Pierre Bourdieus Kultursoziologie

Der menschliche Körper im Licht der Habitustheorie


Hausarbeit (Hauptseminar), 2007
22 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhalt

Einleitung

1 Bourdieus soziologische Grundhaltung
1.1 Entwicklung seines soziologischen Grundverständnisses
1.2 Forschungsgegenstand und theoretische Erkenntnis
1.3 Überwindung von Subjektivismus und Objektivismus

2 Der menschliche Körper als Speicher von Kultur
2.1 Sozialer Raum der Klassenstruktur und Lebensstile
2.2 Habitus als Erzeugungsmodus
2.2.1 Habitus
2.2.2 Glaube und Leib

3 Habitus und sozialer Wandel

Schluss

Literatur

Einleitung

Mit Bourdieus Arbeiten aus reichlich 40jähriger Forschungstätigkeit liegen für die sozialwissenschaftliche Theoriebildung einige bedeutsame und mit intensiver Rezeption gewürdigte Konzepte vor. Sein Erkenntnisinteresse ist geleitet von dem Wunsch, die soziale Welt in ihrer Komplexität und die Mechanismen ihrer Reproduktion zu begreifen. Im Laufe seiner Analysen entwickelte er Konzepte wie den „Habitus“, „soziale Klasse“, „Feld“, „Kapital“, „Lebensstil“ etc., die in seinen Arbeiten immer wieder aufgegriffen und anhand seines empirischen Materials reflektiert werden.

Zwar legt er sich nicht auf soziologische Teilbereiche fest, dennoch kommt dem menschlichen Körper bzw. Leib eine besondere Aufmerksamkeit zu. Der Körper des Akteurs trägt jenseits geistiger Rückkopplung einen Habitus in sich, der die soziale Praxis und somit auch die leibliche Erscheinung allumfassend strukturiert. Jegliche soziale Praxis geht aus dem Akteur selbst, dessen Wahrnehmungs-, Denk- und Handlungsdisposition hervor. Letztere ist im Habitus aufgrund vergangener Erfahrungen als selbstverständliche kulturelle Werte gespeichert.

Ausgangspunkt seiner Überlegungen ist die Feststellung, dass die soziale Welt von Ungleichheiten geprägt ist. Analog dazu existiert eine Vielfalt körperlicher und leiblicher Ausprägungen. Der menschliche Leib als Teil sozialer Praxis ist jenseits von Bewusstsein und Reflexion in seinem Habitus - speziell seiner körperlichen Hexis - kulturell überformt. Das betrifft sowohl seinen äußerlich wahrnehmbaren, gegenständlichen Körper als auch seine affektive, subjektive Erfahrung - den inneren Zustand des Leibes.

In dieser unbewussten Verinnerlichung kultureller Werte in Form eines unhinterfragten Glaubens an die bestehende Ordnung der Praxis sieht Bourdieu den Schlüssel zur Erklärung der Mechanismen kultureller Produktion und Reproduktion sozialer Ungleichheiten.

Auf der Grundlage der theoretischen Gedankengänge zur kulturellen Produktion und Reproduktion - besonders auf die körperliche und leibliche Ausprägung bezogen - ist die Frage zu beantworten, wie trotz der auf historischen Erfahrungen basierenden habituellen Dispositionen sozialer Wandel erklärbar ist. Damit ist die Zielstellung dieser Arbeit umrissen.

Der Aufbau der vorliegenden Ausführungen zum oben beschriebenen Thema gestaltet sich wie folgt: Eingangs (1) wird zum besseren Verständnis Bourdieus soziologische Grundhaltung skizziert um im Hauptteil (2) den theoretischen Gedankengängen zu den strukturellen und kulturellen Zusammenhängen sozialer Praxis und der soziokulturellen Erscheinung des Körpers zu widmen. Zum einen (2.1) geht es darum, wie sich die kulturellen Unterschiede äußerlich sichtbar darstellen und strukturieren und zum anderen (2.2), um den diese Erscheinungen produzierenden und reproduzierenden Erzeugungsmodus, den ‚Habitus’, als die innere, unsichtbare strukturierte und strukturierende Struktur des Sozialen. Im abschließenden Teil (3) wird sich mit der oben formulierten Frage auseinandergesetzt, ob das Konzept des Habitus’ auch sozialen Wandel in seiner Erklärungskraft mit einbeziehen kann.

