Seit den 1980er Jahren hat sich das Konzept der Lebensbewältigung in der Sozialen Arbeit und Sozialpädagogik etabliert und liefert zudem auch der Sozialisationstheorie bedeutsame Erkenntnisse. In den letzten Jahrzehnten hat es sich in einem Prozess der Modifizierung weiterentwickelt und wird stark von den sozialpolitischen und gesellschaftlichen Bedingungen beeinflusst. Daher ist es ein komplexes Konzept, welches sich als handlungstheoretisch versteht und dem Einfluss des stetigen Wandels unterliegt.
Es stellt fassend dar, wie sich Klient*innen in schwierigen Lebenssituationen Handlungsfähigkeit bewahren. Es beleuchtet die individuellen Situationen der Adressat*innen in sozioökonomischer, psychosozialer aber auch politisch-dynamischer Weise, sodass allseitig und biografisch erarbeitet werden kann, wo diese stehen und was genau zu der kritischen Lebenslage geführt hat.
Da das Konzept das Lebensalter und auch das Geschlecht berücksichtigt, insbesondere das des Mannes, soll auf das Thema der männlichen Bewältigung näher eingegangen und diskutiert werden. Zudem soll die praktische Relevanz einer geschlechtsdifferenten Sozialarbeit nach Lothar Böhnisch dargestellt werden.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1 Was ist Lebensbewältigung?
1.1 Das Konzept Lebensbewältigung und seine Entstehung
1.2 Abspaltung
1.3 Lebensalter
1.4 Geschlechtsdifferentes Bewältigungsverhalten
2 Die handlungswissenschaftliche Komponente
2.1 Akzeptanz
2.2 Reframing, funktionale Äquivalente und Milieubildung
3 Die Lebensbewältigung im Kontext Gender orientierter Arbeit
4 Fazit
Zielsetzung und Themen
Das Hauptziel der Arbeit besteht darin, das Konzept der Lebensbewältigung nach Lothar Böhnisch in seiner theoretischen Fundierung und praktischen Relevanz für die Soziale Arbeit zu untersuchen, wobei ein besonderer Schwerpunkt auf der männlichen Sozialisation und dem geschlechtsdifferenten Bewältigungsverhalten liegt.
- Das theoretische Konzept der Lebensbewältigung und seine historische Entstehung
- Die Mechanismen der äußeren und inneren Abspaltung bei Bewältigungsproblemen
- Die Bedeutung des Lebensalters und gesellschaftlicher Wandlungsprozesse
- Geschlechtsdifferentes Bewältigungsverhalten und männliche Sozialisationsstrukturen
- Handlungswissenschaftliche Komponenten wie Akzeptanz, Reframing und Milieubildung
- Kritische Reflexion des Ansatzes im Kontext einer geschlechterreflektierten Sozialen Arbeit
Auszug aus dem Buch
1.2 Abspaltung
Mangelt es einer Person an den nötigen Ressourcen um negative Ereignisse zu überwinden, kann sie unterbewusst mit einem abweichenden Verhalten versuchen, Selbstwirksamkeit zu erreichen. Böhnisch unterscheidet hier zwei Arten der Abspaltung in der geschlechtsdifferenten Ursächlichkeit. Er beschreibt den Mechanismus einer „äußeren Abspaltung“ sowie eine „inneren Abspaltung“.
Der äußeren Abspaltung legt er eine Ablaufdynamik von „innerer Hilflosigkeit – Unfähigkeit zur Thematisierung – Abspaltung durch Kompensation/Projektion „(Böhnisch 2016, S.22) zugrunde, die unbewusst zu deviantem Verhalten führen kann, bis hin zu Gewalttaten. Dieses Muster schreibt er insbesondere Männern zu.
Die innere Abspaltung, welche Böhnisch eher dem weiblichen Geschlecht zuschreibt, ist gekennzeichnet von autoaggressivem Verhalten in verschiedensten Formen wie „Selbstverletzung, Ernährungsstörungen, aber auch Medikamentenmissbrauch und der Depressivität (ebd., S.24).
Dieses geschlechtsdifferente Bewältigungsverhalten wird jedoch nicht direkt pauschalisiert, vielmehr wird ihm eine Tendenz zugesprochen, einer gewissen Häufigkeit, insbesondere bei Umfeldern mit traditionellen Rollenverteilungen und Vorstellungen von Männlichkeit und Weiblichkeit.
„So wie der soziale Habitus allgemein auf soziale Herkunft des/der Betreffenden verweist, bezieht sich der Geschlechterhabitus auf das System der geschlechtshierarchischen Arbeitsteilung, in dem […] Beziehungsarbeit immer noch geringer bewertet wird als […] Erwerbsarbeit“ (ebd., S.32). Der Begriff Geschlechterhabitus ist durch die Pluralisierung von diversen Geschlechtsrepräsentationen heutzutage nicht mehr sinnvoll. Durch die Gleichstellungspolitik und somit Anerkennung von Vereinbarkeit zwischen Arbeit und Familie für die Frauen, ist der Rückbezug auf die Lebenslage wichtig (vgl. ebd., S.33).
