Der Pavillon als Fenster zwischen den Welten

Das Sehen und Gesehenwerden im Fokus des Romans Alice Sebolds ‚In meinem Himmel‘, ihre Wechselwirkungen und die letztliche Erlösung der Lebenden sowie Susies durch den Blick zwischen den Welten


Seminararbeit, 2011

13 Seiten, Note: 3,0


Leseprobe

Inhaltverzeichnis

1. Einleitung

2. Alice Sebolds ‚In meinem Himmel‘
2.1 Kurze Inhaltszusammenfassung
2.2 Die Erzählsituation im Roman
2.3 Der historische Hintergrund im Bezug zum Roman

3. Der Pavillon als Fenster zwischen den Welten
3.1 Die Bedeutung des Pavillons in Susies eigenem Himmel
3.2 Der Wechsel der Positionen der Beobachter und der Gesehenen

4. Schlusswort

5. Literatur- und Internetquellenverzeichnis

6. Abbildungsverzeichnis

1. Einleitung

Zwei Dinge sind uns Menschen ganz gewiss: Wir werden geboren, um zu leben und werden eines Tages aus diesem Leben durch den Tod wieder herausschreiten. Über das Leben haben wir Menschen im Laufe der Jahrtausende viel gelernt. Wir haben Regeln und Gesetze aufgestellt, haben einen Sinn im Leben gefunden und zahlreiche Ratschläge und Anleitungen entwickelt, wodurch das Leben schöner und womöglich auch länger werden kann.

Über das sogenannte ‚ Leben nach dem Tod ‘ wissen wir jedoch auch nach unserer langen Zeit des Menschendaseins nur kaum etwas. Das Sterben ist ein Vorgang, der sich erklären lässt, aber das Jenseits bleibt ein Rätsel bis in alle Ewigkeit. Über den Tod wird viel philosophiert, denn je nach Glaubensrichtung bedeutet er etwas anderes. Für manche ist der Tod „[…]kein Abschnitt des Daseins, sondern nur ein Zwischenereignis, ein Übergang aus einer Form des endlichen Wesens in eine andere“[1], für andere ist er schlichtweg „[…]der Verlust der Wahrnehmung[…].“[2] Ganz gleich, ob die Menschen an das Jenseits, die Wiedergeburt oder das Ende glauben, der Tod bedeutet immer das (kurzzeitige oder dauerhafte) Verschwinden aus der Welt der Lebenden und somit das Erlöschen jeglicher Wahrnehmung. Die Sinnesorgane beenden ihren Dienst mit dem Stillstand des Herzens und können nicht mehr sehen, hören, riechen oder fühlen. Mit dem Tod einer Person endet die Möglichkeit zu sehen, aber ebenso auch die Chance gesehen zu werden.

Die US-amerikanische Schriftstellerin Alice Seboldabb01 beschreibt in ihrem Roman ‚ In meinem Himmel ‘ jedoch eine ganz andere Sichtweise auf den Tod. Für sie ist der Tod nicht das Ende der Wahrnehmung, sondern vielmehr die Intensivierung des Sehens und Hörens aus Sicht der Verstorbenen. Hierzu lässt ein Pavillon eine Brücke zwischen der Erde und dem Himmel der verstorbenen Protagonistin entstehen, welches als Fenster sowie als Tür dient. Wieso ein Pavillon dies alles möglich macht, welche tiefere Signifikanz es innehat, wie das Sehen und Gesehenwerden letztlich im Roman funktioniert und welche Rolle der Wechsel der Positionen des Beobachters sowie des Gesehenen spielt, wird in der nun folgenden Hausarbeit herausgestellt. Doch zunächst, bevor am Text gearbeitet werden kann, wird der Roman vorgestellt und anschließend darauf eingegangen, welcher historische Hintergrund im Kontext zu den Geschehnissen im Buch steht.

2. Alice Sebolds ‚In meinem Himmel‘

2.1 Kurze Inhaltszusammenfassung

Susie Salmon ist ein ganz normales Mädchen. Sie wächst als älteste von drei Geschwistern in einer amerikanischen Kleinstadt auf, wird von ihren Eltern geliebt und beginnt sich zu verlieben. Sie ist vierzehn Jahre alt, als sie auf dem Nachhauseweg von Mr. Harvey, einem ihrer Nachbarn, auf einem Maisfeld abgefangen, in eine Falle gelockt, missbraucht und letztlich ermordet wird. Susies Leben endet in diesem Maisfeld, doch ihre Existenz nicht. In ihrem eigenen Himmel, einer Art Zwischenwelt zwischen Himmel und Erde, beobachtet sie das Leben auf der Erde und versucht nicht nur durch ihr krampfhaft angestrebtes Intervenieren in die Welt der Lebenden, ihren Freunden und Verwandten bei ihrem Verlust zu helfen, sondern ebenso ihre Familie auf die Spuren des Mörders zu bringen, damit sie Seelenfrieden finden und die Zwischenwelt verlassen kann.

