Die Mutter-Tochter-Beziehung in Anna-Leena Härkönens Roman „Herzstechen“


Hausarbeit (Hauptseminar), 2006

22 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

I. Einleitung

II. Feministische Autobiografien

III. Anna-Leena Härkönen: Herzstechen
a) Erinnerungen: Kindheit - Jugend - Ehe
b) Astas Gefühle: Angst und Schuld
c) Die Mutter
d) Das Ende des Romans

IV. Anja Snellman: Zeit der Haut

V. Schluss

VI. Quellen

I. Einleitung

Die Mutter ist immer eine wichtige Person im Leben einer Tochter, und das Verhältnis zu eben jener Frau ist auch als Erwachsene von großer Bedeutung. Daher ist es nicht verwunderlich, dass die Mutter-Tochter-Beziehung ein häufiges Thema in weiblichen Autobiografien ist.

Ziel vorliegender Arbeit ist es, das Mutter-Tochter-Verhältnis in Anna- Leena Härkönens Roman „Herzstechen“ zu analysieren. Zu diesem Zweck soll zunächst geklärt werden, was das Genre der Autobiografie ausmacht und welches Anliegen der Feminismus an Autobio-grafien hat.

Danach wird Härkönens „Herzstechen“ genauer untersucht: Die Erin- nerungen der Hauptperson Asta, ihre Gefühle und ihre Mutter. Da Herzste- chen die Mutter-Tochter-Thematik auf typische Weise verarbeitet, d.h. das Selbst erhält Subjektivität, der Mutter wird sie aberkannt, soll ein weiteres Werk, nämlich Anja Snellmans Buch „Zeit der Haut“ als Vergleich herange- zogen werden. Dort wird dieselbe Grundthematik auf völlig andere Weise aufgearbeitet.

Zum Schluss soll die Darstellung des Selbst und der Mutter in beiden Werken direkt verglichen werden.

Als Primärliteratur dienen die beiden oben genannten Romane von Anna-Leena Härkönen und Anja Snellman. Verwendet werden aber auch Aufsätze, die sich mit feministischen Autobiografien auseinandersetzen.

II. Feministische Autobiografien

Es ist schwierig, Autobiografien als distinktives Genre zu definieren, da sich Autobiografien zwischen verschiedenen Grenzen bewegen: Den Grenzen zwischen Fakt, also dem tatsächlichen Leben eines Autors, und Fiktion, d.h. erfundenen Geschichten und Erinnerungen; den Grenzen zwischen Persönlichem, also der Frage nach einem inneren Drang, eine Autobiografie zu schreiben, und Gesellschaftlichem, d.h. einem externen Bedürfnis dazu; und den Grenzen zwischen Alltäglichem und Literarischem. Die Herausforderung traditioneller Grenzen war jedoch immer schon entscheidend für das feministische Projekt (Cosslett/Lury/Summerfield 2000: 1).

Autobiografien dienen der Erzeugung von Subjektivität und stellen einen Prozess der Selbstkonstruktion dar (Steedman 2000: 25). Das feministische Interesse für Autobiografien liegt in den Möglichkeiten, die das Schreiben von Autobiografien Frauen bieten. In einer patriarchalischen Kultur, in der Frauen als Objekte kategorisiert werden, befähigen Autobiografien Frauen dazu, sich selbst als Subjekte mit einem eigenen Selbstsein auszudrücken (Cosslett/Lury/Summerfield 2000: 5f.).

Mithilfe von Autobiografien kann weibliche Erfahrung sichtbar gemacht werden, die wiederum als Quelle der Erzeugung weiblicher Erkenntnis dient. Diese Erkenntnis ist nicht objektiv gegeben, sondern wird von Subjekten erzeugt, die in bestimmten gesellschaftlichen Beziehungen und historischen Diskursen situiert sind (Cosslett/Lury/Summerfield 2000: 2). Frauen haben ein unterschiedliches Selbst: fragmentiert und relationell. Oft haben Frauen Schwierigkeiten mit dem Selbstsein, weshalb sich in ihren Autobiografien Fiktion und Biografien anderer mit ihrem eigenen Selbst vermischen (Cosslett/Lury/Summerfield 2000: 2).

