Die Vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit der Herrschaftsentstehung im deutschen Schutzgebiet Togo und mit der Frage: Wie ist es möglich, dass derart wenige Eroberer derart viele Menschen unter ihre Herrschaft drängen? Dabei spielen die zentralen soziologischen Begriffe ‚Macht’, ‚Herrschaft’ und ‚Disziplin’ eine zentrale Rolle, deren Definition ich von Max Weber übernehme: „Macht bedeutet jede Chance, innerhalb einer sozialen Beziehung den eigenen Willen auch gegen Widerstreben durchzusetzen, gleichviel worauf diese Chance beruht. (…) Herrschaft soll heißen die Chance, für einen Befehl bestimmten Inhalts bei angebbaren Personen Gehorsam zu finden; Disziplin soll heißen die Chance, kraft eingeübter Einstellungen für einen Befehl prompten ,automatischen und schematischen Gehorsam bei einer angebbaren Vielheit von Menschen zu finden“1 Für den Begriff der Herrschaft kann Webers Definition nur ein Ausgangspunkt sein, da es hier konkret um staatliche Herrschaft sich handelt, wird der Herrschaftsbegriff von Heinrich Popitz herangezogen. Er begreift Herrschaft als die Stufe der Macht-Institutionalisierung, in der sich die Macht Positionalisiert, das heißt, wenn die Machtstellung unabhängig von der Person wird, die sie einnimmt (...) und so soll der These nachgegangen werden, dass die Entstehung des deutschen Verwaltungsapparates und die Herausbildung kapitalistischer Wirtschaftsstrukturen sich im deutschen Schutzgebiet gegenseitig bedingten und somit die zwei Seiten des selben Medaille, nämlich der bürgerlich-kapitalistischen Herrschaftsentstehung sind. Neben einigen Darstellungen wurden exemplarisch drei Quellen von Zeitzeugen herangezogen (...) Für die Betrachtung werden zunächst die kolonialen Rahmenbedingungen und widrigen Umstände zur Herrschaftserrichtung erläutert. Im zweiten Schritt schließlich die Techniken zur Machtausübung und Herrschaftsentstehung, sowie Verknüpfungspunkte wirtschaftlicher und politischer Herrschaftsinstallation herausgestellt. Schließlich werden im dritten Punkt diese Ansatzpunkte nocheinmal zusammengefasst und auf den Punkt gebracht.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die Rahmenbedingungen der Kolonisation
2.1. Geographischen Gegebenheiten und Klima
2.2. Die indigene Bevölkerung
2.2.1. Die Stämme
2.2.2. Fremde Kultur: Wirtschaft, Soziales, Religion
2.3. Die äußeren Rahmenbedingungen der Kolonialherrschaft
2.4. Exkurs: Polizeitruppe
3. Die Verknüpfung politischer und wirtschaftlicher Herrschaftserrichtung
3.1. Errichtung der Infrastruktur
3.1.1. Stationen
3.1.2. Transportwege
3.2. Umerziehung
3.2.1. Missionsschulen
3.2.2. Stationen
3.2.3. Exkurs: Vorstellungen über die Entwicklungsziele
4. Togo – Die Musterkolonie einer Herrschaftsentwicklung
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die Entstehung und Etablierung deutscher Kolonialherrschaft in Togo unter dem Aspekt der Verschränkung von bürokratischer Staatsverwaltung und kapitalistischer Wirtschaftsstruktur. Dabei wird analysiert, wie trotz geringer personeller und finanzieller Ressourcen eine dauerhafte Herrschaftsstruktur durch Disziplinierung der indigenen Bevölkerung und indirekte Herrschaftstechniken (indirect rule) aufgebaut wurde.
- Soziologische Analyse der Begriffe Macht, Herrschaft und Disziplin im kolonialen Kontext.
- Wechselwirkung zwischen Infrastrukturausbau, wirtschaftlicher Verwertung und politischer Macht.
- Die Rolle der christlichen Missionen bei der Disziplinierung und Umerziehung der Bevölkerung.
- Strategische Bedeutung von Wissen als Instrument der kolonialen Herrschaftssicherung.
- Untersuchung der "Musterkolonie" Togo als Fallbeispiel für kolonialstaatliche Entwicklungsmodelle.