1 Bourdieus soziologische Grundhaltung

1.1 Entwicklung seines soziologischen Grundverständnisses

Der Soziologe und Ethnologe Pierre Bourdieu wurde 1930 im kleinen französischen Ort Denguin geboren und starb 2002 in Paris. Sein bilderbuchartiger Ausbildungs- und Karrierewerdegang zum hochdotierten Professor der Soziologie ist zu jener Zeit in Frankreich recht ungewöhnlich. Er wuchs in einfachen Verhältnissen auf dem Lande jenseits renommierter Bildungsinstitutionen auf und vermochte es dennoch bis ins Zentrum der französischen Intellektuellenelite aufzusteigen. Mit seiner Berufung an das Coll è ge de France begleitete er eine der „mächtigsten und prominentesten Positionen“1 im französischen Hochschulsystem. Als Mitglied dieser Bildungselite hatte er zugleich eine reflektierende Distanz zu jenen Kreisen. Aus seinem biographischen Sonderweg heraus sah er sich dazu berufen, die ihr inne wohnenden Machtmechanismen aufzuzeigen und zu kritisieren. Seine Distanz und kritische Reflexion eröffnete ihm jenseits einseitig normativer Festlegungen einen seine Forschungsarbeiten bestimmenden relativierenden Blick.

Bourdieu tritt als Kulturphilosoph, Soziologe und Zeitkritiker in Erscheinung2, wobei er seine eigene Position und Funktion als Intellektueller gegenüber der Gesellschaft nicht aus dem Auge verliert. Vielmehr sieht er in seiner Stellung eine konkrete politische und nicht nur rein sozialwissenschaftliche Aufgabe. Im Gegensatz zu Jean Paul Sartre versteht er sich nicht als bloßer Schriftsteller, sondern als aktiv mit den Forschungsergebnissen aufklärender und eingreifender Kritiker. Seine Analysen dienen nicht dem Selbstzweck sozialwissenschaftlicher Theoriebildung. Sie ist in erster Linie Ausgangspunkt und Grundlage für das Eingreifen in bestehende Macht- und Herrschaftsverhältnisse und deren sich immer wieder reproduzierenden sozialen Ungleichheiten.

Darin sieht Bourdieu auch das Selbstverständnis der Soziologen begründet. Sie sind beauftragt, die Sozialstruktur und deren Entstehungszusammenhang aufzudecken und somit die Finger in die Wunden der Gesellschaft zu legen. Damit regt er zudem eine kritische Hinterfragung des eigenen Faches an. Erst über eine solche reflexive Distanz ist eine sozialwissenschaftlich produktive Basis vorhanden, bestehende gesellschaftliche Zusammenhänge aufzudecken. Den Soziologen als Teil der Intellektuellen schreibt er eine Schlüsselstellung im Kampf um gesellschaftliche Veränderungen zu. Er beschreibt deren Position als eine ambivalente, da sie einerseits die Beherrschten, andererseits aber auch Teil der Herrschenden selbst sind. Die Intellektuellen „sitzen nicht unmittelbar an den ‚Schalthebeln der Macht’“3. Dennoch üben sie „als Meinungsführer und bürgerliche Gruppierung Macht und Einfluss“4 aus und gehören somit auch zu den Herrschenden.

