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M8: Das Erbe von Wolfsstein

Ein Jo-Ormin-Krimi

Title: M8: Das Erbe von Wolfsstein

Novel , 2026 , 364 Pages

Autor:in: Matz Mattern (Author)

ShadowScript: Crime novels & Thrillers
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Summary Excerpt Details

Wolfsstein ist Geschichte. Das Schloss liegt in Trümmern, Arthur von Stetten ist tot. Für Jo Ormin und sein Ermittlerteam M8 könnte der Fall endlich abgeschlossen sein.

Doch dann taucht eine rätselhafte Geldtransaktion auf. Absender unbekannt, Empfänger unbekannt. Im Verwendungszweck steht nur ein einziges Wort: Fortführung.

Was als Spur zu einem verschwundenen Vermögen beginnt, führt Jo und sein Team in ein Netz aus alten Geheimnissen, neuen Machtinteressen und Menschen, die lieber im Verborgenen bleiben.

Bald wird klar: Mit Arthur von Stetten ist vielleicht ein Mann gestorben. Aber nicht das System, das er hinterlassen hat.
Denn manche Erbschaften bestehen nicht aus Geld. Sondern aus Macht.

Excerpt


Auszüge aus dem Buch

Cover: M8: Das Erbe von Wolfsstein

PROLOG: Der Blutzoll der Wende

Wiesbaden, 1992

Der Geruch von frischem Gips, Teppichkleber und neuen Möbeln hing in der Luft. Alles hier war neu: die Wände, die Schreibtische, die Telefone. Selbst die Rufschilder neben den Türen waren erst wenige Tage zuvor montiert worden.

Stetten Consulting GmbH

Darunter stand in kleineren Buchstaben: Strategische Unternehmensberatung und Beteiligungsmanagement.

Walter blieb vor dem Schild stehen. „Beteiligungsmanagement“, murmelte er.

Kroll, der ihn vom Eingang bis in den dritten Stock begleitet hatte, reagierte nicht. Natürlich nicht; Kroll reagierte selten. Er trug einen dunklen Anzug, der ihm nicht richtig passte – zu breit an den Schultern, zu eng am Hals. Vor vier Jahren hatte Walter ihn noch in Uniform gesehen; jetzt sah er aus wie ein Chauffeur. Vielleicht war er genau das: Chauffeur, Leibwächter, Bote, Mann fürs Grobe. Die Berufsbezeichnungen änderten sich, die Aufgaben offenbar nicht.

Kroll öffnete die Tür. „Herr von Stetten wartet.“

Walter sah ihn an. „Arthur.“

Kroll verzog keine Miene. „Herr von Stetten.“

Walter schnaubte und ging an ihm vorbei.

Der Konferenzraum war groß und hell. Eine breite Fensterfront gab den Blick auf Wiesbaden frei; auf dem gläsernen Tisch standen Mineralwasser, Kaffee und ein Teller mit Gebäck. Walter musste beinahe lachen: Vor vier Jahren hatten sie sich nachts in einem abgeschotteten Raum getroffen, unter Neonlicht und hinter schweren Türen; sie hatten von Feinden gesprochen, von Verrätern und von einem Land, das geschützt werden müsse. Jetzt gab es Kaffee, Gebäck und eine Sekretärin im Vorzimmer.

Arthur von Stetten stand am Fenster – Maßanzug, weißes Hemd, dunkelrote Krawatte, die Haare kürzer als früher. Er sah nicht mehr aus wie ein Offizier; er sah aus wie einer dieser Männer, die inzwischen jeden Abend in den Nachrichten auftauchten: Unternehmensberater, Investoren, Treuhänder, Menschen, die erklärten, wie die neue Republik funktionierte.

„Walter.“ Arthur drehte sich um und lächelte. „Schön, dass du gekommen bist.“

„Du hast mich einbestellt.“

„Ich habe dich eingeladen.“

„Bei dir war das schon immer dasselbe.“

Arthur lächelte noch immer. „Kaffee?“

„Nein.“

„Wasser?“

„Nein.“

„Dann setz dich wenigstens.“

Walter blieb stehen. Erst jetzt bemerkte er den vierten Mann, der etwas abseits an einem kleinen Tisch nahe der Fensterfront saß – vielleicht Ende dreißig, dunkler Anzug, schmales Gesicht, eine randlose Brille. Vor ihm lagen mehrere Mappen und ein Taschenrechner. Kein Mitglied des alten Kreises, zumindest keines, das Walter kannte.

