Ausgehend von dieser Verknüpfung – der Frage, ob es heute etwas Vergleichbares wie Pollesch gibt, und dem damit verbundenen Nachdenken über sein Theaterverständnis und seine Probenpraxis – bin ich schließlich bei einer anderen Frage gelandet: Ist Theater von Pollesch nach dem Tod Polleschs überhaupt noch möglich? Wie auch Polleschs Stücke stellt dieser Essay eher
Fragen, als dass er Antworten liefert.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Der Begriff des Diskurstheaters bei René Pollesch
3. Ensemblearbeit und kollektive Textproduktion
4. Die doppelte Spannung: Geschütztes Werk versus prozessuale Ästhetik
5. Serialität und das fortlaufende Theaterprojekt
6. Repertoire im Wandel: Von stabilen Werken zur Praxis
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht das Theaterverständnis und die Probenpraxis des Dramatikers und Regisseurs René Pollesch vor dem Hintergrund seines Todes im Jahr 2024. Dabei steht im Zentrum der Untersuchung die Frage, ob und in welcher Form ein Theater von Pollesch nach dessen Tod überhaupt noch möglich ist, wie sich seine prozessuale Arbeitsweise auf den Status seiner Stücke auswirkt und wie sich der Begriff des Repertoires durch solche kollektiven und flüchtigen Theaterformen verschiebt.
- Das Theaterverständnis und die Arbeitsweise von René Pollesch
- Der Begriff des Diskurstheaters und die Rolle von Subjektivität
- Kollektive Textproduktion und die Verknüpfung mit einem wiederkehrenden Ensemble
- Die Spannung zwischen urheberrechtlichem Werkcharakter und prozessualer Ästhetik
- Serialität, das fortlaufende Œuvre und die Rezeption von Polleschs Stücken
- Die Verschiebung des Repertoiresbegriffs von stabilen Werken zu einer Praxis des Wiederholens
Auszug aus dem Buch
Ensemblearbeit und kollektive Textproduktion
René Polleschs Arbeitsweise setzt sehr konsequent beim Ensemble an. Er betont, dass er vor dem Schreiben wissen muss, mit wem er arbeitet: „Ich komme ja nicht vom Stadttheater, in dem die Leute besetzt werden.“ Das Stück entsteht also nicht aus einer vorab fixierten Rollenstruktur, sondern aus einer konkreten Zusammenarbeit heraus. Der Text wird dabei nicht einfach von Schauspieler*innen verkörpert, sondern im Prozess der Proben mit ihnen produziert. Pollesch kehrt die gewohnte Logik um: Nicht die Spieler*innen dienen dem Text, sondern der Text entsteht für und mit ihnen – als Material, das im Spiel erst hervorgebracht wird. Typisch ist die Arbeit mit einem wiederkehrenden Ensemble, etwa Sophie Rois, Kathrin Angerer, Fabian Hinrichs oder Martin Wuttke. Diese Konstellationen sind nicht austauschbar gedacht, sondern prägen die Schreibweise selbst.
In den Texten sind keine klassischen Rollennamen oder ein festes Personenverzeichnis enthalten. Stattdessen stehen häufig die Vornamenskürzel der Beteiligten vor den Repliken. Die Figuren sind damit eng an die konkreten Spieler*innen gekoppelt, ohne vollständig mit ihnen identisch zu werden. In den Schreib- und Probenprozess fließen teilweise auch biografische oder berufliche Erfahrungen der Schauspieler*innen ein. Diese werden jedoch nicht als direktes Authentizitätsversprechen ausgespielt, sondern im Spiel reflektiert und gebrochen. So entsteht eher eine behauptete als stabile Authentizität.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in die Rezeption von René Polleschs Tod als Zäsur für das deutsche Theater ein und wirft die zentrale Frage auf, ob Theater von Pollesch nach seinem Tod noch möglich ist.
2. Der Begriff des Diskurstheaters bei René Pollesch: Dieses Kapitel beleuchtet Polleschs Figuren als Träger von Redeweisen und gesellschaftlichen Denkfiguren im Sinne von Michel Foucault, wodurch Aufführungen zu einmaligen, ereignishaften Diskursprozessen werden.