1.2 Forschungsgegenstand und theoretische Erkenntnis

In seinem thematisch vielfältigen Werk analysiert Bourdieu sehr ausführlich, bis in die kleinsten, scheinbar banalen alltäglichen Details die Sozialstruktur und die Bedingungen ihrer Reproduktion. Dies untersuchte er im Wesentlichen zum einen während eines Forschungsaufenthaltes in Algerien am Kulturkreis der Kabylen und zum anderen an der französischen Gesellschaft in den 60er Jahren. Der sich im Transformationsprozess befindende algerische Staat auf der Seite objektiver, äußerer Strukturen legte eine getrennte analytische Sicht auf die inneren Strukturen mit ihrer kulturellen Reproduktion frei. Denn mit der Veränderung der äußeren Strukturen ging nicht automatisch eine Veränderung der inneren Denk-, Wahrnehmungs- und Handlungsstrukturen der Kabylen einher. Diese Konstellation legte den Blick auf den Entstehungszusammenhang menschlicher ‚Praxis’ - gemeint sind praktizierte Denk-, Wahrnehmungs- und Handlungsmuster - für den Sozialwissenschaftler offen.

Aus seinen algerischen Studien gewonnene Erkenntnisse vertiefte er in der Analyse der französischen Gesellschaft. Dabei nähert er sich als Ethnologe seiner eigenen Gesellschaft, untersucht die herrschenden Macht- und Selektionsmechanismen unter anderem im Bildungssystem und hält mit seinen Forschungsergebnissen der französischen Gesellschaft einen Spiegel von den deutlich existierenden sozialen Ungleichheiten vor.

Um seinem sozialwissenschaftlichen Anspruch auf Objektivität seiner Ergebnisse gerecht zu werden, unterzieht er sie immer wieder einer konzeptionellen Reflexion. Theoretische und methodologische Konzepte sind ausschließlich in Relation zum empirischen Material zu verstehen. Bourdieu erhebt nicht den Anspruch einer allgemein gültigen, übertragbaren Theorie. Der Wahrheitsgehalt seiner theoretischen Konzepte bemisst sich allein an den konkreten Befunden der Empirie.

1.3 Überwindung von Subjektivismus und Objektivismus

Bourdieu versucht, mit seinem theoretischen Konzept zur Erklärung der Produktion und Reproduktion von Sozialstruktur und Kultur, den in der Sozialwissenschaft bestehenden Dualismus zwischen Subjektivismus und Objektivismus aufzubrechen. Diese Einsicht ergibt sich nicht, wie oben beschrieben, aus theoretischen Überlegungen heraus, sondern aus der empirischen Notwendigkeit. Der strukturalistische Ansatz von Claude Lévi-Strauss ließ sich nicht ohne weiteres auf die im von außen herbeigeführten Transformationsprozess befindliche kabylische Gesellschaft anwenden, da die objektiven Strukturen nicht mehr mit den traditionellen Denk- und Verhaltensmustern der Akteure übereinstimmte. Seine Beobachtungen ergaben, dass die Akteure nicht regelgeleitet oder gesetzmäßig handeln, „sondern auf der Grundlage ihrer Wahrnehmungs- und Beurteilungsschemata“5. Als Vertreter des Strukturalismus6, lehnt Bourdieu den Erkenntnismodus des Subjektivismus ab. Die einseitige Konzentration auf das Denken und die Handlungen des Individuums ohne Abstraktion bzw. Frage nach einem tiefer liegenden Sinn liefert ihm keine zufrieden stellende Erklärung. In der Auseinandersetzung mit allein subjektiven Primärerfahrungen fehle die Objektivität sozialwissenschaftlicher Methode.7

Ebenso lehnt er den Objektivismus in seiner Absolutsetzung als das andere Extrem des Erkenntnisgewinns ab. Die Vernachlässigung jeglicher subjektiver Erfahrung, indem soziale Tatbestände wie Dinge, also Objekte behandelt werden, biete keine objektive Erkenntnisgrundlage.

Vielmehr ist für Bourdieu die Primärerfahrung der Akteure „Ausgangspunkt jeder sozialen Erkenntnis“8. Dieses subjektbezogene Wissen ist der ‚sens pratique’ - der ‚praktische Sinn’. In Verbindung mit der Analyse der objektiven Strukturen, welche die Lebensbedingungen der Individuen bestimmen, ist eine Annäherung an den objektiven Wahrheitsgehalt möglich. Diese dialektische Erkenntnisweise, welche sowohl objektive als auch subjektive Momente in ihre Analyse einbezieht bezeichnet Bourdieu als ‚praxeologische’. Denn menschliche Praxis - und diese Erkenntnis bestimmt sein gesamtes sozialwissenschaftliches Denken - ist immer Produkt objektiver Strukturen und subjektiver Erfahrung.

