Das Menschenbild im Koran


Hausarbeit, 2011

17 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Der Mensch als Geschöpf Gottes

3. Stellung des Menschen im Islam
3.1 Der Mensch als Diener Gottes
3.2 Der Mensch als Stellvertreter Gottes

4. Das Wesen des Menschen
4.1 Offenbarung und Fitra – der Islam als natürliche Religion
4.2 Freiheit und Verantwortung versus Prädestination
4.3 Die Schwächen und der Ursprung des Bösen im Menschen

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Menschen sind Gestalten in Zeit und Raum und können jederzeit entsprechend ihrer Stellung in diesen Dimensionen lokalisiert und datiert werden. Aber das genügt nicht. Als fünfte Koordinate tritt bei Menschen und allem, was sie erleben und tun, die Bestimmung ihres Durchganges durch das symbolische Universum hinzu, in dem Menschen miteinander leben. Ein offensichtlicher Reprä­sen­tant dieser Dimension ist die Sprache, also umfassende, komplexe, menschengeschaffene Symbo­le, die von Gesellschaft zu Gesellschaft verschieden sein können und die zugleich der Kommuni­kation unter Menschen wie ihrer Orientierung dienen. Aber Symbolgehalte, so etwa Begriffe oder etwa das, was wir den ‚Sinn‘ von Kommunikationen nennen – kurzum alles, was im Verkehr der Menschen durch ihr ‚Bewußtsein‘ hindurchgeht und gestaltet wird –, gehören zu die­ser Dimen­sion, aber ganz gewiß auch die gegenwärtige Bedeutung der Begriffe ‚Raum‘ und ‚Zeit‘. Diese [...] sind nicht einfach da – ein für allemal. Sie sind immer im Fluß, immer geworden, was sie sind, und immer im Werden. Sie entwickeln sich in der einen oder anderen Richtung, sei es zu größerer Realitätsnähe und Objektadäquanz, sei es zu einer Verstärkung ihres Charakters als Aus­druck menschlicher Affekte und Phantasien, oder etwa auch im Sinne einer sich ausweitenden oder schrumpfenden Synthese“ (Elias 1982, S.1014).

Auch Religionen sind von Menschen geschaffene Symbolsysteme, die dynamisch oder in Elias Worten „immer im Fluß“ sind, auch wenn sie unveränderliche Wahrheit für sich beanspruchen. Allerdings genügt ein Blick in die europäische Religionsgeschichte, um zu erkennen, wie sich der Sinngehalt, also das Verständnis von Religion fortlaufend gewandelt hat (vgl. http://www.dta-uni-hannover.de/publik/dursun_tan.htm). Obwohl dem Islam häufig seine Historizität abgesprochen wird, da er nach islamischer Auffassung auf dem Koran, dem unverfälschten Wort Gottes beruht, ist auch er in historische Prozesse und Entwicklungen eingebunden. Wie jede Religion unterliegt auch der Islam den Einflüssen der jeweiligen Zeit, des Raumes und der Kultur (vgl. ebd.). Somit verändert sich auch sein Symbolgehalt in Abhängigkeit der Lesart. Dabei sind auch die Interpretationen von Theologen in einen historisch-kulturellen Kontext eingebunden und geprägt durch deren eigene Gegenwart, ihre moralischen Vorstellungen und Wünsche. „Daher spiegelt ihre jeweilige Lesart immer den geistigen Horizont einer bestimmten Zeit, eines bestimm­ten geographischen Ortes und einer bestimmten Kultur wider“ (ebd.).

Die Auseinandersetzung mit dem islamischen Menschenbild stützt sich in dieser Arbeit nur auf einzelne koranische Aussagen und die Interpretationen einiger weniger moderner Theologen. Eine Analyse der Entwicklung und Veränderung des islamischen Menschenbildes durch die verschiedenen Strömungen im Islam und durch die Rechtsschulen im Laufe der Zeit und in verschiedenen Teilen der Welt würde den Rahmen dieser Arbeit sprengen und ist daher auch nicht enthalten.

