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M8: Wolfsstein Code

Ein Jo-Ormin-Krimi

Titre: M8: Wolfsstein Code

Roman , 2026 , 461 Pages

Autor:in: Matz Mattern (Auteur)

ShadowScript
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Résumé Extrait Résumé des informations

Ein Zug am Bahnhof. In einem der Wagen sitzt ein Toter. Ein Schuss aus nächster Nähe. Keine Papiere, kein Gepäck, keine Identität.

Für Jo Ormin und sein neu zusammengestelltes Team M8 beginnt der erste gemeinsame Fall mit einem rätselhaften Mord. Ein geheimnisvolles Zeichen auf der Haut des Toten führt zu weiteren Opfern und auf die Spur von Ref IV. Was zunächst wie ein Relikt aus den letzten Jahren der deutschen Teilung wirkt, entpuppt sich als Geflecht aus alten Loyalitäten, verschwiegenen Verbrechen und wirtschaftlichen Interessen.

Dann taucht der Name von Jos Vater auf.

Die Ermittlungen führen M8 tief in die Vergangenheit und schließlich nach Wolfsstein. Dort wartet eine Wahrheit, für die Menschen getötet haben. Und ein Geheimnis, das mehr als drei Jahrzehnte überlebt hat.

M8: Wolfsstein Code
Der Auftakt einer neuen Krimireihe um Jo Ormin und ein Team, das seine eigenen Regeln erst noch finden muss.

Extrait


Auszüge aus dem Buch

Cover: M8: Wolfsstein Code

Prolog

„Vollständig.“

Der Grenzer atmete schwer. „Er hat geredet. Bevor wir ihn ruhiggestellt haben.“

Arthur zog eine Augenbraue hoch. „Und?“

„Er weiß nichts von der Liste. Aber er hat Namen genannt. Kontaktleute im Westen.“

Arthur nickte langsam. Aus der Innentasche seines Parkas zog er einen dicken Briefumschlag. „Das Honorar. D-Mark, wie vereinbart. Und die Pässe für den Übergang.“ Er warf den Umschlag in den Schnee.

Der Grenzer bückte sich nicht sofort. Sein Blick wanderte zu dem Sack, den seine beiden Begleiter auf den Boden fallen ließen.

Ein gedämpftes Stöhnen drang aus dem Stoff.

„Was passiert mit ihm?“

Arthur trat näher und stieß mit der Spitze seines Stiefels gegen den Sack. Das Stöhnen wurde zu einem Wimmern. „Er wird ein Beispiel sein.“

Der Grenzer sah ihn an.

Arthur lächelte nicht. „Ihr verschwindet jetzt. Route Gelb. Der Lkw wartet an der Landstraße 285. In zwei Stunden seid ihr in Frankfurt. Danach seid ihr Geister.“

Der Mann zögerte kurz, hob den Umschlag auf und gab seinen Begleitern ein Zeichen. Wenige Sekunden später hatte der Wald sie verschluckt.

Arthur blickte auf den Sack. „Öffnen.“

Zwei seiner Männer traten vor. Einer schnitt die Kordel durch, der andere riss den Stoff herunter. Ein Mann kam zum Vorschein. Er trug nur Unterwäsche und ein zerrissenes Hemd. Sein Gesicht war blutig, die Augen vor Angst weit aufgerissen. Er zitterte so heftig, dass seine Zähne hörbar aufeinanderschlugen.

„Bitte“, stammelte er. „Ich habe Familie. Ich wollte doch nur …“

Arthur ging in die Hocke, bis ihre Gesichter auf gleicher Höhe waren.

„Wir alle haben Familie“, sagte er beinahe sanft. Gerade diese Ruhe machte seine Worte unerträglich. „Aber manche Dinge sind größer als unsere Familien. Du hast versucht, Informationen zu verkaufen, die dir nicht gehören. Informationen, die das Gleichgewicht gefährden.“

„Ich schweige. Ich schwöre es.“

Arthur richtete sich wieder auf. Seine Männer standen im Halbkreis – Männer aus unterschiedlichen Diensten, die gelernt hatten, Befehle zu befolgen, Grenzen zu überschreiten und anschließend zu vergessen, was sie gesehen hatten. Arthur hatte sie nicht ausgewählt, weil sie gute Soldaten waren. Er hatte sie ausgewählt, weil sie bereit waren, Dinge zu tun, für die später niemand verantwortlich sein wollte.

