Wie frei ist die „Freie Fantasie“ tatsächlich? Die vorliegende musikwissenschaftliche Arbeit untersucht das Spannungsverhältnis von improvisatorischer Freiheit und kompositorischer Konstruktion am Beispiel zweier zentraler Werke der Bach-Familie: Johann Sebastian Bachs Chromatischer Fantasie d-Moll BWV 903 und Carl Philipp Emanuel Bachs Fantasie c-Moll aus den 18 Probestücken seines Versuchs über die wahre Art das Clavier zu spielen.
Ausgangspunkt ist der Stylus phantasticus, dessen Idee einer möglichst ungebundenen, überraschenden und affektgeladenen musikalischen Rede bis weit in das 18. Jahrhundert hineinwirkt. Dabei stellt sich ein grundlegendes Paradox: Wie kann eine Fantasie den Eindruck spontaner Improvisation erwecken, wenn sie zugleich schriftlich fixiert, harmonisch geplant und kompositorisch durchgeformt ist?
Die Arbeit zeichnet zunächst wesentliche historische und ästhetische Voraussetzungen der Freien Fantasie nach und untersucht anschließend beide Kompositionen hinsichtlich ihres formalen Aufbaus, ihrer harmonischen Struktur, ihrer Rezitativik und ihres Umgangs mit Affektwechseln, Modulationen, Dissonanzen und überraschenden Wendungen.
Besondere Aufmerksamkeit gilt C. P. E. Bachs Versuch, musikalische Freiheit gerade durch detaillierte Regeln zu vermitteln – eine „reglementierte Regellosigkeit“, die zwischen Improvisation, empfindsamer Klangrede und kunstvoller Konstruktion oszilliert. Dem wird J. S. Bachs Chromatische Fantasie gegenübergestellt, deren scheinbare Freiheit trotz aller harmonischen Kühnheit einem starken inneren Zusammenhang folgt.
Damit verbindet sich eine weitere Frage: Warum gehört J. S. Bachs Chromatische Fantasie bis heute zum etablierten Konzertrepertoire, während C. P. E. Bachs c-Moll-Fantasie, die im 18. Jahrhundert große Aufmerksamkeit erfuhr, heute vergleichsweise selten aufgeführt wird?
Die vergleichende Analyse zeigt zwei unterschiedliche Modelle musikalischer Freiheit und führt mitten hinein in den ästhetischen Umbruch zwischen Barock und Empfindsamkeit – zwischen Regel und Regelbruch, rhetorischer Ordnung und emotionaler Unberechenbarkeit.
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- Kristin Wachenfeld (Autor), 2022, Die freie Fantasie – künstliche Freiheit oder freie Künstlichkeit?, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1774834