Immanuel Kant über Pädagogik

Zur anthropologischen Notwendigkeit von Führung in der Erziehung


Hausarbeit (Hauptseminar), 2008

18 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Zur Annahme der anthropologischen Notwendigkeit von Führung in der Erziehung in Immanuel Kants Vorlesung‚Über Pädagogik’
2.1 Zur anthropologischen Notwendigkeit von Erziehung
2.2 Zur anthropologischen Notwendigkeit von Führung in der Erziehung
2.2.1 Disziplin
2.2.2 Kultur
2.2.3 Moralisierung

3. Fazit

4. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Schaut man sich ein wenig in der Welt um, erscheint die Erziehung des Menschen als eines der primären Lebensziele. Zuerst erfolgt sie durch andere Menschen. Schon kleinen Kindern werden durch ihre Eltern Regeln aufgegeben, im Kindergarten und vor allem durch die Schulpflicht wird sie zum festen Bestandteil des Lebens eines jeden Individuums in entwickelten Ländern. Später, wohlmöglich nach einem Studium im Rahmen dessen die Erziehung zur Selbsterziehung wird, folgen Fortbildungen – vorgeschrieben oder freiwillig. Folgt der Mensch mit diesem steten Bildungsbestreben einem inneren Drang zur Weiterbildung und somit Erziehung, der schlichtweg seiner Natur entspringt, oder handelt es sich wohlmöglich um die Verinnerlichung eines von außen auferlegten Zwanges.

Schon Immanuel Kant beschäftigte sich im Rahmen seiner Vorlesung über Pädagogik mit dieser Thematik und statuiert eine sich aus der Vernunftbegabtheit des Menschen ergebende, natürliche Notwendigkeit von Erziehung des Menschen. Da jener jedoch zunächst nicht von Beginn seines Lebens dazu imstande ist, sich zu erziehen und zu bilden, bedarf er der Unterweisung von außen, der Edukation durch bereits erzogene Artgenossen.

Diese Arbeit beschäftigt sich damit, diese kantschen Gedanken in dem und von Theodor Rink überlieferten, bezüglich Stringenz und Aufbau nicht unproblematischen Dokument „Über Pädagogik“ aufzudecken und im Sinne Kants nachvollziehbarer zu machen. Sie beschäftigt sich also vor allem mit der Darstellung der Notwendigkeit von Führung in der Erziehung. Eine Bewertung und Kritik der kantschen Thesen erweist sich als äußerst schwierig, handelt es sich bei seinen Überlegungen im Grunde um die Frage nach dem Ursprung aller menschlichen Existenz sowie um die Annahme des Menschen als höchstem Wesen auf Erden. Ihre Ergründung überlasse ich weiterhin den Philosophen.

Ich beginne meine Ausführung mit der Thematisierung der Notwendigkeit von Erziehung (2.1), die einer Notwendigkeit von Führung in derselben (2.2) vorausgeht. Letztere besteht aus verschiedenen Phasen, in welchen ich den ihnen nach Kant entsprechenden Bedarf einer Führungskraft zur Bildung des Menschen nachzuzeichnen versuchen werde.

2. Zur Annahme der anthropologischen Notwendigkeit von Führung in der Erziehung in Immanuel Kants Vorlesung ‚Über Pädagogik’

2.1 Zur anthropologischen Notwendigkeit von Erziehung

Die Annahme einer anthropologischen Notwendigkeit von Führung in der Erziehung, wie sie seinerzeit Immanuel Kant in seiner Vorlesung anstellte, setzt zunächst die anthropologische Notwendigkeit von Erziehung voraus. Um also jene besser nachvollziehen zu können, bedarf es zuerst einer Erläuterung der Notwendigkeit von Erziehung nach seinem Verständnis. Einzelne begriffliche Ungenauigkeiten wie diejenigen bezüglich der Bestimmung der verschiedenen Erziehungsstufen werden in 2.2 genauer untersucht und voneinander abgegrenzt, können aber bei der Behandlung dieses Punktes erst einmal vernachlässigt werden, da es zunächst nicht darum gehen soll, wie genau Erziehung nach Kant von Statten gehen muss, sondern warum.

