Adipositasprävention - eine mögliche ärztliche Aufgabe?


Bachelorarbeit, 2011
57 Seiten, Note: 2

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

1 Einleitung

2 Definition der Adipositas
2.1 Klassifikation nach Gewicht-Längen-Indizes
2.2 Adipositastypen

3 Epidemiologie der Adipositas

4 Ätiopathogenese
4.1 Genetische Faktoren
4.2 Soziokulturelle Faktoren
4.3 Lebensstil und familiäre Einflüsse
4.4 Neurohumorale Faktoren

5 Folgen der Adipositas
5.1 Medizinische Folgen
5.2 Psychische und psychosoziale Folgen

6 Prävention
6.1 Gesetzliche Grundlagen
6.2 Wege der Adipositasprävention
6.3 Präventionsziele

7 Prävention in der Arztpraxis
7.1 Aufgabenspektrum
7.2 Patientenerwartungen an den Arzt

8 Voraussetzungen für eine erfolgreiche Arzt-/ Patientenkommunikation
8.1 Arzt-Patienten-Beziehungen
8.2 Verhalten von Ärzten gegenüber Übergewichtigen/Adipösen
8.3 Patientensicht
8.4 Wandel der Fremd- zur Selbstverantwortung der Patienten

9 Umsetzung der Prävention in der Praxis/mögliche Instrumente
9.1 Patientenkontakte
9.2 Motivierendes Interview
9.3 Das 5-A-Konzept
9.4 Shared-Decision-Making
9.5 Gesamtfazit

10 Handlungsempfehlungen für die Umsetzung der Prävention

11 Interventionsformen und Qualitätssicherung

12 Gesamtfazit

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Perzentilen für Mädchen im Alter von 0-18 Jahren

Abbildung 2: Perzentilen für Jungen im Alter von 0-18 Jahren

Abbildung 3: A) Maskuline Form und B) Feminine Form der Fettverteilung

Abbildung 4: Anteil übergewichtiger Erwachsener an der Bevölkerung in Prozent

Abbildung 5: Biopsychosoziales Modell der Adipositasgenese

Abbildung 6: Psychosoziale Folgen der Adipositas

Abbildung 7: Gesetzliche Grundlage: Sozialgesetzbuch (SGB) V (Krankenversicherung)

Abbildung 8: Einteilung der Präventionskonzepte/Differenzierung von Präventionsstrategien

Abbildung 9: Ärztebefragung (n = 513) zur Verbesserung des Stellenwertes der Prävention in der ärztlichen Praxis 2004

Abbildung 10: Ambulante ärztliche Versorgung in Deutschland

Abbildung 11: Anteil der Bevölkerung mit Diagnosen aus der ambulanten ärztlichen Versorgung in Deutschland 2008, Angaben in Prozent

Abbildung 12: Gezielte Prävention - mögliche Maßnahmen

Abbildung 13: Bedürfnispyramide nach Maslow

Abbildung 14: Das 5-A-Konzept

Abbildung 15: Arzt-Patient-Kommunikation nach Alter und Bildungsstand differenziert

Abbildung 16: Maßnahmen des Hausarztes zur Entscheidungserleichterung für die Patienten über die Behandlung

Abbildung 17: Gesundheitsthemen, über die sich Patienten informieren

Abbildung 18: Adressaten, Settings und Interventionen in der Prävention und Gesundheitsförder-ung bei Kindern und Jugendlichen

Abbildung 19: Public-Health-Action-Cycle

Abbildung 20: Netzwerkbildung

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: Gewichtsklassifikation

Tabelle 2: Prävalenz von Übergewicht und Adipositas in Deutschland

Tabelle 3: Häufig auftretende medizinische Komplikationen bei Adipositas

Tabelle 4: Patientenerwartungen

1 Einleitung

Die aus Übergewicht und Adipositas resultierenden Folgeerkrankungen belegen tendenziell steigend immer mehr Kapazitäten im Gesundheitswesen (RKI 2005).

Wirth beziffert die Anzahl der übergewichtigen Bürger in Deutschland auf 30 Millionen und jene, die bereits adipös sind, auf 18 Millionen (Wirth 2008). Die WHO prognostizierte 2005 für das Jahr 2015, dass weltweit ca. 2,3 Milliarden Erwachsene stark übergewichtig und 700 Millionen adipös sein werden (WHO 2005).

Diese Zahlen beschränken sich nicht allein auf Erwachsene, der Anteil der übergewichtigen Kinder und Jugendlichen im Alter von 3- bis 17 Jahren in Deutschland lag im Jahr 2006 bei 15 % (1,9 Millionen übergewichtig und ca. 800.000 adipös). Der Vergleich der Daten aus 1985 bis 1999 mit denen aus 2006 zeigt, dass sich die Prävalenz sowohl von Übergewicht als auch von Adipositas bei den 3- bis 17- jährigen Kindern und Jugendlichen in Deutschland in diesem Zeitraum verdoppelt hat (Thamm 2007).

Übergewicht im Kindesalter korreliert mit Übergewicht im Erwachsenenalter, woraus sich nicht nur gesundheitliche, sondern auch soziale Probleme ergeben und die Leistungsfähig- keit in erheblichem Maß eingeschränkt wird. Präventionsmaßnahmen sind bereits im frü- hen Kindes- und Jugendalter notwendig und wichtig (Rauh-Pfeiffer und Koletzko 2007).

Die Entwicklung von Übergewicht und Adipositas bei Kindern und Jugendlichen ist multi- faktoriell bedingt und hängt mit familiärer Vorbelastung, ethnischer Zugehörigkeit, sozio- kulturellem Umfeld und dem sozialen Status zusammen. Bedeutsame Risikofaktoren für die Entwicklung von Übergewicht und Adipositas sind neben einer energie- und fettrei- chen Ernährung von Kindern und Jugendlichen auch körperliche Inaktivität (Böhler et al. 2004).

Adipositas im Kindesalter geht häufig mit einem erhöhten Risiko für Stoffwechsel- und Herz-Kreislauf- Erkrankungen und vorzeitiger Sterblichkeit im Erwachsenenalter einher. Zudem leiden Kinder und Jugendliche unter einer funktionellen sowie einer individuellen Einschränkung und sind häufig zusätzlichen psychosozialen Belastungen ausgesetzt (Czer- winski-Mast et al. 2003).

Adipositas gilt als eine durch Gesundheitsförderung präventierbare Erkrankung, die, sofern sie auftritt, einer langfristigen Therapie bedarf (Wirth 2008). Eines der bedeutsamen Kon- zepte zur Verminderung der Ausbreitung von Adipositas bei Heranwachsenden ist vor allem in Kindereinrichtungen etabliert, wobei es hier häufig noch an Nachhaltigkeit mangelt (Waibitsch und Kunze 2006).

Pädiater und Hausärzte sind die ersten Angehörigen des Gesundheitswesens, die Übergewicht und Adipositas bei Kindern diagnostizieren, wodurch ihnen eine Schlüsselstellung in der Gesundheitsversorgung zukommt (Bramlage et al. 2004). Da sie die Patienten in den meisten Fällen über einen längeren Zeitraum betreuen und sich ein Vertrauensverhältnis zwischen Arzt und Patient entwickelt, sind Haus- und Kinderärzte wesentliche Träger und Vermittler präventiver Programme und Maßnahmen (Hauner et al. 2008).