2.2 Die Erzählsituation im Roman

Der Roman beginnt mit den einführenden Worten: „Mein Nachname war Salmon […], Vorname Susie. Ich war vierzehn, als ich am 6. Dezember 1973 ermordet wurde.“[3] Der Inhalt des ersten Satzes sowie die im Roman verwendete Zeitform Präteritum verdeutlichen dem Leser, dass die Protagonistin zum Zeitpunkt des Romanbeginns bereits verstorben ist. Daraus folgt, dass Susie innerhalb des Romans die Position des Ich-Erzählers einnimmt und der Leser nur all das weiß und liest, was sie sagt und beschreibt. Es gibt demnach nur den einen Blick aus ihr heraus und keinen auktorialen. Zwar ist der Leser auf die Informationen angewiesen, die Susie auswählt, diese hat jedoch die Möglichkeit nach ihrem Tod alles auf der Erde zu beobachten, was sie möchte: Sie kann ihre Familie und Freunde sehen, aber auch den Mörder sowie Fremde. Sie ist demnach eine Ich-Erzählerin mit einem auktorialen Blick. Sie beschreibt dabei nicht nur, wie ihr Leben vor ihrem Tod war, sondern erläutert all jene Dinge, die sie von ihrem Himmel aus sehen kann, sowie die Erinnerungen verschiedener Personen, so zum Beispiel eine Vielzahl Erinnerungen des Mörders, auf die sie ebenfalls Zugriff hat. Susie Salmon gibt dadurch dem Leser einen umfassenden Einblick in die Gedanken und Taten der Lebenden, die sie fokussiert.

Hierbei erzählt sie ihre Erlebnisse und die Dinge, die sie sieht, nicht chronologisch. Das Buch beginnt damit, dass sie davon berichtet, dass sie bereits tot ist, springt dann jedoch immer wieder zwischen ihrer Gegenwart, d.h. zwischen dem, was sie auf der Erde sieht, zu den Erinnerungen, die sie selbst hatte oder die sie von anderen sehen kann. Demnach springt sie stets zwischen Vergangenem und Gegenwärtigem.

2.3 Der historische Hintergrund im Bezug zum Roman

In ihren ersten Sätzen setzt die Protagonistin Susie für den Roman bzw. für die Geschehnisse in ihm einen historischen Rahmen. Sie erläutert im ersten Absatz aber nicht nur, dass sie „[…] am 6. Dezember 1973 ermordet wurde“[4] und demnach die Handlung innerhalb dieses Jahres einsetzt, sondern beschreibt sie zudem die Zeit, in der sie gelebt hat:

„Auf Zeitungsfotos in den Siebzigern sahen die vermissten Mädchen meistens aus wie ich: hellhäutig und mit mausbraunen Haaren. Das war, bevor Bilder von Kindern aller Hautfarben und Geschlechter nach und nach auf Milchtüten und in der Tagespost auftauchten. Damals glaubten die Leute noch, so etwas geschehe einfach nicht.“[5]

Sie lebte demzufolge in einer Zeit, in der Kindesmorde selten geschahen bzw. selten in der Öffentlichkeit angesprochen wurden. Während in den gegenwärtigen Medien im 21.Jhd. beinah täglich von Kindesentführungen und –ermordungen berichtet werden, gab es diese Nachrichten 1973 nur kaum. Da Kinder insbesondere in einer kleinen Vorstadt, wie diese in der Susie aufgewachsen ist, nie verschwanden, ist die Reaktion der Polizei sowie der Anwohner des Ortes vollkommen nachvollziehbar: Die Polizei schließt ab dem Zeitpunkt, ab dem Susies Ellenbogen sowie eine mit ihrem Speichel durchdrängte Mütze gefunden wurden, ein Gewaltverbrechen mit Todesursache nicht mehr aus, findet den Mörder jedoch nicht und dass obwohl dieser in der gleichen Straße lebt wie Susies Familie. Ebenso sind die Nachbarn von diesem bisher in der Vorstadt nie aufgetretenem Geschehnis so erschüttert, dass sie weder wissen, wie sie mit den Hinterbliebenen interagieren sollen[6] noch kommen sie auf die Idee, dass der Täter einer von ihnen gewesen sein könnte.

Die Zeit in der Susie lebte wurde ihr zum Verhängnis. In den 80er Jahren wurde in den Medien äußerst selten von Kindesmorden berichtet, sodass diese doch immer drohende Gefahr von Eltern nicht gesehen wurde. Demnach wurden die Kinder auch in der Regel nicht vor den drohenden Gefahren gewarnt und waren ihren Nachbarn und Fremden gegenüber gutgläubig. Das ist der Grund, wieso Susie in die gefährliche Situation kam und diese nicht mehr verlassen konnte: Sie sah ihren Nachbarn, war sich der Bedrohung nicht bewusst und ging mit ihm in den unterirdischen Bau, den er errichtete, um sie hereinzulocken und umzubringen.

[...]


[1] Zitat: von Humboldt, William. URL: http://www.zitate.de/db/ergebnisse.php?sz=2&stichwort=&kategorie=Tod&autor= (Zugriff: 26.07.2011).

[2] Zitat: Epikur: http://www.individuelle-urnen.de/philosophisches.php (Zugriff: 26.07.2011).

[3] Sebold, Alice: In meinem Himmel. Übers. Von Almuth Carstens. Wilhelm Goldmann Verlag: München 2005. Seite 9.

[4] Ebenda.

[5] Ebenda.

[6] Ein Beispiel dafür findet sich an verschiedenen Stellen des Romans. Susies kleinere Schwester kehrt beispielsweise nach ein paar Wochen in die Schule zurück und wird von allen beobachtet.

Ende der Leseprobe aus 13 Seiten

Details

Titel
Der Pavillon als Fenster zwischen den Welten
Untertitel
Das Sehen und Gesehenwerden im Fokus des Romans Alice Sebolds ‚In meinem Himmel‘, ihre Wechselwirkungen und die letztliche Erlösung der Lebenden sowie Susies durch den Blick zwischen den Welten
Hochschule
Universität Erfurt
Note
3,0
Autor
Jahr
2011
Seiten
13
Katalognummer
V177701
ISBN (eBook)
9783640994434
ISBN (Buch)
9783640995349
Dateigröße
558 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
In meinem Himmel, Sebold, Himmel, Sehen, Gesehenwerden, Pavillon, Fenster
Arbeit zitieren
Susanne Hahn (Autor), 2011, Der Pavillon als Fenster zwischen den Welten, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/177701

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