Auszug aus dem Buch
2.4. Exkurs: Polizeitruppe
‚Selbstverständlich’, möchte man bald anfügen, kam die Herrschaftsentstehung nicht ohne Gewalt aus. Die aus einheimischen rekrutierte Polizeitruppe, mit der gegen Erhebungen vorgegangen und die Macht der neuen Herrscher in Strafexpeditionen demonstriert wurde, kam desöfteren zum Einsatz. Doch allein deren personelle Ausstattung spricht Bände: Zu Beginn der Herrschaftseinrichtung, der Erschließung des Landes, betrug die Truppenstärke der schwarzen Polizeitruppe 20-30 Mann, um die Jahrhundertwende ca. 250 und am Ende der deutschen Kolonialzeit lag sie bei 550 Polizeiangehörigen. Die wirkmächtigste Waffe der Polizeitruppe war Angst. Strafexpeditionen wurden durchgeführt um Angst zu schüren, Angst vor dem was da noch kommen könnte, vor noch größerer Gewalt, vor noch mehr raubenden, brandschatzenden und mordenden „Djama mit schwarzer Haut“, wie sie von den Einheimischen genannt wurden. Der Hebel der Macht setzt wiederum beim Wissen an, oder besser gesagt bei der Ahnungslosigkeit der Ureinwohner über Truppenstärke und Organisationsfähigkeit der kolonialen Machthaber. Andersherum wurde mit einer Strafexpedition wiederum Wissen produziert, nämlich jene Angst vor der Polizeitruppe, und somit Unterordnung. Die Strafexpedition ist eine Technik der Neu-Kodifizierung von Recht und Unrecht.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Vorstellung der zentralen Fragestellung bezüglich der Herrschaftsentstehung im deutschen Schutzgebiet Togo unter Verwendung soziologischer Begriffe wie Macht, Herrschaft und Disziplin.
2. Die Rahmenbedingungen der Kolonisation: Untersuchung der geographischen Gegebenheiten, der indigenen Bevölkerungsstrukturen sowie der äußeren finanziellen und organisatorischen Rahmenbedingungen der Kolonialherrschaft.
3. Die Verknüpfung politischer und wirtschaftlicher Herrschaftserrichtung: Analyse des Aufbaus der Infrastruktur und der erzieherischen Maßnahmen, welche die koloniale Herrschaft und die kapitalistische Wirtschaftslogik stützten.
4. Togo – Die Musterkolonie einer Herrschaftsentwicklung: Zusammenfassende Betrachtung der Prozesse und Techniken, die Togo zur sogenannten Musterkolonie formten und wie diese Strukturen die Entwicklung beeinflussten.
Schlüsselwörter
Togo, Kolonialherrschaft, Macht, Herrschaftsentstehung, Disziplinierung, indirect rule, Missionsschulen, Infrastruktur, Plantagenwirtschaft, Kapitalismus, Schutzgebiet, Kolonialgeschichte, Ewe, Strafexpedition, Verwaltungsapparat.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die Entstehung deutscher Herrschaft in Togo zwischen 1885 und 1914 und untersucht das Zusammenspiel von politischer Verwaltung und wirtschaftlicher Entwicklung.
Was sind die zentralen Themenfelder der Publikation?
Die zentralen Themen sind der Aufbau einer bürokratischen Staatsverwaltung, die Etablierung kapitalistischer Wirtschaftsstrukturen und die disziplinierende Wirkung missionarischer und staatlicher Maßnahmen auf die indigene Bevölkerung.
Welches primäre Ziel verfolgt die Forschungsarbeit?
Ziel ist es aufzuzeigen, wie es der deutschen Kolonialverwaltung gelang, mit sehr begrenzten Ressourcen ein stabiles Herrschaftssystem über eine große indigene Bevölkerung zu errichten.
Welche wissenschaftliche Methode wird primär verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer soziologischen Analyse unter Heranziehung von zeitgenössischen Quellen und theoretischen Konzepten zur Staatsentstehung, insbesondere von Heinrich Popitz und Max Weber.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Analyse der infrastrukturellen Maßnahmen (Stationen, Transportwege) sowie die Untersuchung erzieherischer Prozesse (Missionsschulen, Disziplinierung), die zur Sicherung der kolonialen Ordnung dienten.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den wichtigsten Begriffen zählen Herrschaftsentstehung, Schutzgebiet Togo, Disziplin, Kapitalismus, indirect rule und Kolonialgeschichte.
Welche Rolle spielte die Polizeitruppe bei der Machtausübung?
Die Polizeitruppe diente weniger als militärische Übermacht, sondern fungierte primär als Instrument zur Verbreitung von Angst und zur symbolischen Machtdemonstration der kolonialen Überlegenheit.
Wie funktionierte das System der "indirekten Herrschaft" konkret?
Die Kolonialverwaltung delegierte administrative Aufgaben wie Steuereintreibung und niedere Gerichtsbarkeit an traditionelle Häuptlinge, die dadurch in das neue bürokratische Gefüge integriert und von der kolonialen Verwaltung legitimiert wurden.
- Citar trabajo
- Eric Tulip (Autor), 2010, Ökonomische Aspekte der Herrschaftsentstehung im deutschen ‚Schutzgebiet Togo’, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/178339