Marx' Theorie der politischen Ökonomie hatte sich im Wesentlichen auf eine Kritik des kapitalistischen Wirtschaftssystems beschränkt und die Frage nach der Alternative weitestgehend offen gelassen. Inspiriert durch die deutsche Kriegswirtschaft des Ersten Weltkrieges stellte die sozialistische Planwirtschaft den Versuch dar, eben diese Frage
nach der Alternative zu beantworten. Dabei stellte sich heraus, dass die Stimulierungen eines auf Angebot und Nachfrage basierenden Marktes schwer zu ersetzen und das Maß an Prosperität einer kapitalistischen Marktwirtschaft nicht zu erreichen war. Die Wirtschaftsreformen in der DDR der sechziger Jahre stellten einen Versuch dar, die positiven Markteffekte innerhalb eines Systems zentraler Planung und Leitung zu simulieren. In dieser Arbeit geht es um das "Neue Ökonomische System der Planung und Leitung" sowie um das "Ökonomische System des Sozialismus".
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Politische Ökonomie und kommunistische Utopie
3 Die Situation vor dem Mauerbau
4 Der Verlauf der Wirtschaftsreform
4.1 Die erste Etappe des NÖS
4.2 Die zweite Etappe des NÖS
4.3 Das Ökonomische System des Sozialismus
4.4 Das Ende der Reform
5 Gründe für das Scheitern der Reformversuche
6 Fazit
Zielsetzung und Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Wirtschaftsreformen in der DDR der 1960er Jahre, analysiert deren theoretische Grundlagen, den konkreten Verlauf sowie die maßgeblichen Gründe für das letztendliche Scheitern dieser Bemühungen.
- Marxistische Wirtschaftstheorie als Grundlage der DDR-Planwirtschaft
- Die ökonomische Ausgangslage der DDR vor dem Mauerbau
- Struktur und Etappen des Neuen Ökonomischen Systems (NÖS)
- Die Rolle der Kombinate und der Preisreformen im Reformprozess
- Ursachen für das Scheitern der Reformversuche unter Honecker
Auszug aus dem Buch
4. Der Verlauf der Wirtschaftsreform
Am 22. Mai 1963 lag ein erster umfassender Entwurf für die „Anwendung eines in sich abgestimmten Systems ökonomischer Hebel im ökonomischen System der Planung und Leitung der Volkswirtschaft“. Auf der Wirtschaftskonferenz vom 24./25. Juni 1963, an der Wissenschaftler, Parteifunktionäre, Mitarbeiter verschiedener Wirtschaftsinstanzen sowie das Führungspersonal der Betriebe und der Vereinigungen Volkseigener Betriebe (VVB) teilgenommen hatten, wurde dieses Reformkonzept vorgelegt. Ergebnis war die Broschüre „Richtlinie für das neue ökonomische System der Planung und Leitung der Volkswirtschaft“, welche im Wirtschafts-, Staats- und Parteiapparat seminaristisch durchgearbeitet werden und den Kern einer Propagandaoffensive bilden sollte. Inhalt dieser Richtlinie war zum einen, dass die Volkswirtschaft technologisch und wissenschaftlich modernisiert werden sollte. Weiterhin sollten die Betriebe und die VVB ein höheres Maß an Eigenverantwortung bekommen. Die VVB sollten von „administrativ arbeitenden Außenstellen der zentralen Leitung der Volkswirtschaft [zu] ökonomischen Führungsorganen [werden]. Das „in sich geschlossene System ökonomischer Hebel“, also ein System von Anreizstrukturen, sollte mit der Planungs- und Leitungstätigkeit eine art organische Verbindung eingehen, damit die Interessen der Teilsysteme mit den Interessen der Zentrale in Übereinstimmung gebracht werden konnten. Und schließlich waren die Löhne und Prämien besser an die Leistungen der Beschäftigten anzupassen. Zu diesen Vorhaben titelte in der Bundesrepublik die Stuttgarter Zeitung: „Pankow entdeckt den Kapitalismus“. Mit diesem Reformkonzept war jedoch auch die Überzeugung verbunden, dass die Maßnahmen schrittweise und nicht en-bloc umgesetzt werden müssten.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Diese Einleitung führt in die historische Ausgangslage der DDR-Wirtschaft ein und definiert das Untersuchungsziel der Arbeit hinsichtlich der Reformen in den 1960er Jahren.
