Ich habe mich nie um unser Gesundheitssystem gekümmert, aber es hat sich immer sehr gut um mich gekümmert. Als Kind hat es mich mehrfach zusammengeflickt, ohne dass meine alleinerziehende Mutter dafür Extraausgaben hatte. Als ich von Zuhause auszog um zum ersten Mal studieren zu gehen, bekam ich meine eigenen Krankenscheinhefte, ohne dass ich etwas bezahlen musste. Als mein Mann aus Großbritannien nach Deutschland kam, hat man ihn unproblematisch in die Solidargemeinschaft aufgenommen. Wir verdanken die Existenz unserer Familie auch der Tatsache, dass uns bei den komplizierten Geburten unserer Kinder Fachleute der Geburtshilfe zur Seite standen, ohne Forderung finanzieller Vorleistungen. Als Mutter ging ich mit meinen Kindern immer gerne zu den Vorsorgeuntersuchungen und nutze auch selbst die Vorsorgeangebote. Häufig verschriebene Pharmabomben, von Antibiotika bis Kortisoncremes lehne ich dankend ab, da die einen das Immunsystem schwächen und die anderen nur temporäre Linderung bringen, und greife mit Erfolg auf homöopathische Mittel zurück, die mich ein klassischer Homöopath anwenden gelehrt hat. Das hat dem System in den letzten 20 Jahren eine Menge Geld gespart. Eine Parodontitis zwingt mich dazu, mich 3x im Jahr einer professionellen Zahnreinigung zu unterziehen. Das ist eine Quälerei und kostet jedes Mal 75 Euro. Dem, der sich das nicht leisten kann, drohen Zahnausfall, Herz-Kreislauferkrankungen bis zu Herzinfarkt, erhöhtes Risiko für Diabetes Mellitus und siebenfach erhöhtes Risiko für Fehlgeburten!!!! Die medizinischen Kosten dafür trägt die Krankenkasse dann wieder. Die folgende Arbeit soll dieses System vorstellen, was viele Facetten hat über die wir dankbar sein können und die schützenswert sind, aber auch viele ökonomische Widersprüche, für die sich, dank der bis in die Politik reichenden Verquickungen mächtiger Interessenverbände, trotz allen Fortschritts in den Gesundheitswissenschaften kaum Lösungsansätze, außer der Kostenabwälzung auf Niedrigverdiener und Rentner, durchsetzen lassen.
Inhaltsverzeichnis
1 Einführung
2 Die historischen Ursprünge unseres Versicherungssystems
3 Die Prinzipien im deutschen Gesundheitssystems
3.1 Das Versicherungsprinzip
3.2 Versorgungs- und Fürsorgeprinzip, Subsidiaritätsprinzip
3.3 Selbstverwaltungsprinzip, Sachmittelprinzip
4 Die Gesetzliche Krankenversicherung
4.1 Leistungsspektrum
4.2 Magisches Dreieck der GKV
4.3 Die gesetzlichen Krankenkassen im Wettbewerb
4.3.1 Risikostrukturausgleich und Gesundheitsfonds
5 Die Private Krankenversicherung
6 Die Gesetzliche Pflegeversicherung (GPV)
6.1 Leistungen der Pflegeversicherung
7 Ökonomisierung des Gesundheitswesens
7.1 Unterwanderung des Gesundheitssystems durch neoliberale Prinzipien
7.2 Lobbyismus
8 Das Gesundheitssystem in Großbritannien: Der NHS
8.1 Grundsätze und Prinzipien
8.2 Finanzierung
8.3 Strukturen
8.4 Aufgaben von Primary und Secondary Care Trusts
8.5 Wartezeiten und Wahlmöglichkeiten
9 Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit analysiert das deutsche Gesundheitssystem in seinen historischen und prinzipiellen Grundlagen sowie in seiner aktuellen Ausrichtung unter dem Einfluss ökonomischer Reformen. Dabei wird kritisch hinterfragt, wie sich die zunehmende Marktorientierung auf die Versorgungsqualität und soziale Gerechtigkeit auswirkt, und diese mit dem britischen NHS-Modell verglichen.