Der Mann sah kurz auf, mit ruhigem, fast freundlichem Blick, und wandte sich dann wieder seinen Unterlagen zu.

„Wer ist das?“, fragte Walter.

Arthur folgte seinem Blick. „Klaus Wagner.“

Der Mann stand auf. „Walter.“ Kein Dienstgrad, kein Nachname, nur Walter. Er streckte ihm die Hand entgegen, aber Walter ignorierte sie. Wagner nahm das ohne erkennbare Kränkung hin und setzte sich wieder.

„Er gehört nicht zu uns“, sagte Walter.

„Was bedeutet uns heute noch etwas?“, fragte Arthur.

„Du weißt genau, was ich meine.“

„Wagner berät mich.“

Walter lachte trocken. „Jetzt haben wir schon Berater.“

„Die Zeiten ändern sich.“

„Offenbar.“

Arthur setzte sich an die Stirnseite des Tisches. Kroll blieb an der Tür stehen. Walter kannte diese Anordnung: Arthur saß, Kroll stand, und alle anderen sollten verstehen, wer entschied und wer dafür sorgte, dass Entscheidungen Bestand hatten.

Walter setzte sich ihm gegenüber. „Also?“

Arthur schob ihm eine Mappe zu. Walter öffnete sie: Firmen, Beteiligungen, Treuhandkonstruktionen, Konten, Zahlen. Eine Gesellschaft in Frankfurt, eine weitere in Luxemburg, zwei in der Schweiz. Walter blätterte weiter, dann hörte er auf.

„Was ist das?“

„Unsere Zukunft.“

„Das ist Geldwäsche.“

Arthur hob eine Augenbraue. „Großes Wort.“

„Es ist das richtige.“

„Nein. Das richtige Wort lautet Struktur.“

Walter schlug die Mappe zu. „Wir haben einen Schwur geleistet, Arthur.“

Wagner blickte auf, während Arthur beinahe gelangweilt wirkte. „Das ist lange her.“

„Vier Jahre.“

„In diesem Land sind vier Jahre inzwischen eine Ewigkeit.“

Walter beugte sich über den Tisch. „Wir sollten dieses Land gegen seine Feinde schützen – von außen und von innen. Dafür haben wir Leute rekrutiert, dafür haben Jäger und die anderen ihre Existenz riskiert.“

Arthur nahm einen Schluck Wasser. „Und?“

„Und jetzt gründest du Firmen, verschiebst Geld in die Schweiz und sammelst Material über Politiker und Unternehmer.“

„Informationen.“

„Du erpresst sie.“

„Ich schaffe Verbindlichkeit.“

Walter starrte ihn an. „Hörst du dir eigentlich noch selbst zu?“

Arthur stellte das Glas ab. „Sehr genau sogar.“

Für einen Moment war nur das leise Summen der Klimaanlage zu hören. Draußen fuhr ein Bus durch die Straße, Menschen gingen über den Gehweg – Deutschland im Jahr 1992. Alles schien in Bewegung, nur in diesem Raum fühlte sich Walter plötzlich wieder wie früher.

Arthur faltete die Hände. „Du hast das Problem noch nicht verstanden.“

„Dann erklär es mir.“

„Das Land, das wir schützen wollten, existiert nicht mehr.“

Walter sagte nichts.

„Die Grenzen sind andere. Die politischen Blöcke verändern sich. Ministerien werden zusammengelegt, Akten verschwinden, Unternehmen wechseln für einen Bruchteil ihres Wertes den Besitzer. Überall werden gerade Vermögen, Einfluss und Informationen neu verteilt.“

Walter deutete auf die Mappe. „Und du willst dabei sein.“

„Natürlich.“

Die Selbstverständlichkeit, mit der er es sagte, erschreckte Walter mehr als jede Rechtfertigung. „Darum ging es dir also.“

Arthur schüttelte den Kopf. „Nein. Damals ging es darum, Macht zu erhalten. Heute geht es darum, sie neu zu organisieren.“