2 Politische Ökonomie und kommunistische Utopie: Das Kapitel befasst sich mit der marxistischen Kritik am Kapitalismus und dem theoretischen Anspruch an eine kommunistische Gesellschaft, um den Widerspruch zur realen wirtschaftlichen Situation der DDR zu beleuchten.
3 Die Situation vor dem Mauerbau: Hier wird die ökonomische Notlage der Nachkriegszeit sowie die darauf folgende Zentralisierung und Etablierung der sozialistischen Planwirtschaft durch die SED analysiert.
4 Der Verlauf der Wirtschaftsreform: Dieses zentrale Kapitel beschreibt die Etappen des NÖS, die Einführung des Ökonomischen Systems des Sozialismus sowie die konkreten Schritte und institutionellen Veränderungen der Reformen.
5 Gründe für das Scheitern der Reformversuche: Hier werden die wesentlichen Ursachen für das Scheitern der Reformen identifiziert, insbesondere die mangelnde Konsistenz, politische Vorbehalte der SED-Führung und die starre Festhaltung am stalinistischen Modell.
6 Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und bewertet die DDR-Wirtschaftsreformen als einen Versuch, marktwirtschaftliche Effekte innerhalb eines planwirtschaftlichen Systems zu simulieren, der jedoch an strukturellen und ideologischen Widerständen scheiterte.
Schlüsselwörter
DDR, Wirtschaftsreform, NÖS, Sozialismus, Planwirtschaft, SED, Volkswirtschaft, Industriebetriebe, Reformversuche, Kombinate, Walter Ulbricht, Preisreform, Eigenverantwortung, Arbeitsproduktivität, Mangelwirtschaft
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit behandelt die Wirtschaftsgeschichte der DDR in den 1960er Jahren und konzentriert sich dabei auf die verschiedenen Versuche, das Wirtschaftssystem durch Reformen effizienter zu gestalten.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Zentrale Themen sind die theoretischen Grundlagen des sozialistischen Wirtschaftssystems, der Verlauf des „Neuen Ökonomischen Systems“ (NÖS) und die damit verbundenen strukturellen Veränderungen in Industrie und Verwaltung.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage der Arbeit?
Ziel ist es zu untersuchen, wie die DDR versuchte, ihre Wirtschaft zu reformieren, welchen Erfolg diese Maßnahmen hatten und warum die Reformbemühungen letztlich abgebrochen wurden.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet die Arbeit?
Die Arbeit basiert auf einer fundierten historischen Analyse unter Einbeziehung ökonomischer Daten, zeitgenössischer Dokumente sowie einer Auswertung der relevanten Fachliteratur zum Thema.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil werden die Etappen des NÖS, die Rolle zentraler Akteure, die Bedeutung von Preisreformen, die Gründung von Kombinaten sowie die institutionellen Veränderungen in der Wirtschaftsleitung detailliert dargestellt.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren diese Arbeit?
Wesentliche Begriffe sind unter anderem DDR, NÖS (Neues Ökonomisches System), Planwirtschaft, Industriereform, ökonomische Hebel und die SED-Wirtschaftspolitik.
Welche Rolle spielte der Mauerbau für die wirtschaftliche Situation?
Der Mauerbau wird im Kontext der vorangegangenen ökonomischen Instabilität und der Abwanderung von Arbeitskräften als ein Ereignis dargestellt, das die politische und wirtschaftliche Konsolidierung des sozialistischen Systems erzwingen sollte.
Warum wird im Fazit von einem Scheitern der Reformen gesprochen?
Der Autor führt an, dass die Reformen ihre Ziele – insbesondere die Steigerung der Arbeitsproduktivität und die Modernisierung der Industrie – nicht nachhaltig erreichen konnten, da sie durch politische Dogmen und die Angst der SED vor einem Kontrollverlust eingeschränkt blieben.
- Arbeit zitieren
- Martin Finkenhäuser (Autor:in), 2011, Die Wirtschaftsreform der sechziger Jahre in der DDR, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/178543