Sein Blick blieb an einem der Männer hängen. „Du.“

Der Angesprochene sah ihn an. „Bitte?“

Arthur zog seine Pistole – eine Walther P38, ein Relikt aus einer anderen Zeit. Der Stahl glänzte matt im schwachen Licht. Er hielt sie dem Mann hin. Der rührte sich nicht.

„Nimm sie.“

„Wir sagten, wir verhören ihn.“

„Das Verhör ist beendet.“

Für einen Moment gab es nur den Wind. Dann nahm der Mann die Waffe. Seine Hand zitterte leicht.

Arthur trat näher. „Er ist ein Feind.“

„Er ist unbewaffnet.“

Arthur sah ihn lange an. „Genau deshalb stehen wir hier.“

Der Mann im Schnee begann zu weinen. Er versuchte, rückwärts zu kriechen, aber seine Beine versagten. „Bitte.“

Arthur legte seinem Mann die Hand auf die Schulter. „Wenn du jetzt zögerst, bist du ein Risiko. Für uns alle.“

Der Lauf der P38 hob sich langsam.

„Für die Einheit“, sagte Arthur.

Der Mann mit der Pistole atmete schwer.

„Für den Pakt.“ Arthur beugte sich näher zu ihm. „Und schließ die Augen nicht.“

Ein Schuss zerriss die Stille.

Der Körper im Schnee sackte zusammen – ein dunkles Loch in der Stirn, wo sich rasch Rot auf dem Weiß ausbreitete.

Der Schütze ließ die Hand sinken. Er atmete stoßweise.

Arthur nahm ihm die Pistole ab. „Gut.“ Er steckte sie zurück in sein Holster. „Jetzt gehörst du wirklich dazu.“

Hinter ihnen setzte sich einer der Männer in Bewegung – ein großer, bulliger Kerl, der bisher geschwiegen hatte. Er ging zu dem bereitstehenden Fahrzeug und öffnete die Hecktüren.

Arthur sah zu ihm. „Braun.“

Der Mann blieb stehen. „Sir.“

„Du fährst.“

Braun nickte. Mehr nicht.

Arthur sah noch einen Moment auf die Leiche. „Wir bringen ihn zum alten Stollen am Roten Moor. Dort findet ihn niemand.“

Einer der Männer sah ihn irritiert an. „Und wenn doch?“

Arthur drehte sich langsam zu ihm. „Dann sind wir längst Geschichte.“ Er ließ seinen Blick über die Männer wandern. „Was heute Nacht hier geschehen ist, hat nie stattgefunden. Wir waren nie hier. Dieser Mann hat nie existiert.“

Niemand sprach.

„Das ist unser Pakt.“

Der Wind fuhr durch die Baumwipfel.

„Wer ihn bricht, wird selbst Teil dessen, was wir begraben.“

Arthur musste nicht erklären, was er meinte. Der Tote im Schnee tat es für ihn.

Braun zog ein Paar Arbeitshandschuhe an und öffnete die Ladefläche weiter. Für einen Augenblick blieb sein Blick an dem erschossenen Mann hängen. Etwas veränderte sich in seinem Gesicht – nur für eine Sekunde. Dann sah er weg.

Arthur bemerkte es. Er sagte nichts. Noch nicht.

Gemeinsam hoben die Männer den Toten in das Fahrzeug. Arthur von Stetten ging voraus in Richtung Wald. Er spürte die Kälte nicht. Nur die Befriedigung darüber, dass die Ordnung wiederhergestellt war.

Hinter ihm schlug Braun die Hecktüren zu. Das Geräusch hallte durch die Nacht – wie der Deckel eines Sarges. Arthur blieb einen Moment stehen und blickte zurück. Der Schnee begann bereits, ihre Spuren zu bedecken. Gut so. Bis zum Morgen würde kaum noch etwas darauf hindeuten, dass sie jemals hier gewesen waren.