„Für wen?“

Arthur lächelte. „Für diejenigen, die verstehen, wie sie funktioniert.“

Walter sah zu Wagner, der noch immer an seinem kleinen Tisch saß. „Und er versteht das?“

Arthur folgte seinem Blick. „Sehr gut sogar.“

Wagner nahm die Brille ab und legte sie neben seine Unterlagen. „Wenn ich etwas sagen darf.“

Walter lachte bitter. „Warum nicht? Offenbar darf hier inzwischen jeder etwas sagen.“

Wagner ignorierte den Ton. „Herr von Stetten hat recht mit einem Punkt.“

Arthur sah ihn an – nur kurz, aber Walter bemerkte es: Wagner hatte ihn nicht Arthur genannt.

„Welchem?“, fragte Walter.

„Die alten Strukturen funktionieren nicht mehr.“

„Danke für die Erkenntnis.“

„Aber ihre Werte funktionieren.“

Walter runzelte die Stirn. „Welche Werte?“

„Nicht die ideologischen.“ Wagner schob eine der Mappen zur Seite. „Informationen. Kontakte. Abhängigkeiten. Wissen über Menschen. Wissen über Geldströme. Wissen darüber, wem man was schuldet.“ Er machte eine kurze Pause. „Das ist heute mehr wert als jede Dienstwaffe.“

Walter sah ihn an. „Und was hat das mit Ref IV zu tun?“

Arthur antwortete für ihn: „Alles.“

Er stand auf und ging zum Fenster. „Das Ideal war der Kinderschuh, Walter. Die Illusion, die wir brauchten, um Männer wie dich und Wilhelm zu gewinnen.“

Walter spürte, wie ihm heiß wurde. „Du hast uns benutzt.“

Arthur drehte sich zu ihm um. „Natürlich.“ Kroll bewegte sich nicht, Wagner ebenfalls nicht.

„Du hast uns erzählt, es gehe um das Land.“

„Damals musste es darum gehen.“

„Und heute?“

Arthur zeigte hinaus. „Schau dich um.“

Walter tat es nicht.

„Die wahre Macht dieser neuen Republik liegt nicht in Kasernen. Sie liegt auch nicht in Ministerien.“ Arthur tippte mit dem Finger gegen die Fensterscheibe. „Sie liegt im Kapital, in Beteiligungen, in Krediten, in Informationen, in der Möglichkeit, Entscheidungen zu beeinflussen, bevor irgendjemand merkt, dass sie beeinflusst wurden.“

Walter sah ihn an.

Arthur lächelte. „Ref IV ist heute keine Spezialeinheit mehr.“ Er ging zurück zum Tisch. „Es ist eine Versicherung.“

„Gegen was?“

„Gegen Bedeutungslosigkeit.“

Walter stand auf, der Stuhl schrammte über den Boden. „Das ist nicht unser Weg.“

Arthur sah ihn beinahe bedauernd an. „Es gibt unseren Weg nicht mehr.“

„Doch.“ Walter zeigte auf die Mappe. „Und das hier ist Verrat daran.“

Zum ersten Mal verschwand Arthurs Lächeln. Walter sah zu Kroll und wieder zu Arthur. „Ich habe den Verrat damals gesehen.“

Arthur schwieg.

„Bei Ormin. Bei dem anderen.“

Noch immer keine Reaktion.

„Ich habe geglaubt, du hättest getan, was notwendig war, um die Einheit zu schützen.“

Arthur hob leicht das Kinn. „Das habe ich.“

„Nein.“ Walter schüttelte den Kopf. „Du hast die Einheit geschützt, weil sie dir Macht gegeben hat.“

Wagner sah jetzt aufmerksam zu ihm. Walter bemerkte es. „Und jetzt brauchst du sie nicht mehr.“

Arthur setzte sich wieder. „Jetzt brauche ich etwas Besseres.“

Da verstand Walter – vielleicht zum ersten Mal vollständig: Es war nie um den Staat gegangen, nicht wirklich, nicht für Arthur. Der Staat war ein Werkzeug gewesen, genau wie sie.

Walter atmete langsam aus. „Ich werde reden.“

Kroll hob den Kopf, während Arthur vollkommen ruhig blieb. „Mit wem?“

„Mit den Behörden.“

„Welchen?“

„Das wird sich finden.“

„Walter.“

„Ich habe Kopien.“ Das war gelogen, aber nur teilweise.