Im Folgenden wird vor dem Hintergrund einer theozentrischen Anthropologie des Islam der Mensch als Geschöpf Gottes beschrieben. Im Anschluss folgt eine Diskussion über die Stellung des Menschen in der gesamten Schöpfung, um darauf aufbauend auf das Wesen des Menschen aus koranischer Sicht einzugehen. Dabei erhebt die Autorin bei der Auslegung und der Auswahl der Quellen keinen Anspruch auf Vollständigkeit oder gar Repräsentanz.

2. Der Mensch als Geschöpf Gottes

Die islamische Anthropologie gründet auf den Aussagen des Koran, die im Laufe der Geschichte von verschiedenen islamischen Theologen unterschiedlich aufgefasst und interpretiert wurden (vgl. Renz 2002, S.353).

Einigkeit besteht aber darin, dass Gott der Erschaffer der ganzen Welt ist. „Der Schöpfungsgedanke ist ein Motiv, das den gesamten Koran durchzieht“ (Ohlig 2000, S.96). Jedoch ist Gottes Schöpfertätigkeit in islamischer Sicht mit der Erschaffung der Welt und aller Geschöpfe am Anfang nicht vollendet, sondern wiederholt sich ständig bei allem, was neu entsteht, bezieht sich also nicht nur auf Zeugung und Geburt, sondern auf alles Mögliche. Diese Vorstellung einer kontinuierlichen Schöpfertätigkeit bezeichnet man als „creatio continua“. Damit sind der Mensch und seine Existenz in allen Bereichen des Lebens vollkommen abhängig von Gott (vgl. ebd. S.96 f.). „Der Mensch ist in seinem Wesen das Geschöpf Gottes“ (Khoury 2001, S.91). Aus Dankbarkeit für Gottes Schöpfertätigkeit und im Bewusstsein, dass er Gottes Geschöpf ist, ist der Mensch ihm zu Gehorsam verpflichtet (vgl. Ohlig 2000, S.96).

Die Vorstellung von einer creatio continua mag den Gläubigen ein Gefühl von Sicherheit geben, da jedes Ereignis ein Teil von Gottes Plan, also gottgewollt ist. Allerdings impliziert dieser Gedanke auch, dass dem Menschen eine autonome Lebensgestaltung abgesprochen wird. Denn jedes Ereignis und jede Entscheidung müsste dieser Auffassung zufolge durch Gottes Willen herbeigeführt sein (vgl. ebd. S.97). Allerdings lassen sich bezüglich der Handlungsfreiheit des Menschen widersprüchliche Aussagen im Koran finden. Dieses Thema wird in Kapitel 4.2 näher beleuchtet.

Ein weiterer wichtiger Aspekt des islamischen Menschenbildes ist das Verständnis von Leib und Seele. Im Gegensatz zur Bibel geht der Koran nicht von einem „anthropologischen Dualismus“ (Renz 2002, S.354) aus, bei dem der Mensch aus zwei getrennten Elementen, wie Leib und Seele besteht. Zumindest ist die sunnitische Mehrheit dieser Meinung (vgl. ebd. S.357). Der Koran spricht demnach von zwar zu unterscheidenden, jedoch komplementären Dimensionen, die eine Einheit im Menschen bilden: das Körperliche (gism), das Seelische (nafs) und das Geistige (ruh). Auch das Herz (qalb) hat eine besondere Bedeutung, da es „Sitz des Glaubens oder Unglaubens [ist]“ (Renz 2002, S.354). Im Koran wird der Mensch diesen Aussagen zufolge also als ein ganzheitliches Wesen beschrieben.

Trotz der vielfältigen und abgewandelten Interpretationen des koranischen Menschenbildes ist ihnen eines gemeinsam: der Mensch im Islam ist „gänzlich von Gott her entworfen und definiert […], es [handelt] sich also um eine theozentrische Anthropologie (Hervorheb. im Original)“ (ebd. S.358).