Arthur von Stetten glaubte in dieser Nacht, ein Geheimnis begraben zu haben. Tatsächlich hatte er nur dafür gesorgt, dass es lange genug überlebte.

[...]

KAPITEL 1: Die Auswahl

Sechs Monate vor dem ersten Fall

Polizeipräsidium Falkenberg

Der Regen über Falkenberg hatte keine Farbe. Er war einfach nur grau – ein nasser, schwerer Vorhang, der sich über die Stadt legte und die Konturen der Hochhäuser verwischte.

Kriminalhauptkommissar Jo Ormin stand am großen Panoramafenster im vierzehnten Stock des Polizeipräsidiums und blickte hinaus.

Von hier oben sah die Stadt aus wie ein unfertiges Puzzle. Im Westen die glitzernden Fassaden der Banken und Versicherungen, die sich wie gläserne Finger in den Himmel reckten. Der „Zahn“, wie die Einheimischen den höchsten Turm nannten, verschwand heute fast vollständig im tiefhängenden Wolkennebel.

Im Osten, jenseits der breiten Schneise, die die Gleisanlagen des Hauptbahnhofs durch die Stadt zogen, begann das alte Arbeiterviertel: Backsteinbauten, Schlote, die schon lange keinen Rauch mehr ausspien, und enge Gassen, in denen das Leben etwas rauer, aber auch ehrlicher war.

Noch weiter draußen, dort, wo die Stadt ausfranste und in die dunklen Wälder überging, lag die alte Grenze. Die Narbe, die Hessen von Thüringen getrennt hatte, war auf den Landkarten verschwunden. In der Landschaft war sie noch immer zu erkennen.

Jo wusste das. Er war oft genug dort draußen mit seinem Mountainbike unterwegs, über die alten Kolonnenwege, vorbei an verfallenen Wachtürmen, die wie hohle Zähne in der Landschaft standen.

Er nahm einen Schluck aus dem Pappbecher, den er sich am Automaten im Flur gezogen hatte. Der Kaffee schmeckte nach verbranntem Plastik und zu viel Zucker, aber er brauchte das Koffein.

Sein Kopf dröhnte noch leicht vom Vorabend. Metallica in der Festhalle. Er hatte zu nah an den Boxen gestanden, und das Pfeifen in seinen Ohren war eine angenehme Erinnerung an die Energie, die durch seinen Körper gefahren war.

Er rieb sich über das Gesicht. Drei Tage unrasiert. Schwarze Lederjacke über einem verwaschenen Band-Shirt, Jeans und schwere Boots. Er wusste, dass er nicht aussah wie der typische Kandidat für eine Beförderung. In diesem Gebäude, in dem gebügelte Hemden und Krawatten die Uniform der Karriere waren, wirkte er wie ein Fremdkörper.

Vielleicht war genau das der Grund, warum Paul Rüdiger ihn hier haben wollte.

Die schwere Eichentür hinter ihm öffnete sich.

„Ormin. Hören Sie auf, mein Fenster zu hypnotisieren. Der Regen wird davon auch nicht wärmer.“

Polizeidirektor Paul Rüdiger betrat den Raum. Mitte vierzig, das Haar akkurat gescheitelt, der Anzug maßgeschneidert, die Krawatte mit einem exakten Windsor-Knoten gebunden. Rüdiger strahlte eine Autorität aus, die nicht laut werden musste, um zu wirken. Er ging an seinen Schreibtisch, legte eine dünne rote Mappe darauf und setzte sich.

„Setzen Sie sich, Jo.“

Jo ließ sich in einen der Besuchersessel fallen. Das Leder knarrte leise.