Arthur musterte ihn. „Von was?“

„Genug.“

Jetzt bewegte sich auch Wagner – nur wenige Zentimeter, aber Walter sah, wie seine Hand auf der Mappe liegen blieb.

„Ich werde die Akten offenlegen“, sagte Walter. „Die alten und die neuen. Ich werde erzählen, was wir getan haben. Was mit Ormin passiert ist. Mit den anderen. Alles.“

Arthur nickte langsam, fast anerkennend. „Ich danke dir für deine Loyalität bis zu diesem Punkt.“

Walter starrte ihn an. „Was?“

„Du warst immer zuverlässig.“ Arthur sah zu Kroll. „Nur hast du eines nie verstanden.“

Walter folgte seinem Blick.

„Der Schwur galt nicht nur den Feinden von außen.“ Kroll löste sich von der Wand.

„Arthur.“

„Er galt vor allem den Verrätern in den eigenen Reihen.“

Walter machte einen Schritt zurück. Kroll kam näher. „Du weißt zu viel“, sagte Arthur, „und du hast etwas entwickelt, das in unserer Arbeit gefährlich ist.“

Walter sah Kroll an. „Ein Gewissen.“

Kroll stand jetzt direkt vor ihm. „Du bist kein Mensch“, sagte Walter.

Kroll reagierte nicht. „Du bist ein Tier.“

Dann sah Walter den dünnen Draht. Er versuchte noch, sich wegzudrehen – zu spät. Kroll war schneller. Die Schlinge legte sich um Walters Hals und zog sich zu.

Walter griff danach, seine Finger fanden den Draht, aber keinen Halt. Er trat nach hinten, der Tisch verrutschte, ein Glas fiel um, Wasser lief über die Tischplatte und tropfte auf den neuen Teppich.

Walter rang nach Luft. Kroll stand hinter ihm und zog – ruhig, ohne Hast.

Walter sah Arthur, der noch immer auf seinem Stuhl saß und ihn beobachtete: keine Wut, kein Hass, nicht einmal Genugtuung, nur diese kalte Aufmerksamkeit.

Dann wanderte Walters Blick weiter zu Wagner, der jetzt am Fenster stand und nicht wegsah. Das war das Letzte, was Walter bemerkte. Dann wurde alles schwarz.

Kroll hielt den Draht noch einige Sekunden gespannt, schließlich ließ er los. Walter sackte auf den Boden.

Stille.

Arthur nahm sein Wasserglas; es war leer. Er sah auf die umgekippte Flasche. „Das ist ärgerlich.“

Kroll wickelte die Garotte zusammen. „Was machen wir mit ihm?“

„Wie besprochen.“

Kroll nickte, packte Walter unter den Armen und zog ihn in Richtung Tür.

Arthur sah zu Wagner. „Sie sind sehr ruhig.“

Wagner setzte die Brille wieder auf. „Was soll ich sagen?“

„Die meisten Menschen reagieren anders, wenn jemand vor ihren Augen stirbt.“

„Die meisten Menschen werden deshalb auch nicht zu solchen Besprechungen eingeladen.“

Arthur lächelte. „Sie gefallen mir.“

Wagner nahm die Mappe wieder zur Hand. „Das sollte Sie nicht beruhigen.“

Kroll blieb an der Tür stehen. Für einen Moment sah Arthur Wagner an, dann lachte er. „Bringen Sie ihn weg.“

[...]

[...]

KAPITEL 1: Nachtwache

Bad Salzungen, Thüringen

Klinikum, Notaufnahme

Es roch scharf nach Desinfektionsmittel, steril und unangenehm. Er war das genaue Gegenteil von dem beißenden Rauch, der noch immer in Jos Kleidern hing.

Jo saß auf einer Liege in einem Behandlungsraum der Notaufnahme. Eine Schwester hatte ihm eine Wolldecke umgelegt, obwohl er mehrfach gesagt hatte, dass ihm nicht kalt sei.

Das stimmte nicht. Er zitterte. Nur hatte es nichts mit der Temperatur zu tun.

Jetzt, da niemand mehr auf ihn schoss, kein Feuer hinter ihm her fraß und er niemanden mehr aus einem brennenden Schloss ziehen musste, holte sich sein Körper zurück, was Jo ihm in den vergangenen Stunden verweigert hatte: Angst, Erschöpfung, Schmerz.

