine gewichtige Rolle:

„Diese ursprüngliche Akkumulation spielt in der politischen Ökonomie ungefähr dieselbe Rolle wie der Sündenfall in der Theologie. Adam biß (sic!) in den Apfel, und damit kam über das Menschengeschlecht die Sünde. Ihr Ursprung wird erklärt, indem er als Anekdote der Vergangenheit erzählt wird. In einer längst verfloßnen Zeit gab es auf der einen Seite eine fleißige, intelligente und vor allem sparsame Elite und auf der andren die faulenzende, ihr alles und mehr verjubelnde Lumpen. Die Legende vom theologischen Sündenfall erzählt uns allerdings, wie der Mensch dazu verdammt worden sei, sein Brot im Schweiß seines Angesichts zu essen; die Historie vom ökonomischen Sündenfall aber enthüllt uns, wieso es Leute gibt, die das keineswegs nötig haben. Einerlei. So kam es, daß (sic!) die ersten Reichtum akkumulierten und die letzren schließlich nichts zu verkaufen hatten als ihre eigne Haut. Und von diesem Sündenfall datiert die Armut der großen Masse, die immer noch, aller Arbeit zum Trotz, nichts zu verkaufen hat als sich selbst, und der Reichtum der wenigen, die fortwährend wächst, obgleich sie längst aufgehört hat zu arbeiten.“[10]

An diesem Zitat ist zu erkennen wie Marx die Herausbildung einer Zweiklassengesellschaft, nämlich Kapitalist/Bourgeois und Arbeiter/Proletarier, aufgrund der Eigentumsfrage sieht. Auch andere Wirtschaftshistoriker werden später das Eigentum nicht als einzigen, wohl aber als einen gewichtigen Grund für die Entstehung des Kapitalismus beurteilen.[11] Die ursprüngliche Akkumulation besitzt jedoch auch weitere Eigenschaften, die wie folgt aussehen.

- Die Schaffung des doppelt-freien Arbeiters. Im Übergang von der Wirtschafts- und Gesellschaftsform des Feudalismus, beschreibt Marx am Beispiel Englands wie das Landvolk systematisch von ihrem Grund und Boden getrennt wird, an das sie zuvor so lange Zeit gebunden waren. Dadurch entsteht der doppelt-freie Lohnarbeiter, der nun einerseits frei von der Leibeigenschaft ist, gleichzeitig aber seine Fähigkeiten nun in der Lohnarbeit anbieten muss. Er kann sich somit nicht mehr selbst versorgen (Entfremdung des Produkts, das er später nur schafft, damit es weiterverkauft wird und nicht, damit es ihm hilft), sondern wird in dieses Verhältnis seitens unterdrückerischer, blutiger Maßnahmen gezwungen. Diese waren beispielsweise Einebnung von Dörfern oder Konfiskation von Land.[12] Insofern besitzt diese neue Freiheit nicht nur eine gewaltige Schattenseite, sondern auch blutigen Ursprung.
- Versorgung der Städte. Arbeitskräfte, die in den städtischen Manufakturen fehlten, wurden so zur Landflucht getrieben und konnten hier als Arbeiter eingesetzt werden. Mit der voranschreitenden Verinnerlichung dieses Prozesses bildete sich die vermasste Arbeiterschaft, das Proletariat.
- Veräußerung des Bodens. Grund und Boden sind keine Lehen mehr, sondern werden von nun an verpachtet. Die dortigen Erträge dienen nun wesentlich mehr dem Gewinnstreben als der Selbstversorgung. Der Pächter (die Kapitalpacht entsteht[13] ) gehört somit wie auch die Manufakturherren, späteren Fabrikbesitzer, zum Teil der Besitzerklasse, die ausbeutet. Außerdem bietet auch der nun erstmal freigewordene Boden die Möglichkeit zur Errichtung eben dieser Manufakturen/Fabriken.

[...]


[1] Insgesamt befasst sich Marx in „Ökonomisch-philosophischen Manuskripte“ und im 1. Band des „Kapitals“ sowie im Vortrag „Lohn, Preis und Profit“ mit der ursprünglichen Akkumulation als Grundlage für die kapitalistische Entwicklung. Diese drei Quellen werden in der Hausarbeit auch herangezogen.

[2] Vgl. Berger 2003, S.155ff.

[3] Vgl. Smith 2005, S. 227

[4] Ebd.

[5] Vgl. Oppenheimer 1919, S. 27 und später S. 43.

[6] Marx/Engels 1989, S. 741

[7] Marx/Engels 1975, S. 397.

[8] Marx/Engels 1989, S. 742: Auch Marx weißt hier auf diese Ansicht der klassischen politischen Ökonomie hin.

[9] Ebd.

[10] Ebd., S. 741f.

[11] Vgl. zum Beispiel Henri Sées Kritik an Werner Sombart und anderen ökonomischen Denkern 1940.

[12] Vgl. Marx/Engels 1989, S. 744ff.

[13] Ebd. S. 772. Besonders die Anmerkung in der Fußnote 229 ist zu beachten, in der Marx den Pächter einen „kleinen Tyrannen“ nennt.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Die (sogenannte) ursprüngliche Akkumulation und ihre Weiterentwicklung in der marxeschen Ökonomie
Hochschule
Justus-Liebig-Universität Gießen  (Institut für Politikwissenschaft)
Veranstaltung
Politische Ökonomie
Note
2,0
Autor
Jahr
2011
Seiten
19
Katalognummer
V177428
ISBN (eBook)
9783640990818
ISBN (Buch)
9783640990863
Dateigröße
548 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
akkumulation, weiterentwicklung
Arbeit zitieren
Ole Karnatz (Autor), 2011, Die (sogenannte) ursprüngliche Akkumulation und ihre Weiterentwicklung in der marxeschen Ökonomie, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/177428

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