Soziale Medien prägen die Migration marokkanischer Jugendlicher – von der ersten Idee bis zur Ankunft in Europa. Diese ethnografische Masterarbeit zeigt, wie Facebook, Selfies, Videos und Migrationslieder den digitalen Habitus formen, illegale Reisen erleichtern und virtuelle Identitäten erschaffen. Ein wichtiger Beitrag für alle, die Migration, soziale Medien und digitale Kultur verstehen wollen.
Diese Studie untersucht die Bedeutung sozialer Medien für irreguläre marokkanische Migrant:innen auf dem Weg von Marokko über die Türkei nach Deutschland. Die Datenerhebung erfolgte mittels unterschiedlicher qualitativer Methoden, darunter sechs halbstrukturierte Interviews in Casablanca, Istanbul und Frankfurt, sowie durch die Analyse von Fotos, Musikclips, Beiträgen und Chats in einer Facebook-Gruppe zum Thema Migration über die Balkanroute nach Europa. Meine Analyse zeigt, dass die Teilnehmer:innen dieser Studie Plattformen wie Facebook und Instagram sowohl zur Informationsbeschaffung als auch zur Darstellung vielschichtiger Identitäten nutzen. Ich wende die Theorie des digitalen Habitus an und argumentiere, dass die kulturellen Hintergründe dieser jungen Menschen sowie ihre soziale Herkunft maßgeblich beeinflussen, wie sie soziale Medien in ihrer Migrationserfahrung einsetzen.
Inhaltsverzeichnis
Kapitel 1: Einleitung
1.1 Hintergrund und Relevanz des Themas
1.2 Forschungsfragen und Zielsetzung
Kapitel 2: Theoretischer Rahmen und Forschungsstand
2.1 Double Absence – Migration als Kultur
2.1.1 „Haraga“ und „al-ghorba“
2.2 „Haraga“ und „al-ghorba“
2.3 Virtuelle Welten
2.4 Digitaler Habitus
2.5 Musik und Habitus
2.6 Filterblase – Die „unsichtbare Tür“
2.7 Die Rolle sozialer Medien für irreguläre Migrant:innen
Kapitel 3: Methodologie
3.1 Einleitung
3.2 Datenerhebung (Data Collection)
3.3 Datenauswertung und Datenanalyse
3.4 Positionalität
3.5 Kontext der Migrant:innen:innen
3.6 Limitationen
3.7 Ethik der Forschung
Kapitel 4: Konzeptueller und theoretischer Rahmen
4.1 Digitaler Habitus.
4.2 Virtuelle Welten
4.3 Doppelte Abwesenheit
Kapitel 5: Ergebnisse (Findings)
5.1 Einleitung
5.2 Digitaler Habitus der Migrant:innen
5.2.1 Die Rolle der sozialen Klasse bei der Nutzung sozialer Medien
5.2.2 Filterblase und die Reproduktion des digitalen Habitus
5.2.3 Die Bedeutung von Musik auf dem Weg
5.3 Zweite Identität in den sozialen Medien
5.3.1 Namen und der Wunsch, zum „Kharej“ (= Ausland) zu gehören
5.3.2 Selfie als Selbst-Branding der „Haraga“
5.3.3 „Soziale Medien sind mein Second Life“
5.3.4 Die Rolle sozialer Medien auf dem Weg nach Europa
5.4 Kulturelle Einflüsse auf die Nutzung sozialer Medien
5.4.1 Die Reproduktion der „Illusion“ als kulturelles Narrativ
5.4.2 Von Männlichkeitsideal zur Frauenreise: Der Wandel der marokkanischen Migrationskultur
Kapitel 6: Fazit
6.1 Zusammenfassung der Arbeit
6.2 Ausblick: Implikationen für weitere Forschung
Zielsetzung und Themen
Diese Masterarbeit untersucht die fundamentale Bedeutung sozialer Medien für irreguläre marokkanische Migrant:innen auf ihrem Weg von Marokko über die Türkei nach Deutschland. Das Hauptziel der Arbeit liegt darin, anhand von qualitativen Interviews, visuellen Inhalten und digitalen Artefakten zu analysieren, wie digitale Plattformen die Erwartungen an Mobilität prägen, virtuelle Identitäten formen und die alltägliche Realität der Betroffenen beeinflussen.