3. Stellung des Menschen im Islam

3.1 Der Mensch als Diener Gottes

Die Berufung des Menschen zum Gottesdiener ist grundlegend für die islamische Anthropologie. Da Gott der „Herr der Welten“ (rabb al-‘alamin), also auch Herr über den Menschen ist, ist der Mensch folglich Gottes Diener (‘abd). Dies bedeutet, dass er Gott gegenüber Eigenschaften zeigen muss, die von Unterworfenen gefordert werden, so z.B. Demut, Bescheidenheit und Gehorsam (vgl. Renz 2002, S.367). Damit einher geht auch die Erfüllung des Gottesdienstes, also der religiösen Pflichten.

Die Knechtschaft des Menschen ist aber nicht in einem Sinne zu verstehen, in dem er in seiner Würde bzw. seiner besonderen Stellung herabgesetzt würde. Die Dienerschaft und die Ausrichtung des eigenen Lebens auf Gottes Willen hin beinhalten im Gegenteil den höchsten Wert für einen Muslim und gewähren ihm den höchsten Rang (vgl. ebd. S.368). Demzufolge gilt der Prophet Muhammad, der den Dienst an Gott vollkommen verwirklicht hat, als der ideale Mensch, dem nachgeeifert werden soll (vgl. ebd.).

In der islamischen Vorstellung ist der Mensch aber mehr als nur ein Diener ohne eigenen Willen und Antrieb. Denn Gott schuf ihn dem Koran zufolge auch zu seinem „Bundespartner“ (ebd. S.369) und räumte ihm somit eine besondere Stellung unter allen Geschöpfen ein. Damit ging auch die Verantwortung über die restliche Schöpfung und die Entscheidungsfreiheit einher, die dem Menschen von Gott übertragen wurde. Darauf wird im nächsten Kapitel noch näher eingegangen. Wichtig an dieser Stelle ist die Betonung der besonderen Auszeichnung des Menschen gegenüber allen anderen Geschöpfen. Denn nur der Mensch verfügt über die Entscheidungsfreiheit und kann Gott daher aus freiem Willen dienen, während alle anderen Wesen darin determiniert sind (vgl. Renz 2002, S.369).

3.2 Der Mensch als Stellvertreter Gottes

Laut dem Koran ist der Mensch zum halifa auf Erden berufen. Das Wort halifa kann sowohl mit „Nachfolger“ als auch mit „Stellvertreter“ übersetzt werden. Beide Bedeutungen des Wortes fanden jeweils Anhänger in der islamischen Theologiegeschichte. Allerdings hat sich die Interpretation des Menschen als Stellvertreter Gottes auf Erden in der modernen Koranexegese durchgesetzt (vgl. Renz 2002, S.370). Demnach wird die Sichtweise vertreten, dass Gott dem Menschen ein Stück weit seine göttlichen Eigenschaften verlieh, als er ihm seinen Geist einblies (vgl. ebd. S.371). Dadurch habe nur der Mensch die besondere Würde und die Fähigkeiten, die er als Stellvertreter Gottes benötigt. Damit scheint er eine besondere Position innerhalb der Schöpfung einzunehmen. Laut Koran wurde er von Gott erst nach Vollendung der übrigen Schöpfung geschaffen (vgl. Nagel 1998, S.238 f.). Obwohl die Engel, die sich einzig auf die unfehlbare Lobpreisung Gottes verstehen, Einwände gegen die Erschaffung des Menschen erhoben, weil sie um seine Charakterschwächen wussten, setzte Gott die Menschen als die Nachfolger der Engel ein. (vgl. ebd. S.239).

Ob dieses Amt auch einen Herrschaftsanspruch über die Schöpfung impliziert, wird im Koran nicht ausdrücklich genannt. Allerdings lege Sure 2, Vers 31 diesen Schluss nahe, in der es heißt, dass der Mensch die Namen aller Dinge von Gott lernte und somit – nach altorientalischem Verständnis – Macht und Wissen über diese Dinge erhielt (vgl. Renz 2002, S.371).

[...]

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Das Menschenbild im Koran
Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster
Note
1,0
Autor
Jahr
2011
Seiten
17
Katalognummer
V178393
ISBN (eBook)
9783656004745
ISBN (Buch)
9783656005308
Dateigröße
382 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Islam, Koran, Menschenbild
Arbeit zitieren
Nelli Chrispens (Autor), 2011, Das Menschenbild im Koran, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/178393

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