Eine der wichtigsten Aufgaben in diesem Bereich ist die Erstellung und Etablierung effek- tiver struktureller Maßnahmen, die präventiv die Entstehung von Übergewicht oder gar Adipositas eindämmen. Präventionsmaßnahmen sind das Mittel der Wahl, um die Folge- erscheinungen von Adpositas zu verhindern und Kosten zu sparen (Nestle und Jacobson 2000). Rose (1993) postuliert, dass die Verantwortung für die Gesundheit nicht nur dem einzelnen Menschen, sondern der gesamten Gesellschaft obliegt. Dieser Sichtweise schließt sich der Autor der vorliegenden Arbeit vorbehaltlos an. Aus diesem Grund müssen die zu entwickelnden Maßnahmen sowohl eine Verhaltensprävention, durch die das Verhalten der Menschen unmittelbar beeinflusst wird, als auch eine Verhältnisprävention, bei der die Ge- sundheitsrisiken im Lebensumfeld der Menschen eruiert werden, enthalten. So umfasst die Prävention nicht nur das Individuum selbst, sondern auch kommunale, regionale, nationale und internationale Strukturen. Nutzbare Ansatzpunkte existieren unter anderem in den Bereichen Transport, Verkehr, Umwelt, Medien, Erziehung, Sport, Ernährung, Verbrau- cherschutz, Gesundheit, Unterhaltung und Marktwirtschaft (WHO 2006). Daraus wird ersichtlich, dass eine erfolgreiche Adipositasprävention eine multidisziplinäre Aufgabe ab- bildet, die niedergelassene Allgemeinmediziner und Pädiater nicht allein bewältigen können (Tsai und Wadden 2009). Diese sind aber unverzichtbare Multiplikatoren und fungieren als Anlaufstellen, welche intensiver im Rahmen einer entsprechenden gesundheitspolitischen Strategie in präventive Konzepte einbezogen werden müssen.

Ziele/ Fragestellungen der Thesis

Es stellen sich die Fragen, ob Hausärzte und Pädiater die Prävention tatsächlich als ihre Aufgabe ansehen und ob sie ihren Beitrag zur Bekämpfung der „Adipositasepidemie“ leisten wollen und können. Die vorliegende Arbeit wird neben den wichtigsten epidemiologischen Daten auch verdeutlichen, welche gravierenden medizinischen, psychischen und psychosozialen Folgen die Adipositas im Kindes- und Erwachsenenalter hat.

Ziel der Thesis ist die Beantwortung folgender Fragen:

1. Welche Faktoren begünstigen die Entwicklung einer Adipositas?
2. Welche Gründe verhindern eine erfolgreiche Prävention?
3. Welche Rolle nehmen die Ärzte und die Patienten ein?
4. Welche möglichen Rollenkonflikte resultieren hieraus?

Insbesondere soll die ärztliche Gesp]rächsführung näher analysiert und drei mögliche Modelle für eine erfolgreiche Präventionskommunikation vorgestellt und bewertet wer- den:

a) Motivierendes Interview,
b) 5-A-Konzept und
c) Shared-Decision-Making (SDM).

Aus diesen Ergebnissen lassen sich neue Ansatzpunkte für die Primärprävention in Arztpraxen ableiten.

2 Definition der Adipositas

Die Begriffe „Adipositas“ und „Übergewicht“ werden im allgemeinen Sprachgebrauch meist synonym verwendet. Aus medizinischer Schicht ist dies jedoch nicht korrekt, hier muss strikt auf eine klare Trennung geachtet werden (Wirth 2088). Nach Laerke und Lessle (2009) liegt Adipositas vor, wenn der Körperfettanteil in Relation zum Gesamtkörpergewicht zu hoch ist. Die Messung der Fettmasse im menschlichen Körper ist jedoch nur durch aufwendige und kostspielige Methoden möglich (Wabitsch 2005).

2.1 Klassifikation nach Gewicht-Längen-Indizes

Die WHO (2000b) empfiehlt die Definition der adulten Adipositas über den Body-Mass- Index (BMI), der ursprünglich vom Belgier Adolphe Quételet1 entwickelt wurde:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die Einteilung der Gewichtsklassen nach dem BMI wird heute üblicherweise den Empfehlungen der WHO entnommen (Tabelle 1). Die Verteilung des Körperfetts jedoch kann aus dem BMI nicht abgelesen werden.

Tabelle 1: Gewichtsklassifikation

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: WHO 2000, zitiert nach Deutsche Adipositas Gesellschaft 2006, S. 6.

Mangels geeigneter Alternativen wird auch für Kinder und Jugendliche oft der BMI herangezogen (Wabitsch und Kunze 2006).

In Deutschland wurden innerhalb der letzten Jahre insgesamt 17 Untersuchungen in ver- schiedenen Regionen durchgeführt, die als Grundlage für weitere Analysen dienen. Die Perzentilenberechnung für die Gewichtsbestimmung erfolgte aus den Körpergrößen- und Körpergewichtsdaten in Relation zum Alter bei insgesamt 17.147 Jungen und 17.275 Mäd- chen im Alter von 0 bis 18 Jahren (Abbildung 1 und Abbildung 2; Wabitsch und Kunze 2006).