- Analyse der Rolle sozialer Medien bei der Informationsbeschaffung und der Bewältigung von Transitreisen
- Anwendung und Erweiterung der Theorie des digitalen Habitus in Bezug auf soziale Schichtung und Online-Verhalten
- Untersuchung des Einflusses der marokkanischen Migrationskultur und kollektiver Narrative (wie der „Illusion“ des Auslands)
- Bedeutung von Musik („Haraga-Liedern“) und visuellen Selbstinszenierungen (wie Ankunfts-Selfies) für die Identitätsbildung
- Rolle von Algorithmen, Filterblasen und Echokammern bei der Verärkung bestehender Vorstellungen über die Migration
Auszug aus dem Buch
2.4 Digitaler Habitus
Bourdieu analysiert die Beeinflussung von Gewohnheiten durch soziale Bedingungen sowie deren Auswirkungen auf das individuelle Verhalten und die sozialen Strukturen. Dabei wird das Konzept des „Habitus“ verwendet, um zu verstehen, wie sich die Individuen der Einflüsse, die ihr Verhalten prägen, möglicherweise nicht vollständig bewusst sind (Bourdieu, 1980, S. 94). Der Begriff des Habitus wurde von Marcel Mauss geprägt und danach von Pierre Bourdieu weiterentwickelt. Im Folgenden werden Körperhaltungen skizziert, welche durch soziale Bedingungen und kollektive Gewohnheiten beeinflusst werden. In seinen Beobachtungen zur Körperhaltung von Bauern im Béarn erörtert Bourdieu, dass körperliche Ausdrucksformen in vielfältiger Weise von sozialen Strukturen beeinflusst werden (vgl. Jurt, 2010, S. 5).
Der Habitus ist nicht angeboren, sondern sozial erworben, und wird im Laufe der Zeit zur „zweiten Natur“. Er stellt ein dauerhaftes Merkmal einer Person dar. Durch tägliche Praxis geschieht diesen Prozess der „Einverleibung“ häufig unbewusst, die erworbenen Dispositionen gelten dem Individuum als selbstverständlich (Jurt, 2010, S. 8). Bourdieu überprüft die wechselseitige Abhängigkeit zwischen den tief verwurzelten Dispositionen einer Person und ihrem sozialen Kontext. Er hebt vor, dass soziale Praktiken und Wahrnehmungen nicht nur durch die individuelle Biografie, sondern auch durch gesellschaftliche Strukturen geprägt werden (vgl. Jurt, 2010, S. 15).
Bourdieu stellt die Auswirkungen gesellschaftlicher Strukturen auf die individuelle Wahrnehmung und den Ausdruck heraus, insbesondere in Bezug auf die Einschränkungen, die mit gesellschaftlichen Rollen verbunden sind (Bourdieu, 1980, S. 62). Soziale Bedingungen und die menschliche Existenz bestimmen erheblich, inwieweit Verhaltensweisen und kulturelle Leistungen vorhersagbar sind. (Jurt, 2010, S. 97)
Zusammenfassung der Kapitel
Kapitel 1: Einleitung: Die Einleitung stellt den Kontext und die Relevanz des Themas vor, erläutert die Verknüpfung von sozialer Mediennutzung mit irregulärer Migration und definiert die zentralen Forschungsfragen der Untersuchung.
Kapitel 2: Theoretischer Rahmen und Forschungsstand: Hier werden die theoretischen Fundamente wie Abdelmalek Sayads Konzept der doppelten Abwesenheit, der Begriff des digitalen Habitus, virtuelle Welten sowie Filterblasen und Echokammern ausführlich beleuchtet.
Kapitel 3: Methodologie: Dieses Kapitel beschreibt das qualitative Forschungsdesign, die Durchführung von halbstrukturierten Interviews in Casablanca, Istanbul und Frankfurt sowie die Methode der digitalen Ethnografie und ethische Anisomierungsfragen.
Kapitel 4: Konzeptueller und theoretischer Rahmen: Es vertieft die Verknüpfung der theoretischen Konzepte (digitaler Habitus, virtuelle Welten und doppelte Abwesenheit) und bereitet deren Anwendung auf die empirischen Daten vor.