3. Ensemblearbeit und kollektive Textproduktion: Hier wird analysiert, wie Texte in enger Zusammenarbeit mit einem festen Ensemble im Probenprozess entstehen und sich damit traditionellen Autorschaftsmodellen entziehen.
4. Die doppelte Spannung: Geschütztes Werk versus prozessuale Ästhetik: Das Kapitel widmet sich dem Konflikt zwischen rechtlichen Verwertungslogiken von Theatertexten und Polleschs antikapitalistischer Ausrichtung sowie seiner Ablehnung des Geniekults.
5. Serialität und das fortlaufende Theaterprojekt: Es wird dargelegt, wie Polleschs rund 200 Texte als Varianten eines einzigen, fortlaufenden Denk- und Sprachprozesses funktionieren, der sich gegen den Zwang zur Originalität richtet.
6. Repertoire im Wandel: Von stabilen Werken zur Praxis: Der Schlussabschnitt untersucht, wie prozessuale Theaterformen den klassischen Repertoiresbegriff verändern und Repertoire von einer Sammlung stabiler Werke zu einem Gedächtnis von Praktiken verschieben.
Schlüsselwörter
René Pollesch, Diskurstheater, Ensemblearbeit, kollektive Textproduktion, Theaterästhetik, Prozessualität, Autorschaft, Serialität, Repertoire, Werkcharakter, Aufführungspraxis, Nachspielverbot
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit im Wesentlichen?
Die Arbeit befasst sich mit dem Theaterverständnis, der Probenpraxis und den Texten des verstorbenen Dramatikers und Regisseurs René Pollesch sowie den Herausforderungen, die sich aus seinem Tod für zukünftige Aufführungen und den Umgang mit seinem Erbe ergeben.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Zu den zentralen Themenfeldern gehören der Begriff des Diskurstheaters, die kollektive und ensemlebezogene Textproduktion, das Spannungsfeld zwischen urheberrechtlichem Werk und flüchtiger Aufführungspraxis sowie die Serialität von Polleschs Gesamtwerk.
Was ist die primäre Forschungsfrage der Untersuchung?
Die zentrale Frage lautet, ob ein Theater von Pollesch nach dem Tod des Regisseurs überhaupt noch möglich ist und wie sich seine Arbeitsweise auf den traditionellen Theater- und Repertoiresbetrieb auswirkt.
Welche wissenschaftliche Methode bzw. Herangehensweise wird angewendet?
Es handelt sich um einen kultur- und theaterwissenschaftlichen Essay, der theoretische Konzepte (unter anderem von Michel Foucault und Diedrich Diederichsen) mit Analysen von Polleschs Arbeitsweise, Inszenierungen und Interviews verknüpft.
Welche Inhalte stehen im Hauptteil der Untersuchung?
Der Hauptteil widmet sich der Auflösung klassischer Autorschaftsmodelle, der engen Kopplung der Texte an konkrete Schauspieler*innen, der Problematik von Wiederaufnahmen und Fremdinszenierungen sowie dem Konzept des Theaters als fortlaufender Praxis.
Durch welche Schlüsselwörter lässt sich der Text charakterisieren?
Die Publikation wird durch Begriffe wie Diskurstheater, Prozessualität, Ensemblearbeit, Serialität, Repertoirewandel und den Widerstand gegen den klassischen Werkcharakter geprägt.
Welche Rolle spielt der Begriff des Diskurstheaters im Kontext von Polleschs Inszenierungen?
Der Begriff beschreibt, dass Figuren bei Pollesch keine geschlossenen psychologischen Charaktere sind, sondern als Träger von gesellschaftlichen Wissensordnungen und sprachlichen Diskursen fungieren, die sich in jeder Aufführung situativ ereignen.
Wie wirkt sich Polleschs Arbeitsweise auf den traditionellen Repertoiresbegriff aus?
Da Polleschs Stücke nicht als stabile, autonome Werke konzipiert sind, sondern als Ergebnisse einer situativen und kollektiven Praxis, verschiebt sich das Repertoire von einer Sammlung fester Stücke hin zu einem wiederkehrenden Gedächtnis von Arbeitsweisen und Praktiken.
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- Merle Proll (Autor), 2026, Wiederholung ohne Wiederholbares. Polleschs Theater, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1782806