Abbildung 1: Perzentilen für Mädchen im Alter von 0-18 Jahren.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Kromeyer-Hauschild et al. 2001.

Abbildung 2: Perzentilen für Jungen im Alter von 0-18 Jahren.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Kromeyer-Hauschild et al. 2001.

2.2 Adipositastypen

Das Fettverteilungsmuster wirkt sich direkt auf Folge- bzw. Begleiterkrankungen aus, manifestiert sich jedoch erst zum Ende der Pubertät hin (Wirth 2008).

Nach Lehrke und Laessle (2009) können zwei verschiedene Typen unterschieden werden.

Bei der maskulinen Form ist das Fett vermehrt in der Bauchregion zu finden und tritt insbesondere bei Männern auf (sogenannte Apfelform, Abbildung 3A). Dieses Fettverteilungsmuster korreliert mit einem erhöhten Risiko für Folgeerkrankungen. Bei der femininen Form lagert sich das Fettgewebe vor allem an den Hüften und den Oberschenkeln ab (sogenannte Birnenform, Abbildung 3B).

Abbildung 3: A) Maskuline Form und B) Feminine Form der Fettverteilung.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle. Eigene Darstellung.

Das Verhältnis von Taillen- zu Hüftumfang, auch Waist-to-Hip-Ratio (WHR) genannt, liefert einen Anhaltspunkt für das Fettverteilungsmusters. (Lehrke und Laessle 2009)

3 Epidemiologie der Adipositas

In fast allen Ländern der Erde und durchgängig in allen Altersklassen ist eine zunehmende Tendenz zu Übergewicht und Adipositas zu verzeichnen, was die WHO veranlasst hat, den Begriff der „Adipositasepidemie“ zu prägen.

Im Jahr 2005 waren weltweit 1,6 Milliarden Menschen im Alter >15 Jahre von Übergewicht betroffen und mehr als 400 Millionen galten als adipös. Seit 1980 hat sich in manchen Län- dern die Anzahl der Übergewichtigen/ Adipösen mehr als verdreifacht. Dieser Trend hält weiterhin an und greift auf die Heranwachsenden über, bei denen ebenfalls eine stetig stei- gende Anzahl beobachtet wird. Die WHO schätzt die Zahl übergewichtiger Menschen in den Industrieländern gegenwärtig auf 2,3 Milliarden und prognostiziert, dass 2015 dort etwa 700 Millionen Menschen an Adipositas leiden werden (WHO 2007). Der Weltge- sundheitsbericht 2002 verdeutlichte, dass Europa mit knapp 26,5 einen der höchsten durchschnittlichen BMI innerhalb der WHO- Regionen aufweist. Bereits 2010 waren knapp die Hälfte der Frauen und mehr als die Hälfte der Männer in den OECD- Staaten übergewichtig (Abbildung 4). Innerhalb der nächsten zehn Jahre könnte sich die Anzahl bei einem ungebremst fortlaufenden Trend auf 2/3 der Bevölkerung erhöhen.

Abbildung 4: Anteil übergewichtiger Erwachsener an der Bevölkerung in Prozent.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: OECD-Report 2010.

Anhand der vorliegenden Daten kann zusammenfassend festgestellt werden, dass die Prävalenz der Übergewichtigen in Deutschland bei den Männern und den Frauen über die Zeit in etwa gleich geblieben ist. Der Anteil der Adipösen mit einem BMI von mehr als 30 hat jedoch deutlich zugenommen (Tabelle 2).

Tabelle 2: Prävalenz von Übergewicht und Adipositas in Deutschland

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Ehrsam et al. 2004.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(Normalschrift: Studien, bei denen Messdaten erhoben wurden;

kursiv gedruckt: Studien, die auf Befragungen beruhen)

In Deutschland beheimatete Kinder und Jugendliche im Alter von 3- bis 17 waren im Jahr 2006 zu 15 % (ca. 1,9 Millionen) von Übergewicht gekennzeichnet, ca. 800.000 (6,3 %) davon waren adipös. Verglichen mit Werten aus den Jahren 1985 bis 1999 zeigt sich hier eine Verdopplung der Adipositas- und Übergewichtsprävalenz in dieser Altersgruppe (KIGGS-Studie 2007).

