In Hartmanns von Aue "Gregorius" wird der Protagonist nach 17-jähriger Buße für seine Sünden durch Gott erlöst, zum Papst erwählt und zur Heiligkeit erhoben. Seine Mutter und kurzzeitige Gattin, die namenlose weibliche hauptfigur der Heiligenlegende, bleibt neben der Erlösung ihrer Leiden von diesem rühmlichen Schicksal aber weit entfernt, obwohl sie in der ihr möglichen Art und Weise Buße getan und ihre Sünden bereut hat. In der vorliegenden Hausarbeit wird untersucht, welche Kriterien von Heiligkeit den fiktionalen Schicksalen der Figuren im Werk zugrunde liegt, und warum sie zu so unterschiedlichen Schicksalen wie Heiligkeit und Armut führen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Sünde, Buße und Erlösung im Gregorius
3. Inzest, Buße und Erlösung der namenlosen Tante
3.1 Erster Inzest und Buße
3.2 Zweiter Inzest und Bußweg
3.3 Die Erlösung
4. Die Verwehrung der Heiligkeit
4.1 Heiligkeit bei Gregorius
4.2 Heiligkeit bei Maria Magdalena
5. Zusammenfassung
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht, warum der weiblichen Hauptfigur im Werk "Gregorius" von Hartmann von Aue trotz einer vergleichbar harten Buße die Heiligkeit verwehrt bleibt, während ihr Sohn Gregorius diesen Status erlangt. Das primäre Ziel ist die Analyse des Verhaltens der Mutter anhand der im Prolog des Werkes festgelegten Kriterien für Buße und Reue, um die Gründe für ihr abweichendes Schicksal innerhalb der mittelalterlichen Legende zu identifizieren.
- Analyse der Sünden, Bußwege und Erlösungsprozesse der Mutter und Gregorius.
- Untersuchung der Rolle von Schuldeinsicht, freiem Willen und der Gefahr des "Zweifels" (zwîvel).
- Vergleich der Leidenswege und der persönlichen Einstellung zur göttlichen Gnade.
- Kontrastierung der weiblichen Hauptfigur mit der Heiligenfigur Maria Magdalena als Referenzpunkt mittelalterlicher Bußtheologie.
Auszug aus dem Buch
3.1 Erster Inzest und Buße
Kurz nach dem Prolog und der Einführung der Figuren am Hofe Aquitaniens gelangt der Erzähler in seinem Bericht zur ersten Sünde im Werk. Für den Bruder sind die Gründe seines Vergehens klar dargestellt: Neben der „minne“ treiben ihn sîn kintheit, sîner swester schœne und des tiuvels hœne zur Sünde an (V.323-327). Am Anfang der Annäherungen des Bruders beschwört der Erzähler die unbedingte Unwissenheit und Reinheit der Schwester mit Periphrasen wie diu reine tumbe (V.347), daz einvalte kint (V.345) und beteuert, sie enweste niht dar umbe / wes si sich hüeten solde (V.348-350). Die Verse ir munt und ir wangen / vant si im sô gelîmet ligen (372-373) sind beispielhaft für die passive Rolle der Schwester, die hier eher als Objekt denn als handelndes Individuum auftritt: Jene Körperteile werden als fast von ihr abgetrennt beschrieben und stehen, statt ihres eigenen Denkens und Handeln, im Mittelpunkt, was die Schwester gleichzeitig als völlig schuldlos und vom Bruder überrascht darstellt. Allerdings erkennt sie entgegen der Darstellungen des Erzählers das ringen (V.384) des Bruders sehr schnell nicht nur als ein ernest (V379), sondern als konkreten Annäherungsversuch.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Arbeit stellt die Fragestellung auf, warum die Mutter im Gregorius trotz Buße keine Heiligkeit erlangt, und legt das methodische Vorgehen dar.
2. Sünde, Buße und Erlösung im Gregorius: Dieses Kapitel definiert auf Basis des Prologs und theologischer Literatur die Kriterien für eine erfolgreiche Buße sowie die Rolle des freien Willens.
3. Inzest, Buße und Erlösung der namenlosen Tante: Eine detaillierte Untersuchung der beiden Inzest-Vergehen der Mutter und ihres Umgangs mit der jeweiligen Schuld sowie der ihr auferlegten Bußübungen.
4. Die Verwehrung der Heiligkeit: Dieses Kapitel vergleicht die Bußwege von Mutter und Sohn und stellt die Mutter zur weiteren Klärung Maria Magdalena gegenüber.
5. Zusammenfassung: Die Arbeit resümiert, dass nicht die Schwere der Sünde selbst, sondern das Fehlen des festen Vertrauens in Gottes Gnade und das Verfallen in den "Zweifel" den entscheidenden Unterschied darstellt.
Schlüsselwörter
Gregorius, Hartmann von Aue, Inzest, Buße, Heiligkeit, Erlösung, Schuld, Reue, zwîvel, Verzweiflung, Mittelalter, Literaturanalyse, Gottes Gnade, Maria Magdalena, Legende.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert das Schicksal der Mutterfigur im "Gregorius" von Hartmann von Aue und hinterfragt, weshalb sie trotz schwerer Buße nicht als Heilige anerkannt wird.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die zentralen Themen sind Schuld, Scham, der Umgang mit Inzest im Mittelalter, die Bedeutung der Buße und die psychologische sowie theologische Verfassung der Protagonisten.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das primäre Ziel ist es, den theologischen und erzählerischen Grund für das Ausbleiben der Heiligkeit bei der Mutter zu ermitteln, indem ihre Handlungsweise an den im Prolog gesetzten Normen gemessen wird.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine literaturwissenschaftliche Analyse durchgeführt, die den Primärtext (Gregorius) unter Einbeziehung des Prologs und unter Vergleich mit anderen Forschungsmeinungen und einem Heiligenexempel interpretiert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert chronologisch die beiden Inzest-Sünden der Mutter, ihr jeweiliges bußfertiges Verhalten und den anschließenden Vergleich mit der Buße ihres Sohnes und der von Maria Magdalena.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit am besten?
Besonders prägend sind die Begriffe "Buße", "Inzest", "Heiligkeit", "zwîvel" (Zweifel) und "Gottes Gnade".
Warum wird die Mutter als "namenlos" bezeichnet?
Im Werk Hartmanns von Aue wird die Schwester Gregorius' bzw. seine Mutter nicht mit einem Eigennamen benannt, was ihre funktionale Rolle als "Tante" oder "Mutter" betont.
Welche Rolle spielt der "zwîvel" in der Argumentation?
Der "zwîvel" ist das entscheidende Element; er wird als sündhafte Verzweiflung an Gottes Barmherzigkeit interpretiert, die verhindert, dass die Mutter die volle Erlösung durch Heiligkeit erfährt.
Ist der Vergleich mit Maria Magdalena zwingend für die Analyse?
Ja, er dient dazu, mögliche Einwände auszuräumen, dass das Geschlecht der Figur der Grund für die Ungleichbehandlung sein könnte, und unterstreicht die Bedeutung des Vertrauens auf Gottes Gnade.
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- Franz Kröber (Author), 2011, Die namenlose Schwester, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/178098