2 Der menschliche Körper als Speicher von Kultur

In Bourdieus Studien über die Zusammenhänge von Sozialstruktur und Kultur kommt dem menschlichen Körper bzw. Leib in seiner sozialen Verfasstheit eine hohe Bedeutung zu. Er ist unverkennbarer Ausdruck vorherrschender Kultur- bzw. Geschmackspräferenzen. Jegliches Handeln, Denken und Verhalten der Menschen zusammengefasst unter dem Begriff der ‚Praxis’ ist in den Körper eingelassen.9 Die körperliche Verankerung aller Praxisformen ist zentraler Bestandteil seiner Analysen. ‚Kultur’ ist in Bourdieus Verwendung eine relationale Größe, welche alle Ausprägungen differentieller Lebensstile, die diesen zugrunde liegenden Geschmacksnormen beinhaltet. Unter diesem Begriff begreift er nicht im normativierenden Sinne „ästhetische Objekte von ‚hoher’ Qualität, noch allein auf das Feld der Bildung“10 bezogen. Er unterscheidet nicht zwischen ‚Kultur’ und ‚Nicht- Kultur’. Entgegen den Vorstellungen von Homogenität und Qualität sind jegliche Formen alltagskultureller Praktiken, Kulturobjekte, und Lebensstile als ‚Kultur’ zu verstehen. Zudem ist sie nicht nur Produkt menschlicher Praxis als eine „unschuldige Sphäre“ sondern ist vielmehr selbst Medium zur Reporduktion differentieller Lebensstile.

[...]


1 Treibel 2004: 221

2 Treibel 2004: 221

3 Treibel 2004: 221

4 Treibel 2004: 221

5 Fuchs-Heinritz/ König 2007: 240

6 Strukturalismus ist ein soziologisches Paradigma, das Theorien umfasst, welche von dem Einfluss gesellschaftlicher
Strukturen, so auch die Struktur der Sprache, auf die Kultur einer Gesellschaft ausgehen. Der französische Soziologe LèviStrauss gilt als Wegbereiter dieser Theorie. (vgl. Hillmann, Karl-Heinz: Wörterbuch der Soziologie. Stuttgart 1994)

7 vgl. Schwingel 2000: 44

8 Treibel 2004: 224

9 vgl. Liebsch 2002: 74

10 Klein 2002: 242

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Pierre Bourdieus Kultursoziologie
Untertitel
Der menschliche Körper im Licht der Habitustheorie
Hochschule
Technische Universität Dresden  (Institut für Soziologie)
Veranstaltung
Kultursoziologie
Note
2,0
Autor
Jahr
2007
Seiten
22
Katalognummer
V178336
ISBN (eBook)
9783656002833
ISBN (Buch)
9783656003007
Dateigröße
447 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Pierre Bourdieu, Kultur, Kulturtheorie, Subjektivismus, Objektivismus, Sozialer Raum, Klassenstruktur, Lebensstile, Habitus, Kapital, Glaube, Leib, Körper, Sozialer Wandel, Soziale Praxis, Reproduktion, Feld, Soziale Klasse, Handlungsdisposition, Akteur, Hexis, Soziale Ungleichheit, Disposition, Macht, Herrschaft, Kabylen, Emperie, Theorie, Sinn, Praktischer Sinn, sens pratique, Dialektik, praxeologisch, praxeologische Erkenntnis, Geschmack, symbolische Machtkämpfe, Definitionsmacht, ökonomisches Kapital, soziales Kapital, kulturelles Kapital, soziale Position, Distinktion, praxisgenerierendes Prinzip, opus operandi, strukturierende Struktur, sozialer Sinn
Arbeit zitieren
Ulrike Triebel (Autor), 2007, Pierre Bourdieus Kultursoziologie, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/178336

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