Diese Zahlen zeigen sehr deutlich die erhebliche Bedeutung der Gesundheitsprävention für die öffentliche Gesundheit und nicht zuletzt auch zur Verhinderung der Folgeerkrankun- gen und der damit einhergehenden Entlastung der Kassen. Leider ist die Anzahl von sys- tematischen und reproduzierbaren Studien mit harten Fakten innerhalb der Länder nur gering. Befragungen sind aus mehreren Gründen kein geeignetes Mittel. Einerseits neigen Übergewichtige dazu, ihr Gewicht zu unter- und zugleich ihre Größe zu überschätzen, was zu einer fehlerhaften Berechnung und Angabe des BMI führt. Des Weiteren sorgen regionale Unterschiede im Durchschnittsgewicht, allgemein geringe Teilnahmeraten an Erhebungen und die zusätzliche Abneigung Übergewichtiger an der Teilnahme an derartigen Studien zu Verzerrungen epidemiologischer Daten (Rathmanner et al. 2006).

4 Ätiopathogenese

Die einfache mathematische Formel zur Beschreibung einer ausgeglichenen Energiebilanz lautet: Energieaufnahme = Energieabgabe. Ursächlich für eine Adipositas ist das Ungleich- gewicht zwischen Energieaufnahme und Energieverbrauch. Diese Dysbalance wird durch zusätzliche Faktoren, wie psychosoziale oder genetische Prädispositionen, begünstigt (Al- berle und Greten 2004).

Der aktuelle Erklärungsansatz nach Lehrke und Laessle (2003) beschreibt ein biopsychosoziales Modell der Adipositasgenese, welches biogenetische Ursachen, eine positive Energiebilanz, Essverhalten sowie körperliche Aktivität inkludiert (Abbildung 5).

Abbildung 5: Biopsychosoziales Modell der Adipositasgenese

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Lehrke und Laessle 2003.

4.1 Genetische Faktoren

Die familiäre Häufung von Adipositas ist ein Indiz für die Beteiligung einer genetischen Komponente bei der Ausprägung (Wirth 2000). Diese Theorie wird durch die erhebliche individuelle Varianz des Körpergewichtes in einer unter gleichen Bedingungen lebenden Gruppe gestützt (Kasper 2004). Grundlage der bisherigen Erkenntnisse sind Familien-, Adoptions- und Zwillingsstudien. Wirth (2000) merkt jedoch an, dass Familienmitglieder nicht nur aus dem gleichen Genpool schöpfen, sondern ebenfalls ähnliche Umweltbedin- gungen, wie Umfeld oder Ernährungs- und Aktivitätsgewohnheiten, teilen, was eine Unter- scheidung zwischen genetischen und Umweltfaktoren erheblich erschwert.

Stunkard et al. (1986) zeigten auf, dass adoptierte Kinder, deren genetische Faktoren und Umweltbedingungen getrennt voneinander wirken, dennoch eine positive Korrelation mit dem Gewicht der biologischen Eltern zeigen, was den hohen Einfluss genetischer Kompo- nenten zeige. In der Zwillingsstudie von Bouchard et al. (1991) wurden getrennt voneinan- der aufwachsende Zwillinge untersucht. Es zeigte sich ein nahezu identischer BMI sowie ein sehr ähnliches Fettverteilungsmuster, unabhängig von den Umweltbedingungen. Jacob- sen et al. (2006) stellten umgekehrt fest, dass der BMI von Kindern, die bei ihren leiblichen Eltern aufwachsen, mit dem BMI ihrer Eltern korreliert. Aus den Ergebnisse der Studie schlussfolgerten die Autoren, dass die Wahrscheinlichkeit einer kindlichen Adipositas um 20,1 % steigt, wenn beide Eltern adipös sind. Sind die Eltern hingegen normalgewichtig, liegt das Risiko nur bei 1,4 %.

Drewnowski und Darmon (2005) postulieren, dass es sich bei den Korrelationsnachweisen nicht um die Vererbung des Übergewichtes selbst, sondern der Veranlagung dazu handelt. Weitere wichtige Faktoren sind die Umstände und Verhaltensweisen der Personen im wei- teren Lebensverlauf.