„Sie wissen, warum Sie hier sind?“

„Ich habe Gerüchte gehört. Man munkelt, Sie wollen eine neue Einheit aufstellen. Eine, die nicht erst Formulare ausfüllt, bevor sie die Handschellen rausholt.“

Rüdiger lächelte dünn. „Das Innenministerium hat einen wesentlich komplizierteren Namen dafür.“

„Das überrascht mich jetzt.“

„Ich nenne es M8 – Mordkommission 8. Eine Sonderkommission, direkt mir unterstellt. Kein Wasserkopf. Kurze Wege.“

Jo stellte seinen Kaffeebecher auf den Boden. „Und was sollen wir machen?“

„Fälle übernehmen, die zwischen Zuständigkeiten verschwinden. Organisierte Kriminalität. Grenzüberschreitende Gewalt. Alte Fälle, die plötzlich wieder aktuell werden. Dinge, bei denen eine normale Mordkommission irgendwann an einer politischen, geografischen oder bürokratischen Grenze steht.“ Rüdiger legte die Hand auf die rote Mappe. „Ich habe das Budget. Ich habe die Räume. Was mir fehlt, sind die richtigen Leute.“

Er öffnete die Mappe und schob Jo das erste Blatt hin. Ein Passfoto. Scharfe Gesichtszüge, kurze blonde Haare und Augen, die aussahen, als könnten sie durch Wände blicken.

„Susanne Lade“, las Jo. Ein Grinsen stahl sich auf sein Gesicht. „32.“

„Kennen Sie sie?“

„Wir sind uns ein paar Mal begegnet. Schießtraining. Ein Seminar über Vernehmungstechniken. Sie ist direkt.“

„Das ist eine freundliche Umschreibung.“

Jo sah auf. „Ärger?“

„Drei Disziplinarverfahren in zwei Jahren.“

„Weil sie ihren Vorgesetzten gesagt hat, dass sie Idioten sind?“

„Weil sie gelegentlich recht hatte.“

Jo grinste. „Gefällt mir.“

„Sie ist hervorragend im Gelände, kennt das Grenzgebiet und hat einen bemerkenswerten Instinkt für Fluchtrouten. Sie wird Ihre Stellvertreterin.“

Jo nickte. „Gute Wahl.“

Rüdiger blätterte um. Das nächste Foto zeigte einen Mann, der aussah, als hätte er seit drei Nächten nicht geschlafen: tiefe Ringe unter den Augen, Dreitagebart und ein Blick irgendwo zwischen Resignation und Trotz.

„Gregor Braun.“

Jos Grinsen verschwand. „Chef, ernsthaft? Gregor?“

„Lesen Sie die Beurteilung.“

„Brauche ich nicht. Ich kenne den Flurfunk: geschieden, zwei Kinder, die er kaum sieht. Er trinkt und raucht wie ein Schlot.“

„Er ist trocken.“

Jo hob eine Augenbraue. „Seit wann? Seit dem Frühstück?“

Rüdigers Blick wurde hart. „Gregor Braun ist der beste intuitive Ermittler, den wir in Falkenberg haben. Vielleicht einer der Besten in Hessen. Er sieht Zusammenhänge, wo andere nur Chaos sehen.“

Jo schwieg.

„Erinnern Sie sich an den Kiesgrubenmord?“

„Natürlich.“

„Wer hat die Leiche gefunden, nachdem selbst die Hunde versagt hatten?“

„Gregor.“

„Eben.“

Jo betrachtete das Foto. Gregor hatte eine Gabe. Aber Gaben hatten ihren Preis. „Er ist ein Risiko.“

„Deshalb sind Sie der Chef. Sie sind sein Sicherheitsnetz. Ich gebe ihm diese Chance. Wenn er sie verspielt, ist er raus. Aber wenn er funktioniert, brauchen Sie keinen zweiten wie ihn.“

Jo sah noch einmal auf das Foto. Irgendetwas an Gregors Gesicht kam ihm bekannt vor. Nicht der Mann selbst – eher dieser Ausdruck, den Menschen bekamen, wenn sie versuchten, etwas hinter sich zu lassen, das ihnen trotzdem jeden Morgen wieder begegnete. Jo kannte diesen Blick. Sein Vater hatte ihn manchmal gehabt. Damals hatte Jo nie gefragt, warum.

„Okay“, sagte er schließlich. „Ich nehme ihn. Aber wenn er mir im Einsatz zusammenklappt, trage ich ihn nicht nach Hause.“

„Das erwarte ich auch nicht.“ Rüdiger zog zwei weitere Blätter aus der Mappe und legte sie nebeneinander. „Wir brauchen Balance. Susanne ist der Motor. Gregor ist der Instinkt und gleichzeitig unser größtes Risiko. Hier kommt das Fundament.“

Er deutete auf das linke Bild. Ein Mann mit freundlichem Gesicht, etwas schütterem Haar und einer Brille, die ihm das Aussehen eines Lehrers verlieh.

