Darstellung der Filmindustrie in Isherwoods „Praterveilchen“ und Wests „Tag der Heuschrecke

Unter besonderer Berücksichtigung der filmschaffenden Figuren in beiden Romanen


Referat (Ausarbeitung), 2005

9 Seiten


Leseprobe

In dem Roman von West „Tag der Heuschrecke“ geht es hauptsächlich um drei Figuren, deren Lebensweise und ihr Überleben in dem Mythos Hollywood.

Während Tod, ein auszubildender Filmarchitekt und Kostümzeichner, eigentlich mit beiden Beinen auf dem Boden steht und ungefähr weiß, was er aus seinem Leben machen will, scheinen die beiden anderen Hauptfiguren, Faye und Homer, nicht in der Lage zu sein, ihr Leben zu meistern und irgendwann aus den Wirrungen ihrer Vergangenheit und Gegenwart zu entkommen. Obwohl Tod nicht wirklich als Sympathieträger gelten kann, erträgt man seine unangenehmen Seiten leichter als die Macken und Ticks der anderen Gestalten dieses Romans. Alle Figuren sind eigentlich Darstellungen eines Klischees, stilisierte und überzeichnete Typen, die ihre eigene Persönlichkeit entweder unter einem solchen Klischee verstecken oder gar keine Persönlichkeit in dem Sinne besitzen, der sie als Charaktere ausweisen würde. Jedes Klischee der Gesellschaft Hollywoods wird, wenn nicht behandelt, dann zumindest angeschnitten: Faye als die versagende Schauspielerin, die einem Traum, einem nicht existenten Ideal, folgt, Harry, als der gescheiterte Schauspieler, der jetzt seinen Lebensunterhalt als Vertreter verdienen muss, immer in der Hoffnung, sein schauspielerisches Geschick zur Geltung bringen zu können, Homer als der typische Versager, ein Buchhalter, der aus gesundheitlichen Gründen nach Hollywood in Urlaub geschickt wird, dessen Bezug zu Hollywood „unfilmisch“ ist, Earle als Komparse, eine nichts- sagende Gestalt, der das Klischee des Cowboys nach Hollywood mitnimmt und sich von seiner Rolle auch im echten Leben nicht trennen kann. Der einzige Charakter, den man auch fast als einen solchen bezeichnen könnte, wäre Tod. Er vertritt zwar das Image des leidenschaftlichen Künstlers, der seine Angebetete stets verfolgt und sie am Ende in seinem Kunstwerk verewigt, ist aber gleichzeitig der Einzige in dem Roman, dem auffällt, dass Hollywood das moderne Babylon darzustellen scheint, das auch irgendwann in Flammen aufgehen wird, wie er es in seinem Gemälde „Der Brand von Los Angeles“ eindrucksvoll darzustellen versucht. Er ist es auch, der in Faye eine Vorreiterin der Apokalypse zu erkennen scheint, da er ihr Bild, auf dem sie in lasziver Pose daliegt, aufgrund der Brustplatten mit dem einer apokalyptischen Heuschrecke vergleicht. Die „Grauen“, die er immer wieder beschreibt sind die Massen von verzweifelten Menschen, deren Reise gen Westen schließlich in Hollywood endet, wo sie nicht das erwartete Paradies vorfinden, sondern eine lasterhafte Gesellschaft, deren Bodensatz die Neuankömmlinge, die sich nicht schnell genug anpassen können, bilden. Tod sieht eine Gefahr in diesen Grauen, die sich erheben und alles zerstören könnten, was sie im einen Moment noch verehren. Sie werden nur toleriert, weil sie die Arbeit machen, die nötig ist, die keiner der Stars jetzt noch machen würde, wenn es nicht um eine Rolle in einem Film geht.

Hollywood als Mikrokosmos, der hier den Negativ –Pol Amerikas, schlechthin der gesamten Welt bildet. Es gibt dort keine Ideale, wie man glauben gemacht wird, alles ist Schein. Zwar vermischt sich die Welt der filmschaffenden Personen im Ansatz mit der der nicht Filmschaffenden, ist aber trotzdem immer in sich abgeschlossen durch den allgegenwärtigen Wunsch der Charaktere, endlich der grauen Masse zu entfliehen und selbst in den Stand der Götzen erhoben zu werden, der Schauspieler und Regisseure, deren Namen überall bekannt sind.

Alle Filmschaffenden in Wests Roman sind fiktive Personen, die im wirklichen Leben nicht existieren. Das mag den einfachen Grund haben, das man so nicht an Tatsachen gebunden ist, sondern seine Figuren auch wirklich so stilisiert darstellen kann, wie West dies mit seinen Typen gelingt. Auch wenn der Erzähler allwissend ist, fehlt dem Leser doch ein Einblick in die Sichtweisen der Figuren um Tod herum. Denn der Fokus des Erzählers ist eindeutig auf Tod gerichtet, dessen Gedanken und Motive auch dargestellt werden, während die anderen Figuren in sich selbst verschlossen bleiben und nur indirekte Einblicke in ihr Inneres ermöglichen. Um das Bild des Künstlers in diesem Roman zu analysieren müsste man zuerst den Begriff der Kunst definieren:

Zum Einen gäbe es dann die Kunst als das Schaffenswerk, das ohne Anregung oder Eingebung von Außen entsteht, der Künstler als Genie; zum Anderen die Kunst als das Werk, das durch Inspiration der Umwelt oder göttliche Eingebung erschaffen wird, der Künstler als Werkzeug. Die dritte Art stellt eigentlich eine Unterart der zweiten Definition dar, der Künstler als Reflektor der Gesellschaft, sein Werk als Spiegel oder Abbild der Realität.

Unter Berücksichtigung dieser Einteilung gehört Tod der zweiten Art Künstler an, da er seine Inspiration aus seiner Umgebung fasst und einen Spiegel erschafft, der sozusagen die andere Seite der Stadt darstellt. So wie oft in Literatur und Film der Spiegel die wahre Identität preisgibt, beziehungsweise in eine Paralleldimension führt, indem der Schein umgekehrt ist, zeigt uns Tods Gemälde die „Identität“ Hollywoods, beziehungsweise die Stadt, so wie sie unter der Oberfläche brodelt, die Verdorbenheit der Gesellschaft unter dem schönen Schein und Glanz der Filmindustrie.

[...]

Ende der Leseprobe aus 9 Seiten

Details

Titel
Darstellung der Filmindustrie in Isherwoods „Praterveilchen“ und Wests „Tag der Heuschrecke
Untertitel
Unter besonderer Berücksichtigung der filmschaffenden Figuren in beiden Romanen
Hochschule
Universität des Saarlandes  (Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft)
Veranstaltung
Proseminar Film(e) als Thema in der Literatur
Autor
Jahr
2005
Seiten
9
Katalognummer
V178429
ISBN (eBook)
9783656004660
ISBN (Buch)
9783656005216
Dateigröße
423 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Film, Literatur, Praterveilchen, Isherwood, Nathanael West, Heuschrecke, Day of the Locust
Arbeit zitieren
Magistra Artium (M.A.) Laura Scheriau (Autor:in), 2005, Darstellung der Filmindustrie in Isherwoods „Praterveilchen“ und Wests „Tag der Heuschrecke, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/178429

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Darstellung der Filmindustrie in Isherwoods „Praterveilchen“ und Wests „Tag der Heuschrecke



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden