Bedeutung und Grenzen von Patientenverfügung und Vorsorgevollmacht

Eine Betrachtung aus der Sicht eines Krankenpflegers


Hausarbeit, 2011
20 Seiten

Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung

2 Patientenverfügung
2.1 Eine Patientenverfügung, warum eigentlich
2.2 Sinn einer Patientenverfügung
2.3 Grenzen einer unspezifischen Patientenverfügung
2.4 Beispiele für konkrete Formulierungen in einer Patientenverfügung
2.5 Bedeutung einer persönlichen Beratung

3 Vorsorgevollmacht
3.1 Sinn einer Vorsorgevollmacht
3.2 Patientenverfügung als Hilfe für den Vorsorgebevollmächtigten

4 Case Management als Möglichkeit zur Beratung und individuellen Erstellung von Patientenverfügung und Vorsorgevollmacht
4.1 Assessment
4.2 Zielvereinbarung
4.3 Netzwerk
4.4 Evaluation
4.5 Wer kann solch eine Beratung anbieten und bezahlen.

5 Zusammenfassung/Fazit

6 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Eine allgemein formulierte Patientenverfügung schützt den Patienten, speziell im hohen Alter und bei bestehender Pflegebedürftigkeit, nur bedingt oder nicht vor unerwünschter Behandlung und eine Vorsorgevollmacht erscheint speziell am Lebensende unverzichtbar!

Wie kommt ein Fachkrankenpfleger für Anästhesie und Intensivmedizin zu einer derart provokanten Aussage über ein so ‚sensibles‛ Thema? Die vorläufige Antwort auf diese Frage lautet: Aufgrund seiner täglichen praktischen Erfahrung. Die Intensivmedizin und ihre gigantischen Fortschritte der letzten Jahrzehnte hat mich anfänglich völlig in ihren Bann gezogen. Durch persönliche Erfahrungen kamen aber mehr und mehr Fragen hinsichtlich der Gratwanderung zwischen ‚Segen und Fluch‛ derselben auf. Ist das medizinisch ‚Machbare‛ immer das ‚Richtige‛ für den Patienten? Gibt es Grenzen? Können Patienten selbst oder deren Angehörige Einfluss auf eine Therapie nehmen? Angesichts solcher Fragen kam ich folgerichtig mit dem Thema Patientenverfügung in Kontakt, das mich seitdem immer wieder beschäftigt hat. Das daraus ein Thema für die Abschlussarbeit zum zertifizierten Case Manager geworden ist habe ich einer lieben Patientin zu verdanken, die ich lange betreute, die aber recht deutlich ihre Ablehnung gegenüber dem ‚Machbaren‛ äußerte.

Frau B. kam 87-jährig auf unsere Intensivstation nachdem sie in ihrer Pflegeeinrichtung bewusstlos aufgefunden und vom hinzugerufenen Notarzt reanimiert und intubiert worden war. Hier wurde die Patientin auf hohem intensivmedizinischem Niveau sieben Wochen behandelt, bevor sie in eine frühgeriatrische Rehabilitationseinrichtung verlegt werden konnte und dort nach weiteren sieben Behandlungswochen verstarb. Schon sehr bald nach Beginn der intensivmedizinischen Behandlung äußerte die Patientin mehrfach deutlich ihren Unmut bei vielen pflegerischen und therapeutischen Maßnahmen, entfernte sich immer wieder selbst Magensonde, Tubus sowie Venenkatheter und verlangte körpersprachlich, später auch verbal, sie sterben zu lassen. Sie besaß eine Patientenverfügung die ihren Willen aber nur sehr unspezifisch beschrieb: „[…] bei irreversiblem körperlichen Leiden, Dauerbewusstlosigkeit oder fortschreitendem geistigen Verfall […], keine Aussicht mehr auf Besserung besteht […]“. All dies traf nicht wirklich auf die Patientin zu. Eine Vorsorgevollmacht gab es nicht, obwohl die Patientin mehrere Töchter und Enkelkinder hatte, die sich zwar rührend kümmerten, aber in fast allen medizinischen Belangen überfordert und oft recht unterschiedlicher Meinung waren. Das änderte sich auch nicht, nachdem eine Tochter vom Amtsgericht zur Betreuerin bestellt wurde. Eben diese Tochter äußerte während dieser sieben Wochen auf der Intensivstation mehrfach, Frau B. „wollte doch eigentlich nie mehr ins Krankenhaus“.

Was möchte ich damit andeuten?

Mir wurde immer klarer, wie hilfreich gerade im hohen Alter und besonders bei schon bestehender Pflegebedürftigkeit (wenngleich nicht nur dann) eine detaillierte, medizinisch fundierte Patientenverfügung sein kann, wenn es um Therapiebeginn, Therapiebegrenzung oder Abbruch einer begonnenen intensivmedizinischen Behandlung am Lebensende geht.

Frau B. hinterlässt Angehörige die sich große Vorwürfe machen, weil sie immer wieder in Folgeeingriffe (Tracheotomie, Hämofiltration, mehrere Operationen) einwilligten. Es entstanden außerdem sehr beträchtliche Therapiekosten für Behandlungen, die Frau B. offensichtlich nicht wollte.

Die ökonomischen Aspekte dieses Falles oder ähnlicher Fälle für das Gesundheitssystem können und sollen zwar nicht im Mittelpunkt dieser Arbeit stehen, wären jedoch ein interessantes Thema nicht nur für Krankenkassen und die Gemeinschaft der Beitragszahler.

Wie wichtig präzise Formulierungen in bezug auf die gegebene Lebenssituation, gerade im hohen Alter in einer Patientenverfügung sein können und welche Lücken vorgefertigte, vorformulierte und rein juristisch geprägte Patientenverfügungen haben, soll diese Arbeit exemplarisch zeigen.

Besonders möchte ich mit diesen Betrachtungen auf die Bedeutung einer Vorsorgevollmacht für Gesundheitsangelegenheiten hinweisen und Case Management als geeignetes Instrument für die Beratung und zur Erstellung von Patientenverfügung und Vorsorgevollmacht hervorheben.

Durch meine tägliche Arbeit auf der Intensivstation sowie durch viele Gespräche habe ich zunehmend den Eindruck bekommen, dass zwar viele Menschen relativ genau sagen können was am eigenen Lebensende gewollt oder nicht gewollt ist, aber nur sehr wenige Menschen Vorsorge treffen, und selten wird Beratung in Anspruch genommen.

Dieser Eindruck hat sich durch die Auswertung eines Fragebogens, den ich in Vorbereitung auf diese Arbeit erstellt und verteilt habe, bestätigt.

Ausdrücklich möchte ich darauf hinweisen, dass diese Umfrage ausschließlich dazu diente, ein Meinungsbild zum Thema Patientenverfügung und Vorsorgevollmacht zu bekommen und keinen repräsentativen Anspruch erhebt!

108 ausgefüllte Bögen wurden mir zur Auswertung zugeschickt. Einige Aspekte aus der Auswertung der Fragebögen wurden in meine Betrachtungen aufgenommen.

2 Patientenverfügung

„Bei einer Patientenverfügung handelt es sich zivilrechtlich um eine vorsorgliche Willenserklärung. Sie wird wirksam, wenn der Betroffene nicht mehr in der Lage ist, seine notwendige Zustimmung oder Ablehnung zu einer Behandlungsmaßnahme direkt kund zu tun. Eine Patientenverfügung enthält individuelle Wünsche, Wertvorstellungen und vor allem Bestimmungen zu Behandlungsmaßnahmen. Diese können für konkrete medizinische Situationen eingefordert, eingeschränkt oder völlig abgelehnt werden.“[1]

2.1 Wozu eine Patientenverfügung

Haben einige Menschen den Glauben an die ‚Halbgötter in Weiß‛ verloren? Warum wollen immer mehr Bürger ein Mitspracherecht, wenn es um ihre medizinische Behandlung am Lebensende geht? Könnte es sinnvoll erscheinen, die Entscheidung über Durchführung oder Unterlassung einer Behandlung unter bestimmten Umständen nicht Ärzten allein zu überlassen und ist das Vertrauen in die Verhältnismäßigkeit ihrer Arbeit manchen Menschen verloren gegangen?

Der hippokratische Eid besagt „Ich werde Niemandem, auch nicht auf seine Bitte hin, ein tödliches Gift verabreichen oder auch nur dazu raten“.[2]

Das scheint ein eindeutiges Veto gegen Therapiebegrenzung oder gar Therapieabbruch zu sein und erklärt vielleicht im Ansatz die Zurückhaltung mancher Ärzte das ‚Machbare‛ zu unterlassen.