Er sah auf seine Hände: Ruß unter den Fingernägeln, zwei kleine Schnitte auf dem Handrücken, eine Brandblase am linken Daumen. Lächerlich.

Gregor lag irgendwo über ihm in einem Operationssaal – eine Schrotladung aus wenigen Metern Entfernung. Viel Blut. Zu viel Blut.

Jo schloss die Augen. Sofort war er wieder dort: Arthur, die Flinte, der Knall, Gregor, der nach hinten geschleudert wurde, Susanne auf den Knien, ihre Hände auf Gregors Wunde, das Feuer, der Dienstgang, der Schnee, rot.

Jo öffnete die Augen. „Scheiße.“

„Das ist medizinisch gesehen keine besonders präzise Diagnose.“

Die Schwester stand in der Tür. Jo hatte nicht gehört, wie sie hereingekommen war.

„Ich arbeite nicht in der Medizin.“

„Merkt man.“ Sie trat zu ihm und klemmte ihm ein Pulsoximeter an den Finger. „Ihre Werte sind inzwischen in Ordnung. Die Rauchgase haben Sie nicht so stark erwischt wie Ihre Kollegin.“

„Wie geht es ihr?“

„Sie wird behandelt.“

„Das weiß ich.“

Die Schwester sah ihn an. „Dann wissen Sie genauso viel wie ich.“

Jo nickte. Sie kontrollierte seinen Puls. „Und jetzt versuchen Sie bitte, sitzen zu bleiben.“

„Hatte ich vor.“

„Das glaube ich Ihnen nicht.“

„Warum?“

„Weil Sie in den letzten zwanzig Minuten dreimal aufgestanden sind.“

„Ich wollte nur nach meinem Kollegen sehen.“

„Und dreimal hat Ihnen jemand erklärt, dass Sie dort nichts tun können.“

Jo sah sie an. „Ich bin schlecht im Nichts-Tun.“

„Dann betrachten Sie es als Fortbildung.“ Sie nahm das Gerät wieder ab. „Ihre Kollegin kommt gleich zu Ihnen, wenn die Ärzte fertig sind.“

„Und Braun?“

Die Schwester schwieg einen Moment. Das genügte.

„Noch im OP?“

Sie nickte. „Ja.“

Jo sah wieder auf seine Hände. „Danke.“

Die Schwester ging.

Die Tür blieb keine dreißig Sekunden geschlossen, dann öffnete sie sich erneut. Diesmal kam keine Schwester.

Der Mann, der den Raum betrat, war Mitte fünfzig, kräftig gebaut und trug eine dunkle Einsatzjacke der Thüringer Polizei über einem weißen Hemd. Sein kurzes graues Haar sah aus, als hätte er irgendwann in der Nacht beschlossen, sich nicht mehr darum zu kümmern. Auf dem Namensschild stand Mertens. Hinter ihm blieben zwei uniformierte Beamte an der Tür stehen.

Mertens zog sich einen Hocker heran. „Hauptkommissar Ormin?“

„Ja.“

„Kriminalhauptkommissar Mertens, Landespolizei Thüringen.“

Jo nickte. „Freut mich.“

„Mich noch nicht.“ Mertens setzte sich und musterte Jo einige Sekunden. „Bevor Sie irgendetwas anderes tun, beantworten Sie mir bitte eine Frage.“

„Wenn ich kann.“

„Wer zum Teufel sind Sie?“

Jo hob eine Augenbraue. „Das ist weniger kompliziert, als es klingt.“

Mertens verzog keine Miene. „Und warum verwandeln Sie mit Ihren Leuten meinen Zuständigkeitsbereich in ein Kriegsgebiet?“

„Das ist komplizierter.“

Mertens lehnte sich zurück. „Dann haben wir ja Zeit.“

Jo sah zu den beiden Beamten an der Tür. „Bin ich festgenommen?“

„Noch nicht.“

„Was heißt noch nicht?“

„Das hängt davon ab, wie gut mir Ihre Antworten gefallen.“

„Dann sieht es schlecht für mich aus.“

Mertens atmete hörbar aus. „Mordkommission 8 aus Falkenberg.“

Jo sah ihn an. „Sie haben Ihre Hausaufgaben gemacht.“

„Ich hatte ausreichend Gelegenheit dazu. Seit meine Leute ein brennendes Schloss betreten haben, in dem offenbar halb Europa Krieg gespielt hat.“

Jo schwieg.