Ihr relationelles Selbst ist eng verbunden mit Intersubjektivität, dem Wissen darum, dass jedes Selbst nur durch die Integration mit anderen struk- turiert und erzeugt wird (Cosslett/Lury/Summerfield 2000: 7). Diese Intersub- jektivität ist Kennzeichen feministischer Autobiografien und weist auf die Or- ganisation weiblicher Erfahrung hin. Unsere Erfahrung ist sowohl narrativ als auch dialogisch organisiert, d.h. die Erzählung eines Lebens ist nie nur auf ein einzelnes, isoliertes Selbst beschränkt. Andere sind immer integraler Be- standteil unseres Bewusstseins und daher kann auch die Erzählung eines Selbst nie in Isolation von anderen verstanden werden (Coss- lett/Lury/Summerfield 2000: 4). Diese Intersubjektivität ermöglicht es, eine Beziehung zwischen persönlichen und gesellschaftlichen Erzählungen, zwi- schen Erzähler und Publikum herzustellen (Cosslett/Lury/Summerfield 2000:3).

Eine Begründung für das relationelle Selbst von Frauen lieferte 1978 die Psychoanalytikerin Nancy Chodrow. Sie stellte die Behauptung auf, dass Jungen und Mädchen ihren Sinn für Identität auf unterschiedliche Weise ausbilden: Während Jungen sich selbst als Gegensatz zu Frauen definieren, setzen Mädchen sich selbst zu andern Frauen in Beziehung und gehen da- her mit einem fließenden Sinn des Selbst aus ihrer Kindheit hervor (Coss- lett/Lury/Summerfield 2000: 6). Dieser fließende Sinn des Selbst entwickelt sich oft durch die Beziehung zu ihren Müttern, weshalb Mutter-Tochter- Beziehungen ein wichtiger Teil weiblicher Autobiografien sind.

Die Darstellung der Mutter ist eng mit der eigenen Subjektivität ver- knüpft, daher werden die Biografien der Mütter häufig in die eigenen Autobi- ografien eingeführt. Charakteristisch ist es jedoch, dass den Müttern die ei- gene Subjektivität aberkannt wird und oft rein subjektive Erfahrungen und Erinnerungen mit den Müttern geschildert werden. Die Illustration der Mutter ist nicht selten geprägt von einem Kampf der beiden Parteien - dem Selbst und der Mutter - um die Kontrolle des Lebens, der nötig ist, um eine eigene Subjektivität zu entwickeln (Cosslett/Lury/Summerfield 2000: 4).

Autobiografien haben vielfach Ähnlichkeiten mit Tagebüchern. Diese dienen als Quelle, um Zutritt zur Darstellung der Entwicklung weiblicher Subjektivität zu gewähren (Kurvet-Käosaar o.J.: 70). Ein Tagebuch als Dokumentation des Erwachsenwerdens zeigt das Bemühen von Frauen, sich selbst in ihrer Umgebung zu platzieren (Kurvet-Käosaar o.J.: 71) und liefert Erkenntnisse über die eigene Entwicklung.

Auch wenn Autobiografien nicht im linearen Stil eines Tagebuchs ver- fasst werden, sind Erinnerungen doch fester Bestandteil weiblicher Autobio- grafien. Solche Erinnerungen sind charakterisiert durch eine fragmentierte, nicht-lineare Qualität von Momenten aus der Vergangenheit und setzen je- den Hinweis auf eine stabile Subjektivität unter Druck. Sie sind außerdem ein mächtiges Instrument der Bewusstseinsbildung, da sie die Entwicklung einer kritischen Einstellung bezüglich des eigenen Lebens und des Lebens der Personen um das Selbst herum ermöglichen. Damit führen Erinnerungen und die mit ihnen verbundene reflexive Wirkung weg von einer eindimensionalen Interpretation der Wahrheit (Cosslett/Lury/Summerfield 2000: 9).