4.2 Soziokulturelle Faktoren

Einen bestimmenden Faktor innerhalb der Lebensumstände von Individuen stellt das soziale Umfeld dar. Helmert und Schorb (2007) entwickelten einen sozialen Risikoindex, der die Bevölkerung in unterschiedliche soziale Stufen einteilt. In die Berechnung dieses Index sind Gemeinde- größe, Familienstand, Schulbildung, beruflicher Status und Einkommen inkludiert. Sozial niedrig situierte Männer und Frauen weisen ein durchschnittlich höheres Körpergewicht und einen höheren BMI auf als Menschen gleichen Geschlechts der oberen Sozialschichten. Bei Frauen ist dieser Effekt deutlich ausgeprägter als bei Männern. Der mittlere BMI bei Frauen aus der Unterschicht liegt um 9,2 % (Männer: 2,7 %) über dem gleichaltriger Frauen (Männer) aus der Oberschicht.

Zwischen den sozialen Schichten lässt sich zudem ein Unterschied in der Adipositaspräva- lenz feststellen. Sturk und Hauer (2002) sehen die Ursachen im geringeren Bildungsstatus, der ein geringer entwickeltes Gesundheitsbewusstsein zur Folge hat, und den ebenfalls daraus resultierenden geringeren finanziellen Mittel für eine gesunde, ausgewogene Ernäh- rung. Wirth (2000) identifiziert zusätzlich Unterschiede in der Esskultur als Ursache für eine erhöhte Adipositasprävalenz, einhergehend mit einem nahezu unbegrenzten Nah- rungsangebot in Industrieländern. Rathmanner et al. (2006) postulieren, dass ein inaktiver Lebensstil und die Aufnahme energiereicher und zugleich nährstoffarmer Nahrungsmittel in größerer Menge die bedeutendsten Einflüsse auf eine Gewichtszunahme darstellen. So- zial niedrig situierte Kinder aus Industriestaaten werden auf diese Weise in ein „adipoge- nes“ Umfeld hineingeboren, das die Gewichtszunahme in erheblichem Ausmaß fördert.

4.3 Lebensstil und familiäre Einflüsse

Da der Lebensstil eines Menschen in erheblichem Umfang von seiner Erziehung geprägt wird, kommt dem familiären Einfluss bei der Entwicklung einer Adipositas mit hoher Wahrscheinlichkeit eine Bedeutung zu. So stellten Moore et al. (1991) fest, dass Kinder, deren Eltern körperlich aktiv sind, eine um 2- bis 3,4- mal höhere Aktivität zeigen als Kinder, deren Eltern weniger aktiv oder inaktiv sind.

Eine Studie von Whitaker et al. (1997) zeigte, dass die Wahrscheinlichkeit bei drei- bis fünf- jährigen übergewichtigen Kindern aus den USA, als Erwachsene übergewichtig zu sein, bei 24 % liegt und diese Zahl auf 62 % ansteigt, wenn ein oder beide Elternteile übergewichtig (oder adipös) sind. Zugleich stellten die Autoren fest, dass in allen untersuchten Altersgruppen die Wahrscheinlichkeit bei übergewichtigen Kindern, auch als Erwachsene übergewichtig zu werden, deutlich höher liegt als bei nicht übergewichtigen Kindern.

Lehrke und Laessle (2001) beschrieben bestimmte Verhaltensweisen, die gehäuft bei Eltern übergewichtiger Kinder auftreten, wie beispielsweise den Einsatz von Nahrungsmitteln zur Belohnung oder während einer Mahlzeit die häufigere Aufforderung an ihre Kinder zum Essen, was eine erhöhte Gesamtenergieaufnahme bewirkt und auf diese Weise eine Störung der internen Regulation von Hunger und Sättigung herbeiführen kann. Der Nahrungsauf- nahme kommen folglich neben der Sättigung weitere Funktionen zu (Trost, Belohnung usw.). Ganley (1991) summierte in seinem Überblick verschiedene Untersuchungen und konnte auf diese Weise unter anderem darstellen, dass die Häufigkeit „emotional bedingten Essens“ bei Adipösen größer ist als bei Normalgewichtigen. Körperliche Aktivität hingegen hilft, das Gewicht zu reduzieren bzw. zu halten und trägt zu einer gesünderen Lebensweise bei.