Die Vorlesung beginnt mit den Worten „Der Mensch ist das einzige Geschöpf, das erzogen werden muß“[1], was den Wert, welchen Kant dieser These zugemessen hat, deutlich werden lässt. Die Notwendigkeit von Erziehung, die er hier offenbart, ist augenscheinlich eine dreifache.[2] Einerseits bedürfe der Mensch der Edukation, weil er von Natur aus ein Mängelwesen sei, so behauptet Kant, und stellt zur Untermauerung seiner Hypothese einen Vergleich mit dem Tier an. Das Tier nämlich, so sagt er, sei, was die Erhaltung seiner Art betrifft, dem Menschen um einiges voraus. „Eine fremde Vernunft hat bereits alles für dasselbe besorgt.“[3] Von seiner Geburt an ist es ausgestattet mit Instinkten, welche dafür sorgen, dass es automatisch, und ohne einen Lernprozess zu durchlaufen, das tut, was für seine Art überlebensnotwendig ist. Sei es nun bezogen auf die Ernährung, Hygiene oder den Schutz vor Feinden. Der Mensch hingegen bedarf zunächst Hilfe durch bereits erzogene Artgenossen, um „keinen schädlichen Gebrauch von [seinen] Kräften [zu] machen“[4] und sich nicht selber in Gefahr zu bringen. So besteht also die erste Aufgabe der Erziehung in der Sicherung des Überlebens der menschlichen Art[5] gründend auf der Unterentwickeltheit derselben.

Auch und vor allem beruft sich ihre Aufgabe jedoch auf die Übergeordnetheit des Menschen in der Natur und liegt darin, den Menschen durch Mündigkeit und Moralität zur Menschwerdung zu befähigen.[6] Erziehung sieht Kant dementsprechend als „eine den Menschen stetig aus seiner Unmündigkeit herausführende ,Aufklärung’“.[7] Zur Verdeutlichung dient ihm auch hier der Vergleich mit dem Tier. Der Mensch hat nämlich von Natur aus etwas Tierisches in sich, so Kant. Er geht sogar fast so weit, den Menschen mit dem Tiere gleichzusetzen, wenn er äußert, „der [dieser sei] das einzige Tier, das arbeiten [müsse]“.[8] Diese „Tierheit“[9] äußert sich in einem „Hang zu Freiheit“[10] und Wildheit, der ihn an der Erreichung seiner Bestimmung hindert. Jene wiederum bestehe darin, mit der gesamten Gattung Mensch zu dem von Gott vorgesehenen Ziel der „Vollkommenheit“ zu gelangen. Der Schöpfer nämlich habe gewisse „Naturanlagen“ in den Menschen gelegt, welche, sofern er sie entfaltet, es ihm ermöglichen, dieses Ziel zu erreichen.[11] Die „vermeintliche[n] Mängel [des Menschen] gegenüber dem Tier sind [also] keine solchen mehr, wenn man sie als die Bedingungen seiner Menschwerdung begreift.“[12] Da dieser allerdings „roh“, geboren wird, bedürfen „alle seine Anlagen der Entwicklung und Förderung.“[13]

Allein die Bildsamkeit als dem Menschen als einzigem Lebewesen zueigen, ist es also, die ihn nach Kant dazu verpflichtet, sich zu bilden und somit seiner Natur zu entsprechen.[14] Weiter konkretisiert wird jene „Vollkommenheit“, von der Kant spricht, in der Aussage, „im Menschen [lägen] nur Keime zum Guten.“[15] Da nun „gute Erziehung [dasjenige] ist […], woraus alles Gute in der Welt entspringt“[16], bedeutet dies, dass ausschließlich der Mensch die Verantwortung für die Hervorbringung des Guten trägt. Dieses „Gute“, ist gleichzusetzen mit Sittlichkeit, also moralischer Vollkommenheit, der dritten Funktion von Erziehung. Wichtig zu erwähnen ist an dieser Stelle außerdem, dass nicht das Individuum diesen Lebenszweck zu erfüllen in der Lage ist, sondern dass nach Kant nur die gesamte Menschheit über die Zeit zur Vollendung kommen kann. Nicht das Individuum verhilft also der Menschheit zur Menschwerdung, wie man vermuten könnte, sondern die Menschheit dem Individuum.[17]