„Thomas Karl, 46. Verheiratet, zwei erwachsene Kinder. Spielt Tennis im Verein.“

„Der klingt erschreckend normal.“

„Ist er nicht. Thomas hat zwanzig Jahre im Archiv und in der Recherche verbracht. Er kennt Zusammenhänge, die andere längst vergessen haben. Wenn Sie wissen wollen, ob ein Mordmuster vor zwanzig Jahren schon einmal aufgetaucht ist, fragen Sie Thomas.“

Jo betrachtete das Foto. „Also unser Gedächtnis.“

„Mehr als das. Thomas denkt nicht in einzelnen Fällen. Er denkt in Strukturen. Geben Sie ihm zehn scheinbar unzusammenhängende Informationen, und er sagt Ihnen möglicherweise, welche davon wichtig wird, bevor Sie selbst wissen, warum.“

Jo sah Rüdiger an. „Warum sitzt so einer im Archiv?“

Zum ersten Mal zögerte Rüdiger. „Vielleicht, weil manche Menschen unterschätzt werden wollen.“

Jo betrachtete das Bild noch einen Moment und legte es zurück. „Den Satz merke ich mir.“

Rüdiger tippte auf das zweite Foto. Ein Gesicht, so jung und glatt, dass es beinahe retuschiert wirkte.

„Sven Schmidt, 29. Frisch von der Akademie, Jahrgangsbester.“

„Der sieht aus, als müsste ich ihm noch das Pausenbrot schmieren.“

„Unterschätzen Sie ihn nicht. Er gehört zur Generation Digital. Er findet Spuren im Netz, von denen wir alten Hasen nicht einmal wissen, dass sie existieren. Er denkt in Daten und Algorithmen, nicht in Schuhsohlen.“

„Aber?“

„Keine Straßenerfahrung. Keine Leichenschau. Keine Schießerei. Theorie pur.“

Jo seufzte. „Also muss ich Babysitter spielen.“

„Sie müssen ihn formen.“ Rüdiger klappte die Mappe zu. „Und dann ist da noch Helga.“

Ein Lächeln huschte über Jos Gesicht. „Helga Wolf.“

„Sie hat sich freiwillig gemeldet, das Sekretariat der M8 zu übernehmen. Sie sagt, im normalen Dienstbetrieb sei ihr zu wenig los.“

„Jeder kennt Helga.“

„Und genau deshalb brauchen Sie sie.“

„Tango, klassische Musik und ein Mundwerk wie ein Hafenarbeiter, wenn ihr etwas nicht passt.“

„Sie ist das Rückgrat“, sagte Rüdiger. „Ohne sie versinkt Ihnen der Laden innerhalb von drei Tagen im Chaos.“

Rüdiger stand auf und ging zum Fenster. Jo folgte ihm mit dem Blick.

„Das ist Ihr Team. Individualisten, ein paar beschädigte Biografien, Talent und ziemlich viel Risiko. Auf dem Papier passt das nicht zusammen.“ Er blickte hinaus in den Regen. „Aber vielleicht brauchen wir genau das.“

Jo stand auf. „Warum?“

Rüdiger drehte sich zu ihm. „Weil wir keine Klone brauchen. Wir brauchen Menschen, die Fragen stellen, wenn andere längst aufgehört haben.“ Er reichte Jo die Hand. „Ihr Büro ist im Anbau, Ebene zwei. Die anderen warten bereits im Konferenzraum. Gehen Sie rüber und sagen Sie ihnen, dass die Schonzeit vorbei ist.“

Jo ergriff seine Hand. „Eine Frage noch, Chef.“

„Ja?“

Jo deutete zum Fenster, hinaus in Richtung der nebelverhangenen Hügel. „Die Region. Warum jetzt? Warum so dringend?“

Rüdiger schwieg einen Moment. Sein Blick veränderte sich. „Weil sich da draußen etwas zusammenbraut, Jo. Die alten Grenzen verschwinden vielleicht auf den Karten.“ Er sah Jo an. „Aber manche Dinge verschwinden nicht, nur weil niemand mehr darüber spricht.“

Jo hielt seinem Blick stand. Für einen kurzen Moment hatte er das merkwürdige Gefühl, dass Rüdiger ihm mehr sagen wollte. Dann war der Moment vorbei.