4.4 Neurohumorale Faktoren

Den Empfindungen von Hunger und Sättigung liegen komplexe gastrointestinale und zent- ralnervöse Mechanismen zugrunde, deren biologische Parameter im Gehirn, Fettgewebe, Intestinaltrakt und Blut lokalisiert sind (Wirth 2000). Das sogenannte Sättigungszentrum befindet sich im Hypothalamus; das Hungerzentrum hingegen im lateralen Hypothalamus. In Tierversuchen führte eine Störung in diesen Zentren zu Adipositas (Elmadfa und Leitzmann 2004). Des Weiteren scheint das Gefüge und die physiologische Arbeit be- stimmter Neurotransmitter und Hormone für Zeitpunkt, Dauer und Menge der Nahrungs- aufnahme verantwortlich zu sein. Als starke Appetitstimulatoren wurden beispielsweise das Neuropeptid Y (NPY), Ghrelin und Galanin identifiziert (Wirth 2003). Adipositas ist ent- sprechend kein einheitliches, sondern ein heterogenes Störungsbild mit einer multifaktoriel- len Genese.

5 Folgen der Adipositas

Ein erhöhtes Körpergewicht stellt ein erhebliches Risiko für die Entstehung vieler Erkran- kungen dar. Die oft schleichende Entwicklung dieser Krankheiten ist ein weiteres Problem, da diese von den Betroffen anfangs kaum bemerkt werden und dadurch erst zu einem spä- teren Zeitpunkt in den Krankheitsverlauf eingegriffen werden kann, was wiederum die Prognose für die Genesung verschlechtert. Je länger Übergewicht oder Adipositas be- stehen, desto höher wird die Wahrscheinlichkeit der Entwicklung schwerer Begleiterkran- kungen mit teilweise lebensbedrohlichen oder tödlichen Folgen (Rathmanner et al. 2006).

5.1 Medizinische Folgen

Das Erkrankungsrisiko steigt mit Alter, Ausmaß und Dauer des Übgergewichts (Tabelle 3).

Tabelle 3: Häufig auftretende medizinische Komplikationen bei Adipositas

Quelle: Modifiziert nach Ebbeling et al., 2002

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Je früher die Adipositas beginnt, unter Umständen bereits im Kindesalter, desto höher sind Morbidität und Mortaliät bezüglich der Folgekrankheiten (Freedman et al. 2001). Wunsch et al. (2005) diagnostizierten in ihrer Studie mit mehr als 1.000 übergewichtigen Kindern und Jugendlichen bereits in diesem jungen Alter bei einem Drittel der Untersuchten eine Hypertonie und bei einem Viertel Fettstoffwechselstörungen. Häufig ist ein gemeinsames Auftreten dieser kardiovaskulären Risikofaktoren evident und führt bereits im Kindesalter zu ersten arteriosklerotischen Veränderungen. Rathmanner et al. (2006) wiesen ein erhöhtes Risiko für die Entwicklung von Typ-2-Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Mortalität und Morbidität beim metabolischen Syndrom, einer multifaktoriellen Stoffwechselstörung, nach. Die gleiche Art von Risikokonstellation fanden Wabitsch und Kunze (2006) bei manchen übergewichtigen Kindern und Jugendlichen.

[...]


1 Adolphe Quételet, belgischer Statistiker: „Von der Naturgeschichte des Menschen“, 1856.

Ende der Leseprobe aus 57 Seiten

Details

Titel
Adipositasprävention - eine mögliche ärztliche Aufgabe?
Hochschule
APOLLON Hochschule der Gesundheitswirtschaft in Bremen
Note
2
Autor
Jahr
2011
Seiten
57
Katalognummer
V178528
ISBN (eBook)
9783656006862
ISBN (Buch)
9783656007371
Dateigröße
19043 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
adipositasprävention, aufgabe
Arbeit zitieren
Holger Hoffmann (Autor), 2011, Adipositasprävention - eine mögliche ärztliche Aufgabe?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/178528

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