Warum nach Ansicht Kants gerade der Mensch das höchste Wesen in der Natur sei, wird in der Vorlesung nicht deutlich. Zwar spricht er dem Menschen eine natürliche Anlage zur Moral zu, worauf genau diese aber gründe, legt er nicht klar dar, bzw. spricht sie einzig dem Wirken Gottes zu. Vermissen lässt Kant außerdem eine nähere Begründung, warum der Mensch zur Vollkommenheit gelangen sollte. Was wäre die positive Konsequenz bei der Erreichung dieses Ziels, was die negative bei Nichtbeachtung der Pflicht zum Streben nach Vollendung. Das Erreichen der Bestimmung ist somit Selbstzweck.[18] Wie die Verpflichtung zur Bildung, die auf der Bildsamkeit gründet[19], ist auch jene selbstreferentiell. Auch hat Kants Begründung für die Notwendigkeit von Erziehung nur Gewicht unter der Annahme einer göttlichen Existenz. Ginge man davon aus, dass es keinen Schöpfer gäbe und die Welt und mit ihr der Mensch als ihr Bewohner schlichtweg Produkte unendlicher Evolutionsprozesse seien, so kann es kein für den Menschen von Gott vorgeschriebenes Programm, keine Pflichten geben. Die Frage wäre dann, ob nicht das menschliche Streben nach Bildung lediglich eine stark abstrahierte Form von Überlebensstrategie sei, die einer immer abstrakter werdenden, hoch technisierten Zivilisation entspräche. Es ist zu vermuten, dass im Menschen ein natürlicher Hang zur Lösung von Problemen, zur Optimierung der Lebensumstände zwecks Arterhaltung verankert ist. Wenn er sich nun nicht mehr um die Erfüllung seiner Grundbedürfnisse kümmern muss, so sucht dieser Sinn für die Lösung von Problemen wohlmöglich nach anderweitiger Beschäftigung, beziehungsweise der nun abstrakten Welt entsprechend wandeln sich auch die Überlebensstrategien ins Abstrakte.

[...]


[1] Immanuel Kant, ‚Über Pädagogik’. In: Wilhelm Weischedel (Hg.): Immanuel Kant. Werkausgabe. Bd. XII. Schriften zur Anthropologie, Geschichtsphilosophie, Politik und Pädagogik 2, 697.

[2] Peter Kauder, ,Disziplinierung, Kultivierung und Zivilisierung im Hinblick auf eine Erziehung zur Moralität.’ In: Peter Kauder und Wolfgang Fischer: Immanuel Kant über Pädagogik. 7 Studien, 142.

[3] Kant, 697.

[4] Ebd., 697.

[5] Peter Kauder, ,Kants Begründung der Notwendigkeit der Pädagogik – Die anthropologische Fragestellung und ihr Horizont.’ In: Peter Kauder und Wolfgang Fischer: Immanuel Kant über Pädagogik. 7 Studien, 88.

[6] Ebd., 98.

[7] Ebd., 88.

[8] Kant, 730.

[9] Kauder, Notwendigkeit, 90.

[10] Kant, 698.

[11] Ebd., 702.

[12] Kauder, Notwendigkeit, 94.

[13] Theo Winkels, Kants Forderung nach Konstitution einer Erziehungswissenschaft, 101.

[14] Ebd., 135.

[15] Problematisch wird diese Aussage, sieht man sie im Rahmen weiterer kantscher Schriften, in welchen er teilweise vehement verficht, im Menschen liege das „Radikal Böse“. Einen schlüssigen Lösungsansatz hierzu bietet Christian Schönherr in seinem Aufsatz „Über Kant, das Böse und die Frage nach der ethischen Bildung des Menschen.“

[16] Kant, 704/705

[17] Kauder, Notwendigkeit, 99.

[18] Alfred Treml, ,Anthropologie und Ethik – Evolution und Erziehung.’ In: Jürgen-Eckart Pleines (Hg.): Kant und die Pädagogik, 91.

[19] Winkels, 111.

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Immanuel Kant über Pädagogik
Untertitel
Zur anthropologischen Notwendigkeit von Führung in der Erziehung
Hochschule
Universität Trier
Note
1,7
Autor
Jahr
2008
Seiten
18
Katalognummer
V178410
ISBN (eBook)
9783656003816
ISBN (Buch)
9783656008354
Dateigröße
542 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
immanuel, kant, pädagogik, notwendigkeit, führung, erziehung
Arbeit zitieren
M.A. Julia Balogh (Autor), 2008, Immanuel Kant über Pädagogik, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/178410

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