- Historische Entwicklung des deutschen Sozialversicherungssystems
- Fundamentale Prinzipien (Solidarität, Subsidiarität, Selbstverwaltung)
- Ökonomisierung des Gesundheitssektors und Lobbyismus
- Vergleichende Analyse des britischen National Health Service (NHS)
- Herausforderungen in der Kranken- und Pflegeversicherung
Auszug aus dem Buch
Die historischen Ursprünge unseres Versicherungssystems
Als Geburtsstunde des staatlichen Sozialversicherungssystems gilt heute das Verlesen der kaiserlichen Botschaft vom 17. November 1881 durch den damaligen Reichskanzler Fürst von Bismarck, auch wenn es zuvor bereits richtungweisende Entwicklungen gab, wie z. b. die Organisation der handwerklichen Zünfte mit ihren umfassenden Regelungen der sozialen Absicherung, die maßgeblich waren für die spätere spezielle berufsständische Gliederung der Kassenarten. Schon die preußische Gemeindeordnung von 1845 sah eine Beitragspflicht in die entsprechenden Kassen für alle in einer Gemeinde beschäftigten Gesellen und Gehilfen vor, was in der Praxis jedoch kaum Umsetzung fand. Schon damals haderten die Gemeinden bei der Idee, Arbeitgeber zur Absicherung ihrer Angestellten zur Einzahlung in Zwangskassen zu verpflichten, konkurrierten sie doch mit anderen Gemeinden um die Ansiedlung von Unternehmen. Aber erst durch die Entstehung der sozialen Probleme, die die Industrialisierung mit sich brachte, durch die neu entstandene Gruppe der Industriearbeiter und ihrer Familien, die den Rahmen der existierenden sozialen Sicherungssysteme sprengten und auch durch den politischen Druck, den sie durch ihre gewerkschaftliche Organisation ausübten, wurde das damalige Kaiserreich zum Handeln gezwungen. (vgl. Preusker 2008, S.25ff)
Die besagte Rede des Reichkanzlers, läutete also eine Menge Reformen und Gesetze ein. Am 15. Juni 1883 wurde das „Gesetz betreffend die Krankenversicherung der Arbeiter“ eingeführt. Mit dem Gesetz folgten eine das ganze Deutsche Reich betreffende Krankenversicherungspflicht, sowie Regelungen zur Einrichtung der entsprechenden Krankenkassen, deren Inhalte teilweise noch heute konstitutiv sind für die gesetzliche Krankenversicherung, wie man sie heute in Deutschland kennt: z. B. die Anknüpfung der Versicherungspflicht der Mitglieder an das Beschäftigungsverhältnis, die Bemessung der Beiträge prozentual an die Löhne, die Gewährung von Familienhilfen an nicht selbst versicherungspflichtige Familienmitglieder, die Nichteinbeziehung von Beamten in die Versicherungspflicht und die Begrenzung der Versicherungspflicht auf Beschäftige bis zu einem festgelegten Höchsteinkommen. Auch grundlegende Bestandteile des Unfallversicherungsgesetzes, das am 1.10.1885 in Kraft trat, haben von ihrer Gültigkeit bis heute nichts verloren. (vgl. ebd.)
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einführung: Die Einleitung beleuchtet die persönliche Motivation der Verfasserin und benennt die Problematik der ökonomischen Widersprüche im aktuellen Gesundheitssystem.
2 Die historischen Ursprünge unseres Versicherungssystems: Dieses Kapitel erläutert die Entstehung des Sozialversicherungswesens unter Bismarck und die gesetzlichen Grundlagen von 1883.
3 Die Prinzipien im deutschen Gesundheitssystems: Es werden die zentralen Säulen wie das Versicherungs-, Solidaritäts- und Subsidiaritätsprinzip sowie die Selbstverwaltung detailliert dargelegt.