Jo nahm die rote Mappe. „Keine Sorge. Schatten sind mein Geschäft.“

Er verließ das Büro. Der Flur lag verlassen da. Nur das Summen der Leuchtstoffröhren begleitete ihn auf dem Weg zum gläsernen Konferenzraum.

Kurz vor der Tür blieb er stehen. Durch die Lamellen der Jalousien konnte er die Personen im Inneren erkennen. Fünf Menschen. Fünf Leben, die ab heute miteinander verbunden waren.

Jo atmete tief durch und drückte die Klinke herunter. Die Gespräche verstummten.

„Morgen zusammen.“

„Pünktlich auf die Minute“, bemerkte Helga Wolf vom Kopfende des Tisches. Vor ihr standen mehrere Kaffeetassen. „Ich habe dir einen schwarzen gemacht, Jo. Ohne Zucker. Wie deine Seele.“

Jo grinste. „Du bist ein Schatz, Helga.“

„Das wirst du noch oft genug feststellen.“ Sie schob ihm die Tasse hin.

Thomas Karl saß links am Tisch. Vor ihm lag eine dicke Kladde. Obwohl die Sitzung noch nicht begonnen hatte, hatte er bereits mehrere Zeilen notiert. „Willkommen an Bord, Chef.“

„Danke, Thomas. Lass noch ein bisschen Platz in deinem Buch. Ich fürchte, das wird voll.“

Neben ihm saß Sven Schmidt so kerzengerade auf seinem Stuhl, als hätte er einen Besenstiel verschluckt. Als Jo ihn ansah, wollte er aufstehen.

„Guten Morgen, Herr Hauptkommissar.“

Jo hob die Hand. „Sitzen bleiben. Und Jo reicht. Wenn du „Herr Hauptkommissar“ sagst, fühle ich mich alt. Und wenn ich mich alt fühle, bekomme ich schlechte Laune.“

Sven wurde rot. „Okay. Jo.“

Susanne Lade kippte ihm gegenüber mit ihrem Stuhl. „Lass den Jungen in Ruhe. Er hat noch Welpenstatus.“

Jo sah sie an. „Rüdiger sagt, du bist meine Stellvertreterin.“

„Offenbar hat er wenigstens eine vernünftige Entscheidung getroffen.“

„Das werden wir noch sehen.“

Sie grinste. „Jederzeit.“

Jos Blick wanderte zum Ende des Tisches. Gregor Braun saß etwas abseits. Beide Hände umklammerten einen Pappbecher. Die Haut war fahl, die Augen gerötet.

Für einen Moment wurde es still. Jo ging zu ihm. Gregor hob den Kopf.

„Jo.“

„Gregor.“ Jo blieb vor ihm stehen. „Ich habe deine Akte gelesen.“

[...]

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Résumé des informations

Titre
M8: Wolfsstein Code
Sous-titre
Ein Jo-Ormin-Krimi
Auteur
Matz Mattern (Auteur)
Année de publication
2026
Pages
461
N° de catalogue
V1783605
ISBN (ebook)
9783389210833
ISBN (Livre)
9783389210840
Langue
allemand
mots-clé
Wolfsstein Code Matz Mattern Jo Ormin Krimi M8 Krimireihe deutscher Kriminalroman spannender Ermittlerkrimi Polizeikrimi Deutschland Verschwörungsthriller Politthriller Deutschland Krimi mit DDR-Vergangenheit Krimi deutsche Wiedervereinigung Geheimdienstkrimi Mordfall im Zug geheime Organisation Cold Case Krimi Krimi Hessen Thüringen Krimi ehemalige innerdeutsche Grenze dunkle Familiengeheimnisse Machtmissbrauch und Korruption Schloss Wolfsstein
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Citation du texte
Matz Mattern (Auteur), 2026, M8: Wolfsstein Code, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1783605
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