Dieser von allen Ärzten abzulegende Eid wurde aber schon 1948 auf der Generalversammlung des Weltärztebundes in Genf durch das sogenannte Arztgelöbnis ersetzt. Hier heißt es ‚nur‛ noch: „[...] werde ich meine ärztliche Kunst nicht in Widerspruch zu den Geboten der Menschlichkeit anwenden.“ [3]

Dennoch wird der Tod eines Patienten von vielen, vor allem ‚jungen‛ (Not-)Ärzten oft als Niederlage oder gar als Versagen angesehen. Hier stellt sich die Frage nach dem Warum.

„Tod gehört zum Leben wie die Geburt und [...] den Tod zu verdrängen, mindert unsere Menschlichkeit“ [4]

Wieso sterben dann viele pflegebedürftige Menschen unter Maximaltherapie auf der Intensivstation? Sollte es nicht ein ebenbürtiges Gebot der Menschlichkeit sein, neben dem Schutz und der Rettung von Leben auch ein würdevolles, selbstbestimmtes Sterben zuzulassen?

In der täglichen Praxis auf Intensivstationen stellt sich die Situation häufig so dar:

Kommt ein bewusstloser Patient per Notarzt in die Klinik, ist in der Regel nicht bekannt, in welchem Umfang Vorerkrankungen für die weitere Therapie eine Rolle spielen und ob eine Patientenverfügung vorhanden ist. Diagnostik und Therapie beginnen natürlich ohne Einschränkungen. Die Rettungskette birgt kaum Raum für Fragen nach dem Willen des Patienten oder einer eventuell vorhandenen Patientenverfügung.

Hier sei die Frage erlaubt, ob unter bestimmten Umständen, wie zum Beispiel bei schon bestehender Pflegebedürftigkeit, eine Behandlung über die symptomatische Therapie von Schmerzen, Luftnot und Angst hinaus, als nicht gewollt verfügt werden sollte und somit eine Klinikeinweisung durch den Notarzt oder gar intensivmedizinische Behandlung vermieden werden kann.

2.2 Sinn einer Patientenverfügung

Negativbeispiele aus der Praxis von Ärzten und deren Umgang mit Patienten am Lebensende gibt es in den Medien und auch in der Literatur zur Genüge.[5]

Zwei nach meinem Dafürhalten besonders bedenkenswerte Begebenheiten aus meiner eigenen beruflichen Praxis möchte ich, selbstverständlich ohne Angabe von Namen, kurz schildern.

Eine sehr betagte Patientin wurde mit ‚unklarer Bewusstlosigkeit‛ aus dem Pflegeheim durch den Notarzt eingewiesen. Nach initialer Kreislaufstabilisierung konnte in der Computertomographie eine ausgeprägte Hirnblutung festgestellt werden. Aufgrund des Patientenalters und der Ausprägung der Blutung kam eine Operation nicht in Frage. Im Verlauf wurde die Patientin kreislaufinstabil, so dass sie mehrfach reanimiert wurde. Auch diese Patientin besaß eine Patientenverfügung. Auf meine Frage, warum unter diesen Umständen eine Reanimation überhaupt eingeleitet wurde, erhielt ich von einem Facharzt die Antwort, dass das schließlich unsere Arbeitsplätze sichern würde.

[...]


[1] www.patientenverfuegung.de

[2] www.fachschaft-medizin.de

[3] www.aerzte-am-markt.de

[4] www.abendblatt.de

[5] de Ridder, 2010, S.135ff.

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Bedeutung und Grenzen von Patientenverfügung und Vorsorgevollmacht
Untertitel
Eine Betrachtung aus der Sicht eines Krankenpflegers
Hochschule
Evangelische Hochschule für Soziale Arbeit Dresden (FH)  (Sofi)
Autor
Jahr
2011
Seiten
20
Katalognummer
V178521
ISBN (eBook)
9783656033547
ISBN (Buch)
9783656033875
Dateigröße
495 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Patientenverfügung, Vorsorgevollmacht
Arbeit zitieren
Uwe Helbig (Autor), 2011, Bedeutung und Grenzen von Patientenverfügung und Vorsorgevollmacht, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/178521

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