Mertens zog einen kleinen Notizblock aus seiner Jacke. „Schloss Wolfsstein. Mehrere Tote. Ein privater Sicherheitsdienst. Automatische Waffen. Militärische Ausrüstung. Unterirdische Anlagen. Aktenbestände, die teilweise Jahrzehnte alt sind. Dazu mehrere hessische Polizeibeamte, von denen einer gerade operiert wird.“ Er blickte auf. „Habe ich etwas vergessen?“

„Bestimmt.“

„Das befürchte ich.“ Mertens schlug eine Seite um. „Was haben Sie dort gemacht?“

„Wir haben in mehreren Mordfällen ermittelt.“

„In Thüringen?“

„Die Spur führte nach Thüringen.“

„Und da ruft man die Kollegen nicht an?“

Jo schwieg.

Mertens wartete.

„Wir wussten nicht, wem wir trauen konnten.“

„Und deshalb vertrauen Sie niemandem?“

„In den letzten Tagen war das keine schlechte Strategie.“

Mertens legte den Stift auf den Block. „Herr Ormin, meine Leute haben heute Nacht Tote aus einem Schloss getragen. Einige wurden erschossen; bei anderen sieht es so aus, als hätte jemand sehr genau gewusst, wie man einen Menschen lautlos tötet. Wir finden Waffen, die dort nicht hingehören. Wir finden Überwachungstechnik, verschlüsselte Rechner und Räume, von denen angeblich niemand etwas wusste.“ Er beugte sich vor. „Und jetzt erzählen Sie mir, Sie hätten niemandem vertraut.“

„Ja.“

„Dann geben Sie mir einen Grund.“

Jo sah ihn an. Mertens war wütend, aber nicht dumm – das machte die Sache schwieriger.

„Arthur von Stetten“, sagte Jo.

„Der Eigentümer.“

„Ja.“

„Tot.“

„Ja.“

„Von Ihnen erschossen?“

„Nein.“

„Von Ihrer Kollegin?“

„Nein.“

„Von Braun?“

Jo sah ihn scharf an. „Nein.“

Mertens hielt seinem Blick stand. „Dann von wem?“

„Das kann ich Ihnen im Moment nicht sagen.“

„Können oder wollen?“

„Beides.“

Mertens lehnte sich zurück. „Sie machen es mir wirklich schwer, Sie sympathisch zu finden.“

„Das ist nicht mein Kernauftrag.“

Für einen Moment zuckte Mertens’ Mundwinkel, dann war es wieder weg. „Ref IV.“

Jo reagierte nicht – zumindest glaubte er das. Mertens sah ihn aufmerksam an. „Sagt Ihnen das etwas?“

„Woher haben Sie den Begriff?“

„Damit hätten wir die Frage wohl beantwortet.“

Jo sagte nichts.

Mertens stand auf, ging einige Schritte durch den kleinen Raum und blieb am Fenster stehen, wo draußen nur Dunkelheit war. „Wir haben Akten gefunden – nicht viele, das Feuer hat gründliche Arbeit geleistet, aber genug, dass inzwischen Leute anrufen, die normalerweise nicht nachts mit einem Kriminalhauptkommissar aus Thüringen telefonieren.“

Jo richtete sich etwas auf. „Wer?“

Mertens drehte sich um. „Jetzt stellen Sie plötzlich Fragen.“

„Berufskrankheit.“

„Bundesbehörden. Ministerien. Und mindestens zwei Menschen, die sich geweigert haben, mir überhaupt zu sagen, für wen sie arbeiten.“

Das gefiel Jo überhaupt nicht. „Was wollten die?“

„Dass bestimmte Unterlagen gesondert behandelt werden.“

„Haben Sie das gemacht?“

Mertens sah ihn lange an. „Nein.“

Jo nickte. „Gut.“

„Das war kein Gefallen für Sie.“

„Trotzdem gut.“

Mertens kam zurück. „Warum?“

Jo überlegte. „Weil ich Ihnen im Moment genauso wenig sagen kann, wem Sie trauen können, wie ich es bei uns konnte.“