4 Die Gesetzliche Krankenversicherung: Dieser Teil beschreibt das Leistungsspektrum, das System der Krankenkassen und den Wettbewerb innerhalb der GKV inklusive Risikostrukturausgleich.
5 Die Private Krankenversicherung: Kapitel 5 thematisiert die Funktionsweise und das Kostenerstattungsprinzip der privaten Krankenversicherungen.
6 Die Gesetzliche Pflegeversicherung (GPV): Hier wird die Einführung der Pflegeversicherung 1995 und deren Leistungsumfang bei häuslicher und stationärer Pflege analysiert.
7 Ökonomisierung des Gesundheitswesens: Die Arbeit untersucht kritisch die zunehmende Ausrichtung auf Gewinnmaximierung und den Einfluss von Lobbyismus auf die Gesundheitspolitik.
8 Das Gesundheitssystem in Großbritannien: Der NHS: Ein Vergleich des britischen Modells mit seinen spezifischen Prinzipien, der Finanzierung durch Steuern und den dortigen Strukturen.
9 Fazit: Das Fazit fasst die Kritik an der Kommerzialisierung zusammen und fordert den Schutz staatlich regulierter Bereiche vor der Privatisierung.
Schlüsselwörter
Gesundheitssystem, GKV, Solidaritätsprinzip, Ökonomisierung, Pflegeversicherung, NHS, Großbritannien, Gesundheitspolitik, Privatisierung, Wettbewerb, Sozialversicherung, Lobbyismus, Pharmaindustrie, Krankenkassen, Prävention.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der Analyse der grundlegenden Prinzipien und aktuellen Entwicklungen des deutschen Gesundheitssystems, ergänzt um eine vergleichende Betrachtung des britischen NHS.
Was sind die zentralen Themenfelder der Publikation?
Zentrale Felder sind die historische Herleitung des Versicherungssystems, die Funktionsweisen der GKV und PKV, die Pflegeversicherung sowie die kritische Auseinandersetzung mit ökonomischen Reformen.
Welches primäre Ziel verfolgt die Autorin?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie ökonomische Interessen und der Druck zur Privatisierung die ursprünglichen Werte des solidarischen Gesundheitssystems unterwandern.
Welche wissenschaftliche Methode liegt der Arbeit zugrunde?
Es handelt sich um eine systematische Literaturanalyse und einen rechtsvergleichenden Ansatz zwischen dem deutschen Versicherungssystem und dem britischen steuerfinanzierten Gesundheitssystem.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Darstellung der deutschen Prinzipien (Versicherung, Solidarität, Selbstverwaltung), die Analyse der GKV- und PKV-Strukturen sowie eine ausführliche kritische Betrachtung der Ökonomisierung und des Lobbyismus.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren diese Arbeit?
Zu den prägenden Begriffen zählen Solidaritätsprinzip, Ökonomisierung, gesetzliche Krankenversicherung, NHS und der kritische Diskurs zur Gesundheitsreform.
Wie bewertet die Verfasserin die aktuelle Entwicklung der Gesundheitsreformen in Deutschland?
Die Autorin bewertet die Entwicklungen sehr kritisch und sieht in ihnen vor allem eine einseitige Interessenpolitik, die soziale Gerechtigkeit zugunsten einer ökonomischen Gewinnlogik aushebelt.
Welche Besonderheiten weist der Vergleich mit dem britischen System auf?
Der Vergleich hebt hervor, dass der NHS auf einer steuerfinanzierten Basis beruht und einen stärkeren Fokus auf den allgemeinen Zugang zu medizinischer Versorgung legt, während Deutschland durch eine zweigeteilte Struktur (GKV/PKV) geprägt ist.
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- BA Soziale Arbeit L. Lauprecht (Author), 2010, Das deutsche Gesundheitssystem, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/178077