Kapitel 5: Ergebnisse (Findings): Der Hauptteil analysiert die empirischen Ergebnisse zu sozialer Klasse, der Bedeutung von Musik, virtuellen Identitäten, Selfies als Ritualen der Ankunft sowie der Rolle sozialer Medien auf dem Weg nach Europa.
Kapitel 6: Fazit: Das Fazit fasst die wesentlichen wissenschaftlichen Erkenntnisse der Arbeit zusammen, diskutiert die Ergebnisse und gibt wertvolle Ausblicke auf Implikationen für die zukünftige Migrationsforschung.
Schlüsselwörter
Irreguläre Migration, Soziale Medien, Digitaler Habitus, Marokko, Haraga, Virtuelle Welten, Filterblasen, Echokammern, Identitätsbildung, Migration aus Marokko, Ankunfts-Selfie, Doppelte Abwesenheit, Digitale Ethnografie, Musik und Habitus, Migration und Kultur.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit im Wesentlichen?
Die Arbeit untersucht die zentrale Rolle, die soziale Medien im Alltag und auf dem Weg von irregulären marokkanischen Migrant:innen von Marokko über die Türkei nach Deutschland spielen.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Zu den Kernbereichen gehören die digitale Anthropologie, der Einfluss sozialer Klassen auf die Mediennutzung, die Konstruktion virtueller Identitäten sowie kulturelle Narrative rund um das Thema Auswanderung.
Welches primäre Ziel oder welche Forschungsfrage verfolgt die Autorin?
Es wird analysiert, wie sich die Bedeutung sozialer Medien im Herkunfts-, Transit- und Zielland verändert und wie der digitale Habitus das Verhalten sowie die Wahrnehmung von jungen Migrant:innen prägt.
Welche wissenschaftliche Methode wurde für die Datenerhebung eingesetzt?
Die Datenerhebung basierte auf einem qualitativen Design mit halbstrukturierten Interviews in Marokko, der Türkei und Deutschland sowie auf der Analyse digitaler Inhalte aus Facebook-Gruppen im Rahmen einer digitalen Ethnografie.
Welche Inhalte werden im umfangreichen Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil widmet sich der detaillierten Auswertung zu sozialer Klassenzugehörigkeit, der emotionalen Bedeutung von Migrationsliedern, der Symbolkraft von Ankunfts-Selfies und der Bewältigung von Enttäuschungen im Ausland.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Publikation am besten?
Irreguläre Migration, soziale Medien, digitaler Habitus, Haraga, Filterblasen, virtuelle Welten und doppelte Abwesenheit fassen die thematische Ausrichtung präzise zusammen.
Welche spezifische Rolle spielen sogenannte „Haraga-Lieder“ für die Jugendlichen?
Haraga-Lieder dienen nicht nur der Unterhaltung, sondern fungieren als kulturelle Gedächtnisstütze und psychologisches Instrument zur Bewältigung von Traurigkeit, Hoffnung und der Identitätsfindung auf dem Fluchtweg.
Welche psychologische Funktion erfüllen Ankunfts-Selfies für die Migranten?
Ankunfts-Selfies in Europa fungieren als feierliche Übergangsrituale, die den Daheimgebliebenen Erfolg signalisieren und den Migranten als Helden inszenieren, während sie gleichzeitig oft die reale bittere Armut und Prekarität überdecken.
Wie wirken sich Filterblasen auf das Informationsverhalten der auswanderungswilligen Jugendlichen aus?
Algorithmen und Echokammern bestärken die Jugendlichen einseitig in ihren Wunschvorstellungen vom vermeintlichen europäischen Paradies, während kritische oder realistische Berichte über die Gefahren der irregulären Migration ausgeblendet werden.
Inwiefern hat sich die Rolle von Frauen in der marokkanischen Migrationskultur verändert?
Die Arbeit zeigt am Beispiel von TikTok- und Facebook-Inhalten, dass Migration nicht mehr ausschließlich ein männlich dominiertes Phänomen ist, sondern auch Frauen zunehmend als aktive Akteurinnen ihre Reise digital dokumentieren und dadurch Vorbilder schaffen.
- Quote paper
- Ilham Talbi (Author), 2025, Die Bedeutung sozialer Medien für irreguläre marokkanische Migrant:innen auf dem Weg von Marokko über die Türkei nach Deutschland, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1775068