„Das ist eine ziemlich große Behauptung.“

„Ja.“

„Haben Sie Beweise?“

„Einige liegen wahrscheinlich gerade in Ihrem Asservatenraum.“

„Wahrscheinlich?“

„Wolfsstein hatte mehrere Archive – Papier und digital. Ein Teil dürfte verbrannt sein, ein Teil nicht.“

„Und was steht darin?“

Jo sah ihn an. „Wenn ich das vollständig wüsste, wäre mein Kollege vielleicht nicht angeschossen worden.“

Mertens schwieg, nahm dann seinen Block. „Ihre Waffen bleiben beschlagnahmt.“

„Damit kann ich leben.“

„Sie verlassen das Krankenhaus nicht.“

„Auch damit.“

„Ihre Kollegen ebenfalls nicht.“

„Da müsste ich erst wissen, wo die sind.“

„Frau Lade wird behandelt. Herr Schmidt sitzt unten und diskutiert mit einem meiner Beamten darüber, warum sein Laptop angeblich wichtiger ist als eine polizeiliche Anordnung.“

Jo musste trotz allem lächeln. „Dann geht es ihm gut.“

Mertens schüttelte den Kopf. „Und Herr Braun liegt noch im OP.“

Das Lächeln verschwand. „Wenn Sie etwas hören …“

„Sage ich Ihnen Bescheid.“ Mertens ging zur Tür. „Noch etwas, Ormin.“

„Ja?“

„Wenn ich herausfinde, dass Sie mir hier irgendeine Geschichte erzählen, während meine Leute draußen versuchen, Ihre Toten zu sortieren, lernen wir uns von einer anderen Seite kennen.“

Jo zog die Decke enger um die Schultern. „Herr Mertens?“

„Ja?“

„Wenn Sie herausfinden, was wirklich in Wolfsstein passiert ist, werden Sie sich wünschen, es wäre nur irgendeine Geschichte.“

Mertens sah ihn einen Moment an, dann ging er.

Fast zwei Stunden später saß Jo im Wartebereich vor der Intensivstation. Susanne saß neben ihm; jemand hatte ihr einen grauen Trainingsanzug gegeben, ihre Haare waren noch feucht, auf der linken Wange klebte ein kleines Pflaster und an ihrem rechten Handgelenk ein Verband. Sie sah beschissen aus – Jo vermutlich auch.

„Wie geht’s?“, fragte er.

„Bestens.“

„Gut.“

„Ich sehe nur aus wie jemand, der durch ein brennendes Schloss gekrochen ist.“

„Steht dir.“

Susanne drehte den Kopf. „Du siehst schlimmer aus.“

„Danke.“

„Gerne.“

Am Ende des Flurs standen zwei Thüringer Polizisten – nicht direkt bei ihnen, aber nah genug. Susanne bemerkte Jos Blick. „Sind wir verhaftet?“

„Mertens sagt: noch nicht.“

„Das klingt beruhigend.“

„Ich fand es auch charmant.“

[...]

Excerpt out of 364 pages  - scroll top

Details

Title
M8: Das Erbe von Wolfsstein
Subtitle
Ein Jo-Ormin-Krimi
Author
Matz Mattern (Author)
Publication Year
2026
Pages
364
Catalog Number
V1783606
ISBN (eBook)
9783389210857
ISBN (Book)
9783389210864
Language
German
Tags
Das Erbe von Wolfsstein Matz Mattern Jo Ormin Krimi M8 Krimireihe Wolfsstein Fortsetzung zweiter Band Wolfsstein deutscher Kriminalroman spannender Polizeikrimi Ermittlerkrimi mit Verschwörung Politthriller Deutschland Finanzthriller Wirtschaftskriminalität Thriller Geldwäsche und Korruption geheime Machtstrukturen DDR-Vergangenheit Krimi deutsche Wiedervereinigung Thriller Ermittlungen zu Finanzverbrechen kriminelle Netzwerke Familiengeheimnisse und Verrat Macht und politische Verstrickungen
Product Safety
GRIN Publishing GmbH
Quote paper
Matz Mattern (Author), 2026, M8: Das Erbe von Wolfsstein, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1783606
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