Erinnerungen haben zudem weder nur eine Quelle noch einen einzigen Besitzer. Sie übernehmen damit sowohl eine intersubjektive als auch dialogische Funktion persönlicher Identifikation und gesellschaftlicher Verpflichtung. Eine Erinnerung kann zwar einzig uns gehören. Sie kann aber ebenso objektiviert und damit ein Anliegen öffentlicher Konventionen und geteilter Normen sein (Cosslett/Lury/Summerfield 2000: 5).

Autobiografien dienen nicht nur feministischen Anliegen. Sie faszinieren den Leser auf eine Weise, wie sich am besten von der finnischen Autorin Pirkko Saisio ausgedrückt wurde:

„We look into the mirror to wonder at the fact that we have the ability to divide in two, into she who looks and she who is looked at” (2001: 105).

III. Anna-Leena Härkönen: Herzstechen

In ihrem Roman “Herzstechen” lässt Anna-Leena Härkönen ihre Hauptperson Asta ihr Leben autobiografisch erzählen, das hauptsächlich von ihrer Mutter bestimmt wird, von der sich Asta nicht lösen kann.

Das Buch liest sich wie ein Tagebuch. Der Hauptcharakter Asta ist 33 Jahre alt und hat sich gerade von ihrem Mann Ari getrennt, der sie während der Ehe geschlagen und misshandelt hat. Teilweise berichtet Asta über aktuelle Geschehnisse, die sie in chronologischer Reihenfolge wiedergibt. Dennoch gleicht der Roman mehr einem Tagebuch, da Asta viel über ihre Gefühle, Gedanken und Ängste spricht. Zentraler Teil des Buches sind außerdem zahlreiche Rückblenden, in denen der Leser von Astas subjektiven Erinnerungen aus ihrer Kindheit, Jugend und Ehe er- fährt. Knoten- und Angelpunkt in Astas Leben ist ihre Mutter, um die sich Astas Gedanken kreisen.

a) Erinnerungen: Kindheit - Jugend - Ehe

Um die Mutter-Tochter-Beziehung in Härkönens Werk analysieren zu können, ist es zunächst nötig, Astas Erinnerungen aufzuarbeiten. Ihre Erinnerungen lassen sich in drei Teile oder auch Lebensabschnitte aufteilen: Astas Kindheit, Jugend und ihre Ehe.

Astas Kindheitserinnerungen sind widersprüchlich. Teilweise er- zählt sie sehr glücklich von ihrer Mutter: Sie konnte sich über alles mit ihr unterhalten, durfte überall spielen, bekam Süßigkeiten und hatte die schönsten Geburtstagsfeiern. Sie erinnert sich daran, wie sorgsam sich ihre Mutter um sie kümmerte, wenn sie krank war, und wie geborgen sie sich gefühlt hatte.

Auf der anderen Seite hat Asta schon als Kind extreme Angst.

„Meine Kindheit ist ein langer, dunkler Korridor, in dem man kein Licht einschalten darf […]“ (Härkönen 2001: 87).

Sie hat Albträume und möchte zu ihren Eltern ins Bett kriechen, was ihre Mutter ihr aber verwehrt.

[...]

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Die Mutter-Tochter-Beziehung in Anna-Leena Härkönens Roman „Herzstechen“
Hochschule
Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald  (Nordisches Institut)
Veranstaltung
New literature, new women: finnish women authors from 1920’s to the present
Note
2,0
Autor
Jahr
2006
Seiten
22
Katalognummer
V177670
ISBN (eBook)
9783640993635
Dateigröße
627 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Finnische Literatur, Frauenliteratur, Anna-Leena Härkönen, Herzstechen, Fennistik
Arbeit zitieren
Katrin Bogner (Autor), 2006, Die Mutter-Tochter-Beziehung in Anna-Leena Härkönens Roman „Herzstechen“, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/177670

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