Böhnisch konstatiert, dass der Begriff der „Männlichkeit“ und „Weiblichkeit“ als ein Bewältigungsmuster mit biografischer Handlungsfähigkeit zu betrachten sei, welches aktiviert wird, „wenn es Druck und Dynamik der Lebenskonstellationen erfordern“ (ebd., S.33).
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Die Einleitung führt in das Konzept der Lebensbewältigung in der Sozialen Arbeit ein und skizziert die Relevanz der männlichen Bewältigung sowie einer geschlechtsdifferenten Sozialarbeit.
1 Was ist Lebensbewältigung?: Dieses Kapitel beleuchtet die theoretischen Grundlagen, die Entstehung des Konzepts durch Lothar Böhnisch sowie zentrale Aspekte wie Abspaltung, Lebensalter und geschlechtsdifferentes Bewältigungsverhalten.
2 Die handlungswissenschaftliche Komponente: Es werden methodische Zugänge für die Praxis der Sozialen Arbeit vorgestellt, darunter die akzeptierende Haltung, Reframing, funktionale Äquivalente und Milieubildung.
3 Die Lebensbewältigung im Kontext Gender orientierter Arbeit: Das Kapitel vertieft die Notwendigkeit einer geschlechtssensiblen Sozialen Arbeit, um dem individuellen Zugang zur Betroffenheit gerecht zu werden.
4 Fazit: Das Fazit fasst die Erkenntnisse zusammen, kritisiert die normativen Definitionen von Devianz bei Böhnisch und diskutiert den Stellenwert der Theorie im Vergleich zu konstruktivistischen Ansätzen.
Schlüsselwörter
Lebensbewältigung, Lothar Böhnisch, Soziale Arbeit, Sozialisation, Abspaltung, Männlichkeit, Weiblichkeit, Geschlechterhabitus, Handlungsfähigkeit, Bewältigungsverhalten, Akzeptanz, Milieubildung
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit im Grundsatz?
Die Arbeit befasst sich im Grundsatz mit dem Konzept der Lebensbewältigung nach Lothar Böhnisch und dessen Bedeutung für die Soziale Arbeit und Sozialpädagogik, insbesondere im Hinblick auf den Umgang mit kritischen Lebenssituationen und gesellschaftlichem Wandel.
Was sind die zentralen Themenfelder, die in der Publikation behandelt werden?
Zentrale Themenfelder sind die Entstehung und die Dimensionen des Konzepts der Lebensbewältigung, psychodynamische und soziodynamische Hintergründe, Mechanismen der Abspaltung, der Einfluss des Lebensalters sowie geschlechterbezogene Bewältigungsmuster.
Welches primäre Ziel oder welche Forschungsfrage verfolgt die Arbeit?
Das primäre Ziel besteht darin, darzustellen, wie Klientinnen und Klienten in schwierigen Lebenssituationen Handlungsfähigkeit bewahren, und zu analysieren, wie Lothar Böhnisch die männliche Sozialisation und geschlechtsdifferente Bewältigungsstrategien theoretisch erfasst.
Welche wissenschaftliche Methodik oder Herangehensweise wird verwendet?
Die Arbeit stützt sich auf eine Literatur- und Theorieanalyse, bei der die Schriften von Lothar Böhnisch sowie ergänzende theoretische und empirische Bezüge (wie zur Individualpsychologie und zu Gender-Studien) systematisch aufgearbeitet und kritisch reflektiert werden.
Welche Inhalte werden im Hauptteil der Arbeit ausführlich besprochen?
Im Hauptteil werden das Konzept der Lebensbewältigung und seine Entstehung, die Unterscheidung zwischen äußerer und innerer Abspaltung bei Männern und Frauen, die historische Entwicklung der Lebensalter sowie handlungswissenschaftliche Methoden wie Akzeptanz und Reframing detailliert erläutert.
Durch welche Schlüsselwörter lässt sich die Arbeit treffend charakterisieren?
Die Arbeit lässt sich besonders durch Begriffe wie Lebensbewältigung, Böhnisch, Abspaltung, Männlichkeit, Sozialisation, Geschlechterhabitus und handlungswissenschaftliche Methoden charakterisieren.
Wie definiert Lothar Böhnisch den Zusammenhang zwischen gesellschaftlichen Strukturen und individuellem Bewältigungsverhalten?
Böhnisch verbindet sozialpolitische und soziologische Bewältigungstatsachen der industriellen Risikogesellschaft mit psychoanalytischen Erklärungsansätzen für den individuellen Bewältigungsvorgang, wobei strukturelle gesellschaftliche Bedingungen pädagogisch transformiert werden müssen.
Welche spezifischen Unterschiede beschreibt Böhnisch zwischen männlichem und weiblichem Bewältigungsverhalten?
Männer neigen laut Böhnisch eher zu einer äußeren Abspaltung mit Externalisierung, Gewalt und Stummheit, während Frauen eher zu einer inneren Abspaltung mit autoaggressivem Verhalten, Verschwiegenheit und nach innen gerichteten Konflikten tendieren.
- Citation du texte
- Yuko Nishino (Auteur), 2019, Die Lebensbewältigung. Eine Theorie von Lothar Böhnisch, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1779774